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10. Februar 2013, 10:31 Uhr

Einsatz in Westafrika

Kampf um Malis Bergfestung

Die Städte Nordmalis sind befreit - doch die wahre Schlacht wartet noch: Die Extremisten haben sich im Ifoghas-Gebirge verschanzt, einem Felslabyrinth voller Höhlen und Waffenlager. Beobachter warnen vor einem langen Konflikt in der Region, auch die Bundesregierung ist besorgt.

Dakar/Berlin/Hamburg - Es ging fast schon ein wenig zu reibungslos. Als französische und afrikanische Truppen Ende Januar eine malische Stadt nach der anderen einnahmen, leisteten die Islamisten kaum Widerstand. Sogar die legendäre Wüstenstadt Timbuktu überließen sie den Eroberern nahezu kampflos. Schon ist von einem Abzug der Franzosen die Rede. Doch der Kampf gegen die Extremisten ist keineswegs gewonnen. Im Gegenteil: Auf die Einheiten aus Frankreich, Mali und Tschad wartet nun eine Suchaktion in einem wahren Felslabyrinth - dem Ifoghas-Gebirge.

In diese unzugängliche Bergregion im äußersten Nordosten Malis haben sich viele der Extremisten nach dem Einmarsch der internationalen Truppen zurückgezogen. Das Gebirge gilt als eine der am schwächsten erschlossenen Regionen des afrikanischen Kontinents, Infrastruktur gibt es praktisch nicht. Dafür bietet das 250.000 Quadratkilometer große Massiv den Flüchtigen zahllose Höhlen, Grotten und andere Verstecke.

Laut einem Bericht der "New York Times" hat die französische Armee in den vergangenen Tagen etwa 20 Luftangriffe in der Region durchgeführt. Die Aktionen wurden zuletzt jedoch eingestellt - "aus Mangel an Zielen", wie ein westlicher Militär dem Blatt in der malischen Hauptstadt Bamako sagte. Die Islamisten haben sich so gut versteckt, dass ihnen auch die High-Tech-Waffen und Aufklärungssysteme der Franzosen wenig anhaben können. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Schätzungen gehen von einigen hundert Kämpfern bis in die Tausende.

Die Lage erinnert an die Situation in Afghanistan im Jahr 2001. Auch dort hatten sich Vertreter von al-Qaida, zusammen mit den radikal-islamistischen Taliban, im Tora-Bora-Gebirgsmassiv verschanzt und den westlichen Streitkräften Widerstand geleistet. Die USA vermuteten zudem den Qaida-Führer Osama Bin Laden in dem Höhlensystem unter den Bergen. Nur durch den geballten Einsatz von internationalen Spezialeinheiten und Luftschlägen konnte die Schlacht von Tora Bora gewonnen werden. Allerdings zogen sich die Extremisten auch damals nur kurzzeitig zurück und nutzten ihre Kenntnis der Topografie, um sich rasch wieder andernorts zu sammeln.

Eine solche Entwicklung könnte nun auch in Mali bevorstehen. Die Berge dort sind zwar weniger hoch als am Hindukusch, der höchste Gipfel misst gerade einmal 890 Meter. Die extremen klimatischen Bedingungen und das raue Terrain machen einen Einsatz jedoch ähnlich anspruchsvoll. "Die Gegend ist riesig und unübersichtlich", sagte Michel Goya, französischer Militäranalyst der "New York Times". "Es braucht einen Großeinsatz, um die wichtigsten Zonen abzuriegeln. Das wird eine Weile dauern."

Deutsche Regierung warnt vor langem Einsatz

Auch der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) geht von einem langen Einsatz in dem Wüstenstaat aus. Dem Berliner "Tagesspiegel am Sonntag" sagte er: "Niemand kann heute sagen, ob der Einsatz in Mali ein, zwei oder drei Jahre dauern wird und welche Anforderungen die Lage in zwei Jahren stellt. Wir wollen, dass das ganze Land auf Dauer unter malischer Führung gehalten werden kann."

Am Donnerstag hat sich eine Einheit von Wüstenkampfexperten aus dem Tschad in die Berge aufgemacht. Auch französische Spezialeinheiten sind in dem Gebiet schon aktiv. Sie sollen unter anderem feststellen, ob die Extremisten noch Geiseln aus Frankreich - oder andere Ausländer - in dem Höhlenlabyrinth festhalten.

Beobachter gehen davon aus, dass die Extremisten die Berge gezielt als Rückzugspunkt vorbereitet haben. Mindestens seit 2003 operiert al-Qaida im Maghreb zusammen mit den lokalen Tuareg in der Region - bisher weitgehend ungestört. Nur einmal, im Jahr 2009, versuchte die malische Armee einen Schlag gegen das Guerilla-Nest im Nordwesten des Landes. Ansonsten konnten die Extremisten das Gebiet erkunden und die Verstecke in aller Ruhe ausbauen.

Tunnel voller Waffen und Ausrüstung

In den Tunneln werden Lager für Waffen, Munition und Nahrungsmittel vermutet. Diesen Lagern galten laut der britischen BBC auch die französischen Luftschläge der vergangenen Tage. Doch für gezielte Aktionen müssen die Angreifer ihre Gegner erst einmal lokalisieren. Es ist eine fast aussichtslose Aufgabe in der Geröllwüste des Ifoghas-Gebirges. "Die Aufständischen haben gelernt, sich so zu organisieren, dass die Franzosen sie nicht finden können", sagte ein malischer Offizier in der Stadt Gao. Sie könnten dort lange ausharren - und eine ständige Bedrohung für die Bewohner der Wüstenstädte darstellen.

Nach dem Handstreich in den Städten des Nordens steht den Eroberern nun also eine ungleich schwierigere Aufgabe bevor. Einen Anhaltspunkt haben die westlichen Truppen immerhin: die Wasserversorgung. In dem extrem trockenen Gebiet gibt es nur wenige Brunnen und Wasserlöcher. Solange diese unter Beobachtung stehen, könnten Franzosen und afrikanische Truppen den Flüchtigen auf die Spur kommen.

jok

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