Assads Krieg in Syrien: Operation verbrannte Erde

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Syriens Machthaber Assad setzt im Kampf gegen die Aufständischen auf eine perfide Taktik: Regimetreue Milizen verbreiten Angst und Schrecken, brutale Überfälle auf die Landbevölkerung sollen den Widerstand zermürben. Experten bezweifeln, dass der Plan aufgeht.

Aufstand gegen Assad: Gewalt in Syrien Fotos
AP

Berlin - Erst das Massaker in Hula, nun offenbar erneut ein brutaler Überfall auf Dörfer in der Provinz Hama: Zunehmend wird in Syrien die zivile Landbevölkerung Opfer von brutaler Gewalt. Im Falle von Hula hatte die Uno klar die "Handschrift des syrischen Regimes" festgestellt. Sollten auch die Hinrichtungen in der Ortschaft Masraat al-Kubair Machthaber Assad zugerechnet werden, wäre dies ein weiteres Anzeichen dafür, dass das syrische Regime im Krieg gegen die Aufständischen zunehmend auf eine neue Strategie umschwenkt.

Es klingt wie die klassische Terrortaktik der verbrannten Erde im Kampf eines Staates gegen Guerrilla-Kämpfer: An einzelnen Dörfern werden Exempel statuiert. Die Ortschaften werden angegriffen, Zivilisten, sogar kleine Kinder, grausam hingerichtet. So sollen Landbewohner davon abgeschreckt werden, bewaffneten Aufständischen Zuflucht zu bieten.

Statt auf die direkte Kontrolle von Gebieten durch das Militär scheint das syrische Regime zunehmend auf eine indirekte Herrschaft durch Terror und Milizen zuzusteuern. Denn mit der ersten Variante ist Assad bisher gescheitert.

"Die syrische Armee ist weniger stark als angenommen", sagt Thomas Pierret, Syrien-Experte an der Universität Edinburgh in Schottland. "Ihr fehlen vor allem die Soldaten, um das ganze Territorium besetzt zu halten." Die Masse der Armee besteht aus Wehrpflichtigen. Von ihnen sind viele mittlerweile desertiert. Und der Nachwuchs drückt sich um die Rekrutierung, wo er kann. Zwar hält der harte Kern der Armee bisher durch - die Elite-Einheiten und die Führung. Doch im Krieg gegen die Aufständischen stoßen auch die Sonderkommandos an ihre Grenzen.

Der Sieg über die Rebellen gelingt der Armee nicht

In einer großen Armee-Offensive hatte Machthaber Assad im Februar und März Rebellenhochburgen wie Bab Amr in Homs angreifen lassen. Im April machten Eliteeinheiten in der Nordprovinz Idlib Jagd auf Aufständische. Doch offenbar gelang es dem Regime nicht, die Freie Syrische Armee, wie sich der lose Verbund der bewaffneten Aufständischen nennt, endgültig zu besiegen.

"Der Kampf gegen die Aufständischen ist für das Regime ein Fass ohne Boden", sagt Pierret. "Die Armee greift an, die Aufständischen ziehen sich zurück. Die Armee zieht weiter, die Aufständischen kommen wieder. Und dabei wird die Freie Syrische Armee offenbar immer geschickter."

Die Meldungen der vergangenen Tage haben aufhorchen lassen. Allein in den ersten Junitagen sollen die Aufständischen bereits rund 200 Soldaten des Regimes getötet haben, berichtet die regimekritische Organisation Syrian Observatory for Human Rights - so viele wie zuvor eher binnen zwei Wochen.

Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, denn ihre Überprüfung ist nicht möglich. Die Vereinten Nationen verzichten mittlerweile darauf, Schätzungen für das ganze Land zu veröffentlichen. Doch auch die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, ein Regime-Sprachrohr, berichtete, dass mehr als hundert Soldaten und Polizisten an nur zwei Tagen getötet wurden.

Die oppositionelle Freie Syrische Armee wird stärker

"Die Aufständischen scheinen inzwischen besser bewaffnet zu sein", sagt Heiko Wimmen, Syrien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Es scheint mittlerweile mehr panzerbrechende Waffen in ihren Händen zu geben."

Auf YouTube zirkulieren Bilder zerstörter Panzer, die in den Hochburgen der Aufständischen Duma bei Damaskus und in der Nordprovinz Idlib im Juni aufgenommen worden sein sollen. Oppositionsgruppen sagen, mehr als 20 Panzer seien in den vergangenen Tagen zerstört worden. Auch die Berichte von Sprengstoffanschlägen auf die Fahrzeuge der Regime-Sicherheitskräfte häufen sich. Bisher hatten die syrischen Aufständischen den gepanzerten Fahrzeugen wenig entgegenzusetzen. Dies hat sich offenbar geändert.

Ob Syriens Aufständische Waffen oder Geld von anderen Staaten bekommen, ist unklar. Katar und Saudi-Arabien haben dies zwar gefordert, bestreiten jedoch, bereits geliefert zu haben. Die USA sind vorsichtig, weil sie sich darum sorgen, in wessen Hände die Waffen fallen könnten. In Libyen scheinen Syriens Rebellen Unterstützer zu haben: Im April hatten die libanesischen Behörden ein Schiff aus Libyen abgefangen, das Panzerfäuste für Syrien geladen hatte. Experten gehen davon aus, dass vor allem Privatpersonen - etwa reiche Syrer der Diaspora - den Aufständischen Geld für Waffen auf dem libanesischen Schwarzmarkt zukommen lassen.

Dass es dem Regime gelingen könnte, die Rebellen doch noch zu besiegen, glauben die Experten nicht. "Einen solchen Aufstand wirksam und dauerhaft niederzuschlagen, ist kaum zu schaffen", sagt Wimmen.

Die Terror-Taktik gegen die Landbevölkerung dürfte wenig helfen. Syrien mit seinen vielen Bergregionen bietet den Aufständischen genügend Rückzugsmöglichkeiten. Zudem duldet die benachbarte Türkei die Rebellen auf ihrem Staatsgebiet. Vermutlich setzen auch Teile der Aufständischen auf eine ähnliche Vorgehensweise wie das Regime, um die Landregionen ihrem Einfluss zu unterstellen: Immer wieder gibt es Berichte von Übergriffen auf regimetreue Zivilisten durch bewaffnete Aufständische.

An eine absehbare Wende zugunsten der Assad-Gegner glauben die Experten aber auch nicht. "So lange es keine offiziell gesponserten Waffenlieferungen, Ausbildungslager und Luftunterstützung gibt, bleiben die Aufständischen ein 'Störfaktor', werden aber keine wirkliche Herausforderung für die syrische Armee", sagt Wimmen.

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Ohne die Nachrichten bezweifeln zu wollen,
burgundy2 07.06.2012
Zitat von sysopSyriens Machthaber Assad setzt im Kampf gegen die Aufständischen auf eine neue Taktik: Regimetreue Milizen verbreiten Angst und Schrecken, brutale Überfälle auf die Landbevölkerung sollen den Widerstand zermürben. Experten bezweifeln, dass der Plan aufgeht. Massaker in Syrien: Assad setzt auf Strategie des Terrors - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837474,00.html)
fragt man sich doch, warum Assad ohne Not die Landbevölkerung gegen sich aufbringen sollte, die a priori gar nicht gegen ihn ist.
2.
ewspapst 07.06.2012
Zitat von sysopSyriens Machthaber Assad setzt im Kampf gegen die Aufständischen auf eine neue Taktik: Regimetreue Milizen verbreiten Angst und Schrecken, brutale Überfälle auf die Landbevölkerung sollen den Widerstand zermürben. Experten bezweifeln, dass der Plan aufgeht. Massaker in Syrien: Assad setzt auf Strategie des Terrors - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837474,00.html)
Sagten die Rebellen nicht, dass sie "jetzt" den Waffenstillstand beenden? Wie passt das mir der SPON Meldung hier von heute zusammen: Auf YouTube zirkulieren Bilder zerstörter Panzer, die in den Aufständischenhochburgen Duma bei Damaskus und in der Nordprovinz Idlib "im Juni" aufgenommen worden sein sollen. Oppositionsgruppen sagen, mehr als 20 Panzer seien "in den vergangenen Tagen" zerstört worden. Auch die Berichte von Sprengstoffanschlägen auf die Fahrzeuge der Regime-Sicherheitskräfte häufen sich. Bisher hatten die syrischen Aufständischen den gepanzerten Fahrzeugen wenig entgegenzusetzen. Dies hat sich offenbar geändert. Wahrlich eine friedfertige und ehrliche Opposition, diese Rebellen, oder soll man besser Gangster sagen. Auch das muss mal gesagt werden dürfen, gell.
3. Frieden möglich?
Aufgeklärt 07.06.2012
Mir scheint unter den geschilderten Umständen kein wirklicher Frieden für alle Syrier (also auch die regimetreuen Zivilisten) möglich. Es gibt auf beiden Seiten blutige Racheakte, genau wie in Libyen.
4. Sorry, aber die Konstruktionen werden immer abenteuerlicher.
laolu 07.06.2012
Zitat von sysopSyriens Machthaber Assad setzt im Kampf gegen die Aufständischen auf eine neue Taktik: Regimetreue Milizen verbreiten Angst und Schrecken, brutale Überfälle auf die Landbevölkerung sollen den Widerstand zermürben. Experten bezweifeln, dass der Plan aufgeht. Massaker in Syrien: Assad setzt auf Strategie des Terrors - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837474,00.html)
Assads Chancen schwinden mit jedem toten Kind, das man ihm unterjubeln kann.
5. Diese Mörder...
thorleif 07.06.2012
Zitat von sysopSyriens Machthaber Assad setzt im Kampf gegen die Aufständischen auf eine neue Taktik: Regimetreue Milizen verbreiten Angst und Schrecken, brutale Überfälle auf die Landbevölkerung sollen den Widerstand zermürben. Experten bezweifeln, dass der Plan aufgeht. Massaker in Syrien: Assad setzt auf Strategie des Terrors - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837474,00.html)
...und die Verantwortlichen des Regimes werden hoffentlich irgendwann mal der gerechten Strafe zugeführt. Traurig, dass es noch Staaten gibt, die Assad decken und die ein Veto-Recht haben. Hier bedarf es weiter den diplomatischen Druck auf diese Länder aufrecht zu erhalten. Höchsten Respeckt den freien Menschen, die sich ohne auf das eigene Leben zu schauen, dagegen stemmen. Ich hoffe es werden mehr und ich hoffe dass sie Unterstützung im Kampf finden. Diese Verbrechen an den Menschen (viele Frauen u. Kinder!) schreit zum Himmel!
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