Kampf um EU-Chefposten Kennen Sie diesen Mann?

Ein Bayer für Europa: CSU-Vize Manfred Weber hat beste Chancen, der mächtigste Politiker der EU zu werden. Wer ist der Unscheinbare?

Manfred Weber
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Manfred Weber

Von , Brüssel


Da steht er nun und lüftet ein Geheimnis, das schon längst keines mehr ist. Manfred Weber, der Niederbayer aus Wildenberg im Landkreis Kelheim, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament. Weber, der unscheinbare CSU-Außenseiter mit dem Allerweltsnamen, der es dennoch zum Vizeparteichef gebracht hat. Dieser Manfred Weber also greift jetzt nach dem höchsten Amt, das die EU zu vergeben hat.

"Ich möchte Spitzenkandidat und EU-Kommissionspräsident werden", ließ Weber am Mittwoch in Brüssel offiziell wissen. Kurz zuvor hatte er seine Kandidatur in der EVP-Fraktionssitzung angekündigt, es gab Applaus, gleich mehrfach. Europa, so Weber, dürfe kein Projekt der Eliten und Bürokraten bleiben: "Ich will Europa den Menschen zurückbringen."

Weber hat lange gezaudert. Seit der SPIEGEL im Mai erstmals über seine Ambitionen berichtete, hat er mit seiner Frau gesprochen, mit Freunden, mit Parteifreunden. In der Sommerpause reifte die Entscheidung. "Ich habe mich gefragt, ob ich den Job meistern kann", sagte der 46-Jährige nun: "Ja, ich bin bereit."

"Eine große Chance für Europa"

Sicher, diese Ansage ist nur der erste Schritt auf einem langen Weg, der wohl auch mit der Europawahl im Mai 2019 nicht enden wird. Da ist zunächst Webers Parteienfamilie, die Europäische Volkspartei EVP, in der es wohl Gegenkandidaten für die Spitzenposition geben wird. Anfang November wird in Helsinki entschieden.

Hinzu kommt, dass ausgerechnet der Vorzeige-Europäer Emmanuel Macron von der Sache mit den europäischen Spitzenkandidaten nichts hält. Heißt: Egal, wer die Wahlen im Frühjahr gewinnt, Frankreichs Präsident wird seine Karten im großen Poker um Europas Topposten wohl erst danach auf den Tisch legen.

Und dennoch: Manfred Weber hat gute Chancen. Schließlich stand seit dem CDU-Politiker Walter Hallstein kein Deutscher mehr an der Spitze der Gemeinschaft. Fünf Jahrzehnte liegt das jetzt zurück. Künftig wäre es dann auch Webers Job, mit US-Präsident Donald Trump zu ringen, um etwa einen drohenden Handelskrieg zu verhindern.

"Manfred Webers Kandidatur ist eine große Chance für Europa", sagt Ex-CSU-Chef Erwin Huber dem SPIEGEL, Webers langjähriger Förderer in der Partei, "ein junges, frisches Gesicht". Dabei ist Weber in Brüssel und in der CSU kein unbeschriebenes Blatt, im Gegenteil.

Nach einem Zwischenspiel im Bayerischen Landtag zog Weber im Jahr 2004 ins Europaparlament ein. Er war JU-Chef in Bayern, später Chef der niederbayerischen CSU. Damit gehörte er zur Riege der mächtigen Bezirksfürsten, gegen die nichts geht bei den Christsozialen.

Den entscheidenden Schub bekam seine Karriere vor gut vier Jahren, als er an die Spitze der EVP-Fraktion aufstieg, der größten Gruppierung im Parlament, der auch CDU und CSU angehören.

Mann des Ausgleichs

Schnell machte sich Weber als Mann des Ausgleichs einen Namen. Das war nötig, aber es passt auch zu seinem Naturell. Im Europaparlament ist jeder Abgeordnete eine kleine Ich-AG, aufgestellt im eigenen Land und daher in Brüssel kaum disziplinierbar. "Ich bin ein Brückenbauer", sagt Weber von sich selbst. Das wird er noch brauchen können - in einer EU, der eine Zerreißprobe im Kampf mit den Populisten droht.

Ausgleich, dafür warb Weber zuletzt auch im großen Streit zwischen seiner Partei und der Kanzlerin. Eine Auseinandersetzung, die durchaus das Zeug dazu hatte, seinen Brüsseler Ambitionen in letzter Minute den Garaus zu machen.

CSU-Vize Weber, Ministerpräsident Söder
DPA

CSU-Vize Weber, Ministerpräsident Söder

Weber hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den scharfen Kurs von Parteichef Horst Seehofer und Ministerpräsident Markus Söder gegen Merkels Flüchtlingspolitik für falsch hielt.

Am vergangenen Donnerstag trat Weber im bayerischen Landtagswahlkampf auf, in Bad Neustadt an der Saale, einem kleinen Kurort an den Ausläufern der Rhön. Der Saal ist voll, die örtlichen Honoratioren hören gar nicht auf, über den Mann zu flöten, der schon bald "an Europas höchsten Posten" aufsteigen werde.

Weber hält eine Rede, wie man sie von Ministerpräsident Söder nicht hören würde. Er spricht Themen an, die weit über den Horizont des normalen CSU-Spitzenpersonals hinausgehen. Er nimmt die Zuhörer mit an die Schwarzmeerküste, wo er mit Bulgariens Premier unlängst über Migration und Grenzschutz sprach, sie sind Gast in 10 Downing Street, wo er mit Theresa May über den Brexit und der britischen Innenministerin über Sicherheitsfragen nach dem Austritt der Briten diskutierte. Auch Macron reserviert im Élysée-Palast schon mal eine Dreiviertelstunde für Weber.

Weber, das ist der "Mister Weltläufig" der CSU, er tut einer Partei gut, deren Mythos als "Europas letzter Volkspartei" gerade mit jeder neuen Umfrage weiter schrumpft. Während die Legende in Bayern stirbt, strebt wenigstens einer aus der Partei an die europäische Spitze. Ein Trost, vielleicht.

In vielerlei Hinsicht ist Weber das Gegenmodell zu CSU-Klassikern wie Söder. Weber spricht leise, die eingestickten Initialen auf seinem Hemd dürften das einzig Extravagante sein, was er sich leistet. Der Mann interessiert sich tatsächlich für Inhalte in der Politik, die Show kommt, wenn überhaupt, erst an zweiter Stelle.

In der CSU ist Weber für so viel Zurückhaltung lange belächelt worden, nun ist seine Kandidatur in Brüssel höchst erwünscht. Selbstverständlich ist das nicht, lebte die CSU doch bislang auch von einer wohl inszenierten und kalkulierten Gegnerschaft zu Brüssel und den vermeintlichen Eurokraten.

Diese Frontstellung dürfte sich kaum aufrechterhalten lassen, wenn ein CSU-Mann an Europas Spitze rücken sollte.

Auch Angela Merkel sieht die Vorteile, die Weber als Kommissionschef für sie haben könnte. Die Kanzlerin schätzt Webers unaufgeregte Art. Als einer der wenigen CSU-Leute trifft Weber Merkel regelmäßig unter vier Augen. Anderseits ist Weber aber nicht Merkels Geschöpf. Das ist wichtig für ihn in den kommenden Monaten, um Akzeptanz in einer EU zu finden, in der Merkels Autorität nach Flüchtlings- und Eurokrise deutlich gelitten hat.

Für Weber zog eher EVP-Boss Joseph Daul die Strippen, der 71-jährige Schattenmann unter Brüssels Entscheidern. Und, in der niederbayerischen Heimat, natürlich Ex-CSU-Chef Huber. Herausgekommen ist, um es kurz zu machen, ein sehr untypischer CSU-Mann: sanft im Auftreten, bestimmt in der Sache. Liberal in gesellschaftspolitischen Fragen, aber ein beinharter Innenpolitiker, wenn es darum geht, Viktor Orbáns Verbleib in der EVP zu rechtfertigen oder Sebastian Kurz' Abschottungspolitik gegen die Flüchtlinge auf der Westbalkanroute im Frühjahr 2016.

Oft hat Weber gezaudert. Als es im Herbst 2016 darum ging, dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz als Parlamentspräsident nachzufolgen, blieb er in Deckung. Und auch, als in Bayern nach der Bundestagswahl die Nachfolge Horst Seehofers als Ministerpräsident anstand, unterließ Weber es lieber, allzu forsch nach dem Amt zu greifen.

Nun sind die Würfel gefallen, Webers Wagnis beginnt.

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
friedrich.grimm@gmx.de 05.09.2018
1. Weber?
"Ich will Europa den Menschen zurückbringen." Ich frage mich nur welches Europa Herr Weber wohl meint, und ich befürchte, das es nicht das Europa ist, das wir imgrunde bräuchten. Und einen Bick in seine so genannte "Parteifamilie, EVP, Fidesz, PIS usw. kann einem den ganzen Tag verderben. Ich glaube nicht, dass wir diesen Herrn, in dieser Position, brauchen.
FolkertH 05.09.2018
2. Kandidatur Manfred Weber
Als jemand der ihn persönlich kennt habe ich mich über seine Kandidatur sehr gefreut. Mit ihm würden wir einen kompetenten, wahrhaftigen und vertrauenswürdigen, international geachteten Menschen als Präsidenten bekommen.
mariakar 05.09.2018
3. Antwort auf die Frage: Ja
Herr Weber war oft genug sonntags im bayrischen TV am Stammtisch zu sehen und zu hören.
mickohl 05.09.2018
4. Weber??
Fuer friedrich.g Ne, ne PIS greift er schon an die sind auch nicht in der EVP. Die sind zwar eine Kopie von Orban aber eben nicht in der EVP. Der feine Unterschied fuer die Stradivari unter den.....geigen.
triptychon5zehn 05.09.2018
5.
Juncker ist schlimm genug, wer braucht denn bitte noch einen rechtsgesinnten Bayern, der für Despoten in die Bresche springt...tut mir Leid, so wird das mit Europa nichts mehr.
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