Arabische TV-Sendung für Flüchtlinge Deutschland für Anfänger - ein Anfang für Deutschland

"Marhaba" heißt das Format, "willkommen": Constantin Schreiber moderiert eine arabische TV-Sendung für Flüchtlinge in Deutschland. Er erntet Lob aus Nahost - aber auch Hass aus Deutschland.


Zum Autor
  • Urbachat
    Constantin Schreiber, Jahrgang 1979, ist Korrespondent und Moderator bei RTL und n-tv. Für die TV-Reihe "Marhaba - Ankommen in Deutschland", in der er Geflüchteten den deutschen Alltag erklärt, wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Auf Arabisch moderiert er außerdem das Wissenschaftsformat "Scitech" auf dem ägyptischen Sender ONTV.
Nicht über Flüchtlinge reden, sondern mit ihnen. In ihrer Sprache, um etwas von unserem Land und unseren Erwartungen zu erzählen - das war das Ergebnis einer Brainstorming-Runde in meiner Redaktion. Eine Kollegin nannte die Idee "Deutschland für Anfänger".

Als wir vor wenigen Tagen bei meinem Sender n-tv das Pilotprojekt "Marhaba" an den Start brachten, hätten wir nicht gedacht, dass es so schnell Fahrt aufnehmen würde. In fünfminütigen Videos, die auf n-tv.de veröffentlicht werden, erkläre ich auf Arabisch (so gut man das in der Kürze der Zeit kann), wie wir Deutschen ticken. In den kommenden Folgen von "Marhaba" wird es unter anderem um Religion, Fremdenfeindlichkeit und Sex gehen. Ich spreche Arabisch, weil ich als Deutscher lange im Nahen Osten gelebt habe, in Syrien, im Libanon, in Dubai. Im ägyptischen Fernsehen moderiere ich eine Wissenschaftssendung.

Das erste Video wurde inzwischen mehrere hunderttausend Mal gesehen, Tausende Kommentare erreichten uns via Facebook, Mail und Twitter, aus Deutschland, Europa, dem Nahen Osten, Kanada. Dass ich bei dem Thema Flüchtlinge heftige Reaktionen zu erwarten habe, war klar. Aber nicht so.

"Bettnässer", "degeneriert" oder "abartig" waren noch die freundlicheren. Es wurde zum n-tv-Boykott aufgerufen. Mehr als einmal wurde in unserer Sendung "der Untergang des Abendlands" erkannt. Ein Leser kommentierte "Das ist Deutschlands Ende:" Eine Frage, die immer wieder aufkam, lautete: "Ist es jetzt soweit? Müssen wir jetzt Arabisch lernen?"

Ganz anders die Reaktionen aus dem Nahen Osten. Flüchtlinge schrieben mir und bedankten sich. Sie lieferten Themenvorschläge oder wollen bei der Sendung mithelfen. Anwälte, die arabische Flüchtlinge vertreten, wollen von ihren Fällen erzählen.

Angst, deutsche Geschichte zu vergessen

Aber es war nicht nur dumpfes Bashing, das von deutschen Nutzern über uns hereinbrach. Viele Leser schrieben lange, nachdenkliche Mails, die zeigen: Die Menschen in Deutschland sorgen sich. Und das muss man ernst nehmen.

Eine ältere Frau schrieb mir, sie sei als junge Frau aus Schlesien geflohen. Sie habe einfach Angst, dass ihre Geschichte vergessen wird und wir unsere Identität aufgeben. 15 Millionen Deutsche kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge aus dem Osten im Westen Deutschlands an. Sie brachten nicht mehr mit als Flüchtlinge aus Syrien heute - die Kleidung am Leib, Dokumente, Fotos ihrer Familie.

Eine dieser 15 Millionen Deutschen war meine Mutter, geboren in den alten deutschen Ostgebieten, in einer "Stadt, deren Namen heute keiner mehr kennt" - um es mit den Worten von Gräfin Dönhoff zu sagen, die selbst ihre ostpreußische Heimat auf der Flucht verlassen musste, und die später ein Buch mit diesem Titel schrieb. Meine Mutter und ihre Familie haben nie über das traumatische Erlebnis der Flucht gesprochen. Erst sehr spät verstand ich, warum meine Großmutter bei Gewitter panische Angst hatte - es erinnerte sie an die Bomben.

Die Flüchtlinge aus dem Osten haben Deutschland mit zu dem gemacht, was es heute ist. Historiker sagen, dass erst die Verdichtung von Know-how und Bildung durch die Millionen Flüchtlinge das Wirtschaftswunder Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht haben.

Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Die Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg und die Flucht vor Chaos und Krieg im Nahen Osten sind grundverschieden. Die religiösen und sprachlichen Unterschiede stellen eine enorme Herausforderung dar. Ich kann die Sorgen der alten Dame aus Schlesien verstehen, die mir schrieb. Aber gerade ihr Beispiel zeigt doch, was unser Land alles geschafft hat.

Die Welt ist auf Wanderschaft

Die Debatte, die wir führen, ist keine deutsche. Sie ist eine globale. In Dubai fragen sich die Menschen inmitten von Glitzer, nackter Haut und Shopping-Malls, wie sie ihre islamische Gesellschaft bewahren können. In den USA ordnen die Hispanics, die Einwanderer aus Lateinamerika, die Demografie neu. Die Welt ist auf Wanderschaft und vielleicht wird man eines Tages tatsächlich auf diese Zeit zurückblicken als eine Phase moderner Völkerwanderung, in der Kulturen und Gesellschaften quasi durchgewürfelt wurden.

Es geht nur mit Offenheit. Was wir erleben, ist nicht Deutschlands Ende, sondern der Beginn von etwas Neuem. Deswegen werde ich diese Sendung auf Arabisch auch weitermachen. Nur indem wir Offenheit vorleben, können wir sie von anderen erwarten - und einfordern! Und das tue ich auch. Natürlich fordere ich ein, dass Menschen, die bei uns leben, unsere Sprache sprechen, unser Grundgesetz achten, unsere Kultur respektieren. Aber das sage ich Ihnen auf Arabisch - und ich bin mir sicher, sie werden es so verstehen.

Video: Ausschnitt aus Constantin Schreibers Sendung für Flüchtlinge

n-tv
Hier geht es zur Langfassung der ntv-Sendung "Marhaba" in zwei Ausgaben, einmal mit deutschen Untertiteln, einmal mit arabischen Untertiteln.

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