Malala Yousafzai "Ich habe jeden Tag davon geträumt, nach Pakistan zurückzukehren"

Malala Yousafzai ist zurück in Pakistan - fast sechs Jahre, nachdem ein Extremist auf sie geschossen hat. Unter Tränen wandte sie sich an ihre Landsleute. Doch sicher ist sie in der Heimat immer noch nicht.

Malala Yousafzai (Archivbild)
REUTERS

Malala Yousafzai (Archivbild)

Von


Bis zuletzt war die Pakistan-Reise von Malala Yousafzai geheim gehalten worden, aus Angst vor einem Anschlag. Gegen 1.30 Uhr am Donnerstagmorgen landete die 20-Jährige in der Hauptstadt Islamabad. Am Vormittag trat sie dann, nach einem Treffen mit Premierminister Shahid Khaqan Abbasi, vor die Presse und hielt eine bewegende Rede.

"Heute bin ich sehr glücklich, dass ich nach fünfeinhalb Jahren meinen Fuß auf den Boden meines Heimatlandes gesetzt habe", sagte sie auf Urdu. Dann erklärte sie auf Paschto, dies sei der glücklichste Tag ihres Lebens und sie sei froh, wieder bei ihren Leuten zu sein.

Yousafzai mit Premier Shahid Khaqan Abbasi
AFP

Yousafzai mit Premier Shahid Khaqan Abbasi

"Wenn ich ehrlich bin, kann ich immer noch nicht glauben, dass dies gerade passiert, dass dies wirklich ist. Fünfeinhalb Jahre habe ich geträumt, nach Hause zu kommen. Und wann immer ich in einem Flugzeug oder in einem Auto war und Städte wie London oder New York sah, sagte ich mir: 'Stell dir vor, das wäre Pakistan! Stell dir vor, du fährst durch Islamabad oder Karatschi!' Aber nie war das wahr." Jeden Tag habe sie davon geträumt, nach Pakistan zurückzukehren. Mehrmals unterbrach sie ihre Rede, um sich Tränen aus den Augen zu wischen. "Ich weine sonst nicht oft", sagte sie.

Schon als Kind hatte Yousafzai für den britischen Sender BBC über ihren Lebensalltag im Swat-Tal im Norden von Pakistan gebloggt. In der Region hatten die Taliban eine Schreckensherrschaft errichtet.

Fotostrecke

6  Bilder
Malala Yousafzai: "Feminismus ist ein anderes Wort für Gleichheit"

Yousafzai verfasste ihre Texte zum eigenen Schutz unter Pseudonym, berichtete davon, wie die Extremisten Mädchen den Zugang zu Bildung verwehrten. Sie schrieb detailliert über Terror, Gewalt, Explosionen und Leichen auf den Straßen. Frauen, die sich nicht vollständig verhüllt auf der Straße zeigten, würden ausgepeitscht, Menschen willkürlich hingerichtet. Yousafzai wurde als "Stimme der Mädchen" aus dem Taliban-Gebiet bekannt.

Yousafzai setzte sich, wie andere Mädchen auch, über das Verbot, Schulen zu besuchen, hinweg. Später, nachdem die pakistanische Armee die Taliban im Frühjahr 2009 aus dem Swat-Tal vertrieben hatte, trat sie öffentlich auf und schrieb unter ihrem richtigen Namen.

Sie erhielt einen Friedenspreis der pakistanischen Regierung und wurde durch Fernsehdokumentationen über Pakistan hinaus bekannt - und zum erklärten Ziel der Taliban, die sich durch dieses Mädchen bedroht fühlten. Am 9. Oktober 2012 schoss ihr ein Taliban-Anhänger in den Kopf, als sie in einem Schulbus auf dem Weg nach Hause saß. Durch eine Notoperation konnte sie gerettet werden und wurde dann zur weiteren Behandlung nach England gebracht.

Limousine mit der Friedensnobelpreisträgerin in Islamabad
AFP

Limousine mit der Friedensnobelpreisträgerin in Islamabad

Studium in England - und dann zurück nach Pakistan?

Nun die, zumindest kurzfristige, Heimkehr. Entsprechend emotional äußerte sich Yousafzai am Donnerstag: "Angegriffen zu werden, mein Land verlassen zu müssen... Alles passierte wie von selbst, ich hatte nichts unter Kontrolle. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich mein Land nie verlassen." Medizinische Gründe hätten das aber nötig gemacht, und nun wolle sie ihre Ausbildung - derzeit studiert sie in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft - abschließen. "Aber es war immer mein Traum, nach Pakistan zurückzukehren. Ich möchte mich frei bewegen können in den Straßen, Leute treffen und mit ihnen in Frieden reden, ohne jede Angst. Ich hoffe, dass es wieder wie mein altes Zuhause wird, so, wie es früher war."

Yousafzai, die sich seit ihrer Genesung für das Recht auf Bildung insbesondere für Mädchen einsetzt und eine Stiftung gründete, erhielt 2014 den Friedensnobelpreis - mit 17 Jahren die jüngste Preisträgerin bisher. In ihrer Rede in Islamabad machte sie nun deutlich, dass sie sich in Zukunft in Pakistan engagieren wolle. Pakistans künftige Generationen seien "die größte Ressource, die wir haben". "Wir müssen in die Bildung der Kinder investieren", sagte sie. Ihre Stiftung habe bereits mehr als sechs Millionen Dollar in die Erziehung von Mädchen in Pakistan gesteckt, und sie wolle diese Arbeit fortsetzen.

Rede von Yousafzai im pakistanischen Fernsehen
AP

Rede von Yousafzai im pakistanischen Fernsehen

Das Swat-Tal sei ein so schöner Ort, so die Aktivistin weiter. Sie habe selbst erlebt, wie von 2007 bis 2009 Terrorismus und Extremismus zugenommen hätten. Dagegen zu kämpfen und gegen die Schwierigkeiten, denen Frauen und Mädchen in dieser Gesellschaft ausgesetzt seien, sei eine Herausforderung.

Die berühmteste Bürgerin des Landes

Doch es ist ungewiss, ob Yousafzai tatsächlich dauerhaft nach Pakistan zurückkehren wird. "Such dir ein anderes Zuhause, denn wir können dich nicht beschützen", schrieb ihr die Kolumnistin Ayesha Siddiqa resigniert, nachdem sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Yousafzai spaltet die pakistanische Gesellschaft: So sehr sie von vielen verehrt, geliebt und als Ikone gefeiert wird, so sehr wird sie von Extremisten gehasst. Nach wie vor wollen die Taliban sie töten. Auf Dutzenden Internetseiten wird zu ihrer Ermordung aufgerufen. Weil sie es wagt, Kritik zu üben, gilt sie vielen als "Marionette des Westens", "Verräterin" und "Nestbeschmutzerin".

Schon der jetzige Besuch ist ein Risiko - ein so hohes, dass unklar ist, ob sie beispielsweise in ihr Heimatdorf wird reisen können.

Regierungschef Abbasi zollte der jungen Frau höchsten Respekt. Die "Tochter der Nation" sei in ihr Heimatland zurückgekehrt. "Du warst ein 13-jähriges Mädchen, als du gingst. Und nun bist du die berühmteste Bürgerin des Landes. Die ganze Welt hat dir Ehre und Respekt zuteil werden lassen, und auch Pakistan wird das tun", versprach er. "Dies ist dein Zuhause. Du bist kein einfacher Staatsbürger, und deine Sicherheit liegt in unserer Verantwortung."

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.