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Mahmud Ahmadinedschad: Der Brandstifter

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Als Bürgermeister von Teheran ließ er Fast-Food-Restaurants schließen und David-Beckham-Poster verbieten. Als Staatspräsident Irans bezeichnet er den Holocaust als "Märchen" und fordert die Tilgung Israels von der Landkarte. Wer ist Mahmud Ahmadinedschad?

Als im Juni dieses Jahres das Ergebnis der Stichwahl um die Präsidentschaft in Iran verkündet wurde, rieben sich viele Iran-Experten verwundert die Augen. Nicht der haushohe Favorit Haschemi Rafsandschani war der Sieger, sondern der international bis dahin weitgehend unbekannte Teheraner Bürgermeister Mahmud Ahmadinedschad, 49, machte das Rennen und läutete "den Beginn einer neuen Ära im Leben unserer Nation ein", wie er es selbst bei der Stimmabgabe angekündigt hatte, "so Allah es will".

Mahmud Ahmadinedschad: "Beginn einer neuen Ära"
AP

Mahmud Ahmadinedschad: "Beginn einer neuen Ära"

Inzwischen hat der einstige Außenseiter alles dafür getan, um berühmt zu werden - und berüchtigt. Die "Bild"-Zeitung nennt ihn schon den "gefährlichsten Mann der Welt", womit er binnen eines halben Jahres Terror-Führern wie Osama bin Laden oder Abu Mussab al-Sarkawi den Rang abgelaufen hätte. Wie ernst die Juden-Hetze des iranischen Präsidenten tatsächlich zu nehmen ist, darüber streiten sich die Experten. Sicher ist, er glaubt, was er sagt. Und er sagt, was viele in Iran denken. Nur hat die Staatsführung die Missachtung des Staates Israel seit Jahren nicht mehr mit solch kernigen Parolen öffentlich kundgetan.

Wer ist der Mann, der mit Wahlkampfsprüchen wie "Wir haben die Revolution nicht gemacht, um Demokratie zu bekommen!" die Stimmen von 17 Millionen Iranern auf sich vereinigen konnte, der uns mit seiner zur Schau gestellten antisemitischen Hass-Rhetorik nun schon zum wiederholten Male einen Schauer über den Rücken jagt? Seine Biografie zeichnet das Bild eines Überzeugungstäters.

An Geiselnahme beteiligt?

Geboren 1956 als Sohn eines armen Schmiedes wächst Mahmud Ahmadinedschad in Teheran auf. Während er in der iranischen Hauptstadt seit Mitte der siebziger Bauingenieurwesen studiert, schließt er sich dem islamischen Widerstand gegen den "US-Lakaien" Schah Resa Pahlewi und der revolutionären "Vereinigung der islamischen Studenten" an. Er ist Gründungsmitglied jener Studentengruppe, die nach dem Sturz des Schahs und der Proklamation der Islamischen Republik Iran durch Ajatollah Chomeini von November 1979 bis Januar 1981 die US-Botschaft in Teheran besetzt. Seine direkte Beteiligung an der Geiselnahme ist bis heute umstritten.

1980 marschiert der irakische Diktator Saddam Hussein in Iran ein und Ahmadinedschad meldet sich freiwillig bei der Volksmiliz Bassidsch für den Einsatz an der Front. Als Mitglied der Pasdaran, der radikalislamischen Revolutionsgarden, erhält er sogar eine Sonderausbildung für geheime Kommandoaktionen, wird später Kommandeur von Spezialeinheiten der Revolutionsgarden. Nach Kriegsende avanciert er zum Gouverneur der neu gegründeten nordwestlichen Provinz Ardebil.

Ende der Neunziger kehrt Ahmadinedschad nach Teheran zurück und lehrt für einige Jahre an der Universität. Sein Engagement bei der Hardliner-Bewegung der "Opferbereiten der Revolution" spült ihn schließlich an die Spitze der Stadtverwaltung Teherans. Vor den Kommunalwahlen schließen sich die "Opferbereiten" mit Gleichgesinnten zusammen und stellen Ahmadinedschad als Spitzenkandidaten auf. Dank des Wahlboykotts der Reformer ist er plötzlich Bürgermeister. Die Wahlbeteiligung liegt bei etwa 25 Prozent.

Beckham-Poster verboten

Im Amt bekennt sich Ahmadinedschad zur rein islamischen Gesellschaft, lässt in der Stadt Fast-Food-Restaurants schließen, verbietet wegen zu kurzer Hosen ein Plakat des Fußball-Stars David Beckham, um die Jugend vor dem Verfall islamischer Werte zu schützen. In Gebäuden der Stadtverwaltung führt er die Geschlechtertrennung ein. Als Scherz gilt, das der Newcomer sogar getrennte Gehsteige für Männer und Frauen einführen wollte, mit einer hohen Mauer, die jeglichen Blickkontakt verhindern sollte.

Ahmadinedschad erarbeitet sich in den Armenvierteln der Stadt den Ruf des iranischen "Robin Hoods": Er kämpft gegen Korruption, baut billige Wohnungen und setzt sich für zinslose Kredite für Mittellose ein. 40 Prozent der Iraner leben unterhalb der Armutsgrenze, laut Schätzungen ist jeder Vierte ohne Job.

Als sich Ahmadinedschad im Juni dieses Jahres um das Präsidentenamt bewirbt, weiß er was zu tun ist. Statt auf die Konfliktlinie zwischen Reformern und Konservativen setzt er auf die neue Kluft zwischen Arm und Reich, tritt im Wahlkampf immer wieder in derselben abgewetzten Jacke auf und kehrt publikumswirksam mit dem Besen die Straße. Krasser könnte er den Gegenpart zum seinem Kontrahenten, dem Ex-Präsidenten Rafsandschani, nicht zelebrieren. Hier der Anwalt der kleinen Leute, dort der ungeliebte Multi-Millionär, in den Augen vieler Iraner Symbol für die Korruption. Die Menschen wählen den Mann des Volkes.

Auf Eskalationskurs

Ein Hardliner, ein Erzkonservativer, das erste nicht-geistliche Staatsoberhaupt seit 23 Jahren - viel mehr war nach seinem überraschenden Wahlsieg über Ahmadinedschad im Westen nicht bekannt. Seine Botschaften klangen zunächst beruhigend: Er werde die Börse nicht als "unislamische Spielhölle" abschaffen, wie zuvor angedeutet; Iran sei ein verantwortungsvolles Mitglied der Völkergemeinschaft, suche keinen Krieg und strebe nicht danach, die Atombombe zu bauen.

Schon bald wendete sich das Blatt, Ahmadinedschad stellte im Streit um die Atomanlage von Isfahan auf stur und ging auf Eskalationskurs, als er den Meiler zur Anreicherung von Uran trotz Warnungen der Internationalen Atomenergiebehörde wieder hochfahren ließ. Die USA erwogen kurzzeitig, ihm die Einreise zur Uno-Vollversammlung in New York zu verwehren. Eine Lösung im Atomstreit ist bis heute nicht in Sicht.

Mehrfach hat Irans Präsident seit seinem Amtsantritt Israel als "Krebsgeschwür" bezeichnet, seine Tilgung von der Landkarte oder die Verlegung des Staates nach Deutschland oder Österreich gefordert. Der Holocaust ist für den Eiferer "ein Märchen".

Den außenpolitischen Holzhammer schwingt Ahamdinedschad wohl auch, um von den zunächst ausbleibenden innenpolitischen Erfolgen abzulenken. Um weiterhin volksnah zu erscheinen, hat er verboten, dass sein Bild in Amtsstuben hängt, hat teure Teppiche in seinem Büro einrollen lassen und einen Palast des Schahs für Touristen geöffnet. Auch fütterte er aus Staatsmitteln einen sogenannten "Liebesfonds" mit gut 1,3 Milliarden Dollar, mit dem junge Paare sich die Heirat leisten können. Nur, die versprochene Umverteilung der enormen Öleinnahmen in die Taschen der Armen lässt nach wie vor auf sich warten, genauso wie die Säuberung des Landes von der noch immer blühenden Korruption.

Die "Prinzipientreuen"

Ahmadinedschad ist Vertreter einer neuen Generation, er ist dem Lager der "Prinzipientreuen" zuzuordnen, die mittlerweile gängig gewordene positive Übersetzung des persischen Wortes Osulgaran, das auch "Fundamentalisten" bedeutet. Die "Prinzipientreuen" sind durch den Krieg gegen den Irak geprägt worden, sie stammen oft aus dem Sicherheitsapparat oder dem Militär.

Ahmadinedschad gehört noch nicht der Generation der nach der Revolution Geborenen an, jene Generation, die der Westen gerne als Reformkraft an der Macht sähe. Er gehört aber auch nicht der Generation der Macher der Revolution an. Streng religiös und nationalistisch und gleichzeitig pragmatisch und fortschrittlich lässt er sich nicht mehr in das gängige Schema von Ideologen und Pragmatikern pressen. Das macht für den Westen seine Unberechenbarkeit aus. Ein "Tsunami der Prinzipientreuen" sei über das Land gerollt, hatte die iranische Hardliner-Zeitung "Keyhan" nach Ahmadinedschads Wahlsieg getitelt. Der diplomatische und politische Schaden, den der Tsunami angerichtet hat, ist bereits beträchtlich. Das muss noch nicht das Ende sein.

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