Damaskus/Berlin - Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan haben die Tötung Dutzender Zivilisten im syrischen Ort Hula aufs Schärfste verurteilt. Es handle sich um ein "schreckliches und brutales Verbrechen", heißt es in einer am Samstag am Uno-Hauptsitz in New York verbreiteten gemeinsamen Erklärung.
Der "wahllose und unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt" stelle eine klare Verletzung internationalen Rechts dar. Ban und Annan forderten die syrische Regierung auf, den Einsatz schwerer Waffen in bewohntem Gebiet sofort zu stoppen. "Wer auch immer damit begonnen hat, wer auch immer darauf reagiert hat und wer auch immer diesen erbärmlichen Akt der Gewalt ausgeführt hat, sollte zur Verantwortung gezogen werden", hieß es in einer Erklärung
Am Abend hatten Beobachter der Vereinten Nationen bestätigt, dass bei einem Artillerieangriff auf ein Wohnviertel in syrischen Ort Hula mindestens 92 Menschen getötet worden sein, darunter 32 Kinder unter zehn Jahren. Der Leiter der Uno-Beobachtermission in Syrien, Robert Mood, verurteilte den Angriff und sprach von einer "brutalen Tragödie".
Nach Angaben der syrischen Opposition kamen bei der Militäraktion am Freitag 110 Menschen ums Leben. Die Hälfte der Opfer seien Kinder gewesen, berichtete der oppositionelle Syrische Nationalrat am Samstag. Familien seien komplett ausgelöscht worden.
Großbritannien fordert harte internationale Reaktion
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat das gewaltsame Vorgehen syrischer Regierungstruppen gegen Zivilisten in der Provinz Homs verurteilt. "Es ist schockierend und empörend, dass das syrische Regime seine brutale Gewalt gegen das eigene Volk nicht einstellt. Die Verantwortlichen für dieses Verbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden", hieß es weiter in dem Schreiben.
Der französische Außenminister Laurent Fabius sagte am Samstag: "Mit diesen neuen Verbrechen treibt das mörderische Regime Syrien weiter ins Grauen und bedroht die Stabilität in der Region."
Großbritannien forderte am Abend eine koordinierte Reaktion auf die anhaltende Gewalt im Land. "Wir haben eilige Beratungen mit unseren Verbündeten aufgenommen mit Blick auf eine harte internationale Reaktion", erklärte Außenminister William Hague am Samstag in London. Die britische Regierung werde eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrates "in den kommenden Tagen" beantragen.
Beschuss nach dem Freitagsgebet
Wie der Exil-Aktivist Ahmed Kassem in Beirut sagte, hätten seine eigenen Eltern, mit denen er am Samstag telefonieren konnte, das Artilleriefeuer auf den Ort Taldo bei Hula mit viel Glück überlebt. Seinem Bericht zufolge schlugen die ersten Artilleriegranaten mitten in die wöchentliche Protestkundgebung unbewaffneter Bürger nach dem Freitagsgebet in Taldo ein. Bereits dies habe ein große Zahl an Opfern verursacht. Danach hätten die Truppen Wohnhäuser unter Feuer genommen. Hunderte Granaten und Raketen sollen niedergegangen sein. Auch das Haus von Kassems Eltern sei getroffen worden. Diese hätten überlebt, weil sie rechtzeitig Schutz im Freien suchten.
Über den Hergang des mutmaßlichen Massakers sickerten am Samstag in Exilkreisen zunächst widersprüchliche Informationen durch. So seien viele Zivilisten nach dem Artilleriebeschuss von regimetreuen Freischärlern niedergemetzelt worden, die im Feuerschutz der Truppen von Haus zu Haus gegangen seien. Kassem widersprach diesen Angaben unter Berufung auf Angaben seines Vaters jedoch entschieden: "Ja, es ist ein neues Massaker, aber alle Opfer, alle unschuldigen Kinder wurden von den Granaten des Assad-Regimes getötet."
Die Wirkung war nach Oppositionsangaben verheerend. Von Aktivisten auf YouTube gestellte Videos zeigten zerfetzte und blutige Leichen von Familien mit Kindern in verschiedenen Wohnräumen. Aus Angst vor weiteren Angriffen setzte eine Massenflucht aus Taldo ein. Die Menschen zögen ins Landesinnere, wie die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte.
Das staatliche Fernsehen zeigte ebenfalls einen Beitrag, in denen gewaltsam getötete Menschen zu sehen waren. Dabei handle es sich um die Opfer eines Massakers terroristischer Banden, hieß es dazu.
Gewalt gegen das eigene Volk
Hula war in den vergangenen Monaten Schauplatz häufiger Kundgebungen gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dies gilt aber auch für andere Regionen der Provinz Homs sowie die gleichnamige Provinzhauptstadt. Aktivisten verbreiteten in der Nacht zum Samstag das Video einer Solidaritätskundgebung in der Stadt Homs für die Opfer von Hula. Darauf ist zu sehen, wie die Teilnehmer schwören, das vergossene Blut nicht ungesühnt zu lassen.
Der Syrische Nationalrat forderte die Einberufung des Uno-Sicherheitsrates, um die Verantwortlichen für das mutmaßliche Massaker festzustellen. Das Assad-Regime müsse die Gewalt sofort einstellen, den Friedensplan des ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan in vollem Umfang umsetzen und vorbehaltlos mit den Uno-Beobachtern zusammenarbeiten.
In Syrien unterdrückt das Assad-Regime seit fast 15 Monaten mit brutaler Gewalt eine anfangs friedliche Protestbewegung, die inzwischen stellenweise in einen bewaffneten Aufstand umgeschlagen ist. Die etwas mehr als 250 Uno-Beobachter sind seit Mitte des Vormonats unbewaffnet im Land. Sie überwachen eine kurz vor ihrem Eintreffen vermittelte Waffenruhe, die aber nur auf dem Papier steht. Waffenruhe und Uno-Einsatz sind Teil des Friedensplans des Uno-Vermittlers Kofi Annan. Der ehemalige Uno-Generalsekretär wird am Montag zu Gesprächen in Damaskus erwartet.
ore/usp/dapd/dpa/Reuters
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