Massaker in Kenia "Die einen töten mit Macheten, die anderen mit Pfeilen"

Der Aufstand gegen Präsident Mwai Kibaki eskaliert: Durch Nakuru, Kenias viertgrößte Stadt, ziehen schwerbewaffnete Banden und terrorisieren die Bevölkerung. Polizei und Militär haben die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren.

Aus Nakuru berichtet Thilo Thielke


Nakuru - Über der Armensiedlung Githima am Stadtrand Nakurus steht dichter Rauch. Militärlaster rollen durch die Straßen. In der Luft kreisen Armeehubschrauber. Und immer wieder fallen Schüsse. In Nakuru, der viertgrößten Stadt Kenias, herrscht Chaos. Seit drei Tagen bekriegen sich hier Stammesgangs, rund 60 Menschen wurden bereits getötet.

Auslöser waren die Gespräche des Staatsoberhaupts und Wahlfälschers Mwai Kibaki mit seinem Herausforderer Raila Odinga gewesen. Nach einem Treffen in Nairobi hatte Kibaki sich selbst als "ordnungsgemäß gewählten Präsidenten" bezeichnet. Seitdem eskaliert die Lage. Und trotz einer Ausgangssperre zwischen sieben Uhr abends und sechs Uhr morgens bekommt das angerückte Militär die Unruhen kaum in den Griff. Mittlerweile befinden sich mehrere Tausend Menschen in Nakuru auf der Flucht.

Wie Sophie Okiech haben sie in aller Eile ihre Häuser verlassen müssen. Die Mutter von vier Kindern hat nicht einmal eine Decke mitnehmen können. Angehörige einer verfeindeten Volksgruppe hatten gedroht, sie zu lynchen. Die ganze Nacht belagerten junge Männer das Haus. Sie wetzten ihre Messer und schärften die Macheten. Am Morgen flüchtete Okiech dann auf die Polizeistation. Überall finden diese ethnischen Säuberungen derzeit statt.

In Nakuru begann es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, als Gruppen von Kikuyus - der Stamm, dem Präsident Kibaki angehört - durch die Straßen der Stadt zogen und Jagd auf Luos und Kalenjin machten. Am nächsten Morgen rotteten sich mehrere Tausend Kalenjin aus der Umgebung zusammen und griffen ihrerseits die Kikuyus an. Seitdem wogt die Schlacht hin und her.

Es ist ein Kampf, der mit unglaublicher Grausamkeit geführt wird. Im Krankenhaus der Stadt werden rund um die Uhr Verwundete eingeliefert. "Wir haben nur zwei Ärzte derzeit", stöhnt eine Krankenschwester, "die meisten trauen sich nicht mehr zur Arbeit". Gerade wischt sie das Blut eines Angeschossenen weg, da humpelt hinter ihr schon ein Machetenopfer mit klaffender Kopfwunde vorbei. Und jemand, den ein Giftpfeil getroffen hat. Von den Hügeln, die die Stadt umgeben, peitschen Schüsse herüber. "Die Polizisten sind ausgezogen, zu töten", sagt ein alter Mann, der gerade einen Verletzten abgeliefert hat. Und dann fügt er unheilvoll hinzu: "Dies ist nicht das Ende des Kriegs, dies ist der Beginn."

Bislang war es ruhig gewesen in Nakuru, der Hauptstadt der Provinz Rift Valley. 500.000 Menschen leben in dem Ort, den der "Baedeker"-Reiseführer als "laut, staubig und trist" bezeichnet. Wie Nairobi verdankt die Stadt ihre Gründung der berühmten Uganda-Railway, dem "Lunatic Express". Die britischen Kolonialherren hatten Nakuru damals zum Zentrum der sogenannten White Highlands gemacht, dem fruchtbaren Land der weißen Siedler. Doch mittlerweile wird die Stadt von Kikuyus dominiert, der größten kenianischen Volksgruppe - die Kalenjin, die ursprünglich die Region bevölkerten, befinden sich in der Minderheit.

Als Kenias Kikuyu-Herrscher Kibaki Ende Dezember die Wahlen fälschen ließ, kam es zum Aufruhr vieler kenianischer Stämme, die sich von den Kikuyus benachteiligt fühlen. Am schlimmsten wüteten die Kalenjin. In einer Kirche in der Nähe von Eldoret verbrannten sie rund 40 Kikuyus, überwiegend Frauen und Kinder. Seitdem schwören die Kikuyus Rache. Dabei sollen einflussreiche kenianische Politiker insbesondere die sogenannten Mungikibanden aufrüsten. Mungiki ist eine krude, mafiöse Kikuyusekte, sie wähnt sich in der Tradition der berühmt-berüchtigten Mau-Mau-Freiheitskämpfer, die einst gegen die britische Kolonialmacht zu Felde zogen.



Forum - Chaos in Kenia - was muss passieren?
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Seite 1
Tobias417, 27.01.2008
1.
Wo ich gerade schon gelesen habe, das die sich mit Macheten und Pfeil und Bogen bekriegen (echt modern), halte ich das für ein verlorendes Land. Scheint so als ob wieder ein afrikanisches Land im Bürgerkrieg versinkt.
VevendoVides, 27.01.2008
2.
Wie sagte schon Homar von Dithfurt in den Siebzigern: "Lasst sie sterben" !?
K&K, 27.01.2008
3.
Zitat von sysopDie Kämpfe unter den Stämmen Kenias werden immer erbitterter, mit der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Dezember hat das kaum noch etwas zu tun. Wie kann verhindert werden, dass die Situation in dem ostafrikanischen Land weiter eskaliert?
Dieser Kontinent hat alles: Bodenschätze, Nahrung, vermarktbare Naturschönheiten (trotzdem gibt es nennenswerten Tourismus nur in ganz wenigen Ecken, bis dato u.a. Kenia) etc etc. Wo sonst auf der Welt fndet man das in Hülle und Fülle. Nach all den Unabhängigkeiten ging's bergab. In anderen Ex-Kolonien keineswegs, siehe Indien und anderswo. Diese korrupten Häuptlinge, die sich grinsend die Entwicklungshilfe einstreichen, um eine der Gattinen im Privatjet nach London zum Shopping zu schicken, logierend in den Suiten aller Luxushotels außerhalb Afrikas, ekelhaft. Nun kommen die Chinesen und klopfen ihnen auf die Schulter, bzw. öffnen das Geldbörsl. Wenn ich Afrika in den Medien sehe, schalte ich ab, blättere ich weiter. Jede Wette, Südafrika und Namibia werden in wenigen Jahren nicht anders sein wie Zimbabwe heute!
lef 27.01.2008
4.
Auch wenn es abgegriffen klingt: Der einzige (IMHO) Weg ist Ausbildung - allerdings nicht so eine Halbbildung, wie sie jetzt in Afrika überwiegend praktiziert wird (Schule nur ein paar Jahre), die macht Alles eher noch schlimmer. Die richtige Ausbildung fängt DANACH an (Berufsausbildungen), aber das ist m.Erfahrung nach von den Staaten selbst nicht bezahlbar (für ärmere Staaten) bzw. wird nicht bezahlt, weil das Geld korrupt verbraucht wird. Wie überall auf der Welt hat auch in Afrika keiner wirklich Lust, hart zu arbeiten, vor Allem nicht mit der Hand auf dem Land, aber der einfachere Weg des Geldverdienens führt nun mal über Industrialisierung (auch der Landwirtschaft), und das erfordert nun Mal gut ausgebildete Menschen. Davon ist Afrika so weit weg wie z.B. Deutschland im Jahr 1800. Aber: Wie mein Vorredner bin ich auch der Meinung, dass es jetzt schon zu spät ist. Die globalisierte Welt ist bereits aufgeteilt, und eine Produktion in heute noch nicht entwickelten Staaten ist wirtschaftlich für Keinen interessant. Ich kenne nicht Kenia, sondern Gambia - das allerdings sehr gut. Aber auch dort gibt es Stämme (sehr deutlich unterschieden, teilweise dorfzudorf), Armut und Korruption. Spenden machen Alles noch schlimmer: Nur die Halbbildung (für süße Kinder) wird gesponsort, nicht aber Berufsausbildung, ergo: Landflucht, und Entwicklungsprojekte werden zwangsläufig dorfweise geschenkt - das steigert den Hass der anderen Dörfer (und eben auch Stämme). Hinzu kommen anachronistische wertvorstellungen - die hochgepriesene Großfamilie ist da z.B. der größte Verhinderer von einzelnem Erfolg. IMHO: Alte Werte und Korruption sind nicht von Außen bekämpfbar, sondern nur von Innen. Das erfordert mindestens eine Generation (30 Jahre) allgemeinen Reichtum inklusive sehr guter Basisbildung ff wie z.B. in Europa. Für Afrika sehe ich keine Chance mehr - da haben die jetzigen Industriestaaten (inklusive China) überhaupt kein Interesse daran. Und Spendenzahlungen? Siehe oben.. Noch vor 11/2 Jahren sagte Kenias Wirtschaftsminister Shikvati (ungefähr): "Bleibt bloß mit Euren Entwicklungshilfegeldern weg...! Wenn wir Afrikaner es schaffen wollen, dann ganz alleine!" IMHO hatte er Recht. Und dann ist das jetzige Keniaproblem genau die Folge davon. Ob wir (die Industriestaaten) wirklich daran Schuld haben, ist schwer zu sagen. Aber verhindert wurde es durch unsere Hilfe genau so wenig.
einbayerausmünchen 27.01.2008
5.
Ist ein Jammer. Das Problem ist das Stammesdenken und ich sehe keinen einzigen Afrikanischen Staat südlich der Sahara in dem dieses Problem in irgendeiner Form gelöst wurde.
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