Jahrestag der Maidan-Todesschüsse Das unaufgeklärte Massaker

Vor einem Jahr erreichte der Volksaufstand auf dem Kiewer Maidan seinen blutigen Höhepunkt. Berkut-Spezialeinheiten des Janukowytsch-Regimes sollten ihn niederschlagen. Gespräche mit Offizieren zeigen nun, dass auch die Demonstranten scharf schossen.

Kiew, 19. Februar 2014: Berkut-Truppen schießen mit Gummigeschossen auf Demonstranten
Getty Images

Kiew, 19. Februar 2014: Berkut-Truppen schießen mit Gummigeschossen auf Demonstranten

Von und Matthias Schepp


Für Kiewer, die ihre Stadtgeschichte gut kennen, scheint es, als hole an diesem Schicksalstag im Februar 2014 ein alter Fluch ihre Stadt ein. Anderthalb Jahrhunderte ist es her, dass ein Priester das Haus an der nordöstlichen Ecke des Maidan mit einer grausigen Prophezeiung belegte. Den Herren über das Gebäude drohe Unglück und Tod.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 8/2015
Ukraine-Krieg - Europas Angst vor dem Flächenbrand

Lange stand dort ein Adelspalast, in der Endphase der Sowjetunion errichteten die Kommunisten das "Haus der Gewerkschaften", einen Klotz aus Beton und weißem Marmor-Imitat. Ab Ende November 2013, den ersten Tagen des Volksaufstandes, hält ihn die Kiewer Protestbewegung gegen Präsident Wiktor Janukowytsch besetzt.

Der dritte Stock dient ihnen als Lazarett für Aktivisten, die bei Straßenschlachten mit der Polizei verletzt werden, den fünften und sechsten haben die radikalen Nationalisten des Rechten Sektors belegt. Dort befindet sich eine Art Rüstkammer der Aufständischen mit einem kleinen Arsenal von Schusswaffen.

"Dies ist eine Anti-Terror-Operation. Gehen Sie nach Hause!"

Fässer und Plastikkanister mit Benzin und Azeton für Molotow-Cocktails fangen Feuer, als am späten Abend des 18. Februar 238 Kämpfer der Eliteeinheit "Alfa" des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU zum Sturm auf das Gewerkschaftshaus ansetzen. Mindestens zwei Maidan-Aktivisten verbrennen bei lebendigem Leib.

Im Herzen von Kiew stehen in diesen Tagen einige Zehntausend Demonstranten knapp 3000 Ordnungskräften rund um den Maidan Nesaleschnosti, den Platz der Unabhängigkeit, gegenüber. Wenige Hundert Meter entfernt liegt das Regierungsviertel. Der seit dreizehn Wochen schwelende Konflikt treibt auf seinen gewaltsamen Höhepunkt zu.

Aus Lautsprechern schallt die Aufforderung: "Dies ist eine Anti-Terror-Operation. Die Bürger werden gebeten, nach Hause zurückzukehren." Die gefürchteten Innenministeriumstruppen von Berkut, übersetzt: Steinadler, sollen den Maidan räumen. Sie sind die Prätorianergarde von Präsident Janukowytsch.

Oberst Zoj zieht seinem sterbenden Soldaten den Helm ab

Oberst Timur Zoj von der Spezialeinheit Tiger ist mit seinen Leuten von der Krim nach Kiew abkommandiert worden. Sie sind mit Gummiknüppeln, Blendgranaten und Tränengas ausgerüstet. Beim Sturm auf den Maidan verliert er zwei seiner Leute. Dem sterbenden Dmitrij Wlassenko, Vater zweier Kinder, zieht er selbst den Helm ab. Blut läuft Zoi über die Finger. "Der Schuss traf genau in den Hals zwischen Helmunterkante und Oberkante der schusssicheren Weste", erzählt der Offizier.

Oberst Zoj am 20. Februar 2014 im Nebengebäude des Kiewer Rathauses: Festgehalten von Maidan-Leuten
Moritz Gathmann/ DER SPIEGEL

Oberst Zoj am 20. Februar 2014 im Nebengebäude des Kiewer Rathauses: Festgehalten von Maidan-Leuten

Oberst Zoj dient heute unweit der Hafenstadt Feodossija auf der Krim, so wie vor der Maidan-Revolution. Nur dass er nun nach der Annexion der Halbinsel durch Russland die blaue Uniform der russischen Innenministeriumsoffiziere trägt. Zoi denkt, dass "da ein Profi am Werk war". Die 16-Millimeter-Patrone mit stahlgehärteter Spitze stammte aus einem Jagdgewehr. Maidan-Kämpfer benutzten solche Schusswaffen, wie Videoaufnahmen und Augenzeugen belegen.

Andrej, ein anderer Berkut-Soldat von der Krim, erzählt: "Ein Schuss hat meine Jacke an der rechten Schulter zerrissen. Neben mir traf eine Kugel einen Kameraden in den Bauch." Als Andrej von einem Molotow-Cocktail getroffen wird und seine Uniform Feuer fängt, ersticken seine Leute die Flammen mit einer Decke.

Die Berkut-Einheiten eröffnen das Feuer

Zwei Tage später, am Morgen des 20. Februar 2014, gerät Andrejs Berkut-Stoßtrupp massiv unter Feuer, fünf seiner Leute werden verletzt. Andrej hat 23 Jahre bei Berkut gedient, und er ist sich sicher, dass aus einer Kalaschnikow auf seine Männer geschossen wurde. Ein halbes Dutzend Berkut-Leute stirbt an diesem Morgen. Panisch ziehen sich die Einheiten zurück. Oberst Zoj und 50 Innenministeriumssoldaten werden dabei von Maidan-Aktivisten umzingelt und gefangen genommen.

Kurz darauf eröffnen Berkut-Einheiten, die den Rückzug zum Regierungsviertel decken, das Feuer auf die Maidan-Aktivisten. Es kommt zu einem Massaker, wie es Europa seit den Tagen des jugoslawischen Bürgerkriegs nicht gesehen hat. Mehr als 50 Demonstranten sterben.

Die Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Laurent Fabius aus Frankreich und Radek Sikorski aus Polen sind nach Kiew gekommen, um zu vermitteln zwischen Präsident Janukowytsch und den Anführern der Opposition wie Arsenij Jazenjuk oder dem ehemaligen Boxweltmeister Vitali Klitschko. Der eine ist heute Premierminister der Ukraine, der andere Bürgermeister von Kiew.

Die Rolle von Petro Poroschenko

Nach einem Verhandlungsmarathon unterschreiben alle ein Kompromisspapier, das vorzeitige Präsidentenwahlen vorsieht, eine Verfassungsreform, eine Regierung der nationalen Einheit und in Punkt sechs die "gemeinsame Untersuchung der Gewaltakte" unter Kontrolle des Europarates. Die Ordnungskräfte müssen nun fürchten, vor Gericht gestellt zu werden. "Allerdings hätte dann auch geklärt werden müssen, wer meine Männer erschossen hat", sagt Oberst Zoj. "Daran hat die neue Regierung aber auch ein Jahr nach den tragischen Ereignissen kein Interesse."

Dass Zoj und seine Männer nach einigen bangen Stunden in Gefangenschaft der Maidan-Aktivisten freikamen, hat er einem inzwischen weltbekannten Mann zu verdanken. Der proeuropäische Oligarch Petro Poroschenko, wegen seiner Süßwarenfabriken "Schokoladenkönig" genannt, lässt während des Kiewer Volksaufstandes seinen Fernsehsender TV-5 die Ereignisse auf dem Maidan beinahe in Echtzeit übertragen. Poroschenko hat Janukowytsch eine Weile sogar als Außenminister gedient.

Als klar wird, dass Janukowytsch die Filetstücke der ukrainischen Wirtschaft lieber unter seinen Verwandten und ihm nahestehenden Magnaten verteilt und sich Moskau zuwendet, wechselt Poroschenko die Seiten. Nach dem Sturz Janukowytschs wird Poroschenko zum neuen Präsidenten der Ukraine gewählt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Menace 18.02.2015
1.
Ich bin bei Gott kein Verschwörungstheoretiker, aber es ist so verdammt leicht für jeden, der Interesse daran hatte, dass sich die Ukraine von der Eurasischen Wirtschaftszone zu der EU bewegt, Benzin ins Feuer zu gießen. Das gilt für den kompletten Westen als auch für Ukrainer, die davon profitieren werden
hartaberfair-zensiert 18.02.2015
2. ...
hier mal etwas echter journalismus, wer wirklich für die toten verantwortlich ist: http://www.bbc.com/news/magazine-31359021
spibufobi 18.02.2015
3. Ach so war das?
Seit Monaten steht die frage im Raum (zumindest sollte sie das) wer für das Massaker verantwortlich ist. Und jetzt kommt ein spiegelbericht der das alles aufklärt. Sorry, sehr unglaubwürdig...
Pilatuss 18.02.2015
4. Wahrheit
Wahrheit rückt immer mehr ans Licht! Ganz Europa weiß wer hinter Maidan steckt. Es traut sich keiner mit dem Finger auf diesen "Schuldigen" zu zeigen. Traurig, aber wahr.
retterdernation 18.02.2015
5. Zu den Todesschützen ...
auf dem Maidan gibt es eine interessante Reportage der BBC. Den Reportern ist es offenbar gelungen, einen der Sniper ausfindig zu machen. Der Mann schoss angeblich aus einem Haus - das von der Opposition besetzt war. Tja - wenn es denn so war...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.