Mahmud Abbas Anzug statt Uniform

Jassir Arafat ist tot, es lebe Abu Masin: Mit großer Mehrheit haben die Palästinenser PLO-Chef Mahmud Abbas ersten Umfragen zufolge zum Präsidenten gewählt. An den Intellektuellen knüpfen sich nun die Hoffnungen auf eine Wiederbelebung des Friedensprozesses. Doch Abbas tritt einen sehr riskanten Job an.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Wahlsieger Abbas: Füller statt Revolver
REUTERS

Wahlsieger Abbas: Füller statt Revolver

Ramallah - "Vor drei Monaten", kommentiert Ghazi Abu Hanna aus Ramallah den Wahlausgang der palästinensischen Präsidentschaftswahlen, "hat noch niemand Abu Masin gemocht. Und jetzt ist er plötzlich unser neuer Held." Mit dieser Analyse liegt der 53-jährige Apotheker gar nicht falsch: Die Beliebtheitswerte des 69-jährigen Anwalts und Geschäftsmannes Mahmud Abbas alias Abu Masin waren stets katastrophal. Dass er nun trotzdem zum Nachfolger des verstorbenen Jassir Arafat gewählt wurde, hat er vor allem dem Umstand zu verdanken, dass er einer dessen langjährigsten und engsten Vertrauten war.

Keineswegs aber ist Mahmud Abbas nur eine unpopuläre Ausgabe Arafats. Kaum jemand sonst in der politischen Führungsriege unterscheidet sich so sehr vom verstorbenen und trotzdem immer noch übermächtigen Symbol der palästinensischen Sache wie Abu Masin. Seine Wahl, so erwartbar sie auch war, bedeutet einen echten Einschnitt in der Geschichte Palästinas. Ein blauer Anzug wird nun die olivgrüne Uniform Arafats ersetzen, schlohweißes Haar und eine unförmige Sonnenbrille das weltbekannte Palästinensertuch, ein Füller in der Hemdtasche den Revolver am Hosenbund: Mit Mahmud Abbas tritt erstmals ein überzeugter Zivilist und Gegner des bewaffneten Kampfes an die Spitze der Palästinenser. Er ist, obwohl ihr Mitbegründer, eine der wenigen Schlüsselfiguren in der Arafat-Organisation Fatah sowie der PLO, die niemals eine Waffe getragen hat - so heißt es hier zumindest.

Von Beginn seines politischen Engagements an war Mahmud Abbas Anhänger eines friedlichen Ausgleichs mit den Israelis. Ohne seinen Einfluss wäre das Oslo-Abkommen, das Palästinenser und Israelis 1993 abschlossen, nicht zustande gekommen. Ebenso war er der erste prominente Palästinenser, der die seit über vier Jahren andauernde Intifada als nutzlos kritisiert hat, solange sie vornehmlich auf den bewaffneten Kampf setzt. Genau diejenigen Aussagen, die sich Israel, die internationale Gemeinschaft und moderate Palästinenser stets erfolglos von Arafat erhofft hatten, wiederholt Abu Masin seit Jahrzehnten wieder und wieder. Das Argument der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Ariel Scharon, man habe auf der palästinensischen Seite keinen verantwortungsbewussten Ansprechpartner, ist seit heute dahin.

Entwickelt sich Abu Masin zu einem echten Führer?

Wahlplakat in Ramallah: "Jetzt ist er plötzlich unser neuer Held"
AP

Wahlplakat in Ramallah: "Jetzt ist er plötzlich unser neuer Held"

Vorsichtiger Optimismus ist deshalb angesichts des deutlichen Wahlergebnisses angebracht; der ewige Mann der zweiten Reihe bekommt jetzt die Chance, die erste Geige zu spielen. Vielleicht kann Mahmud Abbas der Führer werden, der Arafat nie war - indem er seine Bevölkerung für eine Vision gewinnt und hinter sich vereint, anstatt nur nachzubeten, was die Mehrheit will. Im Wahlkampf hat Abbas den israelischen Premier Ariel Scharon sogar als denkbaren Partner für den Frieden bezeichnet.

Trotzdem steht Abbas ein harter Kampf an mehreren Fronten bevor. Wer will, wird kaum Schwierigkeiten haben, seine Arbeit zu torpedieren. Im vorletzten Jahr hat Abbas bereits einen Vorgeschmack darauf erhalten, zu welcher Art von Demütigung opponierende Palästinenser und Israelis in der Lage sind. Nach nur 127 Tagen warf er damals entnervt das Handtuch und gab das Amt des Palästinensischen Premierministers wieder ab. Das Dauerstörfeuer von Arafat, der keine Macht abgeben wollte, und von Scharon, der ihn mit unerfüllbaren Forderungen demontierte, zermürbte den sensiblen Mann. Mit Tomaten wurde er beworfen. Diese Kränkung hat Abu Mazen nicht vergessen, der als freundlich und besonnen, aber auch stolz gilt; er brach mit Arafat, der ihm nicht zur Hilfe kam. Bis zu dessen Tod im November 2004 kam es zu keiner Aussöhnung zwischen den beiden.

Mahmud Abbas mit Frau Amina: Nicht der richtige für Aufräumarbeiten?
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Mahmud Abbas mit Frau Amina: Nicht der richtige für Aufräumarbeiten?

Zugute kommt Abbas neben seiner Erfahrung, dass er einen für viele Palästinenser exemplarischen Lebenslauf vorweisen kann. Geboren 1935 in der heute zu Israel gehörenden Stadt Safad wurde er im ersten arabisch-israelischen Krieg mitsamt seiner Familie zum Flüchtling. Im Lager in Syrien fand er eine neue, erzwungene Heimat. Er besuchte die Abendschule, arbeitete nebenher, um seine Familie zu ernähren, und brachte es am Ende bis zum Besuch der Universität, wo er sich zum Rechtsanwalt ausbilden ließ. Es folgten Gastarbeiterjahre in den Golfstaaten. Dort macht er die Bekanntschaft Arafats und gründete mit ihm und einigen Gefährten vor fast genau vierzig Jahren die Fatah-Bewegung.

Das Hirn der Fatah

Seitdem gehört Mahmud Abbas zum festen Personal der palästinensischen Befreiungsbewegung. Dass ihm das gelang, obwohl er dem bewaffneten Kampf und dem Terrorismus kaum etwas abgewinnen konnte, erklärt sich damit, dass er der Vordenker, das Hirn der Organisation war. In Moskau durfte Mahmud Abbas denn auch Politik studieren; seine Doktorarbeit schrieb er über den Zionismus aus palästinensischer Perspektive. Ein wunder Punkt übrigens bis heute, denn in der Arbeit versuchte er die Zahl der von den Nazis ermordeten Juden herunterzurechnen. In israelischen Zeitungen tauchen deswegen regelmäßig Artikel auf, in denen Abu Mazen antisemitische Tendenzen unterstellt werden.

Während andere Kader an der PLO-Spitze vor allem die Öffentlichkeit suchten, am besten die der gesamten Welt, sammelte Abu Masin lieber heimliche und vertrauliche Kontakte. "Through Secret Channels", "Über geheime Kanäle", heißt deshalb nicht umsonst sein Buch über die Oslo-Verhandlungen. Bis heute setzt Mahmud Abbas auf Verbindungen solcher Art und ist in alle Richtungen gut vernetzt. Einer der wenigen Erfolge seiner Amtszeit als Premierminister war eine Waffenruhe der Hamas und des Islamischen Dschihad, die er aushandelte. Bis heute bestünden dorthin gute Kontakte, schwört einer, der Mahmud Abbas gut kennt. Innerhalb von Wochen könnte deshalb eine neue, dauerhafte Waffenruhe ausgehandelt werden - vorausgesetzt die israelische Regierung zieht mit und bekennt sich ihrerseits zum Gewaltverzicht gegenüber den Radikalen.

Gut möglich, dass aus diesem Waffenstillstand indes vorerst nichts wird: Noch hält Ariel Scharon an der vollständigen und nötigenfalls gewaltsamen Entwaffnung der Radikalen durch die Palästinenser als Grundvoraussetzung für Verhandlungen fest. Das wiederum lehnt Abbas entschieden ab, weil er auf Freiwilligkeit setzt - und den bewaffneten Kampf zwar für dumm, aber nicht für illegitim hält.

"Bye-bye, System Arafat!"

Falls an dieser Front kein Fortschritt zu erreichen sein sollte, hat Abbas seinen Vertrauten zufolge vor, sich inneren Reformen zu widmen. Tatsächlich gleicht die Palästinensische Autonomiebehörde einem Augiasstall: Korrupte Beamte müssen ausgetauscht, unabhängige Gerichte installiert, die Sicherheitsdienste zusammengeschrumpft werden. Abbas verspricht all das. "Bye-bye, System Arafat!", sagt ein Abu Mazen-Kenner schon voller Vorfreude: Künftig werde nicht mehr jeder, der dem Präsidenten einen Brief schreibt, Geld für eine Operation, ein neues Haus oder die Ausbildung seiner Kinder bekommen. Kritiker werfen Abbas freilich vor, als Mann des Systems nicht der richtige für diese Aufräumarbeiten zu sein. Sicher ist nur eines: Greift er durch, wird Abu Mazen schon bald mehr vom Geldhahn abgeschnittene Feinde haben als ihm lieb sein kann. Es ist ein riskanter Job, den er antritt.

Grundsätzlich ist Abbas dafür, so schnell wir möglich Verhandlungen mit Israel aufzunehmen. "Ich verlange nichts, gar nichts, was uns nicht in irgendeinem internationalen Abkommen schon zugesprochen wurde", lautet dabei seine Linie. In der Frage der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge beruft er sich auf die Uno-Resolution 194 aus dem Jahre 1949, die es eindeutig festschreibt. Für die Gründung eines palästinensischen Staates nimmt er die entsprechenden Äußerungen des US-Präsidenten George W. Bush in Anspruch. Es zeichnet Abbas aus, dass er sich überhaupt auf irgendetwas beruft. Arafats Stärke war genau das nicht. Der ließ sich zuletzt immer öfter zu Äußerungen hinreißen wie der, dass er als Märtyrer in Jerusalem sterben möchte.

Von Mahmud Abbas sind solche rhetorischen Nebelkerzen nicht zu erwarten. Durch den Mann, der in seinen Reden am liebsten jeden einzelnen Satz noch einmal wörtlich wiederholt, ist vor allem eine nachdenklichere Politik zu erwarten. Genau betrachtet ist es deshalb beinahe ironisch, dass die Palästinenser Mahmud Abbas zu ihrem Präsidenten gekürt haben: Sie haben ihn aus Gründen der Kontinuität gewählt, in Wahrheit haben sie sich aber auf das Experiment einer neuen Politik eingelassen. Leider ist vollkommen offen, wie die Erfolgsaussichten dafür stehen.



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