Krieg in Syrien: Enger Freund von Diktator Assad desertiert

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Es ist ein Schlag für das syrische Regime: Mit Manaf Tlass hat sich ein General der berüchtigten Republikanischen Garden ins Ausland abgesetzt. Er galt als enger Freund von Präsident Assad. Aufständische sollen ihm bei der Flucht geholfen haben.

Syrischer General Manaf Tlass (Archivbild): Assad und er kennen sich von Kindesbeinen an Zur Großansicht
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Syrischer General Manaf Tlass (Archivbild): Assad und er kennen sich von Kindesbeinen an

Berlin - Schon seit Tagen machten Gerüchte auf Twitter die Runde, nun bestätigt sich die Vermutung: Unter den syrischen Militärchefs, die sich soeben in die Türkei abgesetzt haben, ist Manaf Tlass, ein früher enger Freund und Vertrauter des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Tlass war zuletzt General einer Eliteeinheit der syrischen Armee.

Ein hochrangiges Mitglied des syrischen Geheimdienstes bestätigte der regimenahen Webseite Syria Steps die Flucht von Tlass. Dort hieß es, der Geheimdienst habe zuvor herausgefunden, dass Tlass mit den syrischen Aufständischen in Kontakt gestanden habe. Der General konnte sich seiner Verhaftung entziehen und sich absetzen. Syrische Aktivisten berichteten, sie hätten Tlass bei seiner Flucht aus dem Hausarrest in Damaskus geholfen.

Der Vorfall legt nahe, dass das syrische Regime inzwischen selbst in der Hauptstadt über keine flächendeckende Kontrolle mehr verfügt und seine Machterosion weiter fortgeschritten ist als bisher angenommen. Es ist das erste Mal, dass sich ein Mitglied des engsten Kreises um Präsident Assad von dem Diktator lossagt und auf die Seite der Rebellen stellt.

Bereits die Väter waren eng befreundet

Manaf Tlass und Baschar al-Assad kennen sich von klein auf, sie wuchsen zusammen in Damaskus auf. Der britische Journalist Patrick Seale, der als Autor einer halboffiziellen Biografie von Baschars Vater Hafis der Diktatorenfamilie so nah kam wie kaum ein anderer ausländischer Beobachter, beschrieb Tlass als einen der engsten Freunde Baschar al-Assads von Kindesbeinen an.

Bereits die Väter Mustafa Tlass und Hafis al-Assad waren eng befreundet. Wie auf keinen anderen konnte sich Hafis al-Assad auf Mustafa Tlass verlassen, mit dem zusammen er bereits als Teenager der herrschenden Baath-Partei beigetreten war. Mehr als 30 Jahre lang diente Mustafa Tlass erst Hafis, dann Baschar al-Assad als Verteidigungsminister.

Als Hafis al-Assad im Jahr 2000 starb, half Mustafa Tlass dessen Sohn Baschar ins Amt. In den vergangenen Tagen soll sich der inzwischen 80-Jährige nach Paris abgesetzt haben - unter dem Vorwand, sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Nun soll auch sein Sohn Manaf über die Türkei nach Paris geflohen sein.

Manaf Tlass gilt als charismatischer Frauenheld

Manaf Tlass gilt wegen seines guten Aussehens und Charismas als notorischer Frauenheld. Manche nannten ihn wegen seiner Ähnlichkeit mit dem französischen Schauspieler "Syriens Alain Delon". Ein im Internet zirkulierendes Foto aus den neunziger Jahren zeigt Baschar al-Assad und Manaf Tlass gemeinsam beim Militärdienst. Während Baschar al-Assad den Truppen anschließend den Rücken kehrte und Medizin studierte, machte Manaf Tlass in Uniform Karriere. Mit der Machtübernahme Baschars al-Assads im Jahr 2000 wurde er Offizier der Republikanischen Garde, einer syrischen Eliteeinheit. Zuletzt war er dort Brigadegeneral. Chef der Republikanischen Garde ist Baschar al-Assads Bruder Mahir, der wegen seiner Brutalität besonders berüchtigt ist.

Manaf Tlass gilt als intelligent und gerissen und soll zuletzt stärker auf Verhandlungen mit den syrischen Aufständischen gesetzt haben, als den Hardlinern des syrischen Regimes lieb war. Weil er als Sunnit der Konfession der syrischen Mehrheit angehört und als pragmatisch geschätzt wird, wurde er sogar als möglicher Chef einer syrischen Übergangsregierung gehandelt. Durch seine Zusammenarbeit mit den Aufständischen wollte Tlass sich möglicherweise eine Karriere in einem Syrien nach Assad offenhalten. Die Nachricht von seiner Flucht dürfte das Regime zwar ärgern - an der Haltung der Hardliner jedoch wenig ändern.

In Paris leben mit Rifaat al-Assad, dem Onkel des syrischen Präsidenten, und Abd al-Halim Chaddam, dem früheren syrischen Verteidigungsminister, bereits seit mehreren Jahren frühere hochrangige Mitglieder des Regimes, die in Damaskus in Ungnade fielen. Die beiden sehen sich selbst als Teil der syrischen Opposition. Dabei haben sie jahrzehntelang das Regime repräsentiert und dessen Verbrechen mutmaßlich unterstützt oder zumindest nicht verhindert.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Sollte er Blut an den Händen haben...
anti-de 06.07.2012
Zitat von sysopEs ist ein Schlag für das syrische Regime: Mit Manaf Tlass hat sich ein bekannter General der berüchtigten Republikanischen Garden ins Ausland abgesetzt. Er galt als enger Freund von Präsident Assad. Aufständische sollen ihm bei der Flucht geholfen haben. Manaf Tlass: Freund von Assad desertiert aus Syrien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,842920,00.html)
werden wir ihn trotzdem mit offenen Armen empfangen, er kommt ja zu den Guten!
2. wie kann man nur
meinlieber 06.07.2012
Also 30 Jahre hat er gut gelebt, mit allen Vorzügen, war zuständig für die Landesverteidigung und nun verratet man seine Heimat, seine Armee, seine Freunde! Wenn er abgehauen wäre weil er sich sorgen um sich und seine Familie machte, hätte ich das begrüsst. Aber die Seiten zu wechseln und all das bekriegen für was man sein ganzes Leben gelebt hat-das kann ich nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich will er an die Spitze Syriens und erhofft sich mit FSA-USA usw. schnell aufzusteigen. Ob Hochverrat gut für die Karriere ist mag ich zu bezweifeln.
3. gut / böse - viel Spaß beim suchen
angst+money 06.07.2012
Zitat von anti-dewerden wir ihn trotzdem mit offenen Armen empfangen, er kommt ja zu den Guten!
In der Politik kann man sich die Leute nicht schnitzen, mit denen man es zu tun hat. Schön ist das selten, aber entweder man will was bewegen oder daheim sitzen und moralisierende Leserbriefe schreiben.
4.
ceilks 06.07.2012
Zitat von sysopDabei haben sie Jahrzehnte lang das Regime repräsentiert und dessen Verbrechen mutmaßlich unterstützt oder zumindest nicht verhindert.]
Was für eine Beschreibung für Rifaat al Assad, jemandem dem persönliche Verantwortung für das Massaker in Hama zugerechnet wird - und damit einem der noch lebenden Araber mit "dem meisten Blut an den Händen".
5. Den Haag wartet
immernachdenklicher 06.07.2012
Zitat von meinlieberAlso 30 Jahre hat er gut gelebt, mit allen Vorzügen, war zuständig für die Landesverteidigung und nun verratet man seine Heimat, seine Armee, seine Freunde! Wenn er abgehauen wäre weil er sich sorgen um sich und seine Familie machte, hätte ich das begrüsst. Aber die Seiten zu wechseln und all das bekriegen für was man sein ganzes Leben gelebt hat-das kann ich nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich will er an die Spitze Syriens und erhofft sich mit FSA-USA usw. schnell aufzusteigen. Ob Hochverrat gut für die Karriere ist mag ich zu bezweifeln.
Man sollte den Überläufer direkt nach Den Haag weiterreichen. 30 Jahre hat er an der Seite von Assad mitregiert. Also ist er wahrscheinlich auch an den Menschenrechtsverletzungen der Regierung beteiligt. Man iebt den Verrat aber nicht den Verräter.
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Kampf gegen Assad: Syriens Geisterstädte

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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