Reykjavík - Von Politikmüdigkeit ist in Island wenig zu spüren. 83,3 Prozent der 238.000 stimmberechtigten Einwohner beteiligten sich an dem Urnengang. Und sie ließen die Herrschenden auch nicht im Unklaren darüber, welche politische Richtung sie bevorzugen: die konservative. Island steht nach nur vier Jahren vor einem klaren Regierungswechsel und vor der Abkehr von seinem Weg in die Europäische Union. Wie erwartet trug die Mitte-rechts-Opposition einen klaren Sieg davon. Die Sozialdemokraten der scheidenden Regierungschefin Johanna Sigurdardottir mussten eine deutliche Niederlage hinnehmen.
Nach einer Prognose vom Sonntag, die auf der Auszählung von rund 45 Prozent aller Stimmen beruhte, errang die konservative Unabhängigkeitspartei 21 der 63 Parlamentssitze, die zentristische Fortschrittspartei erreichte 18 Mandate. Die Fraktion der bisher regierenden Sozialdemokraten schrumpft demnach um die Hälfte auf zehn Sitze, die bislang mit ihnen koalierenden Linksgrünen erhalten neun Mandate.
Ein Sieg der Mitte-rechts-Parteien hatte sich in Umfragen vor der Parlamentswahl bereits abgezeichnet. Die Parteien wollen den Beitrittsprozess zur Europäischen Union stoppen, was die Mehrheit der Isländer unterstützt. Die proeuropäische Partei Strahlende Zukunft erhält der Prognose zufolge sechs Mandate. Die Piratenpartei muss um den Einzug ins Parlament bangen. In Island gilt wie hierzulande eine Fünfprozenthürde.
Ex-Fußballprofi wird Ministerpräsident
Neuer Ministerpräsident dürfte der 43-jährige Bjarni Benediktsson von der Unabhängigkeitspartei werden. Der Anwalt rief sich in der Nacht zum Wahlsieger aus und versprach einen Kurswechsel. "Wir bieten einen anderen Weg, einen Weg, der zu Wachstum, zu sozialer Sicherheit, mehr Sozialleistungen und mehr Arbeitsplätzen führt", sagte der Ex-Fußballprofi. Seine Partei wolle die Steuern senken und den Lebensstandard erhöhen. Die Verhandlungen um einen Beitritt zur EU will er stoppen.
Zudem kündigte er harte Verhandlungen mit den ausländischen Gläubigern der zusammengebrochenen Banken an. Diese müssten sich auf erhebliche Abschreibungen einstellen. Nach einer Liberalisierung des Bankensektors hatte sich die Insel im Nordatlantik mit ihren 320.000 Einwohnern vor zehn Jahren zu einem europäischen Finanzzentrum entwickelt. Die Geldhäuser lockten mit hohen Renditeversprechen vor allem Anleger aus Großbritannien und den Niederlanden an. Doch in der globalen Finanzkrise brach auch der überdimensionierte Bankensektor in Island zusammen. Die Institute Landsbanki, Kaupthing und Glitnir kollabierten kurz nacheinander und brachten das Land im Oktober 2008 an den Rand der Staatspleite.
Mit einem harten Sparkurs, der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) als beispielhaft gewürdigt wurde, gelang es den Sozialdemokraten, das Land aus der Krise zu führen. Doch Steuererhöhungen und ein nachsichtiger Umgang mit den ausländischen Gläubigern sowie steigende Staatschulden und eine Reihe politischer Schnitzer kosteten sie Popularität.
Die Niederlage nahmen die Sozialdemokraten gelassen hin. Benediktssons Rivale um das Amt des Regierungschefs von der Fortschrittspartei, der 38 Jahre alte Sigmundur David Gunnlaugsson, gab sich "sehr zufrieden". Die bisherige Ministerpräsidentin Sigurdardottir hatte sich bereits am Freitag von ihren Anhängern verabschiedet. Sie trat im Alter von 70 Jahren nicht erneut an.
mik/AFP/Reuters
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