Krieg in Mali: "Die Franzosen haben uns gerettet"

Aus Diabali berichtet

Mali: Einheimische fürchten Islamisten Fotos
SPIEGEL ONLINE

Das französische Militär fliegt in Mali massive Luftangriffe, die Soldaten dringen nach Norden vor. Weil sich die Islamisten zurückziehen, können die Einwohner in die befreiten Gebiete heimkehren. Doch sicher fühlt sich kaum einer: Zu groß ist die Angst vor einer Rückkehr der Scharia-Kämpfer.

Marten Drabo ahnte nichts Böses. Gegen 9 Uhr morgens am vorvergangenen Montag, die Sonne stand schon steil über der kleinen Ortschaft Diabali in Zentralmali, klopfte es an der einfachen roten Stahltür zu seiner Lehmhütte. "Salam aleikum", sagte eine sanfte Männerstimme draußen auf der Straße, "wir brauchen kurz deine Hilfe." Drabo, der Friseur des kleinen Orts mit vielleicht 2000 Einwohnern, öffnete die Tür einen Spalt, sofort wurde er in den Hof seines Hauses gedrängt. Vor ihm standen sechs Männer mit langen, schwarzen Bärten und Kalaschnikow-Gewehren. Schnell machten sie klar, dass Drabo keine Wahl hatte. "Dieses Haus gehört nun uns", herrschte ihn der Anführer an, "euer Ort ist jetzt unter der Kontrolle von Ansar al-Din."

Drabo ist ein kräftiger Mann, doch wenn er sich an diesen Montagmorgen erinnert, flattert seine Stimme. Auf einem niedrigen Plastikstuhl in seinem staubigen Hof rutscht er hin und her. "Ich wusste sofort, dass diese Männer die Islamisten aus dem Norden waren", sagt er, "ich dachte, sie bringen mich sofort um, da ich ein Christ bin." Drabo flehte sie an, erinnerte die Eindringlinge immer wieder daran, dass er Kinder habe, die er ernähren müsse. Nach etwa 15 Minuten ließen die Kämpfer den 40-Jährigen schließlich gehen. "Sie sagten, ich sollte so schnell wie möglich in Richtung Süden abhauen", erinnert er sich. Von nun an, das gaben die Islamisten ihm als Botschaft mit, würden sie Schritt für Schritt weiter in Richtung der Hauptstadt Bamako marschieren.

Drabo hat fast alles verloren

Drabo entschloss sich zur Flucht. Auf den engen Sandpisten in seiner Nachbarschaft rasten mittlerweile Geländewagen mit Kämpfern der Islamisten umher, freudig feuerten sie in die Luft. Es war ein echter Coup: Mit nur rund 200 Mann und vielleicht 50 Autos hatten sie die malische Armee überrascht, von zwei Seiten umfuhren die Rebellen den strategisch wichtigen Ort, umzingelten die kleine Basis mit rund hundert Soldaten. Ohne Gegenwehr gaben die Malier auf, viele Soldaten flüchteten Hals über Kopf. Als die Islamisten das Lager eingenommen hatten, versammelten sie die Dorfältesten für eine Mitteilung: In einigen Tagen, spätestens zum Freitagsgebet, würden sie in Diabali die Scharia einführen. Jeder, der gegen sie aufbegehre, werde sofort erschossen.

Fast zwei Wochen später, am Donnerstagnachmittag, ist Drabo wieder zurück in seinem kleinen Lehmgehöft. Schon vor Tagen hatte er gehört, dass die französische Armee die Islamisten mit massiven Luftangriffen und schließlich mit Spezialkräften vertreiben konnte - rund eine Woche nach deren plötzlichem Einmarsch in Diabali. Doch Drabo traute den Meldungen nicht, zu oft hatten die malischen Militärs in den vergangenen Wochen grotesk falsche Erfolgsmeldungen verbreitet. Der Friseur blieb lieber etwas länger. Erst als ihn Nachbarn aus Diabali anriefen und beruhigten, kehrte er in sein Heimatdorf zurück.

Die Besetzung Diabalis durch die Islamisten aus Nordmali währte nur eine Woche, gleichwohl haben deren Kämpfer in dem von Reisfeldern umgebenen Ort Angst und Schrecken verbreitet. Drabo fand in seinem Haus, dass die Fundamentalisten offenbar als Basis genutzt hatten, sechs Leichen in einem kleinen Abstellraum gegenüber dem Wohnhaus. Auf dem Hof liegen noch jetzt Dutzende Pakete mit Munition für die AK-47-Gewehre. Den gefährlichsten Fund, zwei Handgranaten und einen selbstgebauten Sprengsatz, hatte bereits am frühen Morgen ein Team der französischen Armee abgeholt, das Drabo zu Hilfe gerufen hatte. "Ich bin froh, dass die Franzosen alles abgesucht haben", sagt er, "ich hatte große Sorge vor weiteren versteckten Bomben."

"Ich wünsche mir, dass die Franzosen zwei Jahre bleiben"

In der einen Woche der Besetzung hat Drabo fast alles verloren. In den einfachen Gemächern des Gehöfts randalierten die Islamisten, rissen die Kreuze und alle Jesus-Bilder von den Wänden, den mühsam zusammengesparten Fernseher traten sie ein und warfen ihn in den Hof. "Selbst die Bilder meiner Frau haben die Kämpfer zerrissen und dann überall verstreut", sagt er. Von seiner kleinen Farm mit Hühnern und Pfauen ist kaum etwas übrig geblieben, hinter der Sitzecke im Hof picken nur noch drei Enten Essensreste vom Boden. Am Ende, als die Luftangriffe zu bedrohlich wurden, waren die Islamisten offenbar hastig aufgebrochen, über der Wäscheleine hängt noch eine der typischen knielangen Pluderhosen der Gotteskrieger.

Die Gegend rund um Drabos Haus zeugt von der französischen Militäraktion. Überall stehen ausgebrannte Pick-ups, darunter viele gestohlene Armee-Landrover, die aus der Luft beschossen wurden. "Die Franzosen haben uns mit ihren Luftangriffen gerettet", sagt ein Nachbar des Friseurs, der eines der Wracks mit dem Handy fotografiert. Nach den ersten Luftschlägen aber passten sich die Kämpfer an. Statt sich weiter in der kleinen Militärbasis zu versammeln, verteilte man sich auf die verstreuten Gehöfte. Die Autos wurden unter den Mangobäumen geparkt, später tarnten die Islamisten ihre Pick-ups sogar mit Schlamm aus den Brunnen. Der Nachbar glaubt, dass es deswegen so lange gedauert hat, Diabali wieder zu erobern.

Den Hass der Islamisten konnten die Luftangriffe nur teilweise stoppen. Bei seiner ersten Erkundung von Diabali nach der Besetzung hält Drabo bei der kleinen Kirche, die mittlerweile wieder von malischen Soldaten bewacht wird. Vor dem gelb gestrichenen Gotteshaus liegt ein Kreuz auf dem Boden, einst schmückte es das Dach. Als Drabo die Eisentür aufstößt, stockt der gläubige Christ. Eine Jesusfigur haben die Islamisten zerschlagen, alle Schränke sind aufgerissen, Bibeln und Gesangsbüchern liegen auf dem Betonboden herum. "Was sind das nur für Menschen", sagt Drabo leise, "hier in Diabali haben seit Jahrzehnten alle Religionen friedlich nebeneinander gelebt."

Gleich neben der Kirche ist die Schutztruppe für Diabali stationiert. Da die Franzosen am Freitag mit ihren Truppen weiter Richtung Norden gezogen sind, lungern nun nur noch eine Handvoll malische Soldaten in der sengenden Sonne des Nachmittags. Auch wenn niemand von ihnen mit Namen zitiert werden will, geben sie nach ein paar Nachfragen zu, dass sie gegen die Islamisten machtlos waren und es auch heute noch sind. "Schau dir unsere Waffen an", sagt einer der Offiziere und deutet auf die altersschwachen Gewehre und ein paar Geländewagen.

Auch Rückkehrer Marten Drabo ist skeptisch. "Ich wünsche mir, dass die Franzosen für zwei Jahre hier in Mali bleiben", sagt er, "sonst sind wir wieder uns selbst überlassen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. danke
kein Ideologe 26.01.2013
auch das ist eine wichtige Sicht eines Betroffenen. Die Franzosen stehen da nicht wegen Spaß oder Öl oder sonstwas. Sondern als letzte Verteidigung von Menschen gegen die Barbarei.
2. Menschenrechte?
grass 26.01.2013
Wieso verteidigen die Franzosen und Co. die Menschen nicht in Saudi-Arabien oder Darfur? Für die Menschenrechte wird mit militärischen Mitteln immer nur in rohstoffreichen Ländern verteidigt die ihre Rohstoffe nicht schon voll umfänglich an westliche Staaten abliefern. Schon seltsam, nicht?
3.
wynkendewild 26.01.2013
Zitat von kein Ideologeauch das ist eine wichtige Sicht eines Betroffenen. Die Franzosen stehen da nicht wegen Spaß oder Öl oder sonstwas. Sondern als letzte Verteidigung von Menschen gegen die Barbarei.
Herr Hollande hat diesen Krieg doch nur aus innenpolitischen Kalkül begonnen. Innenpolitisch hat der doch bisher auf ganzer Linie versagt, also beginnt er ein außenpolitischen Abenteuer in Afrika und so einen Menschen wie den da auf dem Bild, bekommen sie überall her. Der kann doch auch ein Schauspieler oder Laiendarsteller sein. Für Knete machen die Leute doch alles. ;)
4. Richtig, aber die Sache ist doch etwas komplexer ...
carahyba 26.01.2013
Zitat von kein Ideologeauch das ist eine wichtige Sicht eines Betroffenen. Die Franzosen stehen da nicht wegen Spaß oder Öl oder sonstwas. Sondern als letzte Verteidigung von Menschen gegen die Barbarei.
Warum sind die malischen Soldaten schlecht bewaffnet und demotiviert? Mali hat erhebliche militärische und zivilile Hilfen erhalten. Wo sind diese Hilfen hingewandert? Was für eine Rolle spielen die korrupten frankophonen Eliten in diesem Spiel? Dieser Punkt wird in der Berichterstattung ausgespart, obwohl er vieles erklären würde wie es zur augenblicklichen Situation gekommen ist.
5.
wynkendewild 26.01.2013
Zitat von carahybaWarum sind die malischen Soldaten schlecht bewaffnet und demotiviert? Mali hat erhebliche militärische und zivilile Hilfen erhalten. Wo sind diese Hilfen hingewandert? Was für eine Rolle spielen die korrupten frankophonen Eliten in diesem Spiel? Dieser Punkt wird in der Berichterstattung ausgespart, obwohl er vieles erklären würde wie es zur augenblicklichen Situation gekommen ist.
Die westliche freie Presse ist eine freie Presse die so frei ist, dass sie sich dem Meistbietenden unterwirft und dessen Ideen Satz für Satz ohne kleinste Abweichung an den geneigten Leser weiterleitet. Frei und tiefgründig oder gar informativ passen in diesem Zusammenhang schon lange nicht mehr.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Mali
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 104 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Angebliche Menschenrechtsverstöße: Die Ehre des malischen Militärs

Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Afrika-Reiseseite