Ministerin Marlène Schiappa Die Frau, der die Macrons vertrauen

Sie legt sich mit Frauenärzten an, lässt sexistische Beleidigungen hart bestrafen: Marlène Schiappa, Frankreichs Ministerin für Gleichberechtigung. Im Élysée-Palast hat sie eine mächtige Verbündete.

Marlène Schiappa
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Marlène Schiappa

Von , Paris


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Kürzlich hatte das Pariser Klatschmagazin "Closer" zu einer Fernsehsendung geladen. Marlène Schiappa, Ministerin für Gleichberechtigung, war gekommen - und legte gleich einmal los: "Ich bin in einer armen Vorstadt aufgewachsen, ich weiß, wie das ist, wenn man am Ende des Monats nicht genug Geld für das Essen der eigenen Kinder hat", so "Madame la Ministre". Das Publikum war begeistert.

Die 35-jährige Autodidaktin Schiappa ist in Frankreich derzeit dauerpräsent. Ob in den Klatschspalten, als Buchautorin oder Rednerin vor der Pariser Nationalversammlung - überall Schiappa. Repräsentative Umfragen sehen sie als das drittbeliebteste Mitglied der Regierung von Emmanuel Macron.

Der französische Präsident sagte zwar einmal von sich, den Feminismus spät entdeckt zu haben, fügte aber gleich hinzu: "Wie alle spät Konvertierten, bin ich umso entschlossener." Seither lässt er Schiappa alle Freiheiten ihres Amts, um sich als die führende Feministin Frankreichs zu profilieren. "Frankreich ist zurück. Der Feminismus auch", rief Schiappa im März vom Rednerpult vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Könnte es sein, dass der Feminismus im Land von Simone de Beauvoir mit dieser Ministerin neue Farben bekommt?

"Frauen müssen die Wahl haben"

Erst einmal bekommt Frankreich von ihr ein Gesetz, das eine neue Straftat einführt: die sexistische Beleidigung. Auf frischer Tat ertappt, wird dafür ein Strafgeld zwischen 90 und 700 Euro fällig. Und das Risiko, erwischt zu werden, steigt. 10.000 speziell ausgebildete Nachbarschaftspolizisten sollen dem neuen Gesetz in den nächsten Jahren Nachdruck verleihen.

Schiappa mit Präsident Macron
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Schiappa mit Präsident Macron

Für Schiappa ist das ein Riesenerfolg. Schließlich schrieb sie diese Maßnahme vor 15 Monaten in Macrons Wahlprogramm, nachdem repräsentative Umfragen gezeigt hatten, dass in Frankreich acht von zehn Frauen in der Nacht Angst haben, allein auf die Straße zu gehen, weil sie Übergriffe von Männern befürchten. Und die fangen meist mit sexistischer Beleidigung an. Heute sagen Umfragen, dass 75 Prozent der Franzosen das neue Gesetz befürworten.

Aufregung bei den Gynäkologen

"Die Vergewaltigungskultur" lautete der Titel eines Buchs, das Schiappa vor zehn Jahren schrieb. Sie prangerte schon damals an, was die #MeToo-Debatte nun an die Öffentlichkeit bringt. Umso schneller zieht sie Konsequenzen: Sex mit Personen unter 16 Jahren gilt in Frankreich vor Gericht fortan als Vergewaltigung. "Wir schaffen ein klares soziales Verbot: Ein Kind rührt man nicht an", begründet die Ministerin ihre Maßnahme.

Auch andere Missstände klagt Schiappa mit großer Deutlichkeit an. "In Frankreich erleiden 75 Prozent aller Frauen bei der Geburt einen Dammriss", schrieb die Ministerin in einem Brief an den französischen Gynäkologen-Verband und sprach von "Geburtshilfe-Gewalt". Die Aufregung der Ärzte war groß: "Nein, wir misshandeln unsere Patienten nicht", antwortete der Verbandschef der Gynäkologen.

Schiappa (ganz links) mit den Macrons
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Schiappa (ganz links) mit den Macrons

Aber Schiappa hatte ein wichtiges Problem angesprochen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren ging das Konzept der natürlichen Geburt ohne ärztlichen Eingriff von Frankreich aus um die Welt. Man nannte es Leboyer-Methode nach ihrem französischen Begründer. Heute wird die Methode in vielen Ländern Europas praktiziert - nur nicht in Frankreich. Schiappa fordert: "Frauen müssen die Wahl haben." Ob bei der Geburtsmethode, beim Elternurlaub oder ganz allgemein zwischen Familie und Beruf.

Frau soll nicht nur allein für die Familie da sein

Für Frankreichs bislang tonangebende feministische Eliten ist das ein Tabubruch. Schon die große Simone de Beauvoir, der die Weltliteratur feministische Gründungsschriften wie "Das andere Geschlecht" verdankt, betonte nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Frau, sich vom Mann unabhängig zu machen. Dazu gehörten für de Beauvoir Ausbildung und Arbeit - Familie allein darf keine Alternative sein. Bis heute empfehlen de Beauvoirs feministische Erbinnen wie die einflussreiche französische Philosophin Elisabeth Badinter, dass Mütter besser nicht stillen. Stattdessen sollten sie nach der Geburt schnellstmöglich an den Arbeitsplatz zurück. Sonst würden sie ihre berufliche Unabhängigkeit riskieren.

"Unsere Gesellschaft ist am Sexismus erkrankt", sagte Macron auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte Ende vergangenen Jahres. Für einen französischen Präsidenten waren das ungewöhnlich offene Worte. Privates und Politisches werden in Frankreich immer noch viel strenger getrennt als in Deutschland. Zumindest an diesem Punkt war die 68er-Generation in Frankreich bisher ziemlich erfolglos.

Schiappa aber will genau das ändern: "So oft weit von euch entfernt", heißt ihr neuestes, im Mai in Paris erschienenes Buch. Darin schreibt sie auf Dienstreisen sehr privat klingende Briefe an ihre zwei Töchter. Sie schreibt dort sogar von ihren Flirts. Die Pariser Kritik aber war entsetzt: "Aufschreiben, warum nicht? Aber muss man das veröffentlichen?", fragte das feministisch-orthodoxe und linksliberale Magazin "L'Obs".

Außerdem hatte das Gleichberechtigungsministerium am 22. Mai offiziell zu einer Lesung aus dem Buch eingeladen. Sofort setzte es eine Klage bei einer nationalen Aufsichtsbehörde gegen Schiappa wegen der Zweckentfremdung öffentlicher Mittel. Der Fehler "werde sich nicht wiederholen", musste ihr Ministerium klein beigeben.

Best Buddys mit Brigitte

Ihr Aufstieg von der Stadträtin, Bloggerin und Buchautorin in der Provinz bis in die Machtzirkel von Paris wird oft mit dem ihres Chefs Macron verglichen. Der setzte sich gegen rechte und linke Parteien durch. Schiappa will sich, so sagt sie heute, über die alten ideologischen Gegensätze im französischen Feminismus hinwegsetzen. Die einen hätten immer nur auf die gleichen Rechte der Frau geklopft. Die anderen dagegen die Einzigartigkeit der Frau, ihres Körpers, ihrer Gefühle betont. Beides sei richtig, so Schiappa, "die Frau muss nur die Wahl haben". Und dafür wolle sie in der Politik nun sorgen.

Dabei kann sich Schiappa auf mächtige Verbündete verlassen. "Sie und Brigitte Macron sind sehr eng miteinander. Sie telefonieren viel und Brigitte berät sie", berichtet eine Mitarbeiterin über die Zusammenarbeit Schiappas mit der Ehefrau des Präsidenten. Die ist fast 30 Jahre älter, ihr wird ein erheblicher Einfluss auf ihren Mann zugeschrieben. Dabei wirkt Brigitte Macron oft wie eine typische Vertreterin der älteren Feministinnen-Generation.

Hätte Schiappa ausgerechnet sie überzeugt, wäre das ein weiteres Indiz für einen Zeitenwandel in Frankreich.


Zusammengefasst: Marlène Schiappa, Ministerin für Gleichberechtigung, ist derzeit in Frankreich überall. Im TV, in den Klatschspalten und im Élysée-Palast sowieso. Mit ihren Ideen stößt sie so manche Feministin der alten Schule vor die Stirn. Doch Präsident Emmanuel Macron lässt sie walten. Zu seiner Frau Brigitte pflegt die Ministerin eine freundschaftliche Beziehung. Ihren Einfluss in den höchsten Sphären der französischen Politik dürfte das nicht schmälern.

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seine-et-marnais 17.06.2018
1. Ein Schmankerl von Schiappa
Wes Geistes Kind Schiappa ist zeigte ein Tweetwechsel ïn dem die gute Marlene Schiappa von ihrem Vater kräftig korrigiert wurde. Schiappas Vater ist Marxist, und die gute Marlene wollte uns verkaufen dass Macron nun auch 'linke' Politik macht. Denn Macron muss das Sozialbudget kürzen wenn es seine 3%Verschuldungsgrenze einhalten will und hat sich beschwert dass das Sozialnetz ein 'Schweinegeld' (pognon de dingue) kostet. Macron setzt auf individuelle Hilfen, Schulungen usw bei der Arbeitsbeschaffung, um die Gewerkschaften auszuschalten, um die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu individualisieren (Ein-Mann-Firmen stehen bei ihm in besonderer Gunst). https://www.20minutes.fr/societe/2290835-20180615-marlene-schiappa-cite-marx-fait-sechement-recadrer-pere @MarleneSchiappa Toucher 550€ de RSA/mois ne permet pas de sortir de la pauvreté s’il n’y a pas d’accompagnement efficace vers le travail. Un vrai travail, un vrai salaire: voilà le projet du gouvernement ! « L’émancipation des travailleurs sera l’oeuvre des travailleurs eux-mêmes » (K.Marx) 550 Euros im Monat erlauben es nicht der Armut zu entkommen wenn es keine effiziente Begleitung zur Arbeit gibt. Eine richtige Arbeit, ein richtiges Gehalt, das ist das Projekt der Regierung. "Die Emanzipierung der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter selbst sein" (K.Marx) Die Antwort ihres marxistischen Vaters liess nicht auf sich warten: https://pbs.twimg.com/media/Dfvu0J4W0AAyZA5.jpg auf Deutsch 'Wenn die 1. Internationale schreibt, auf Vorschlag von Karl Marx (es ist daher inexakt diesen Satz als nur von Marx kommend zu zitieren) 'die Emanzipation der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter selbnst sein, dann drückt sie damit aus a, dass es sich um eine Kollektivarbeit handelt (die Arbeiter) und nicht um eine individuelle (jeder versucht alleine so gut wie möglich zurechtzukommen) b dass es sich um eine gemeinsame Emanzipation der Arbeiter, des Proletariats handelt (und nicht um einen persönlichen Erfolg) c, dass man nur auf der Basis der organisierten,bewussten, Arbeit den Erfolg erwarten kann. Es ist keinesfalls die Verteidigung eines kleinbürgerlichen Individualismuses (Vorwärts, mach deine eigene Start up auf). Nebenbei die Sozialhilfen zu zerstören ist kein Problem für diejenigen die ihre Start up aufbauen, und dabei von Steuererleichterungen, diversen Staatshilfen profitieren, usw Jean Marc Schiappa. Fazit: Schiappa ist nur ein sehr hohles, leider dominierendes Element im Macronismus. Da wird sogar der gute alte Karl Marx zitiert wenn man der Sozialhilfe und den Gewerkschaften den neoliberalen Garaus machen möchte.
schlauchschelle 17.06.2018
2. Ach wie gut
Wie gut, dass ich mich nie auf "Beziehungen" eingelassen habe und als Single durch's Leben gehe. Die einzigen Frauen in meinem Leben, welche eine Rolle spielen, sind Mutter & Schwestern, um den Rest mache ich einen großen Bogen. Aus meiner Sicht zurecht, es erspart unzählige unnütze Diskussionen, wie ich täglich an Klein-Klein-Diskussionen mit unserer neuen Kollegin sehe, und in Zukunft wahrscheinlich auch Café Gitterblick, und nein, ich bin nicht homosexuell, sondern habe meinen "Trieb" schon als Jugendlicher durch höherwertiges ersetzt (Hobby, Bildung, Kunst).
Irene56 17.06.2018
3. Eine Ministerin für Gleichberechtigung
Ah, um die Steuerzahler bluten zu lassen, lässt man sich überall etwas einfallen. Für Gleichberechtigung gleich ein Ministerium? Schön, jetzt meine Frage im Rahmen der Gleichberechtigung, warum muss dieses Ministerium von einer Frau geleitet werden? Haben Männer nicht die gleichen Rechte? Und im Elysee-Palast eine mächtige Verbündete? Madame Macron? Sie ist keine Politikerin, sie ist einfach nur die Ehefrau des Präsidenten. Wir würden uns doch sehr wundern, wenn Prof. Sauer plötzlich Merkel das Hänchen beim Regieren führt. Aber es ist ja bekannt, die linken Medien, allen voran unser SPON, bauen sich ihre Welt, wie es ihnen gefällt.
andneu 17.06.2018
4. Zurück in den Arbeitsdienst!
"Stattdessen sollten sie nach der Geburt schnellstmöglich an den Arbeitsplatz zurück." Also schnell zurück mit der Arbeitnehmerin an die Arbeitsfront! Für Kind und Familie da zu sein ist uncool! Du bist nichts! Deine Firma und die Wirtschaft ist alles! Es ist ganz schön dreist, eine solche Unterwerfung auch noch als emanzipatorischen Akt zu verkaufen.
schimon_says 17.06.2018
5. Dammschnitt statt Dammriss?
Ich vermute, dass im Teil über den Gynäkologen-Aufstand etwas durcheinander gebracht wurde: Ein Dammriss ist eigentlich eine natürliche Geburtsverletzung, den man durch einen vorzeitigen Dammschnitt vermeiden kann. Viele Frauen empfinden diesen Schnitt - der unter der Geburt stattfindet - jedoch übergriffig. Bei den üblichen Klinikgeburten kann so etwas nicht in Ruhe im Vorfeld besprochen werden, sondern wird häufig von einem - männlichen - Gynäkologen, ohne richtige Willenserklärung der Frau einfach durchgeführt. Ein Gynäkologe der diesen sowie viele weitere Übergriffe gegenüber Frauen unter der Geburt in Frage gestellt hatte, war Leboyer. Sein Buch heißt übrigens „Geburt ohne Gewalt“. Ich denke kaum, dass Frau Schiappa etwas dagegen haben könnte...
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