Massaker in Guinea: "Mein Krankenhaus sieht aus wie ein Schlachtfeld"

Von Horand Knaup, Nairobi

Nach dem Massaker im Stadion von Conakry vor zwei Tagen herrscht gespannte Ruhe in Guinea. Die Regierung bedauert die "tragischen Ereignisse". Der Präsident, einst bei der Bundeswehr ausgebildet, kündigt nationale Trauertage an - und ein hartes Vorgehen gegen die Opposition.

AFP

Nun soll alles nicht so gemeint gewesen sein. "Von tragischen Ereignissen" und einem "unglücklichen Zwischenfall" sprach der Chef der Militärregierung, Moussa Dadis Camara, und dass "einzelne Elemente" für die Exzesse verantwortlich seien. Zugleich wurden landesweit zwei Trauertage verordnet und die Flaggen auf halbmast gesetzt.

Das war einen Tag nach dem Gemetzel durch Sicherheitskräfte im Fußballstadion von Conakry, bei dem am Montag mutmaßlich über 150 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden.

Rund 50.000 Demonstranten hatten sich am symbolträchtigen 28. September - dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung von 1958 - vor und im Stadion versammelt, um gegen die anhaltenden Machtgelüste von Staatschef Camara, 45, zu protestieren. Aufgerufen zu der Demonstration hatte ein breites Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Zunächst versuchte der Sicherheitsminister, außerhalb des Stadions mit den Demonstranten zu reden. Als das erfolglos blieb und immer mehr Menschen nachströmten, gingen Uniformierte mit Gewehr und Bajonett gegen die Menge vor. Die Verletzten, die später in sämtliche Krankenhäuser der Stadt eingeliefert wurden, hatten Schuss- und Stichwunden, zudem sollen Dutzende von Frauen vergewaltigt worden seien. "Mein Krankenhaus sieht aus wie ein Schlachthaus", stöhnte ein Arzt in der Universitätsklinik der Stadt.

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Massaker in Guinea: Blutbad im Fußballstadion
In den Randbezirken der Stadt gingen die Unruhen auch am Tag danach weiter. Menschenrechtsgruppen berichteten von Plünderungen und wiederholten Vergewaltigungen durch Uniformierte.

Camara hatte sich im vergangenen Dezember mit Hilfe des Militärs an die Macht im bettelarmen Guinea geputscht, nur sechs Stunden, nachdem der langjährige Diktator Lansana Conte verstorben war. Ein paar Tage später rief er sich selbst zum Staatschef aus.

Camaras "deutscher Putsch"

Der Putsch damals, so berichtete der ARD-Hörfunk, sei auch "der deutsche Putsch" genannt worden, weil er unter anderem in deutscher Sprache vorbereitet worden war. Zwischen 1996 und 2005 ist Camara in mehreren Lehrgängen bei der Bundeswehr ausgebildet worden, unter anderem an der Führungsakademie, und hatte dabei auch Deutsch gelernt.

Wie bei so vielen afrikanischen Despoten war sein Umsturz zunächst auch mit Hoffnungen verbunden. Er versprach ein "großes Reinemachen", einen energischen Kampf gegen die grassierende Korruption und die zügige Ansetzung freier Wahlen. Es wären die ersten in der Geschichte Guineas gewesen. Doch den forschen Ankündigungen folgten zunehmend bizarre Auftritte.

Im staatlichen Fernsehen brüllte er vor laufender Kamera Beamte und Minister zusammen, er verhörte persönlich angebliche Drogendealer, und auch ausländische Diplomaten blieben von seinen Wutausbrüchen nicht verschont. Plötzlich war auch von einer Präsidentschaftswahl 2009 keine Rede mehr. Stattdessen kündigte er an, bei dem für Januar 2010 ins Auge gefassten Urnengang selbst zu kandidieren.

Das wollten sich viele Guineer nicht gefallen lassen, die Europäische Union drohte vor Wochen schon, ihre Hilfen zu kürzen, und selbst die Afrikanische Union (AU), sonst bei internen Angelegenheiten ihrer Mitglieder überaus geduldig, drohte mit Sanktionen, sollte Camara tatsächlich kandidieren.

Präsidialgarde tat sich durch Brutalität hervor

Guinea mit seinen rund 9,5 Millionen Einwohnern hat zwar neben Australien die weltweit größten bekannten Vorkommen an Bauxit, Grundstoff für die Aluminiumproduktion, ist zugleich aber eines der ärmsten Länder der Erde geblieben.

Weltweit hatte das Blutbad vom Montag Proteste ausgelöst. Frankreich hat seine militärische Zusammenarbeit mit Guinea ausgesetzt, die EU überdenkt ihre Guinea-Beziehung erneut, und auch die Amerikaner haben Juntachef Camara ungewöhnlich deutlich zum Innehalten aufgefordert.

Der will das Gemetzel nun untersuchen lassen. Überraschende Ergebnisse sind kaum zu erwarten. Vor allem die Präsidialgarde, so berichteten Augenzeugen, habe sich durch besondere Brutalität hervorgetan. Anstifter würden zur Rechenschaft gezogen, "subversive Zusammenkünfte" sind verboten.

So ist eine schnelle Rückkehr zu normalen Verhältnissen vorerst nicht zu erwarten. Denn trotz nationaler Trauer - Camara hält an seiner Politik der eisernen Hand fest. Die Anstifter vom Montag würden zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenzug kündigte Alpha Conde, Vorsitzender der "Bewegung des Volkes von Guinea" und langgedienter Oppositionspolitiker, bereits weitere Demonstrationen an. "Die Regierung muss gehen und einer Regierung Platz machen, die tatsächlich Wahlen organisieren kann."

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Forum - Wie können die Krisen in Afrika gemeistert werden?
insgesamt 2471 Beiträge
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    Seite 1    
1.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von sysop20 Jahre wütete der Bürgerkrieg im Norden Ugandas - seine Auswirkungen vergiften auch das Leben im Frieden. Wie soll aus Kindersoldaten, Vergewaltigten, Waisen und Greisinnen eine Gesellschaft wachsen? Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Ganz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
2.
Maddox 23.04.2009
Zitat von sysop20 Jahre wütete der Bürgerkrieg im Norden Ugandas - seine Auswirkungen vergiften auch das Leben im Frieden. Wie soll aus Kindersoldaten, Vergewaltigten, Waisen und Greisinnen eine Gesellschaft wachsen? Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Dazu sollten sich die Afrikaner äußern. Vielleicht in dem sie etwas gegen Korruption, Stammesdenken etc. unternehmen ?
3.
BillBrook 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Da weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
4. .
eulenspiegel 47 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Blah, blah, blah! Immer das gleiche Geleier: Die Schwarzen sind klug und weise und werden nur von den gemeinen Weißen angestiftet sich Arme und Beine abzuhacken.
5.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von BillBrookDa weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
Sehen Sie sich in der Lage, die Tatsachen, die in Artikeln wie diesem ... „Kampf um Kongos Rohstoffe" (http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29107&mode=print) ... geschildert werden, zu widerlegen ? Was früher „Kolonialismus“ war, nennt man heute, Orwell würde im Grab rotieren, „freien Welthandel“. Geändert hat sich nicht viel. Korrupte lokale Eliten, Warlords und Milizen werden als Strohmänner gesteuert, die Bodenschätze abgegriffen, auf die Bevölkerung ist geschi... Im Schnitt bleiben von den Erträgen 3% im Land, der Rest geht an die Multis. Und von diesen 3% zahlen die Länder (Ghana z.B.) noch den Kredit + Zinsen ab, den die Weltbank dem Land aufgezwungen hat, um, bitte anschnallen, die Erschließung ebenjener ghanaischen Goldvorkommen zu finanzieren.
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