Ukraine-Krise Anarchie in Mariupol

Im südukrainischen Mariupol herrscht am Tag nach den Kämpfen Chaos. Durch die Straßen ziehen betrunkene Jugendliche, die Bewohner plündern eine Armeekaserne. Die Schuld für das gestrige Blutbad geben die Menschen der Kiewer Regierung.

Aus Mariupol berichtet

Ein Mann vor einer Polizeistation in Mariupol: Schießereien mit vielen Toten und Verletzten im Stadtzentrum
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Ein Mann vor einer Polizeistation in Mariupol: Schießereien mit vielen Toten und Verletzten im Stadtzentrum


In Mariupol herrscht seit gestern Anarchie. Betrunkene Jugendliche ziehen am Samstagnachmittag über den Metallurgenprospekt, hinter der Stadtverwaltung lungern einige von ihnen um einen ausgebrannten Panzer herum, an einigen Kreuzungen haben sie Barrikaden aus Holz und Autoreifen errichtet. In einer Seitenstraße sind die Fenster eines Waffengeschäftes eingeschlagen: Marodeure haben die Schränke und Regale vollständig leer geräumt.

Freitagabend hatten die Armee und andere Einheiten eine Kaserne unweit des Zentrums verlassen, seitdem wird sie geplündert. Über die Nachimowstraße rollt ein Schützenpanzerwagen, oben vom Fahrzeug weht die Fahne der "Volksrepublik Donezk", gelenkt wird es von einigen sichtlich betrunkenen jungen Männern.

Ein Mann kommt mit seinem kleinen Sohn und einem Dackel an der Leine durch das aufgebrochene Tor der Kaserne: "Liebling, ich hab einen Feuerlöscher und eine Schaufel mitgenommen", erklärt er seiner Frau am Telefon. Die Menschen sind gut gelaunt, schleppen Stühle, Computer, Helme, Schutzschilde aus den Gebäuden der Kaserne.

Über die letzten Wochen war die Lage in der 500.000-Einwohner-Stadt am Asowschen Meer relativ friedlich geblieben: Die Stadtverwaltung war mehrfach besetzt und wieder von der Polizei befreit worden, allerdings immer unblutig.

Am Freitag änderte sich das: Am Morgen rollten Panzer der ukrainischen Armee in die Stadt, dabei kam es zu Schießereien mit vielen Toten und Verletzten im Stadtzentrum. In einem vorläufigen Report spricht Human Rights Watch (HRW) am Samstag von mindestens sieben Toten und 40 Verletzten.

Wo sind die Leichen der Terroristen?

Vom Grund für das gestrige Blutbad existieren zwei sehr unterschiedliche Versionen: die offizielle und die der Menschen in Mariupol. Die offizielle verlautbarte gestern der ukrainische Innenminister Arsen Awakow auf seiner Facebook-Seite: In Mariupol hätten 60 Terroristen, bewaffnet mit Maschinengewehren, versucht, das Polizeipräsidium einzunehmen. Die Polizisten hätten daraufhin die Armee und die Nationalgarde zu Hilfe gerufen, die 20 Terroristen tötete und vier gefangen nahm.

Tatsächlich zeigen Bildern von Überwachungskameras einige leicht bewaffnete Männer vor dem Polizeipräsidium, und von den bislang namentlich bekannten Todesopfern sind sechs Mitglieder von Polizei oder Armee. Aber wo sind die Leichen der 20 Terroristen? Videos vom Freitag zeigen auch, wie die Soldaten beim Rückzug aus Maschinengewehren auf Zivilisten schießen und dabei mehrere verletzen, einen von ihnen tödlich.

In Mariupol erzählt man deshalb eine ganz andere Geschichte. Gegen Mittag erzählen Hunderte Bürger sie vor dem immer noch qualmenden Polizeipräsidium, einem fünfstöckigen Bau, der nun aussieht, als sei ein Fliegerangriff auf ihn geflogen worden. Eduard Neschto, selbst ein früherer Polizist, war am Freitag gegen elf Uhr vor Ort und sah, wie Soldaten ohne Erkennungszeichen das Gebäude stürmten, mit großkalibrigen Maschinengewehren und unter Einsatz von Schützenpanzern. Auf dem Asphalt zeigt er die Spuren, die die Ketten der Panzer hier hinterlassen haben.

Acht tote Polizisten

Neschto glaubt, dass der Armeeeinsatz eine Racheaktion der Zentralregierung war. "Unsere Polizisten haben sich den Befehlen Kiews widersetzt: Sie wollten nicht auf das eigene Volk schießen." Nach dieser Version schoss die Armee also auf die eigenen Leute. Neschto war im Leichenschauhaus und zeigt ein Bild, das angeblich den ermordeten Chef der Verkehrspolizei zeigt. "Dort liegen acht tote Polizisten, alle mit Schussverletzungen."

Unklar ist die Rolle des Polizeipräsidenten: Manche örtliche Medien berichteten, die Polizisten hätten gegen den erst vor wenigen Tagen von Kiew ernannten Walerij Andrjuschuk rebelliert, daraufhin habe dieser die Armee gerufen. Andrjuschuk ist seit gestern verschwunden: Das Kiewer Innenministerium meldet, er sei von den Terroristen verschleppt worden. Neschto behauptet jedoch, er habe sich schlicht und einfach in Sicherheit gebracht.

Besonders anarchisch ist die Lage in Mariupol, weil die prorussischen Demonstranten praktisch keine Führer haben. Die Menschen erzählen, dass diese über die letzten Wochen in den Untergrund gegangen seien, aus Angst vor Verfolgung durch die Kiewer Regierung. Die Menge der Menschen ist deshalb sich selbst überlassen.

Blut auf dem Asphalt

Die ersten Zeichen von Staatsmacht sind einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums zu finden: Verstärkt von Dutzenden Schützenpanzerwagen kontrollieren Soldaten von Armee und Nationalgarde die Einfahrten in die Stadt. Weiter draußen, am Flughafen, haben sie ihr Lager aufgeschlagen: Mehrere Hundert Soldaten unterschiedlichster staatstreuer Einheiten sind hier versammelt, darunter das Selbstverteidigungsbataillon "Donbass", das sich aus Kämpfern des Maidan zusammensetzt.

Werden sie versuchen, vor dem für Sonntag geplanten Referendum die Stadt einzunehmen? "Wir kämpfen nicht gegen die Bevölkerung, wir kämpfen gegen bewaffnete Separatisten", sagt ihr Kommandeur Semjon Semjontschenko. "Aber wenn es morgen in der Stadt zu Gewalttaten kommt, werden wir eingreifen." In der Nacht fürchtet Semjontschenko jedoch einen Angriff der Terroristen auf den Flughafen. In Mariupol riecht es einen Tag nach den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach Bürgerkrieg.

Auf der Leninstraße, wo gestern ein Mariupoler erschossen wurde und unter anderem ein Kameramann des russischen Fernsehsenders Russia Today einen Bauchschuss erlitt, liegen am Abend Blumen auf dem Boden, getrocknetes Blut klebt auf dem Asphalt. "Ich kann das nicht verstehen, warum die auf friedliche Menschen geschossen haben", sagt Alla, eine 54-jährige Krankenschwester. Jetzt sei sie erst recht entschlossen, am morgigen Tag für die Bildung der "Volksrepublik Donezk" zu stimmen. "Wir sind gute Menschen hier in Mariupol, aber wir wollen doch zu Russland."

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Pinin 11.05.2014
1. Bravo, kann ja wohl nicht wahr sein ...
... dass SPON hier mal objektiv berichtet.
93160 11.05.2014
2. Lieber herr Gathman
Ich wuensche Ihnen persoenlich nur, auf sich aufzupassen. Es ist mutig genug dort vor Ort jetzt sein zu muessen.Kommen Sie gesund wieder nachhause.
Keine Macht 11.05.2014
3. Anarchie
Zitat von sysopDPAIm südukrainischen Mariupol herrscht am Tag nach den Kämpfen Chaos. Durch die Straßen ziehen betrunkene Jugendliche, die Bewohner plündern eine Armeekaserne. Die Schuld für das gestrige Blutbad geben die Menschen der Kiewer Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/mariupol-ukraine-krise-fuehrt-zu-anarchie-in-mariupol-a-968734.html
Wo immer Chaos herrschet , wird das Wort Anarchie benutz....Schade, Journalisten , die in Spiegel Artikeln schreiben, wissen sie nicht was Anarchie tatsächlich bedeutet.
realdemokrat420 11.05.2014
4. unglaublich
Da sieht man doch das die kiewer Regierung total rassistisch, illegal, menschenverachtend etc ist und Deutschland und der Westen unterstützt immernoch so eine geistesgegestörte Regierung wir sollten uns schämen das ist der erste objektive Bericht vom Spiegel über die Ukraine kriese. Ich stehe voll und ganz hinter den Zivilisten (medien: Separatisten) im Osten und putin
chr.reinhard 11.05.2014
5. optional
warum kommen die brisanten artikel eigtl. immer gegen null uhr rein?
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