Marina Weisband auf dem Maidan "Kaum einer nimmt Klitschko ernst"

Marina Weisband verbrachte die vergangene Woche auf dem Maidan. Im Interview berichtet die Piratin und gebürtige Ukrainerin von ihren maskierten Begleitern und erklärt, warum die Opposition nicht mit einer Stimme spricht. Deutsche Medien zeichnen ihrer Ansicht nach ein verzerrtes Bild.

Piratin Weisband (im August 2013): "Klitschkos Rolle wird in Deutschland überschätzt"
DPA

Piratin Weisband (im August 2013): "Klitschkos Rolle wird in Deutschland überschätzt"

Von


SPIEGEL ONLINE: Frau Weisband, Sie haben die vergangene Woche auf dem Maidan verbracht. Wie war die Stimmung?

Weisband: Es war ein sehr gemischtes Bild. Da waren Nationalisten, Ultralinke, Rentner. Auf der Bühne wurden Gedichte vorgetragen, am Rande an Barrikaden gearbeitet. Die Lage war noch ruhig, aber die Leute waren orientierungslos.

SPIEGEL ONLINE: Man sieht vor allem Bilder hochgerüsteter Demonstranten mit Stahlhelm, Knüppel, kugelsicherer Weste.

Weisband: Ja, fast jeder zweite auf dem Maidan ist maskiert und trägt improvisierte Schutzkleidung. Die rüsten sich so auf, weil ihnen hochgerüstete Polizeitruppen mit Kalaschnikows gegenüberstehen, die für eine autoritäre Regierung arbeiten. Ich hatte auch erst Angst, über den Platz zu laufen, weil da überall Männer mit Knüppeln sitzen. Aber die meisten waren sehr freundlich. Ich wurde selbst von zwei Maskierten begleitet, als ich mal zur Gruschewskistraße ging, wo sich die Demonstranten und die Berkut-Einheiten gegenüberstehen. Meine Begleiter waren sehr freundlich, wahrscheinlich nicht einmal volljährig.

Zur Person
  • Getty Images
    Marina Weisband, 26, wurde als Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei bekannt und hat das Buch "Wir nennen es Politik" geschrieben. Sie ist in Kiew geboren.
SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie überhaupt dort?

Weisband: Ich war eine Woche in Kiew, und wurde von Demonstranten eingeladen, in deren Offener Universität auf dem Maidan einen Vortrag über "Liquid Democracy" zu halten. Die Leute auf dem Platz sind ja in verschiedene Gruppen gespalten, es gibt keine gemeinsame Diskussion, wie es weitergeht. Meine Mitstreiter arbeiteten daran, gemeinsame Forderungen aller Gruppen zu erarbeiten. Das ist jetzt durch die Eskalation erst mal hinfällig.

SPIEGEL ONLINE: Die Opposition hat doch klare Forderungen.

Weisband: Es gibt zwei große Fraktionen. Da sind die Oppositionsparteien und da ist die unabhängige Bürgerbewegung, die zunächst gar mit dem Motto "Maidan ohne Politik" aufgetreten ist. Von denen glauben die meisten, die Oppositionsparteien würden sich genauso korrupt wie die jetzige Regierung verhalten, kämen sie an die Macht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Vitali Klitschko?

Weisband: Klitschkos Rolle wird in Deutschland sehr überschätzt. Die Oppositionsparteien sind Teil des Euromaidans, aber nicht die Speerspitze. Klitschko wird als Figur kaum ernst genommen. Ich selbst habe niemanden getroffen, der von ihm begeistert war. Er spricht kaum ukrainisch, sagt bei seinen Auftritten nur wenige Sätze. Die Leute sind gegen Korruption auf der Straße und nicht für oder gegen eine Partei. Das ist zumindest mein Eindruck von vor Ort.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der Ukraine geboren und haben noch einen ukrainischen Pass. Wie geht es Ihnen jetzt, mit dieser Eskalation?

Weisband: Ich mache mir natürlich Sorgen. Man weiß abends nicht, was die Ukraine für ein Land sein wird, wenn man am nächsten Morgen aufwacht. Kiew ist jetzt im Ausnahmezustand, Verwandte von mir leben dort, Bekannte sind auf dem Maidan.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren bis Sonntag vor Ort, aber jetzt, wo die Lage eskaliert, sitzen Sie in Münster vor den Livestreams und twittern.

Weisband: Ich schäme mich fast, wieder zu Hause zu sein. Aus meiner Gruppe hätte niemand gedacht, dass es jetzt schon eskaliert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Bild getwittert, offensichtlich ein Propagandabild, das suggerieren will, auf dem Maidan hänge ein großes Hitler-Porträt. Wer verbreitet das?

Weisband: Dieses Bild stammt von einem russischen Twitteraccount - der Avatar hat im Foto eine kleine Russlandflagge. Das sehe ich als Teil der russischen Propaganda. Auch das russische Fernsehen, was vor allem im Osten der Ukraine geguckt wird, verbreitet, dass auf dem Maidan vor allem Nationalisten und Hitler-Kollaborateure seien. Es wird gezielt mit Desinformation gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Die gibt es doch auch.

Weisband: Ja, auch. Ich möchte auch nicht, dass bewaffnete rechte Milizen die Macht übernehmen. Aber die Demonstranten müssen sich auch wehren.

SPIEGEL ONLINE: Wann kehren Sie zurück auf den Maidan?

Weisband: Ich hoffe, im Frühjahr. Im Moment ist die Einreise für mich zu gefährlich, ich bin ja auf dem Maidan öffentlich bei der Opposition aufgetreten.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 304 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kampftier 20.02.2014
1. Hier in Deutschland die dicke Kohle machen ...
Zitat von sysopDPAMarina Weisband verbrachte die vergangene Woche auf dem Maidan. Im Interview berichtet die Piratin und gebürtige Ukrainerin von ihren maskierten Begleitern in Kiew, warum die Opposition nicht mit einer Stimme spricht - und dass deutsche Medien ein verzerrtes Bild zeichnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/marina-weisband-ueber-maidan-und-protest-in-kiew-a-954479.html
Kann kaum Deutsch Reden .... Und sich dann in der Ukraine Aufspulen ....Die Klitscko Brüder sollten besser Zuhause bleiben ...Sorry ..
egal 20.02.2014
2. Schnuckelig
Sieht sie ja aus, aber ich denke, die Rolle die sie hier zu spielen gedenkt, ist ihr 4 Nummern zu gross. Nix aus Kiev kann man zur Zeit glauben, leider.
women_1900 20.02.2014
3.
Die deutschen Medien "müssen" ein verzerrtes Bild zeichnen, damit Zustimmung in der Bevölkerung dafür aufkommt, daß die auch noch die Ukraine in die EU aufgenommen wird. Was ich sehr bezeichnend finde, ist die Tatsache, daß anscheinend das abgehörte und , Gott sei Dank veröffentlichte, Telefonat der US Außenministerin bereits in "Vergessenheit" geraten ist. Es geht doch einzig darum, die Großmannsucht des Herrn Barrosso zu und den kalten Krieg der USA gegen Russland zu finanzieren. Diese Macher in der EU nehmen mindestesn billigend in Kauf, daß Menschen zu Schaden kommen bzw. ihr Leben lassen. All die blutigen Bilder sind dazu geeignet, daß die "Gutmenschen" in der EU und Deutschland sich wieder vor den Karren der Mächtigen spannen lassen. Man sollte bitte auch darüber berichten, daß Goldman Sachs in der Ukraine "investiert" hat bzw. zur "Investitionen" Empfehlungen ausgesprochen hatte. Klitschko ist nicht mehr als ein Handlanger der USA und Frau Merkel, Herr Steinmeier, Martin Schulz etc. ebenso.
veritas31 20.02.2014
4. Klitschko ist nur ein Esel
der sich (auch von deutschen "Medien") vor den Karren spannen lässt. Da wird so getan, als ob es nur einer "Führungsfigur" bedarf, um eine Revolution zum Erfolg zu bringen. Genau so schwachsinnig wie die These, dass ein allgemeiner Facebookaccount den arabischen Staaten Frieden bringt. Die Ukraine wird sich schon wieder arrangieren - auf die eine oder andere Art und Weise aber garantiert OHNE Herrn Klitschko!
vrdeutschland 20.02.2014
5. Ach, nee...
Klitschko wird nicht ernst genommen ? Na sowas... Aber immerhin hat ihn doch die Kanzlerin empfangen. Dann muß er doch der Politiker der nächsten Regierung angehören. Wie naiv ist man eigentlich im Westen geworden ? Hoffentlich sind die Ukrainer nicht ganz so doof wie die Kalifornier, die Arnold Schwarzenegger gewählt haben. Das war nämlich auch nur Schwachsinn hoch zehn, aber wenigstens ist es ohne Gewalt abgegangen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.