Mahmud Abbas: Palästina schimpft über den Stümper-Präsidenten

Aus Jerusalem berichtet

Mit seinem Schlingerkurs gegenüber Israel und den USA demontiert sich Palästinenserchef Mahmud Abbas selbst. Auch im eigenen Lager schwindet der Rückhalt, schon wird über einen Nachfolger debattiert. Nutznießer der Führungsschwäche könnte die Hamas sein.

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Mahmut Abbas: Als Verräter des eigenen Volkes verhöhnt

Laila al-Bucharis Händedruck ist schlaff. Kaum zu glauben, dass diese Hände einmal palästinensischen Selbstmordattentätern Sprengstoffgürtel umgeschnallt haben.

Sieben Jahre und vier Monate saß Buchari in israelischer Haft. Vor fünf Tagen wurde sie entlassen, sie ist jetzt 32. Während sie redet, schaut sie sich immer wieder um, als wolle sie sich vergewissern, dass sie wirklich nicht mehr in der kleinen Zelle des Damun-Gefängnisses in der israelischen Hafenstadt Haifa sitzt, sondern im weiträumigen Wohnzimmer ihres Elternhauses, einer ehemaligen britischen Gouverneursresidenz in der palästinensischen Stadt Nablus in den Bergen des Westjordanlandes.

Die junge Frau trägt Hose und ein T-Shirt, ihre rötlich-brauen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, die nackten Füße stecken in weißen Plateausandalen. Sie ist nicht fromm, sie gehört der säkularen Fatah-Bewegung an.

An der Wand hängen die Fotos von Fatah-Gründer Jassir Arafat und Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde. Draußen wehen gelbe Fatah-Fahnen und auf einem Poster ruft Abbas den nationalen Gedenktag für die in Israel inhaftierten Palästinenser aus.

Doch nicht ihrer eigenen Partei verdankt Laila die Freilassung, sondern den Islamisten der im Gaza-Streifen herrschenden Hamas. Sie hatten in der vorvergangenen Woche im Gegenzug für ein Video vom entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit 20 Palästinenserinnen freigepresst. Laila al-Buchari gibt es nur ungern zu, aber "ja, die Hamas hat im Interesse der gesamten Nation gehandelt, als sie Schalit entführte".

65 Kilometer weiter südlich, in der Stadt Hebron, betritt Heba al-Natscheh das karge Wohnzimmer ihrer Familie. Sie trägt ein blaues Jeans-Gewand, dessen Rock bis auf die Schuhe reicht, ihr Gesicht ist eingerahmt von einem schneeweißen Kopftuch. Ob ihr Händedruck genauso leicht ist wie der von Laila al-Buchari, lässt sich nicht sagen, denn Heba al-Natscheh gibt fremden Männern nicht die Hand - aus religiösen Gründen.

Die 19-Jährige ist Mitglied der Hamas. Sie wurde 2006 unter dem Vorwurf festgenommen, einen Messeranschlag gegen einen israelischen Soldaten geplant zu haben. Zu Unrecht, behauptet sie bis heute. Sie sei an einem Armee-Checkpoint aus Versehen in die falsche Schlange gelaufen und nur verhaftet worden, weil sie als einzige Frau ein Kopftuch getragen habe.

"Der Islam ist die Lösung"

Frieden mit Israel? Niemals, sagt Heba al-Natscheh. "Palästina reicht vom Mittelmeer bis zum Jordan. Eine Zwei-Staaten-Lösung werden wir niemals akzeptieren. Das ist unser Land." An der Wand hängt der Spruch: "Der Islam ist die Lösung."

Ein Foto von Fatah-Führer Mahmud Abbas sucht man hier vergeblich. Was sie von ihm hält? Heba schüttelt den Kopf, dazu möchte sie lieber nichts sagen. Stattdessen antwortet ihr Großvater, Abu Haitham: "Es ist eine Schande, wenn Menschen ihr eigenes Volk verraten, indem sie Befehle von Fremden ausführen."

In der Tat wirkt Palästinenserchef Abbas derzeit wie ferngesteuert. Erst weigerte er sich wochenlang, Israels Hardliner-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu treffen, dann stimmte er, auf Bitten Washingtons, einem peinlichen Show-Gipfel zu, um das Gesicht Obamas zu wahren. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Autonomieregierung, erneut auf Druck der USA, gegen eine Weiterleitung des sogenannten Goldstone-Berichts über den Gaza-Krieg an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gestimmt hatte. Der Bericht wirft Israel Kriegsverbrechen während der Operation "Gegossenes Blei" Anfang des Jahres im Gaza-Streifen vor.

Aus allen politischen Lagern wurden Rücktrittsforderungen laut. Die Hamas drohte damit, die Versöhnungsgespräche mit der Fatah kommende Woche in Kairo platzen zu lassen. "Wir können uns nicht mit diesem Kriminellen zusammensetzen", ätzte Hamas-Führer Mahmud al-Sahar. Ägypten musste die Gespräche auf Dezember verschieben. Selbst aus den eigenen Reihen werden Rücktrittsforderungen erhoben. "Der Schaden für Präsident Abbas ist sehr groß", bestätigt Nabil Shaath, ehemaliger Premierminister und heute Mitglied im Fatah-Zentralkomitee, SPIEGEL ONLINE. Einen "schweren Fehler" nennt der für die Gespräche mit der Hamas zuständige Fatah-Mann die Verschiebung der Debatte um den Gaza-Bericht.

Umfaller in letzter Minute

Mit einer Mischung aus Zorn und Fassungslosigkeit werden die Palästinenser Zeugen einer erstaunlichen Selbstdemontage. Im fünften Jahr seiner Amtszeit stolpert und stümpert ihr Präsident durch das Dickicht der Diplomatie, als bewege er sich erst seit wenigen Wochen auf der internationalen Bühne.

Dabei hatte es mit dem Amtsantritt Barack Obamas für die Palästinenser so vielversprechend begonnen. Nicht weniger als einen Neuanfang der Beziehungen Washingtons zur arabischen Welt versprach der US-Präsident in seiner Kairo-Rede - und knöpfte sich die Israelis vor. Die müssten den Bau jüdischer Siedlungen in den Palästinensergebieten einfrieren, vollständig und überall, auch in Ost-Jerusalem.

Damit begann Abbas diplomatischer Schlingerkurs. Er machte den Siedlungsstopp prompt zu einer Vorbedingung für Verhandlungen, obwohl er mit Netanjahus Vorgänger Olmert auch ohne ein Moratorium geredet hatte. Als Israels Premier Netanjahu dann ein Lippenbekenntnis zu einem palästinensischen Staat abgab, bekam Abbas' Verhandlungsboykott den Tonfall des Trotzigen. Die Amerikaner ließen daraufhin ihre Forderung nach einem vollständigen Siedlungsstopp fallen und Abbas stand allein da. In letzter Minute fiel er um - und stimmte einem Treffen mit Netanjahu zu.

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