Massaker in Nigeria: Hetzen, jagen, töten

Von Horand Knaup

Christen und Muslime tragen im Herzen Nigerias einen blutigen Religionskrieg aus - Hunderte wurden in den vergangenen Tagen in der Stadt Jos massakriert. Der Konflikt dauert schon Jahre, doch der Staat schafft es nicht, die Gewalt zu beenden. Die Geschichte einer Tragödie.

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Christen gegen Muslime: Krieg der Religionen in Nigeria
Juba/Hamburg - Ausgebrannte Autos, verwüstete Wohnhäuser. Dazwischen verstörte Menschen und schwer bewaffnete Soldaten, auf der Straße liegt eine verkohlte Leiche. Nach tagelangen Kämpfen gleicht Jos einem Schlachtfeld. Wieder einmal hat es die Stadt in der Mitte Nigerias getroffen - wieder einmal sind Hunderte ums Leben gekommen.

Wieder einmal ging es darum, wer Muslim ist und wer Christ.

Was das Gemetzel am vergangenen Sonntag ausgelöst und wer wen provoziert hat, blieb unklar, wie so oft. Eine Version der Geschichte: Militante Muslime hätten Christen nach dem Sonntagsgebet aufgelauert. Andere Quellen besagen, der Streit habe begonnen, als christliche Jugendliche in ihrem Viertel gegen einen Muslim vorgegangen seien, der versucht habe, sein bei Unruhen 2008 niedergebranntes Haus wieder aufzubauen. Und wieder andere sagen, es sei um den Bau einer Moschee in einem christlich geprägten Viertel gegangen.

Dass radikale Muslime Jos attackieren wollten, darüber hatte es seit Wochen Gerüchte gegeben. Es blieb gespenstisch ruhig - eben bis vergangenen Sonntag. Es waren Szenen, wie sie Jos inzwischen kennt. Menschen rannten durch die Straßen, gehetzt, gejagt, auf der Flucht. Die Jäger hinter ihnen her, wen sie erwischten, metzelten sie nieder, Häuser brannten sie nieder, egal ob die Bewohner geflüchtet waren oder nicht. Zahlreiche Täter hätten Soldatenuniformen getragen, berichten Zeugen. Das erstaunt nicht, denn der Handel ist zwar verboten, aber Uniformen sind auf jedem größeren Markt in Nigeria zu haben.

Aufgebrachte Horden durchsuchten in einigen Stadtteilen Haus für Haus, und wer der falschen Religion angehörte, wurde niedergemetzelt. Bolaji Aina, die für eine Hilfsorganisation in Jos arbeitet, berichtet von einem Telefonat mit ihrem Fahrer, der in einem der umkämpften Viertel wohnt: "Ich habe mit ihm telefoniert und konnte die Schüsse und Schreie durchs Telefon hören."

Erst am Donnerstag kehrte Ruhe ein. Vorerst.

Von Norden drängen die Muslime, von Süden halten die Christen dagegen

Das Morden in den Straßen hat durch die massive Polizei- und Militärpräsenz nun erst mal ein Ende. Die Armee hat nach einem Befehl des Vizepräsidenten Goodluck Jonathan am Donnerstag die Kontrolle über die angrenzenden Gebiete und über Jos selbst übernommen. Doch die Lage in der Stadt ist noch unübersichtlich. In unterschiedlichen Quellen ist mal von 200, mal von 500 Toten die Rede. Rund tausend Menschen wurden verletzt, fast 20.000 sind in Panik aus der Stadt geflüchtet und trauen sich nur zögerlich zurück nach Hause. Zu groß ist die Angst vor neuer Gewalt, gerade in Jos.

Muslime und Christen sind die beiden stärksten Religionsgruppen in Nigeria. Normalerweise leben im bevölkerungsreichsten Land Afrikas mehr als 200 ethnische Gruppen friedlich zusammen. Doch seit dem Bürgerkrieg Ende der sechziger Jahre kommt es immer wieder zu religiösen Unruhen.

Und meistens trifft es Jos, die Hauptstadt des Plateau State im Zentrum Nigerias. Der Fluch der Stadt liegt in ihrer Lage. Es ist die Region, in der Christen und Muslime geografisch nahezu gleichstark aufeinander treffen. Von Norden her drängen die Muslime nach Süden, die Christen halten dagegen. Bei der ersten großen Auseinandersetzung 2001 gab es gut tausend Opfer, im Mai 2004 rund 700 Tote, im November 2008 ebenfalls mindestens 700 und nun erneut ein Gemetzel. Die Stadtverwaltung lässt die Markthallen, die seit 2001 in Trümmern liegen, schon gar nicht mehr aufbauen, weil sie um die permanente Spannung weiß.

Die Stadt, in der einst Bewohner unterschiedlichster Religionen bunt gemischt zusammenlebten, ist inzwischen weitgehend segregiert. Hier die muslimischen Viertel, tendenziell im Norden der Stadt, da die christlichen Viertel.

Aktive Aufarbeitung? Prävention? Fehlanzeige!

Der Staat reagierte auf die Krawalle träge - auch das ist nichts Neues. Einmal mehr wurden die Sicherheitskräfte von den Ausschreitungen überrascht. Als dann mehr als 24 Stunden später die Armee einmarschierte und eine Ausgangssperre verhängte, beruhigte sich die Lage allmählich. 160 mutmaßliche Täter habe sie gefasst, meldete die Polizei.

Doch Festnahmen hat es auch schon bei den Unruhen 2008 gegeben, darunter Muslime aus den benachbarten Niger und Tschad - ein Umstand, der von den Christen gerne angeführt wird, um die Bedrohung noch deutlicher zu machen. Die Beschuldigten wurden in die Hauptstadt Abuja gebracht, danach hat man nichts mehr von ihnen gehört, Gerichtsverfahren gab es jedenfalls nicht. Weil die Gefängnisse auch in Nigeria notorisch überfüllt sind, wurden sie vermutlich freigelassen.

Auch sonst agieren die staatlichen Instanzen fragwürdig. Nach den Unruhen von 2008 hatte der Gouverneur des Plateau State, dem Bundesstaat mit der Hauptstadt Jos, eine Untersuchungskommission beauftragt, die Hintergründe des Gemetzels aufzuklären. Die Kommission lieferte im vergangenen Oktober ihren Bericht bei Gouverneur Jonah Jang ab, doch veröffentlicht wurde er nie. Damals hatte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge allein die Polizei 133 Menschen grundlos erschossen. Auch die Bundesregierung in Abuja setzte eine Kommission ein - allerdings mit mehr als einem Jahr Verspätung. Sie hatte ihre erste Sitzung vor wenigen Wochen. Aktive Aufarbeitung und Vorbeugung sieht anders aus.

Keine Rechte, keine Stipendien, kaum Jobs

So sind jene, die Frieden stiften wollen, weitgehend auf sich gestellt. Seit einigen Jahren versucht etwa Peter Mancha, 31, mit einer unabhängigen, religionsübergreifenden Initiative die Krawalle aufzuarbeiten und Alternativen anzubieten. Die Gruppe hat ihr Büro unmittelbar an der Grenzlinie zwischen christlichen und muslimischen Vierteln und bekommt Unterstützung von einer niederländischen Organisation.

Auch Mancha stellt der Regierung ein armseliges Zeugnis aus. "Die Politiker haben den Ausbruch 2008 teilweise mit betrieben", sagt er. Damals hatten sich die Auseinandersetzungen an der Auszählung der Kommunalwahlergebnisse entzündet.

Dazu kommen bittere Armut und eine zementierte Zweiklassen-Gesellschaft. Zugezogene haben in Nigeria keine Rechte, sie bekommen keine Jobs im öffentlichen Dienst, keine Stipendien und nur mühsam einen Zugang zu Universitäten. "Mit einer Verfassungsänderung an dieser Stelle könnte man schon einiges bewirken", sagt Mancha.

Das nigerianische Parlament fordert nun, endlich Lehren aus den Massakern zu ziehen. Eine Verfassungsänderung haben die Politiker allerdings nicht im Sinn. Sie verweisen auf die Berichte der Untersuchungskommissionen.

Das kann dauern.

Mitarbeit: Friederike Freiburg

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Forum - Wie können die Krisen in Afrika gemeistert werden?
insgesamt 2471 Beiträge
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1.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von sysop20 Jahre wütete der Bürgerkrieg im Norden Ugandas - seine Auswirkungen vergiften auch das Leben im Frieden. Wie soll aus Kindersoldaten, Vergewaltigten, Waisen und Greisinnen eine Gesellschaft wachsen? Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Ganz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
2.
Maddox 23.04.2009
Zitat von sysop20 Jahre wütete der Bürgerkrieg im Norden Ugandas - seine Auswirkungen vergiften auch das Leben im Frieden. Wie soll aus Kindersoldaten, Vergewaltigten, Waisen und Greisinnen eine Gesellschaft wachsen? Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Dazu sollten sich die Afrikaner äußern. Vielleicht in dem sie etwas gegen Korruption, Stammesdenken etc. unternehmen ?
3.
BillBrook 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Da weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
4. .
eulenspiegel 47 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Blah, blah, blah! Immer das gleiche Geleier: Die Schwarzen sind klug und weise und werden nur von den gemeinen Weißen angestiftet sich Arme und Beine abzuhacken.
5.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von BillBrookDa weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
Sehen Sie sich in der Lage, die Tatsachen, die in Artikeln wie diesem ... „Kampf um Kongos Rohstoffe" (http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29107&mode=print) ... geschildert werden, zu widerlegen ? Was früher „Kolonialismus“ war, nennt man heute, Orwell würde im Grab rotieren, „freien Welthandel“. Geändert hat sich nicht viel. Korrupte lokale Eliten, Warlords und Milizen werden als Strohmänner gesteuert, die Bodenschätze abgegriffen, auf die Bevölkerung ist geschi... Im Schnitt bleiben von den Erträgen 3% im Land, der Rest geht an die Multis. Und von diesen 3% zahlen die Länder (Ghana z.B.) noch den Kredit + Zinsen ab, den die Weltbank dem Land aufgezwungen hat, um, bitte anschnallen, die Erschließung ebenjener ghanaischen Goldvorkommen zu finanzieren.
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