Mahmud Abbas Der Stellvertreter

Mahmud Abbas, Premierminister der Palästinenser, gilt als introvertiert und intellektuell: Der Mitgründer von Jassir Arafats Fatah-Bewegung und Jahrzehnte dessen loyaler Gefolgsmann tut sich schwer aus dem Schatten des übermächtigen Präsidenten herauszutreten.

Von , Jerusalem


Weggefährte Arafats: Premier Abbas
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Weggefährte Arafats: Premier Abbas

Jerusalem - Im Spätherbst 1994 hielt ein Mercedes unweit der jüdisch-orthodoxen Grundschule von Safed - einer Kleinstadt im Norden des See Genezareth, gleichermaßen bekannt für tief religiöse rabbinische Tradition wie für eine unkonventionelle Künstlerkolonie.

In einem ärmlichen Ortsteil, früher das arabische Dorf Harath al-Joura, stieg ein weißhaariger Mann aus dem Wagen. Im Beisein seines Begleiters zeigte er auf das heruntergekommene Gebäude und die prächtige Zypresse, die, geteilt in zwei Stämme, den Hof überragt. Nach vielleicht ein, zwei Minuten bestieg der adrette Herr den Wagen und fuhr wieder davon.

Mahmud Abbas war zurückgekehrt zu seinen Wurzeln: Der Ortstermin galt dem Stammsitz der Familie, in dem der Palästinenser 1935 geboren wurde und bis zu seinem 13. Lebensjahr wohnte. Sein Vater, Besitzer eines Gemischtwarenladens und einer Ziegenherde, zählte zu den Würdenträgern von Safed, wo damals rund tausend Juden lebten, Tür an Tür mit rund 20.000 Arabern.

Die profitable Koexistenz - die Juden verarbeiteten die Ziegenmilch zu koscherem Käse - endete in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1948: Damals wurden Abbas, seine Eltern und die Geschwister zusammen mit ihren arabischen Nachbarn von jüdischen Soldaten vertrieben. Mahmud Abbas wurde zum Flüchtling.

Dieses Schicksal teilt der palästinensische Ministerpräsident mit der Mehrheit seines Volkes und das macht den oft introvertiert wirkenden Politiker zum allseits anerkannten Interessenvertreter: Abbas vereint wie wenige andere Politiker seiner Generation nostalgische Heimatliebe mit politischem Pragmatismus.

Die beinahe abgeklärte Haltung gegenüber den Mythen des "palästinensischen Befreiungskampfes" steht am Ende eines beinahe 60-jährigen Exils: Denn nach ihrer überstürzten Flucht ließ sich die Familie zunächst in Syrien nieder. In Damaskus schloss Mahmud seine höhere Schulbildung ab und machte an der Universität einen Abschluss in Jura.

Jahrzehnte später promovierte er an Moskaus Kolleg für Orientalistik mit einer Untersuchung zum Thema: "Die andere Seite, die geheimen Verbindungen zwischen Nazis und der zionistischen Bewegung". Die Schlussfolgerung seiner Doktorarbeit von 1984 - von der er sich später distanzierte: Das Ausmaß des Holocaust ist übertrieben und ein Resultat zionistischer Propaganda.

Frühe Geheimkontakte zu Israel

Anfang der fünfziger Jahre heiratete Abbas die Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus seiner Heimatstadt und ging in das Emirat Katar, wo er erst als Grundschullehrer, später als Personalchef eines Ministeriums arbeitete.

Mit dem damaligen Außenminister Scharon im Jahr 1998
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Mit dem damaligen Außenminister Scharon im Jahr 1998

Das Ehepaar hatte drei Söhne - Masin, Jassir und Tarek. Abbas ist daher besser bekannt als "Abu Masin": Nach der arabischen Tradition nennen sich die Eltern nach dem Namen der Erstgeborenen Abu ("Vater von") oder Um ("Mutter von"). Zum Kummer des Vaters starb der Älteste, Masin, 2002 an einem Herzanfall.

Politisch aktiv seit seiner Jugend, zählt Abbas zusammen mit Jassir Arafat zu den wenigen überlebenden Gründervätern der bewaffneten Guerillabewegung "Fatah" - Arabisch für "Sieg", bzw. "Eroberung". Seit 1964 gehört Abbas zur Führungsriege dieser wichtigsten Organisation innerhalb der "Palästinensischen Befreiungsorganisation"(PLO); 1968 wurde er Mitglied der palästinensischen Exilregierung, 1996 schließlich übernahm er den Posten des PLO-Generalsekretärs.

Als erklärter politischer Pragmatiker spann er bereits Anfang der siebziger Jahre geheime Kontakte zur israelischen Linken und legte damit die Grundlagen für die Geheimverhandlungen, die zum Abkommen von Oslo führten.

Deswegen gehörte er zu den prominenten Vertretern der Palästinenserdelegation beim historischen - dreifachen - Handshake von Washington, als Jassir Arafat, US-Präsident Bill Clinton und Israels Ministerpräsident Jizchak Rabin am 13. September 1993 den Friedensabschluss besiegelten. Damals kehrte Mahmud Abbas an der Seite Arafats erstmals wieder in seine Heimat zurück.

Die ewige Nummer zwei

Wegen des Streits um das System der palästinensischen Selbstverwaltung in Gaza und im Westjordanland überwarf sich der "ewige Stellvertreter" mit Arafat. Der Zwist dauerte jedoch nicht lange. Schon 1995, als es um die Umsetzung der Oslo-Abkommen ging, übernahm Abbas den Posten des palästinensischen Chefunterhändlers: Damit war er auch nach Außen Arafats Nummer Zwei.

Auf internationalem Parkett zuhause: Mit den Außenministern David Levy und Madeleine Albright (1997)
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Auf internationalem Parkett zuhause: Mit den Außenministern David Levy und Madeleine Albright (1997)

Das ist er auch geblieben, seit ihn der Palästinenserpräsident im April 2003 auf Druck Washingtons zum Premier berief. Der Schritt - von Israel und den USA - zunächst als Demontage des alternden Arafat interpretiert, erwies sich als cleveres Manöver: Denn Abbas konnte sich zwar bei der Besetzung seines Regierungskabinetts nach langem Tauziehen mit seinen personellen Wünschen durchsetzen, doch tatsächlich bleibt Arafat der eigentliche Chef der Exekutive.

Der Mann ohne Hausmacht (Hobby: Gedichte und klassische Musik) genießt bei seinen Landsleuten hohes persönliches Ansehen: Abbas gilt im Gegensatz zu vielen seiner korrupten Minister als aufrichtig, ehrlich und unbestechlich. In Umfragen zur politischen Kompetenz wird seine Arbeit aber bestenfalls mit 50:50 bewertet. Akademiker und Intellektuelle halten ihn daher für den "Mann des Übergangs".

Sein Verdienst ist es, sich frühzeitig und offen gegen die verhängnisvolle "Militarisierung" der Intifada ausgesprochen zu haben. "Wir dürfen uns nichts vormachen, wir werden die Israelis nicht militärisch schlagen können", erklärte er im Oktober 2001 in Gaza und rügte die fortgesetzten Anschläge. "Wir haben bei einem großen Teil der israelischen Öffentlichkeit den Rückhalt verloren, den wir durch diplomatische Arbeit hätten gewinnen können."

Als Kollaborateur beschimpft

Wegen solcher Ansichten, die er in seiner ersten Regierungserklärung wiederholte, beschimpften ihn militante Extremisten von den Aksa-Brigaden sowie muslimische Fanatiker des Islamischen Dschihad und der Hamas als "palästinensischen Quisling" und "Kollaborateur der Israelis".

Tatsächlich hat Abbas seine politischen Ziele nie verraten - die Schaffung eines eigenen selbstständigen palästinensischen Staates an der Seite Israels. Abschied genommen hat er allerdings von den Mythen und Träumen anderer Flüchtlinge, die immer noch hoffen, selbst Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung, wieder ihr Heim in Haifa, Jaffa oder Jerusalem in Besitz zu nehmen.

"Ihr werdet nicht in das Haus, das Viertel oder das Dorf zurückkehren, in dem ihr geboren wurdet. Diese Häuser, Viertel und Dörfer existieren nicht mehr. Neue Städte wurden auf eurem Land gebaut, jüdische Kinder in euren Häusern geboren", sagte er Ende 2002 in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien.

"Würdet ihr zurückkehren", warnte Abbas, "ihr wäret nur Teil einer palästinensischen Minderheit in einem Staat ohne eure Sprache, ohne eure Kultur, eure Flagge oder eure Nationalhymne."

Der Flüchtling aus Safat, Palästina, hat seine Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen.

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