Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zerstörtes Kulturerbe: Mali will Verantwortliche vor Gericht bringen

Wer Heiligengräber verwüstet, begeht ein "Kriegsverbrechen": Die Regierung in Mali verurteilt die Zerstörung von Mausoleen und Friedhöfen in Timbuktu aufs Schärfste. Sie will die Verantwortlichen vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft ziehen.

Verwüstung von Heiligengräbern: Mit Spitzhacken gegen das Kulturerbe Fotos
AFP

Bamako - Jahrhundertelang haben die Kulturdenkmäler von Timbuktu das Wüstenklima überdauert. Nun werden sie von Menschenhand zerschlagen. Die Verwüstung historischer Heiligengräber komme Kriegsverbrechen gleich, erklärte die Regierung. Sie kündigte an, sich an den Internationalen Strafgerichtshof zu wenden und die verantwortlichen islamistischen Rebellen zur Rechenschaft zu ziehen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zu Gesprächen über eine Lösung der Krise auf und appellierte an alle Beteiligten, das Kulturerbe Malis zu bewahren.

Dessen ungeachtet haben islamistische Rebellen am Montag in den Städten Timbuktu und Gao ihren Zerstörungsfeldzug fortgesetzt. Nach Angaben von Augenzeugen schlugen sie vor den Augen fassungsloser Bewohner den Eingang der zum Weltkulturerbe gehörenden Sidi-Yahya-Moschee in Timbuktu ein.

Die Angreifer hätten die "heilige Tür" des zum Weltkulturerbe zählenden Gebäudes zerstört, die normalerweise nie geöffnet werde, sagte ein Bewohner der Stadt. "Sie sind mit Spitzhacken in den Händen gekommen, haben 'Allah' gerufen und die Tür zerstört", sagte ein weiterer Bewohner. "Das ist sehr schlimm. Viele Menschen, die das ansehen mussten, haben angefangen, zu weinen."

Die Extremistengruppe Ansar Dine hatte am Wochenende nach Angaben der Organisation Unesco die zum Weltkulturerbe zählenden jahrhundertealten Mausoleen von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moya zerstört. Die Bedrohung der Welterbe-Stätten in Timbuktu durch radikale Islamisten bereitet der Organisation große Sorgen. Das Welterbe-Komitee nahm die Wüstenstadt im westafrikanischen Krisenland Mali deshalb in seine Rote Liste auf.

Eine fürchterliche Tragödie

Die Fundamentalisten nehmen Anstoß an der Heiligenverehrung und wollen ihr Vernichtungswerk in Timbuktu nach eigenen Angaben fortsetzen. "Wir werden alles zerstören und dann die Scharia in dieser Stadt anwenden", sagte ein Sprecher der Gruppe. Die Extremisten wollen auf der Grundlage der strengen islamischen Gesetzgebung einen Staat errichten.

"Sie begehen ein Verbrechen gegen die Geschichte der Welt", kritisierte der Unesco-Afrikaexperte Lazare Eloundou Assomo die Islamisten. Die Verwüstung der geschützten Heiligtümer im Norden Malis sei "durch nichts zu rechtfertigen und inakzeptabel". Die Unesco rief die internationale Gemeinschaft zum Schutz der "Perle der Wüste" auf, die seit 1988 zum Weltkulturerbe zählt.

Ban rügte die Angriffe auf die Mausoleen als vollkommen ungerechtfertigt. Er bekräftigte nach Angaben eines Sprechers seine Unterstützung für die Bemühungen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, der Afrikanischen Union und Ländern der Region, der Regierung und der Bevölkerung in Mali bei der Lösung der Krise auf dem Weg des Dialogs behilflich zu sein.

Auch die Bundesregierung forderte ein sofortiges Ende der Gewalt im Norden Malis. "Wir unterstützen nachdrücklich die Bemühungen der westafrikanischen Regionalorganisation Ecowas, eine Lösung für Mali herbeizuführen und die staatliche Einheit des Landes wiederherzustellen", sagte Außenamts-Staatsministerin Cornelia Pieper. Sie nannte die Zerstörung der Heiligtümer eine fürchterliche Tragödie.

Das westafrikanische Land Mali steckt in der Krise, seit es einer Gruppe von Soldaten im März gelungen war, die Macht an sich zu reißen und Präsident Amadou Toumani Touré zu stürzen. Weite Teile der Sahelzone sind außer Kontrolle geraten. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppen und Tuareg-Rebellen, die einen säkularen Staat fordern. Im Mai verkündeten die Tuareg-Rebellen einen Zusammenschluss mit der Islamistengruppe Ansar Dine.

Die Rebellen von Ansar Dine kämpfen für eine Abspaltung des Nordens. Das Gebiet, das sie für sich beanspruchen, reicht von den Grenzen zu Algerien und Niger bis zum Fluss Niger, der außerhalb von Timbuktu verläuft. Den Islamisten werden Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida im islamischen Maghreb nachgesagt.

bos/dapd/dpa/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naiv
adal_ 03.07.2012
Zitat von sysopAFPWer Heiligengräber verwüstet, begeht ein "Kriegsverbrechen": Die Regierung in Mali verurteilt die Zerstörung von Mausoleen und Friedhöfen in Timbuktu aufs Schärfste. Sie will die Verantwortlichen vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft ziehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842195,00.html
Naiv. Die Militärjunta regiert gerade mal die Hauptstadt Bamako. Man kann nur auf die säkularen Tuareg hoffen: [url]In Kidal und Gao gab es bereits größere Kämpfe zwischen Tuareg und Islamisten. In Timbuktu hat sich eine Miliz gebildet, die Ansar Dine vertreiben will.[/urlhttp://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/mali-timbuktu-ansar-dine-tuareg]
2. Primitive
blob123y 03.07.2012
Zitat von sysopAFPWer Heiligengräber verwüstet, begeht ein "Kriegsverbrechen": Die Regierung in Mali verurteilt die Zerstörung von Mausoleen und Friedhöfen in Timbuktu aufs Schärfste. Sie will die Verantwortlichen vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft ziehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842195,00.html
unter sich.
3. Verehrung
emm13y 03.07.2012
"...Die Fundamentalisten nehmen Anstoß an der Heiligenverehrung und wollen ihr Vernichtungswerk in Timbuktu nach eigenen Angaben fortsetzen..." Nach Meinung der Islamisten dürfe nur "Allah" verehrt werden... Aber gleichzeitig ist die gesamte islamische Umma auf "Respekt" aufgebaut, d.h., der Jüngere muss dem Älteren, das Kind seinen Eltern, die Frau dem Mann gegenüber unterwürfig sein, bis in die äußeren Gesten hinein. Sie dürfen der Respektsperson nicht einmal widersprechen, die Augen müssen niedergeschlagen sein etc.- Ich habe einmal eine Dokumentation über afrikanische Muslime aus Nigeria gesehen, da warfen sich die Angestellten vor ihrem Chef nieder, so wie man es sonst aus den Moscheen kennt. "Verehrung" wird also keineswegs nur "Allah" entgegengebracht, sondern auch Menschen. Die ganze Umma ist auf Verehrung und Unterwerfung aufgebaut.
4. Tuareg
beka48 03.07.2012
Schade, dass die Tuareg-Rebellen, die zusammen mit den Islamisten die Stadt erobert haben, sich von denen wieder vertreiben lassen haben! Ich würde als Westen die Tuareg, die einen unabhängigen Staat wollen (Azawad), der „im Einklang mit den Grundsätzen der Vereinten Nationen" steht, unterstützen (finanziell und ggf. militärisch)! Die Tuareg räumen mit den Islamisten auf, garantiert!!
5.
lifeguard 03.07.2012
Zitat von beka48Schade, dass die Tuareg-Rebellen, die zusammen mit den Islamisten die Stadt erobert haben, sich von denen wieder vertreiben lassen haben! Ich würde als Westen die Tuareg, die einen unabhängigen Staat wollen (Azawad), der „im Einklang mit den Grundsätzen der Vereinten Nationen" steht, unterstützen (finanziell und ggf. militärisch)! Die Tuareg räumen mit den Islamisten auf, garantiert!!
die tuareg haben in ihrem streben nach selbstbestimmung anscheinend die gabe, sich jedes mal die falschen verbündeten zu suchen. erst gaddafi , jetzt die ansar dine. und jedes mal merken sie spät, wenn nicht sogar zu spät, mit wem sie sich eingelassen haben. sie sollten schon mal bei der regierung zu kreuze kriechen und sie um unterstützung bitten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Bevölkerung: 16,259 Mio.

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Mobido Keïta

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Afrika-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: