SPIEGEL ONLINE: Der geplante Militäreinsatz der internationalen Staatengemeinschaft in Mali schürt Ängste vor einem überhasteten Krieg mit ungewissem Ausgang. Sollte sie besser davon absehen?
Hugon: Wir stehen vor einem Dilemma: Eine militärische Intervention in Mali ist dringend nötig. Gleichzeitig birgt sie enorme Gefahren. Rebellen und radikale Islamisten im Norden sind mittlerweile mit Waffen wie Raketenwerfern ausgerüstet und werden immer stärker. Diese Zone ist kaum noch unter Kontrolle, und das Problem könnte sich auf die umliegenden Länder ausbreiten. Europa sollte nicht einfach zusehen, wie die Risiken von Geiselnahmen und Terroranschlägen wachsen. Mali darf nicht das Afghanistan Westafrikas werden. Allerdings geht es hier nicht um einen konventionellen Krieg zwischen Truppen. Es wird ein Kampf gegen sehr mobile Gruppierungen in der Wüste. Das Gebiet ist schwer zugänglich, ähnlich wie in Afghanistan gibt es Höhlen, wo sich die Gegner leicht verschanzen können.
SPIEGEL ONLINE: Mali hat gerade einen Militärputsch hinter sich. Wie soll die Rolle der geschwächten Armee aussehen? Kann sie überhaupt noch etwas zum Kampf gegen die Rebellen im Norden beitragen?
Hugon: Die malischen Truppen müssten an vorderster Front stehen. Die Armee ist aber zerfallen und nicht wirklich einsatzfähig. Auch die Kapazitäten der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas sind eingeschränkt. Die Schlüsselrolle liegt bei Algerien. Die Intervention kann ohne dieses Land gar nicht stattfinden - sie wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Die Entscheidung liegt auch in der Hand der internationalen Mächte: Die Amerikaner zögern und sind sich uneinig. Die meisten Länder Europas wollen nicht im "afrikanischen Sumpf" versinken. Die einen halten den Militäreinsatz für zu gefährlich, andere finden, das betreffe sie nicht oder es gebe in der Krise nicht genug finanzielle Mittel.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind die Chancen auf einen dauerhaften Frieden nach dem Einsatz ausländischer Kampftruppen?
Hugon: Eine militärische Aktion allein kann nicht funktionieren. Sie muss von politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Interventionen begleitet werden. Die Regierung Malis muss erst legitimiert werden. Seit dem Putsch herrschen unklare Machtverhältnisse, und Neuwahlen sind schwierig zu organisieren. Man muss auch an das Danach denken: Die an die 5000 bewaffneten Jugendlichen in der betroffenen Zone, die nicht zu den Islamisten gehören und meist vom Drogenhandel leben, müssen echte Perspektiven für die Zukunft bekommen. Ansonsten landen wir nach zwei Jahren wieder in der Situation, in der wir heute sind.
SPIEGEL ONLINE: Franzosen, Deutsche wie Amerikaner haben ausgeschlossen, Bodentruppen zu senden. Wie könnte eine Intervention aussehen?
Hugon: Es gibt unterschiedliche Grade für einen Militäreinsatz. Vorstellbar wären gezielte Schläge gegen die etwa 700 Fanatiker und Mitglieder der islamistischen Organisationen AQMI ("al-Qaida im Islamischen Maghreb") und Mujao ("Bewegung für die Einheit und den Dschihad in Westafrika"). Die Amerikaner könnten Drohnen einsetzen, dazu noch Geheimagenten auf dem Terrain. Gleichzeitig könnte man versuchen, die Bevölkerung und die Organisationen Ansar al-Din und MNLA für die Befreiungstruppen zu gewinnen. Sobald diese andere Perspektiven sehen, wie etwa die Einbindung in die nationale Armee, würden sie womöglich überlaufen.
SPIEGEL ONLINE: Die Initiative des Militäreinsatzes geht vor allem von Frankreich aus. Welche Rolle wird den französischen Truppen zukommen, die in der Gegend stationiert sind?
Hugon: Frankreich kann auf keinen Fall an vorderster Front auftreten und schon gar nicht eine offizielle Rolle spielen. Das verbietet sich schon wegen der Kolonialgeschichte. Noch dazu sind französische Geiseln in der Hand von islamistischen Gruppen in Mali. Die französischen Militärs sind darauf beschränkt, logistische Hilfen zu leisten.
SPIEGEL ONLINE: Steht die Militäraktion unmittelbar bevor?
Hugon: So dringend die militärische Intervention in Mali ist, die Voraussetzungen dafür sind derzeit nicht gegeben. Selbst nach der Rückeroberung des Nordens sind die Folgen eines solchen Militäreinsatzes für das Land nicht absehbar. Wenn Algerien mitmacht, wird es voraussichtlich darauf bestehen, dass Ansar al-Din in die Verhandlungen einbezogen wird - eine Organisation, die die Scharia im Land durchsetzen will. Damit könnten am Ende islamistische Gruppierungen über laizistische die Oberhand gewinnen. Es ist wie mit einem Krebsgeschwür, das sich ständig ausbreitet. Nichts zu tun, ist dramatisch - in Aktion zu treten, ist vielleicht genauso schlimm.
Das Interview führte Petra Truckendanner
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Mali | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH