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Mammutprozess in der Türkei: Dinks Mörder vor Gericht

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul

Dem Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink wird in Istanbul der Prozess gemacht. Ein Mammut-Verfahren, in dem insgesamt 18 Angeklagte vor Gericht stehen - zu wenige, sagen die Hinterbliebenen: Denn die Hintermänner in rechtsradikalen Kreisen würden verschont.

Istanbul – Rund tausend Demonstranten zogen heute vor das Istanbuler Staatsgericht für Schwerverbrechen. "Wir wollen Gerechtigkeit und Aufklärung": Mit dieser Parole und Fotos von Hrant Dink demonstrierten sie im Stadtteil Besiktas. Anlass: Der Mammutprozess gegen den mutmaßlichen Todesschützen und 17 weitere Angeklagte - sie alle sollen in den Mord an dem Journalisten verwickelt sein. Dink, die wichtigste Stimme der Armenier in der Türkei, war vor dem Gebäude seiner Zeitung "Agos" per Kopfschuss aus unmittelbarer Nähe getötet worden.

Ein Massenaufgebot der Polizei hielt die Demonstranten zunächst vom Gerichtsgebäude fern, ließ die Leute dann aber einzeln passieren. Direkt davor aber war Schluss, der Gerichtssaal selbst blieb für die Demonstranten, Interessierte und die Presse gesperrt - wegen des Jugendschutzs. Der mutmaßliche Todesschütze Ogün Samast war zum Zeitpunkt des Mordes erst 16 Jahre alt, ist jetzt gerade 17 geworden.

Nebenkläger bieten Hunderte Anwälte auf

Das heißt allerdings nicht, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Dinks Witwe Rakel, seine Kinder und weitere Personen sind als Nebenkläger präsent, außerdem Angestellte der armenisch-türkischen Zeitung "Agos", deren Herausgeber und Chefredakteur Dink war.

Auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk war als Geschädigter geladen. Bei einer Vorführung des Tatverdächtigen beim Haftrichter war er bedroht worden: Er, Pamuk, solle sich in Acht nehmen, sonst sei er als nächster dran. Der Schriftsteller kam allerdings nicht persönlich zur Prozesseröffnung. Er ließ sich durch einen Anwalt vertreten. Schon wegen der vielen Anwälte der diversen Nebenkläger werden mehrere hundert Personen jede Geste der Richter im Verfahren genauestens beobachten.

Insgesamt wurden gestern 18 Anklagte dem Gericht vorgeführt, auch der mutmaßliche Todesschütze Samast. Durch einen Polizeikordon wurden sie an den Prozessbesuchern vorbei ins Gericht geführt. Zwischenfälle gab es nicht, allein Dinks Witwe war von der Situation so überwältigt, dass ihre Kinder sie auf dem Weg zum Gericht stützen und festhalten mussten.

Anklage fordert 24 Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft fordert für Samast 24 Jahre Haft. Das ist die Höchststrafe für jugendliche Täter. Außerdem verlangt sie Lebenslang für die zwei weiteren Angeklagten Yasin Hayal und Erhan Tuncel, die als Planer der Tat gelten. Allen 18 Angeklagten wird die Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Trotzdem, zufrieden sind die Nebenkläger nicht. Die Vertreterin der Familie Dink, Fetiye Cetin, sagte, sie sorge sich davor, dass am Ende des Prozesses zwar die Täter verurteilt werden - die wahren Hintermänner aber im Dunkeln bleiben. Die armenische Gemeinde bis hinauf zum Patriarchen Mutafyan beklagte vor dem Verfahrens mehrmals, die Staatsanwaltschaft verwende nicht genug Energie darauf, die Drahtzieher zu ermitteln.

Als Indiz für eine Vertuschung sehen manche, dass ein separates Verfahren gegen jene Polizisten läuft, die sich mit dem mutmaßlichen Täter nach dessen Festnahme in Siegerpose fotografieren ließen. Außerdem fordern die Anwälte der Nebenkläger, dass das Verhalten des Polizeichefs und Gouverneurs von Trabzon untersucht wird. Haben sie Hinweise auf die beabsichtigte Mordtat gezielt unterschlagen? Der Innenminister hatte sie nach dem Mord vom Dienst suspendiert. Anwältin Cetin verlangt, die beiden ebenfalls in dem Prozess anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft dagegen weist die Forderung der Nebenkläger zurück, gegen alle zusammen als terroristische Vereinigung vorzugehen.

Beschwerde über lasche Ermittlungen

Alle jetzt vorgeführten Anklagten stammen aus der Schwarzmeerstadt Trabzon: einer Hochburg der Nationalisten, unter denen sich militante Rechtsextreme tummeln. In der Gegend erschoss vor einem Jahr ebenfalls ein 16-Jähriger den katholischen Priester Andrea Santoro - Hintergrund war der Streit über die Mohammed-Karikaturen.

Der Jugendliche wurde damals als Einzeltäter verurteilt. Dinks Witwe ist der Meinung, dass es den Mord an ihrem Mann vielleicht nicht gegeben hätte, wenn der Mord an Santoro ernsthaft untersucht worden wäre.

Hayal und Tuncel, die jetzt als Hintermänner angeklagt sind, sind stadtbekannte Rechtsradikale. Hayal soll dem Täter die Waffe und das Fahrgeld nach Istanbul beschafft haben. Er war schon einmal im Gefängnis, weil er eine Bombe in ein McDonalds-Restaurant geworfen hatte. Tuncel gilt als Polizeispitzel.

Militärs und Polizisten unter Verdacht

Beide sollen engen Kontakt zur Trabzoner Bezirksgruppe der ultrarechten "Großen Türkei-Partei" (BBP) haben, einer Abspaltung der rechten MHP. Hayal hat vor wenigen Tagen in einem Brief an die Polizei beklagt, er werde durch die Anklage unfair behandelt. Er habe schließlich in Absprache gehandelt, wie gewünscht ausgepackt und müsse nun feststellen, dass er lebenslang in den Knast soll. Das steht in Auszügen des Briefes, die in der türkischen Presse veröffentlicht wurden.

Solche Enthüllungen gelten Kritikern der Ermittler als Indiz dafür, dass hinter dem Hauptbeschuldigten Samast und seinen Mitangeklagten ein Netzwerk von Rechtsradikalen steht, dem auch ehemalige Militärs und Polizisten angehören. Für die Ultranationalisten sind Minderheiten wie die Armenier, die orthodoxen Griechen und vor allem die Kurden eine Bedrohung für die Einheit des Staates, gegen die es mit allen Mitteln vorzugehen gilt.

Erst vor wenigen Tagen hat die Polizei auf der Website einer rechtsradikalen Vereinigung eine Bauanleitung für eine Bombe gefunden. Sie ist identisch mit jenem Sprengsatz, der im September 2006 in der mehrheitlich kurdischen Millionenstadt Diyarbakir explodierte - und zehn Menschen tötete.

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