Mögliche Militäraktion in Mali: "Die USA könnten Drohnen und Agenten einsetzen"

Was bringt ein Militäreinsatz in Mali und wie könnte er aussehen? Der französische Afrika-Experte Philippe Hugon hält eine solche Aktion für dringend notwendig, sieht aber enorme Gefahren. Er warnt im Interview vor einem Fiasko wie in Afghanistan.

Islamisten in Mali: Sie könnten am Ende die Oberhand gewinnen Zur Großansicht
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Islamisten in Mali: Sie könnten am Ende die Oberhand gewinnen

SPIEGEL ONLINE: Der geplante Militäreinsatz der internationalen Staatengemeinschaft in Mali schürt Ängste vor einem überhasteten Krieg mit ungewissem Ausgang. Sollte sie besser davon absehen?

Hugon: Wir stehen vor einem Dilemma: Eine militärische Intervention in Mali ist dringend nötig. Gleichzeitig birgt sie enorme Gefahren. Rebellen und radikale Islamisten im Norden sind mittlerweile mit Waffen wie Raketenwerfern ausgerüstet und werden immer stärker. Diese Zone ist kaum noch unter Kontrolle, und das Problem könnte sich auf die umliegenden Länder ausbreiten. Europa sollte nicht einfach zusehen, wie die Risiken von Geiselnahmen und Terroranschlägen wachsen. Mali darf nicht das Afghanistan Westafrikas werden. Allerdings geht es hier nicht um einen konventionellen Krieg zwischen Truppen. Es wird ein Kampf gegen sehr mobile Gruppierungen in der Wüste. Das Gebiet ist schwer zugänglich, ähnlich wie in Afghanistan gibt es Höhlen, wo sich die Gegner leicht verschanzen können.

SPIEGEL ONLINE: Mali hat gerade einen Militärputsch hinter sich. Wie soll die Rolle der geschwächten Armee aussehen? Kann sie überhaupt noch etwas zum Kampf gegen die Rebellen im Norden beitragen?

Hugon: Die malischen Truppen müssten an vorderster Front stehen. Die Armee ist aber zerfallen und nicht wirklich einsatzfähig. Auch die Kapazitäten der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas sind eingeschränkt. Die Schlüsselrolle liegt bei Algerien. Die Intervention kann ohne dieses Land gar nicht stattfinden - sie wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Die Entscheidung liegt auch in der Hand der internationalen Mächte: Die Amerikaner zögern und sind sich uneinig. Die meisten Länder Europas wollen nicht im "afrikanischen Sumpf" versinken. Die einen halten den Militäreinsatz für zu gefährlich, andere finden, das betreffe sie nicht oder es gebe in der Krise nicht genug finanzielle Mittel.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind die Chancen auf einen dauerhaften Frieden nach dem Einsatz ausländischer Kampftruppen?

Hugon: Eine militärische Aktion allein kann nicht funktionieren. Sie muss von politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Interventionen begleitet werden. Die Regierung Malis muss erst legitimiert werden. Seit dem Putsch herrschen unklare Machtverhältnisse, und Neuwahlen sind schwierig zu organisieren. Man muss auch an das Danach denken: Die an die 5000 bewaffneten Jugendlichen in der betroffenen Zone, die nicht zu den Islamisten gehören und meist vom Drogenhandel leben, müssen echte Perspektiven für die Zukunft bekommen. Ansonsten landen wir nach zwei Jahren wieder in der Situation, in der wir heute sind.

SPIEGEL ONLINE: Franzosen, Deutsche wie Amerikaner haben ausgeschlossen, Bodentruppen zu senden. Wie könnte eine Intervention aussehen?

Hugon: Es gibt unterschiedliche Grade für einen Militäreinsatz. Vorstellbar wären gezielte Schläge gegen die etwa 700 Fanatiker und Mitglieder der islamistischen Organisationen AQMI ("al-Qaida im Islamischen Maghreb") und Mujao ("Bewegung für die Einheit und den Dschihad in Westafrika"). Die Amerikaner könnten Drohnen einsetzen, dazu noch Geheimagenten auf dem Terrain. Gleichzeitig könnte man versuchen, die Bevölkerung und die Organisationen Ansar al-Din und MNLA für die Befreiungstruppen zu gewinnen. Sobald diese andere Perspektiven sehen, wie etwa die Einbindung in die nationale Armee, würden sie womöglich überlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Die Initiative des Militäreinsatzes geht vor allem von Frankreich aus. Welche Rolle wird den französischen Truppen zukommen, die in der Gegend stationiert sind?

Hugon: Frankreich kann auf keinen Fall an vorderster Front auftreten und schon gar nicht eine offizielle Rolle spielen. Das verbietet sich schon wegen der Kolonialgeschichte. Noch dazu sind französische Geiseln in der Hand von islamistischen Gruppen in Mali. Die französischen Militärs sind darauf beschränkt, logistische Hilfen zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Steht die Militäraktion unmittelbar bevor?

Hugon: So dringend die militärische Intervention in Mali ist, die Voraussetzungen dafür sind derzeit nicht gegeben. Selbst nach der Rückeroberung des Nordens sind die Folgen eines solchen Militäreinsatzes für das Land nicht absehbar. Wenn Algerien mitmacht, wird es voraussichtlich darauf bestehen, dass Ansar al-Din in die Verhandlungen einbezogen wird - eine Organisation, die die Scharia im Land durchsetzen will. Damit könnten am Ende islamistische Gruppierungen über laizistische die Oberhand gewinnen. Es ist wie mit einem Krebsgeschwür, das sich ständig ausbreitet. Nichts zu tun, ist dramatisch - in Aktion zu treten, ist vielleicht genauso schlimm.

Das Interview führte Petra Truckendanner

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Warum sollten die USA das nicht tun ?
prontissimo 31.10.2012
Zitat von sysopWas bringt ein Militäreinsatz in Mali und wie könnte er aussehen? Der französische Afrikaexperte Philippe Hugon hält eine solche Aktion für dringend notwendig, sieht aber enorme Gefahren. Er warnt im Interview vor einem Fiasko wie in Afghanistan. Mali: Philippe Hugon über Militäreinsatz gegen Islamisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-philippe-hugon-ueber-militaereinsatz-gegen-islamisten-a-864134.html)
In je mehr Ländern sie kriminelle Aktionen starten, desto beliebter werden sie weltweit werden. Die collateral damages machen doch nichts aus. Wenn aber in mehr als 50 aller Staaten dieser Welt sich der Ami nicht mehr sehen lassen kann, wird auch dort ein Umdenken einsetzen. Sofern man dort zu so etwas überhaupt fähig ist.
2.
Atheist_Crusader 31.10.2012
Zitat von sysopEr warnt im Interview vor einem Fiasko wie in Afghanistan.
Das Fiasko bei Afghanistan bestand darin, dass man überhaupt hingegangen ist.
3. Algerien? Mein Gott, was für ein Unsinn!
Bhigr 31.10.2012
Es ergibt überhaupt keinen Sinn Algerien einzubinden, denn Algerien wird wie alle arabischen Staaten die Islamisten unterstützen, die die Scharia einführen wollen. Bevor man sich da engagiert, sollte man zunächst einmal erkennen, wer Freund und wer Feind ist. Algerien ist ein Feind und wird als "Partner" wahrscheinlich die gleiche Rolle Spielen, die Pakistan im Konflikt um Afghanistan spielt. Auf der einen Seite westliche Gelder für die Unterstützung der westlichen Truppen einreichen, andererseits mit den Geldern die islamistischen Terroristen bewaffnen. Wir können doch nicht die Islamisten finanzieren, die uns nach dem Leben trachten? Wie kann man zweimal den gleichen Fehler wiederholen? Nein, das Einzige, was man tun könnte, ist eine Koalition von Nicht-Islamisten zu schmieden - unter Ausschluss islamischer Organisationen, die im Zweifel nur ein falsches Spiel spielen. Als Gegenleistung für den Zusammenschluss wird Unterstützung des Westens angeboten. Diese nicht-islamische Koalition gilt es zu bewaffnen und zu trainieren. Ferner kann man Drohnen einsetzen, um gezielt islamistischen Terroristen zu exekutieren. Die entsprechenden Informationen erhält man von den Koalitionären vor Ort. Einen Einsatz von Bodentruppen können wir uns nicht leisten, weder finanziell noch in der Öffentlichkeit. Der Krieg gegen die Ungläubigen Afrikas findet nicht nur in Mali statt. Man kann die gleiche Entwicklung in Nigeria oder auch im Sudan beobachten. Das ist auch eine Frucht des "arabischen Frühlings". Diese Geister werden wir so schnell nicht los, solange wir nicht das Grundübel angehen, nämlich den islamischen Fundamentalismus. Es gilt die Auseinandersetzung nicht nur militärisch sondern vor allem ideologisch zu führen. Damit meine ich eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Ideologie und deren Wiederlegung und Diskreditierung. Das würde weit mehr Menschen das Leben retten und Frieden sichern als Milliarden Euro für Militärinterventionen.
4. Simples Schwarz/Weiß Denken hilft nicht
echtschnell 31.10.2012
Zitat von prontissimoIn je mehr Ländern sie kriminelle Aktionen starten, desto beliebter werden sie weltweit werden.
Fürchten müssen sich die Tuareg nicht vor den USA, sondern vor den eigenen Landleuten. Die Mehrheit der Bevölkerung, die von Ethnien wie Bambara, Peul, Bozo, Dogon etc. gebildet wird, steht den Tuareg traditionell eher distanziert bis feindselig gegenüber. Den Tuareg wurde in der Vergangenheit oft übel mitgespielt und ich kann ihr Anliegen nach mehr Autonomie verstehen. Dagegen sind Amerikaner und Deutsche sind im Süden und Westen Malis gar nicht unbeliebt. Sicher, es gibt stumpfe Amerika-/Europafeindlichkeit überall in Afrika, auch in Mali. Aber an vielen Stellen sind die Hilfsprojekte sichtbar und viele in der Bevölkerung sind dankbar dafür. Ansar Dine ist nun dabei, ein Terrorregime aufzubauen, sogar gegen die eigene Ethnie (wie der Streit mit MNLA belegt). Ich schätze, wenn der Westen hier hilft, wird das im Süden/Westen Malis sogar eher positiv gesehen werden.
5.
kuac 31.10.2012
Zitat von sysopWas bringt ein Militäreinsatz in Mali und wie könnte er aussehen? Der französische Afrikaexperte Philippe Hugon hält eine solche Aktion für dringend notwendig, sieht aber enorme Gefahren. Er warnt im Interview vor einem Fiasko wie in Afghanistan. Mali: Philippe Hugon über Militäreinsatz gegen Islamisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-philippe-hugon-ueber-militaereinsatz-gegen-islamisten-a-864134.html)
Gestern hatte ich einen Vortrag von einem Soziologen (aus Mali) über Mali gehört. Sein Fazit: Es gab bereits einen Konflikt zwischen Tuareg und der Restbevölkerung von Mali. Die Lage verschlechterte sich erheblich nach dem Fall von Gaddafi, als die ganzen arbeitslosen Tuareg Söldner mit Al Qaida Islamisten nach Mali flüchteten und wegen ihrer militärisch/ideologischen Dominanz den Ton angaben. Ausrufung eines islamischen Gottesstaat mit Scharia war die Folge. Angeblich wird dieser Kampf der Islamisten stark durch Gelder aus Qatar finanziert. Es wurde auch Ölvorkommen in Mali entdeckt. Das macht Mali natürlich zu einem interessanten Zufluchtsort.
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Zur Person
Philippe Hugon, 75, ist seit 2005 Forschungsleiter am Institut de Relations Internationales et Stratégiques (IRIS) in Paris. Er ist Autor von über 15 Büchern über die Entwicklung und internationale Wirtschaftspolitik Afrikas und agiert als Berater von Weltbank, Europäischer Union, OECD und französischem Außenministerium. Der wissenschaftliche Leiter der Zeitschrift "Revue Tiers Monde" unterrichtet an der Militärschule Collège interarmées de défense. Er hat an mehreren afrikanischen Universitäten wie in Kamerun (1963-1965) und in Madagaskar (1969-74) studiert und gelehrt.

Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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