Neue Eskalation in der Ostukraine Unser Krieg in Europa

Der Krieg in der Ostukraine wird immer rücksichtsloser geführt. Um den Feind zu demoralisieren, stellen die Separatisten getötete Ukrainer zur Schau. Aber auch die Gegenseite brüstet sich mit Brutalität.

AFP

Von , Moskau


Die Olympia-Straße liegt am Stadtrand von Mariupol, im Nordosten der ukrainischen Hafenstadt. Das ukrainische Militär hält die Stadt seit dem Frühling, ein paar Hundert Meter von den Wohnblöcken entfernt haben Soldaten einen Checkpoint errichtet. Vielleicht galt der Angriff am Wochenende eigentlich diesem Posten, vielleicht war die Salve Grad-Raketen aber einfach zu ungenau.

Die Geschosse verfehlten den Kontrollpunkt um 400 Meter. Sie schlugen ein in Wohnhäuser, auf einem Markt, in Geschäften und in einer Schule. Sie zerstörten viele Fahrzeuge, einige davon mitten in der Fahrt. Insgesamt kamen bei dem Angriff mehr als 30 Menschen ums Leben. Beobachter der OSZE machen die prorussischen Separatisten dafür verantwortlich.

Amateurfilmer haben das Ausmaß der Zerstörung dokumentiert und vielfach auch die grässlichen Schrapnell-Wunden der Opfer.

Solche Videos sind in dem Konflikt zu Waffen geworden. Beide Kriegsparteien verbreiten zudem grausame Bilder. Wir kämpfen gegen Barbaren, soll das heißen.

Die Schreckensbilder kommen in immer kürzeren Abständen und von beiden Seiten der Front. Am 13. Januar starben ein Dutzend Buspassagiere bei einem Angriff auf einen ukrainischen Checkpoint nahe dem Städtchen Wolnowacha. Am 22. Januar wiederum kamen in der Rebellenhochburg Donezk viele Menschen durch einen Granatenangriff auf eine Haltestelle ums Leben.

Je länger der Krieg in der Ostukraine dauert, desto enthemmter wird er geführt, ohne Rücksicht auf das Leben von Zivilisten oder gar die Einhaltung allgemein anerkannter Regeln.

Die Separatisten flankieren ihren Vorstoß derzeit mit einer Propaganda-Offensive. Nach der Eroberung des Donezker Flughafens treiben sie ukrainische Gefangene durch die Stadt. Die Soldaten werden gedemütigt. Die Separatisten rechtfertigen das mit den Zerstörungen und den Opfern durch ukrainischen Beschuss in den vergangenen Wochen.

Einige der Aufnahmen zeigen auch Misshandlungen durch die Separatisten. Auf einem der Videos ist ein Rebellenkommandeur zu sehen, der sich Giwi nennt. Er schlägt mehrere Gefangene, das Gesicht eines Ukrainers ist blutverschmiert. Giwi gestikuliert mit einer Pistole, dann lässt er sich einen riesigen Säbel reichen. Bei einem zweiten Verhör droht der Kommandeur einem Gefangenen, Rache zu nehmen an dessen Heimatstadt. Er hält auch das Passfoto der Ehefrau eines ukrainischen Soldaten in die Kamera.

Die Übergriffe sind keine Kurzschlussreaktion von Frontkämpfern, sondern wohl inszeniert. Der Kommandeur Giwi absolvierte seinen Auftritt vor Kamerateams russischer Medien, darunter das Kreml-nahe Nachrichtenportal "Lifenews". Es ist ein Sprachrohr der Separatisten.

Misshandlungen und Zurschaustellung von Kriegsgefangenen verletzen internationales Recht, sie verstoßen gegen die Genfer Konventionen. Dort heißt es: "Die Kriegsgefangenen müssen ferner jederzeit geschützt werden, namentlich auch vor Gewalttätigkeit oder Einschüchterung, Beleidigungen und der öffentlichen Neugier."

Die Propaganda der Separatisten benutzt Gefangenen-Misshandlungen dennoch gezielt. Die Videos sollen die Ukrainer demoralisieren. Auch eine in Berlin sitzende Video-Agentur beteiligt sich daran. Das Unternehmen Ruptly ist eine Tochter von Russia Today, des Auslandssenders des Kreml. Ruptly hat seine Büros in Berlin und soll westlichen Video-News-Agenturen wie Reuters Konkurrenz machen. Die meisten Ruptly-Videos gibt es kostenlos im Internet. Eine der Aufnahmen zeigt einen ukrainischen Gefangenen. Er wird durch Donezk geführt und geschlagen.

Die Verrohung ist aber auch auf der ukrainischen Seite zu festzustellen: Am 23. Januar etwa brüstete sich ein Berater von Präsident Petro Poroschenko auf Facebook mit einem Angriff auf einen feindlichen Truppentransport und deutete die Exekution Verwundeter an. Die Verletzten hätten noch "zwei Stunden wegzukriechen versucht, dann ihr eigenes Grab ausgehoben und dann, ... na ja, dann."

Wenige Tage zuvor hatten ukrainische Medien triumphierend gemeldet, einer Partisaneneinheit namens "Schatten" sei es gelungen, einen General der russischen Armee in Donezk auszuschalten. Mehrere Webseiten veröffentlichten dazu Fotos, sie zeigen das mutmaßliche Opfer mit durchschnittener Kehle. Ob die Aufnahmen echt sind, ist kaum zu verifizieren. Sie wurden als erstes auf Facebook veröffentlicht. Über 5000 Ukrainer gaben an, ihnen gefalle der entsprechende Post, mehr als 3400 verbreiteten die Fotos weiter.

Viel spricht dafür, dass der Krieg in der Ostukraine noch brutaler wird. Der "Premierminister" der selbsternannten Volksrepublik Donezk hat angekündigt, seinen Kämpfern einen neuen Befehl zu erteilen. Als Vergeltungsmaßnahme für den Beschuss von Donezk werde man in Zukunft "keine Gefangenen mehr machen".

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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Seite 1
2Fast4U 26.01.2015
1. Krieg ist Grausam
Schön Herr Bidder dass Sie dies mittlerweile auch merken und weniger einseitig berichten. Ein Russland das nichts mehr zu verlieren hat wird unberechenbar. Ob wir uns das wünschen sollten? So schwer kann ein Verzicht auf NATO Mitgliedschaft der Ukraine doch nicht fallen.
zuse 26.01.2015
2. Stoppt diesen Wahnsinn
Wann sehen die Politiker endlich ein, dass man diesen Konflikt nicht mit Waffen lösen kann, sondern nur mit ernstgemeinter und ehrlicher Diplomatie. Wichtiger über den Schrecken des ersten und zweiten Weltkriegs zu reden ist die Erhaltung des Friedens in der Gegenwart. Ich sehe bei den Politikern zur Zeit keinen wirklichen Friedenswillen und die Medien heizen den Konflikt auch noch an.
P.Ohlmann 26.01.2015
3.
Leider kann sich Putin ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht leisten. Weder innenpolitisch noch (laut seiner imperialistischen Wahrnehmung) geopolitisch. Würde die Ukraine den Weg Polens gehen (pro-europäisch, EU, evt sogar NATO), wäre sie für den Anschluss an Russland für lange Zeit verloren. Putins Träume einer wiedererstarkten russischen Weltmacht wären damit hinüber. Neben der Ukraine wird hauptsächlich das russische Volk unter diesem Krieg leiden. Hoffen wir, dass der Nationalismus in Russland nicht komplett aus dem Ruder läuft und die Russen über kurz oder lange ihre Besatzungstruppen aus der Ukraine abziehen.
m.heusler 26.01.2015
4. Zum Reden gehören immer zwei
Zitat von zuseWann sehen die Politiker endlich ein, dass man diesen Konflikt nicht mit Waffen lösen kann, sondern nur mit ernstgemeinter und ehrlicher Diplomatie. Wichtiger über den Schrecken des ersten und zweiten Weltkriegs zu reden ist die Erhaltung des Friedens in der Gegenwart. Ich sehe bei den Politikern zur Zeit keinen wirklichen Friedenswillen und die Medien heizen den Konflikt auch noch an.
Putin hau mit seinen heutigen Aussagen eindeutig gezeigt wes Geistes Kind er ist. Reden hilft hier nicht weiter. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät ihn mit harten Sanktionen in die Schranken zu weisen. Als Mann einer ukrainischen Frau aus Putins Novorussia mit täglichem Kontakt zu Bekannten in die Krisenregion ist mir unsere Presse übrigens zu russenfreundlich.
C. Goldbeck 26.01.2015
5. Russland isoliert sich selbst
Ob die Ukraine irgendwann zur NATO gehören sollte, entscheiden die Ukrainer selbst. Und ich glaube nicht mehr, dass es in absehbarer Zukunft auch nur ansatzweise realistisch ist, dass die Ukrainer wieder Seite an Seite mit Russland stehen wollen. Es ist schon zu viel Blut geflossen, auf ukrainischem Boden. Russland könnte jetzt nur noch mit roher Gewalt die Ukraine besetzen und das Volk als Besatzungsmacht unterdrücken. Was wäre das für eine Zukunftsperspektive? Insofern sind die Würfel eigendlich schon gefallen, Russland hat seine Rolle als Schutzpatron aller Slawen verspielt und isoliert sich gerade selbst.
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