S.P.O.N. - Im Zweifel links Warum die Schuldfrage nicht weiterführt

Sicher ist im Fall des abgeschossenen Flugzeugs MH17 nur: 298 Menschen sind tot. Der Rest ist Politik. Wir nennen Putin den Täter - aber sind wir seine Richter? Seien wir ehrlich: Die Frage nach der Schuld bringt nichts.

Russlands Präsident Putin: Rache liegt in der Luft
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Russlands Präsident Putin: Rache liegt in der Luft

Eine Kolumne von


Eine Rakete trifft ein Flugzeug. Menschen sterben. So viele Leben sind zerstört. Familien zerrissen. Freundschaften vernichtet. Die ganze Welt fühlt mit. Jeder von uns hätte sein Leben auf Flug MH17 verlieren können.

Wo so viel Leid ist, muss es Schuld geben. Wo Schuld ist, muss es einen Täter geben. Und der Täter muss bestraft werden.

Der Täter?

Viele im Westen hatten ihn schon bald identifiziert, nachdem die Trümmerteile der Boeing 777 auf dem Feld in der Ostukraine aufgeschlagen waren: Wladimir Putin. Aber das hier ist nicht das Fernsehgericht und der Abschuss von Flug MH17 kein Fall für den Staatsanwalt. Es ist für die Angehörigen der Opfer unmöglich zu akzeptieren und für uns andere schwierig: Die Frage nach der Schuld ist sinnlos.

Wladimir Putin: Der Westen hatte die Verantwortung für die Ukraine-Krise von Anfang an beim Herrn des Kreml gesucht. Folgerichtig muss auch Putin für jede weitere Eskalation des Konflikts verantwortlich sein. Und der Abschuss des Passagierfluges MH17 ist die bisher schrecklichste Eskalation in diesem Konflikt. Wenn die Schuldfrage so eindeutig scheint und der Schrecken so groß ist, dann muss die Antwort von gleichem Maß sein. Aber ist das alles wirklich so? Der Westen begibt sich mit seiner schnellen Verurteilung Russlands und seinem ungebremsten Ruf "endlich" zu handeln, in eine gefährliche Lage.

Rache liegt in der Luft. Wo sonst Vernunft herrscht, ist jetzt Wut. Aber Rache ist ein gefährliches Spiel und Wut kein guter Ratgeber.

Eine multipolare Welt bringt eine multipolare Moral mit sich

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt:

"Europa und die USA müssen diese Verhöhnung nun beantworten. Das sind sie nicht nur den Opfern schuldig, sondern auch einer überwiegenden Mehrheit in der Gesellschaft, die Unrecht noch als Unrecht erkennen und benennen will."

Wenn die Dinge nur so einfach wären! Die Wahrheit ist, dass die Worte Recht und Unrecht in der internationalen Politik nur den Status von Hilfskräften haben. Es wäre ein Fehler, ganz auf sie zu verzichten. Aber es wäre fahrlässig, sich auf sie zu verlassen.

Es ist der Tonfall dieses Artikels - und so vieler anderer, die in dasselbe Horn stoßen - der entlarvt: Wir kennen ihn noch aus dem Kalten Krieg. Als die Welt in Gut und Böse zerfiel und wir genau wussten, wo wir standen. Es wird Zeit, dass wir uns der unangenehmen Wahrheit stellen: Eine multipolare Welt bringt auch eine multipolare Moral mit sich. Wir sind keine neutralen Beobachter, die einem spannenden Experiment beiwohnen, bei dem es um die Beurteilung von Gut und Böse geht. Wir stecken bis über beide Ohren mit drin. Auch in der Ukraine.

Wie sähe denn die angemessene Antwort auf den Tod dieser 298 Menschen aus? In den Niederlanden mehren sich Stimmen, die eine Ausweisung von Putins Tochter Maria fordern. Stellt das die Angehörigen der Opfer zufrieden? Welche Wirtschaftssanktion könnte ihr Leid lindern oder westliche Kommentatoren zufriedenstellen?

Unsere Politiker sind zurzeit klüger als unsere Journalisten

Die Öffentlichkeit zeigt sich diesem neuen Konflikt zwischen Ost und West, in dem Flug MH17 das jüngste Opfer ist, nicht gewachsen. Sie verlässt sich auf alte Reflexe, die schon in der Vergangenheit in die Irre führten. Zum Glück sind unsere Politiker zurzeit klüger als unsere Journalisten. Sie tun Recht daran, wie Frank-Walter Steinmeier, die widerlichen Bilder von marodierenden Banden zu geißeln, die über das Totenfeld torkeln. Und sie tun Recht daran, sich mit (Vor-)verurteilungen an die Adresse Moskaus zurückzuhalten. Russland ist der Machtfaktor im Osten, mit dem wir rechnen müssen. So oder so.

MH17, diese Flugnummer wird der Westen sich merken. Die Russen und der Rest der Welt werden sie vergessen. Jeder merkt sich nur das, was für ihn wichtig ist. Darum hat sich Iran das Kürzel IR655 gemerkt - das in der Berichterstattung der vergangenen Tage keine Rolle spielte.

Aber IR655 war die Flugnummer des Airbus der Iran Air, der am 3. Juli 1988 von zwei Flugabwehrraketen des Typs SM-2 getroffen wurde. Die Raketen waren vom amerikanischen Lenkwaffenkreuzer U.S.S. "Vincennes" abgefeuert worden.

An diesem Tag töteten die Amerikaner über dem Persischen Golf 290 Menschen, darunter 66 Kinder. Es war ein Unfall. Jahre später haben die USA dafür 61,8 Millionen Dollar bezahlt.

Entschuldigt haben sie sich nie.



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insgesamt 558 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 24.07.2014
1. Danke
Besser hätte ich es auch nicht schreiben können - und das habe ich noch nie zu einem SPON-Artikel gesagt.
Mitreder 24.07.2014
2. Ein Unrecht relativiert nicht das andere.
Und die Russen haben ein koreanisches Flugzeug abgeschossen, und.... So kann man das immer weiterführen, nur das führt zu nichts. Natürlich muss jeder einzelne Abschuss aufgeklärt werden und der Schuldige auch definiert werden. Ob der sich entschuldigt, ob der zur Rechenschaft gezogen wird, ist eine andere Sache. Aber die Angehörigen haben ein Recht auf Antworten die Fragen Wer und Warum. Wie will man je zur Ruhe kommen, wenn man nicht weiß, was wirklich passiert ist? Ich verstehe nicht, warum alle Beteiligten nicht offen ihre Beweise auf den Tisch legen. Was soll schon passieren? Wer würde die Russen, die Amis, die Ukrainer oder sonstwen wirklich zur Rechenschaft ziehen können? Niemand, aber die Angehörigen könnten vielleicht irgendwann wieder ruhig schlafen.
andre_22 24.07.2014
3. Die Schuldfrage ist elementar!
Ein Flugzeug wurde abgeschossen, ein Ziviles Verkehrsflugzeug und es sind fast 300 Menschen gestorben! Selbstverständlich muss hier mit allen Mitteln geklärt werden wer die Schuld dafür trägt!!!! Alles andere wäre ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen und der Menschen weltweit die mit ihnen Trauern. Ob eine klare Schuld nach Abschluss der Untersuchungen festestellt werden kann ,ist eine andere Frage! Aber sollte es so seinen, egal von wem oder ob unabsichtlich der Abschuss erfolgte, müssen die verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
mfeldtn 24.07.2014
4. Irrtum
In Rußland gilt weitgehend das recht des stärkeren, und Moral ist nicht nur dort flexibel. Aber die Niederlande sind ein rechtsstaat, und sie werden diesen Fall dahin bringen, wohin er gehört: Vor Gericht! Früher oder später wird der Fall rekonstruiert werden, Beweise werden bvorgebracht werden, und es wird Anklage erhoben werden. Vielleicht wird es auch eine Fahndung geben, und vielleicht werden auch Belohnungen ausgelobt. Möglicherweise werden die Schuldigen nicht gefaßt, verurteilt aber werden sie bestimmt!
k-3.14 24.07.2014
5. Danke!
Danke für diese Kolumne!! Vielleicht hätte man noch an Aerolinee Itavia Flight 870 erinnern sollen. Da ist bis heute nicht klar, wer es denn war.
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