Angeblicher Rebellen-Funk nach MH17-Absturz "Die Kosaken haben ein Flugzeug abgeschossen"

Die Suche nach den Schuldigen für den Absturz von Flug MH17 läuft. Der ukrainische Geheimdienst hat Funksprüche veröffentlicht, die von Separatisten stammen sollen. Darauf ist das Eingeständnis eines schrecklichen Irrtums zu hören.

REUTERS

Von , Moskau


Die Männer vom ukrainischen Geheimdienst wollen ganz sicher gehen. Ihre Lesart der Katastrophe von Flug MH17 soll in der ganzen Welt gehört werden. Am Donnerstagabend sind die Trümmer der Boeing 777 über der Ostukraine niedergegangen, über von den prorussischen Separatisten kontrolliertem Gebiet. Kiews Geheimdienst SBU hat daraufhin noch in der Nacht auf YouTube Mitschnitte eines angeblichen Funkverkehrs der Rebellen veröffentlicht, in mehreren Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Polnisch.

Die Welt soll keinen Zweifel daran haben, wer Schuld ist am Tod von rund 300 Menschen an Bord der Maschine. Eine Separatistengruppe habe "gerade eben ein Flugzeug abgeschossen, es ist hinter der Ortschaft Enakjewo heruntergekommen", meldet da eine männliche Stimme. Der SBU glaubt, die Stimme des Separatistenkommandeurs Igor Besler identifiziert zu haben.

"Was ist mit den Piloten, wo sind die Piloten?" fragt Beslers Gesprächspartner.

"Man ist unterwegs, sie zu suchen und das abgeschossene Flugzeug zu fotografieren. Es qualmt", sagt Besler.

"Wieviele Minuten ist das her?"

"Ungefähr vor 30 Minuten."

Bei dem darauffolgenden Funkspruch - datiert auf 16:33 Uhr - soll es sich um zwei Separatistenkämpfer handeln:

"Die Kosaken von Tschernuchino haben ein Flugzeug abgeschossen. Vom Check-Point in Tschernuchino. Die Kosaken, die bei Tschernuchino stehen."

Tschernuchino ist ein Dorf zwischen Donezk und Luhansk, es liegt wenige Kilometer nördlich der Absturzstelle (siehe Karte unten).

"Das Flugzeug ist in der Luft auseinander gebrochen. Wir haben den ersten Toten gefunden. Einen Zivilisten."

Auf russisch ist die Rede vom "ersten Zweihunderter". Gemeint ist der Begriff "Fracht 200", im russischen Militärjargon ist das der Begriff für eine Leiche.

Karte: Die Flugroute

Karte: Die Flugroute

Der nächste Funkverkehr von 17:32 Uhr:

"Wie sieht es aus bei Euch?"

"Kurz gesagt, ein ziviles Flugzeug, hundertpro."

"Viele Menschen?"

"Verdammt viel. Die Bruchstücke sind auf die Wohnhäuser gefallen."

"Welcher Flug?"

"Das habe ich noch nicht 'rausgefunden. Ich bin noch beim größten Trümmerteil. Dort sind Überreste der inneren Stützkonstruktion, Sitze, Körper."

"Gibt es dort Waffen?"

"Überhaupt nichts. Zivile Sachen, Medikamente, Handtücher, Toilettenpapier."

"Gibt es Ausweisdokumente?"

"Ja, eines indonesischen Studenten."

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Absturz von Malaysia Airlines MH17: Trümmer, Opfer, Folgen
Der folgende Funkspruch ist von 17:42 Uhr:

"Wegen dieses Flugzeugs, das zwischen Snischnoe-Tores abgeschossen wurde. Das hat sich als zivil entpuppt. Es ist bei Hrabowe heruntergekommen, ein Meer von Leichen von Frauen und Kindern."

"Im Fernsehen heißt es doch, es sei eine AN-26, ukrainisch, eine Transportmaschine. Aber es steht "Malaysian Airlines" drauf, sagen sie. Was hat das über dem Territorium der Ukraine gemacht?"

"Da haben sie wohl Spione hergeschafft."

Die Separatisten bestreiten, die Maschine abgeschossen zu haben. Die vorherigen Funkmitschnitte seien "gefälscht". In Moskau heißt es, Kiews Geheimdienst SBU habe sie "manipuliert" und offenbar schon lange vor dem Abschuss vorbereitet. Das sei ein Indiz dafür, dass die Ukrainer selbst die Maschine abgeschossen hätten - um Russland und die Rebellen zu belasten.

An der Absturzstelle: Der selbsternannte "Ministerpräsident" der prorussischen Volksrepublik Donezk, Alexander Borodai
AFP

An der Absturzstelle: Der selbsternannte "Ministerpräsident" der prorussischen Volksrepublik Donezk, Alexander Borodai

Tatsächlich ist es einerseits nicht zu überprüfen, ob die Mitschnitte authentisch sind. In dem seit Monaten tobenden Konflikt nimmt es nicht nur die Kreml-Propaganda mitunter mit den Fakten nicht so genau, sondern auch die ukrainischen Sicherheitskräfte. Der Geheimdienst SBU kündigt fast im Wochentakt den Einmarsch russischer regulärer Truppen an. Den ständigen Fehlalarm beklagte zuletzt auch Alexander Turtschynow, der ehemalige Interimspräsident der Ukraine.

Andererseits: In der Vergangenheit hatte der SBU mit Funkmitschnitten der Separatisten bereits Treffer gelandet. Im April veröffentlichte der Dienst schon einmal abgefangene Gespräche, unter anderem den Dialog eines Feldkommandeurs in der Ostukraine mit einem Kontaktmann in Moskau, genannt "Alexander". Russland bezeichnete die Mitschnitte auch damals als Fälschung. Wochen später traf aus Moskau kommend ein russischer Staatsbürger in der Ostukraine ein, der bald zum "Premierminister der Volksrepublik Donezk" aufstieg: Alexander Boradai, der "Alexander" aus den abgefangenen Funksprüchen.

Verfolgenden Sie die weiteren Ereignisse im Liveticker hier.

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insgesamt 473 Beiträge
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spon-facebook-10000015195 18.07.2014
1. Bitter
Wer es war, wird wohl nie ganz geklärt werden können, da keine Seite sich diese Blöße geben wird. Man wird das Ganze einfach als Kollateralschaden abtun. Aber durch solche Maßnahmen isoliert sich die Ukraine nur umso mehr.
Immanuel_Goldstein 18.07.2014
2.
Das ist ein Ammenmärchen. Putin würde niemals über die Ukraine fliegen und die Ukraine setzt auch keine Boden-Luft-Raketen ein, weil die Separatisten gar keine Flugzeuge haben.
Phienchen 18.07.2014
3.
Es gibt ja wohl hoffentlich auch einen Mitschnitt von den USA?! Den private Leute im Internet beschüffeln bis zum geht nicht mehr... aber in einem Krisengebiet wie dem nicht mal den Funkverkehr abhören wäre ja wohl mehr als seltsam...
Robert_Rostock 18.07.2014
4.
Klar, die Farben kann man ja bei 10 km Flughöhe glasklar erkennen. Erst recht auf dem Radar. Abgesehen davon flog Putin eben nicht über dasselbe Gebiet.
ach 18.07.2014
5. Und haben die Kosaken ensprechende Waffen?
Der Mitschnitt zeigt doch deutlich, daß die Rebellen eigentlich auch nicht genau wissen, wer das Flugzeug abgeschossen hat. Sie spekulieren auch frei herum.
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