US-Sanktionen gegen Russland Wie Washington die Kreml AG strafen will

Der Kreml reagiert empört auf die jüngsten Sanktionen des Westens. Denn die Aussperrung vom US-Bankenmarkt trifft Russland an seiner empfindlichsten Stelle: Die Strafmaßnahmen verschärfen die Wirtschaftskrise.

Rosneft-Chef Setschin: "Gott sieht alles und richtet alles"
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Rosneft-Chef Setschin: "Gott sieht alles und richtet alles"

Von , Moskau


Er kennt das schon, Igor Setschin, Chef des staatlichen russischen Öl-Riesen Rosneft und enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin: Der Wind bläst ihm von Westen aus meist heftig ins Gesicht. Setschin steht schon seit Monaten ganz oben auf der Sanktionsliste Washingtons. "Darth Vader" haben ihn US-Diplomaten mal genannt, weil Setschin als einflussreich gilt in Moskau und er, so ihre Sicht, nichts Gutes im Schilde führt.

Jetzt hat das Weiße Haus die Sanktionen gegen Rosneft und andere Schwergewichte der russischen Wirtschaft erweitert: Aus den USA dürfen die Firmen in Zukunft keine Kredite mehr bekommen. Der Kurs der Rosneft-Aktie brach daraufhin am Donnerstag zwischenzeitlich um mehr als fünf Prozent ein.

Die neuen Strafen träfen die russische Wirtschaft zwar nicht massiv, sagte der angesehene Ökonom Sergej Alexaschenko. Sie zeigten aber auch, dass die USA bereit wären, Russland stetig immer stärker unter Druck zu setzten: "Sie planen 20, 30 Schritte im Voraus". Und die nächsten Schritte dürften bald folgen, nach dem Absturz von Flug MH17 über der Ukraine, der - dafür sprechen die Angaben der Separatisten selbst - von den Rebellen abgeschossen wurde.

Die Verschärfung der Sanktionen vor dem MH17-Absturz hat Moskau womöglich überrascht. Die Reaktionen jedenfalls schwankten zwischen heftig bis hysterisch: Von einem "Bumerang", der die USA noch selbst treffen werde, sprach Präsident Putin. Premierminister Medwedew brachte sogar Aufrüstung ins Spiel, "mehr Aufmerksamkeit für Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung".

Und Rosneft-Chef Setschin? Ließ Washington halb trotzig, halb hilflos wissen, dass "Gott alles sieht und alles richtet". Von wirklich harten Sanktionen ist jedoch noch nicht einmal die Rede: weder vom Einfrieren russischer Konten noch einem Boykott russischer Energie-Exporte.

Der Kreml will aus Rosneft einen Global Player machen

Setschins Rosneft-Konzern wird durch die Sanktionen dennoch empfindlich getroffen. Denn der Kreml will aus dem Ölkonzern einen Global Player machen, weltweit expandieren. Setschin hat für 56 Milliarden Dollar den Konkurrenten TNK-BP schlucken lassen. Dadurch wurde Rosneft zum größten Ölkonzern der Welt.

Auch den US-Multi Exxon hat Setschin mit ins Boot geholt. Gemeinsam investieren Russen und Amerikaner Milliarden in ein Terminal für Flüssiggas. Im Nordpolarmeer wollen sie nach Öl bohren, im August soll es damit losgehen. Mit Sanktionen will Washington solche Projekte deshalb derzeit auch nicht belegen - sie sind ja auch in Amerikas Interesse.

Für Rosneft aber wird die Suche nach internationalen Partnern jetzt schwierig. Europäische Firmen müssen fürchten, von der nächsten Sanktionsstufe getroffen zu werden. Und es dürfte immer schwerer für sie werden, Geschäfte mit umstrittenen Partnern aus Russland vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen.

Washingtons Sanktionen wirken wie Präzisionsschläge gegen Russlands staatsnahe Unternehmen. Neben Rosneft ist auch die Gazprom-Bank betroffen und Novatek, ein privater Gasförderer, der aber eng mit dem Kreml verbunden ist.

Auf insgesamt 650 Milliarden Dollar belaufen sich die Auslandsschulden russischer Unternehmen. Rund die Hälfte entfällt auf Staatsunternehmen wie Rosneft. Verbindlichkeiten in Höhe von 100 Milliarden Dollar werden bis Ende des Jahres fällig.

Die Aussperrung vom US-Bankenmarkt wird in Russland wohl keine bedeutende Firma in den Ruin treiben, denn Geld gibt es auch in Asien. Aber die Finanzierungskosten werden steigen. In der Folge müssten dann auch Unternehmen und Privatverbraucher in Russland höhere Zinsen zahlen, glaubt Ex-Wirtschaftsminister Andrej Netschajew: "Dann wird weniger investiert." Die Investitionen sind ohnehin schon ein großes Problem der russischen Ökonomie, sie sinken seit drei Quartalen.

Auch die Europäer zielen mit ihren Strafmaßnahmen darauf. Die Europäische Investitionsbank stoppt Investitionsprojekte mit einem Volumen von 600 Millionen Euro allein im kommenden Jahr.

Nachdem Washington den Bankenbann gegen Rosneft und die anderen Unternehmen verkündet hatte, schimpfte das Außenministerium in Moskau lautstark über den "Sanktionsknüppel". Dabei hat der Westen eher ein Skalpell angesetzt an einer Stelle, die Russland ohnehin schon wehtut.

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brüderlich 18.07.2014
1. Sanktionen politisch motiviert?
Zitat von sysopREUTERSDer Kreml reagiert empört auf die jüngsten Sanktionen des Westens. Denn die Aussperrung vom US-Bankenmarkt trifft Russland an seiner empfindlichsten Stelle: Die Strafmaßnahmen verschärfen die Wirtschaftskrise. http://www.spiegel.de/politik/ausland/sanktionen-gegen-russland-verschaerfen-wirtschaftskrise-a-981602.html
In der Geschichte der Menschheit hat sich Politik immer so dargestellt, dass es um wirtschaftliche Interessen ging: mehr Nahrung, mehr Sklaven, mehr Reichtum, mehr Land, mehr Rohstoffe... Wenn man diesen Artikel liest, fragt man sich, ob hinter den Sanktionen der USA gegen Russland nicht ausschließlich wirtschaftliche Aspekte stecken. Das würde auch zu manchen amerikanischen Entscheidungen der letzten 13 Jahren passen. Schlimm, wenn der schnöde Mammon hinter dem vermeintlichen Gutmenschentum der Amerikaner stecken würde.
besorgte Oma und Mutter 18.07.2014
2. Sanktionen in eine Richtung?
Die USA sind so pleite. Es wird ihnen nicht gelingen, Europa von Russland zu trennen, um ihre Produkte einseitig hier zu verhökern.
kjartan75 18.07.2014
3.
Zitat von besorgte Oma und MutterDie USA sind so pleite. Es wird ihnen nicht gelingen, Europa von Russland zu trennen, um ihre Produkte einseitig hier zu verhökern.
Ich frage mich gerade von welchen erfolgreichen russischen Produkten außer Rohstoffe Sie hier eigentlich reden?
aender 18.07.2014
4. Falsch verstanden
Zitat von kjartan75Ich frage mich gerade von welchen erfolgreichen russischen Produkten außer Rohstoffe Sie hier eigentlich reden?
Sie redet NUR über amerikanische Produkte.
kjartan75 18.07.2014
5.
Zitat von aenderSie redet NUR über amerikanische Produkte.
Und es wird von Russland von Europa zu trennen schwadroniert...
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