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Friedensnobelpreis für Malala: Kleines Mädchen, riesengroß

Von , Istanbul

Getty Images

Malala hat sich den Taliban gestellt - und ihren Mut fast mit dem Leben bezahlt: Für ihr Engagement für die Kinderrechte in Pakistan bekommt sie nun den Friedensnobelpreis. In ihrer Heimat wäre sie nicht sicher.

Sie lieben sie, sie hassen sie: Niemand polarisiert Pakistans Gesellschaft so sehr wie Malala Yousafzai. Dieses Mädchen, das mit leiser, aber bestimmter Stimme spricht und wieder und wieder das Recht auf Bildung einfordert. Im vergangenen Jahr war sie die Favoritin für den Friedensnobelpreis. Nun hat sie ihn bekommen, zusammen mit dem indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi.

In Pakistan nennen sie die einen eine "Marionette des Westens", eine "Verräterin", eine "Nestbeschmutzerin". Die anderen feiern sie, weil sie sich dafür einsetzt, dass alle Kinder, insbesondere auch Mädchen, zur Schule gehen dürfen. Überall außer in Pakistan ist Malala eine Ikone.

Ihren Einsatz hat sie beinahe mit dem Leben bezahlt: Am 9. Oktober 2012 saß Malala in ihrer Heimatstadt Mingora, im grünen Swat-Tal im Norden von Pakistan, im Schulbus, auf dem Weg nach Hause. An einer Straßenkontrolle traten zwei junge bärtige Männer an den Wagen heran. Einer fragte nach Malala, der andere drang in den Bus ein und feuerte mit einer Pistole.

Die pakistanischen Taliban bekannten sich zu der Tat, sie warfen ihr vor, sich gegen ihre Gruppe und damit gegen den Islam zu stellen. Ein ranghoher Kommandeur schrieb ihr sogar in unbeholfenem Englisch einen offenen Brief. Darin rechtfertigte er die Tat und forderte das Opfer auf, künftig nach den Regeln der Taliban zu leben.

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Friedensnobelpreis: Große Ehre für zwei Kinderrechtler
Malala hatte den Hass der Extremisten auf sich gezogen, weil sie schon als Kind in einem Blog für den britischen Sender BBC über ihren Lebensalltag unter den Taliban berichtet hatte. Die hatten die Region 2008 erobert und propagierten die Scharia als einzig gültiges Rechtssystem.

Fortan galt Malala als "Stimme der Mädchen" aus dem Taliban-Gebiet. Sie berichtete detailliert über deren Terrorherrschaft, beschrieb die Gewalt, die Explosionen, die Leichen auf den Straßen. Frauen, die sich nicht vollständig verhüllt auf der Straße zeigten, würden ausgepeitscht, Gegner der Taliban willkürlich hingerichtet.

Und die Extremisten verboten Mädchen, zur Schule zu gehen - zum Ärger von Malala, die sich wie mehrere ihrer Freundinnen darüber hinwegsetzte.

Lebensrettende Operation in England

Bloggte Malala zunächst noch aus Angst um ihr Leben anonym, trat sie später, nachdem die Armee die Taliban im Frühjahr 2009 aus dem Tal vertrieben hatte, öffentlich auf und verlangte, dass alle Kinder zur Schule gehen dürften. Dafür zeichnete sie die pakistanische Regierung mit einem Friedenspreis aus. Malala wurde Sprecherin eines Kinderparlaments, Fernsehdokumentationen machten sie über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Und zum erklärten Ziel der Taliban.

Bei der Attacke auf ihren Schulbus wurde Malala lebensgefährlich verletzt, ebenso zwei Schulfreundinnen. Wie durch ein Wunder überlebten alle. Malala wurde in Peschawar notoperiert, eine Kugel hatte sie im Kopf getroffen. Später folgte die Verlegung nach Birmingham, wo die Ärzte sie mehrmals operierten und ihr Leben retteten. Inzwischen ist Malala genesen, lebt aber seither in England und war seither nicht mehr in Pakistan.

Drei Millionen für das Buch eines Teenagers

Viele Menschen in ihrer Heimat kritisieren sie dafür. Warum, sagen sie, lebt sie im reichen England, wenn sie sich doch so sehr um die Kinder in Pakistan sorgt? Sie werfen ihrem ehrgeizigen Vater, einem Lehrer und Schulbetreiber, vor, nur an die Karriere seiner Tochter zu denken. Sie kritisieren, dass Malala für ihre Autobiografie "Ich bin Malala", die weltweit ein Bestseller war, drei Millionen Dollar erhalten hat. Es gibt viele Hass-Seiten gegen sie im Internet.

Malala selbst gibt sich milde, wenn es um ihre Kritiker geht. Sogar ihren Attentätern will sie vergeben haben. "Aber ich werde weiter meine Stimme erheben für das Recht auf Bildung", sagt sie. "Wir dürfen nicht schweigen."

In Pakistan wäre sie auch heute noch in größter Gefahr. Das Land hat in den vergangenen Jahren eine erhebliche Radikalisierung erfahren. Kein Politiker traut sich mehr, öffentlich gegen ein absurdes Blasphemiegesetz zu reden. "Such dir ein anderes Zuhause, denn wir können dich nicht beschützen", schreibt die Kolumnistin Ayesha Siddiqa resigniert. Es ist an Malala gerichtet.

Raus aus dem Luxusarrest - zurück nach Pakistan

Trotzdem will die Nobelpreisträgerin zurückkehren "in mein wunderschönes Swat-Tal", in ihre geliebte Heimat. Sie sagt, sie sei dankbar, in England gelebt zu haben und dort medizinisch behandelt worden zu sein. Aber wohl fühle sich ihre Familie dort nicht. "Manchmal kommt es uns so vor, als würden wir in einem Privatgefängnis sitzen, unter einer Art Luxushausarrest stehen, wie wir das in Pakistan nennen", schreibt sie in ihrem Buch. Bald, sagt sie, ohne einen konkreten Zeitpunkt zu nennen, werde sie zurückkehren nach Mingora.

Unklar ist immer noch, ob ihre Attentäter gefasst wurden. Die pakistanische Armee teilte mit, man habe zehn Taliban verhaftet, die hinter der Tat steckten. Die Taliban dagegen behaupten, an dem Angriff auf Malala seien nur drei Männer beteiligt gewesen. Einer sei inzwischen gestorben, die beiden anderen nach wie vor auf freiem Fuß.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Der Zeilenschinder
von_scheifer 10.10.2014
Und schon wieder stellt der Zeilenschinder hier die Artikel ein, die andere für ihn schreiben.
2. ...
jujo 10.10.2014
Ich bin mir nicht sicher ob man der jungen Frau mit Verleihung des Preises geholfen hat. In Pakistan und Umgebung wird sie jetzt noch mehr gehasst werden, dorthin zurückkehren wird sie kaum können. Sie steht jetzt sicherlich bei noch mehr Leuten auf der Abschussliste.
3. Was hat die Kleine denn getan....
murdock1 10.10.2014
.....dass sie jetzt mit kriegstreibenden Menschenrechtsverachter aus Amerika in einen Topf geworfen wird ???
4. Was zur Hölle
startrek1000 10.10.2014
hat dieses Mädchen für den Frieden getan, der im Namen des Preises enthalten ist. Schön sie war mutig, aber was bringt das den Leuten in Pakistan? Was helfen ein Nobelpreis für und ein Buch von diesem Mädchen den Bewohnern, die von den Taliban unterdrückt werden. Fazit: Der Nobelpreis ist komplett unbegründet verliehen worden. Außerdem halte ich den Hype um Malala für deutlich übertrieben.
5. Ziehe meinen Hut
Alfons Emsig 10.10.2014
und hoffe, dass ihr Beispiel viele andere Mädchen und ihre Eltern ermutigt, das Selbstverständliche einzufordern und sich gegen diese Kindermörder zu stellen.
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