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Republikaner Rubio: Der wahre Sieger

Aus Des Moines, Iowa, berichtet

AP

Im Schatten von Cruz und Trump sorgt Marco Rubio für eine Überraschung. Der Senator entwickelt sich bei den Republikanern zur letzten Hoffnung der Vernünftigen. Wie gefährlich wird er den Hardlinern?

Es war eigentlich schon viel zu spät, aber irgendwann kam Marco Rubio doch noch in die Kirche gehetzt. Die Caucus-Versammlung der "Gloria Dei Church" in West Des Moines näherte sich der Abstimmung, als der Kandidat mit Frau und vier Kindern zur Tür hineingelaufen kam und vor dem Altar zum Mikro griff. "Das letzte Mal, als meine Frau und ich in einer Kirche in Iowa waren, haben wir kurz danach geheiratet", rief er. "Mal sehen, was heute passiert." Die anwesenden Republikaner lachten, und Rubio konnte rasch noch seine politischen Botschaften loswerden.

Sein Einsatz hat sich gelohnt - für den 44-jährigen Senator aus Florida endete die Vorwahl in Iowa mit einem großen Erfolg. Rechtsaußen Ted Cruz hat zwar den Caucus vor Donald Trump gewonnen. Aber Rubio war mit seinem dritten Platz der Einzige der Republikaner-Kandidaten, der die Erwartungen bei Weitem übertraf. Wenn noch jemand aus der Mitte der Partei zu einem echten Gegenspieler der beiden Hardliner werden kann, ist das Rubio. Alle anderen Kandidaten, die zum sogenannten Partei-Establishment zählen, fuhren in Iowa jämmerliche Ergebnisse ein. Rubio ist, wenn man so will, die letzte Hoffnung der Vernünftigen.

Ergebnisse der US-Vorwahlen
Der kommenden Vorwahl in New Hampshire kann der Senator vergleichsweise gelassen entgegensehen. Der Staat im Nordosten der USA ist liberaler als Iowa. Evangelikalen-Liebling Cruz dürfte es hier mit seinen erzkonservativen Positionen deutlich schwerer haben. Und Trump steht unter dem Druck, gewinnen zu müssen, um Zweifel an seiner Kandidatur zu zerstreuen. Rubio hat mit seinem Ergebnis in Iowa seine Anhänger motiviert, in New Hampshire kann er sich als Alternative zu den Hardlinern präsentieren. "Ich bin der einzige Kandidat, der die Partei vereinen kann", testete er auf der Wahlparty in Des Moines gleich mal seine neue Botschaft.
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Marco Rubio: Der eigentliche Gewinner von Iowa

Vor allem bei jüngeren Wählern punktet er

Seine Fans sind schon lange davon überzeugt, dass Rubio der gefährlichste Gegner für die Demokraten wäre. Jung, dynamisch, konservativ: Aus ihrer Sicht ist der Senator ein perfektes Gegenmodell zur 68-jährigen Hillary Clinton - nicht zuletzt deshalb, weil er als Sohn kubanischer Eltern in der Latino-Wählerschaft punkten könnte. Inhaltlich scheint Rubio ausreichend flexibel zu sein, um weite Teile der Partei zu repräsentieren. Außenpolitisch setzt er auf militärische Stärke, auch sozialpolitisch vertritt er eine harte Linie, lehnt Abtreibung und die Homo-Ehe ab. Wirtschaftspolitisch zählt er zum Reformerflügel. Besonders die Bildungspolitik unterscheidet ihn von den anderen Kandidaten. Mit seiner Forderung, Universitäten erschwinglicher zu machen, hat Rubio in Iowas jüngerer Wählerschaft überproportional punkten können.

Rubio ist ein glänzender Debattierer, kaum jemand setzt seine Botschaften sicherer als er. Aber auch er hat sich von Trumps Dominanz verunsichern lassen. Als er im Frühsommer 2015 seine Kandidatur verkündete, verknüpfte er das mit einer hoffnungsvollen, optimistischen Rhetorik. Je effektiver Trump jedoch unter den Amerikanern Abstiegsängste schürte, desto mehr verließ Rubio seinen Kurs. Zuletzt klang seine Beschreibung vom Zustand Amerikas ähnlich pessimistisch wie die von Trump.

Seine Achillesferse ist die Einwanderungspolitik. Als Neuling in Washington war er Teil einer Gruppe von Senatoren, die für eine vergleichsweise liberale Gesetzesreform plädierten. Doch als er merkte, wie sehr ihm das auf dem rechten Flügel der Partei schadete, nahm er Abstand von dieser Position. In den vergangenen Monaten näherte er sich einigen Haltungen Trumps, wenngleich er sie klüger und durchdachter präsentierte. Aber sein Wankelmut bei diesem sensiblen Thema dürfte in einem Hauptwahlkampf keine Hilfe sein.

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Erster US-Caucus: So lief die Wahl in Iowa

Noch ist er lange nicht der Kandidat der Republikaner. Aber Iowa hat seine Chancen wachsen lassen. Trump und Cruz haben zwar 50 Prozent hinter sich versammeln können. Das ist viel - heißt aber auch, dass 50 Prozent der Wähler im Agrarstaat einen anderen wählten.

Rubios Aufstieg stellt jene Kandidaten, die sich ebenfalls zum sogenannten Partei-Establishment zählen, vor ein Problem. Alle wissen: Wenn die Partei einen Gegenspieler zu Trump und Cruz aufbauen will, muss sie sich hinter einem Bewerber versammeln, ihm sämtliches Geld und alle Unterstützung zur Verfügung stellen. Bei einem Drei-Mann-Wettbewerb, so das Kalkül, würden sich Cruz und Trump jeweils die Stimmen wegnehmen. Und jene Hälfte der Wählerschaft, die die beiden Hardliner nicht will, könnte sich auf die Seite des dritten Mannes schlagen - zum Beispiel Rubio.

Das Problem ist, dass weder Jeb Bush, der Ex-Gouverneur von Florida, noch Chris Christie, der Gouverneur aus New Jersey, noch irgendein anderer Establishment-Kandidat bisher signalisiert haben, bald auszusteigen. Im Gegenteil: Sie setzen alle auf New Hampshire und ihre eigene Chance. Doch Rubios Leute sagen sich: Noch ein Ergebnis wie in Iowa, und das Problem löst sich von selbst.

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Unsere Reporter Veit Medick, Marc Pitzke und Holger Stark berichten vor Ort aus Iowa.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Erkenntnis
darthmax 02.02.2016
hat beim Spiegel etwas länger gedauert. Auch Rubio gehört zu den Erzkonservativen, der sich nur besser vermarktet. Damit ist er gefährlicher als der Polterer Trump oder Fundamentalist Cruz.
2. Das habe ich befürchtet
UncleRuckus 02.02.2016
Dass Rubio gerade noch rechtzeitig ein Hoch erlebt und damit zu einem echten Kandidaten wird. Das Blöde ist dass er auch bei der "General-Wahl" eine echte Chance gegen die Demokraten hätte. Normalerweise haben die Republikaner, aufgrund der demographischen Entwicklung und die Verücktheit der republikanischen Basis, keine wirkliche Chance bei der Präsidentenwahl, doch Rubio traue ich das zu. Er ist pures Plastik. Jeder sieht in ihm das was er sehen will und er hat all die großen Geldgeber auf seiner Seite. Eigentlich repräsentiert er genau das was dieses Jahr so verpönt ist - das Establishment, jedoch fürchte ich ihn am meisten. Dabei hatte ich mich schon auf Sanders gegen Trump gehofft, das wären sehr unterhaltsame Debatten geworden und am Ende hätte Sanders ihn nicht nur vernichtet, sondern hätte gute Chancen gehabt alle 50 Statten zu gewinnen und hätte damit die Republikaner dazu gezwungen endlich aufzuwachen und ins 21. Jahrhundert zu kommen.
3. Vernünftig?
mxfh 02.02.2016
Marco Rubio ist genauso Hardliner wie der Rest der GOP-Kandidaten. Trump ist der einzige der eben kein politisch-religiöser Konservativer ist, und somit in der General Election mehrheitsfähig wäre. Ja Trump ist als Person unmöglich und Krawallbruder, aber politisch näher an den Demokraten als sonst wer.
4. Relativ
gandhiforever 02.02.2016
Zweifellos ist Rubio der eigentliche Gewinner auf Seiten der Republikaner. Ihn jedoch als Vernuenftigen zu bezeichen, ist schon gewagt. Unter Spinnern wirkt einer, der weniger spinnt, ja auch mal als vernuenftig.
5. Falsch definierte Abgrenzungen, nach wie vor.
jakam 02.02.2016
Es gibt in den USA keine "linke Partei", es gibt nur die vollkommen rechtsaußen stehenden Republikaner, rassistisch, rückwärtsgewandt, homophob, frauenrechtefeindlich - so auch Rubio. Und dann haben wir die Demokraten, die ungefähr wie unsere CDU hier sind. Der einzige Kandidat, der ein soziales Gewissen hat und mittiger steht, als man zu glauben scheint, ist Bernie Sanders - und damit die Hoffnung auch für Europa, mal einen empathischen und korrekt eingestellen Mann an der Spitze dieses Landes zu sehen. Dollar-Billary Clinton repräsentiert genauso die Kungelei mit dem Großkapital, wie all die republikanischen Kandidaten, die noch weiter rechts von ihr stehen.
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