Terrornacht von Manchester Anschlag auf die Jugend

Erst das Bataclan in Paris, jetzt die Arena von Manchester. Wieder hat der Terror vor allem junge Menschen getroffen - wieder reklamiert der "Islamische Staat" die Morde für sich. Doch die Stadt will sich nicht beugen.

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Aus Manchester berichten und


    • Bei einem Pop-Konzert in Manchester hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt.
  • • 22 Menschen kamen ums Leben, darunter Kinder. Rund 60 Personen wurden verletzt.
• Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat die Tat für sich reklamiert. Über die Hintergründe des Attentats ist allerdings noch wenig bekannt. Die Fakten im Überblick.

Um nichts im Leben wollte Georgina auf dieses Konzert verzichten. "SO AUFGEREGT, DICH MORGEN ZU SEHEN", twitterte die 18-Jährige am Sonntag an ihr Idol Ariana Grande. Gina, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, war ein Superfan. Einen Tag später war sie tot.

Teenie-Idol Grande hatte am Montagabend in der Manchester Arena gegen 22.30 Uhr gerade ihre letzte Zugabe gespielt, die Liedzeile "Nothing to prove I am bulletproof" ging vielen der rund 21.000 Zuhörer noch durch den Kopf, als an einem der Ausgänge eine Bombe explodierte. "Es klang erst, als sei ein Ballon geplatzt", erinnert sich Konzertgast Sammy. "Es gab ein paar Schreie, dann Schweigen, dann teilte sich die ganze Arena wie das Rote Meer. Alle stolperten übereinander, um zum Ausgang zu gelangen. Es war eine Szene wie aus einem Horrorfilm."

Video: Terroranschlag in Manchester

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Was in diesen Minuten alle ahnten, wurde noch in der Nacht Gewissheit, als Manchesters Polizeichef Ian Hopkins von einem "Terroranschlag" sprach. Der mutmaßliche Einzeltäter habe sich mit einem selbst gebastelten Sprengsatz bewusst an einem Hallenausgang postiert. "Wir hatten alle gehofft, so etwas nie erleben zu müssen", so Hopkins.

Die vorläufige Bilanz der Schreckensnacht von Manchester: 23 Tote, rund 60 zum Teil Schwerverletzte - darunter etliche Kinder und Teenager. Nur wenige Wochen nachdem ein Mann auf der Londoner Westminster Brücke mutwillig viele Menschen überfahren hatte, hat der Terror erneut Großbritannien heimgesucht. Dort wird in zwei Wochen ein neues Parlament gewählt. Aber noch in der Nacht stellten alle Parteien ihren Wahlkampf vorübergehend ein. (Verfolgen Sie hier die Entwicklung im Newsblog.)

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Attentat auf Konzertbesucher: Großeinsatz in Manchester

Der Tag danach war gefüllt mit grausamen Berichten vom Tatgeschehen und den verzweifelten Versuchen vieler Angehöriger zu erfahren, wo ihre Kinder, Freunde, Geschwister abgeblieben sind. Ein Mann von der Hebrideninsel Barra twitterte das Bild seiner Tochter Laura und ihrer Freundin Eilidh, beide 15, zu denen er seit dem Konzert den Kontakt verloren habe. "Bitte, bitte schreiben Sie mir", flehte der Vater. Eine Frau sagte der BBC, ihre Tochter gehe nicht ans Telefon. Die 15-Jährige sei mit ihrem gleichaltrigen Freund auf dem Grande-Konzert gewesen, als Teil eines Geburtstagsgeschenks.

Ein Vater, der mit seiner Tochter auf dem Konzert war, berichtete im Sender Sky: "Es waren kleine Kinder, zu Tode geängstigt, sie hörten nicht mehr auf zu weinen." Seine Tochter sei vollkommen außer sich gewesen. "Kein neunjähriges Mädchen sollte so etwas sehen." Die beiden hatten Glück: Sie hatten das Konzert etwas früher verlassen, weil er nicht in den Stau geraten wollte.

"Wir lassen sie nicht gewinnen"

In der Fußgängerzone von Manchester gab es am Dienstagvormittag einen zweiten Moment des Schreckens. "Plötzlich kamen Leute auf mich zugerannt, sie schrien, wir sollten alle raus", sagt Paolo, 30, der einen Handyladen im Arndale-Einkaufszentrum besitzt. Das Zentrum wurde komplett evakuiert. Ein Polizist sagte ihm, man habe eine verdächtige Tasche gefunden.

Viele Läden rund um das Einkaufszentrum blieben zunächst geschlossen, die Polizei rief dazu auf, das Stadtzentrum zu meiden. Trotzdem waren viele Menschen unterwegs, gingen shoppen oder Kaffetrinken. In den Schaufenstern hingen Schilder mit "We Love Manchester" und "#wearemanchester". "Wir führen unser Leben weiter wie bisher", sagte Jonathan, 36, ein Anwalt. "Wir lassen sie nicht gewinnen."

Die britische Innenministerin Amber Rudd sprach von einer "mutwilligen Attacke gegen die Verletzlichsten in unserer Gesellschaft". Kommentatoren wiesen zudem darauf hin, wie sehr der Anschlag der Terrorattacke vom November 2015 gleiche: Damals hatten islamistische Terroristen in dem Konzertklub Bataclan 89 zumeist junge Menschen getötet.

Zusammen gegen den Terror

Auch in Manchester, so scheint es, hat der Anschlag einen islamistischen Hintergrund. Am frühen Nachmittag reklamierte die Terrormiliz "Islamischer Staat", wie so oft in den vergangenen Monaten, die Tat für sich. Die Polizei hielt sich derweil noch zurück und gab lediglich bekannt, die Identität des Attentäters zu kennen. Am Nachmittag wurde im Süden der Stadt ein 23-Jähriger verhaftet.

Für die Einwohner von Manchester zählt jedoch etwas anderes. "Ich war heute stolz auf meine Stadt", sagt Ben, 20. Alle hätten zusammengestanden, Hotels und Privatleute hätten Zimmer angeboten, Taxifahrer Leute kostenlos nach Hause gefahren. Ben ist am Tag danach in die Stadt gekommen, um Fotos für seinen Instagram-Account zu machen. "Ich will der Welt zeigen, dass wir immer noch lächeln."

Es wirkt so, wie es der frisch gewählte Bürgermeister der Großregion Manchester, Andy Burnham, bereits kurz nach der Tat prophezeit hatte: So wie die Londoner nach den Terroranschlägen zusammengehalten hätten, "steht nun auch Manchester auf seine Weise zusammen", sagte der Labour-Politiker. "So sind wir, so gehen wir die Dinge an - sie werden nicht gewinnen."

Karte zum Anschlagsort
SPIEGEL ONLINE/GoogleEarth

Karte zum Anschlagsort

Video: Theresa May zu Terroranschlag - "Neue Dimension der Feigheit"

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