Massaker an Zivilisten: Uno-Fahnder berichten von Blutlachen in Tremseh

Mehr als 200 Menschen sollen im syrischen Tremseh getötet worden sein, jetzt haben Uno-Mitarbeiter den Ort des Grauens untersucht. Ihre erste Erkenntnis: Viele der Opfer seien "hingerichtet" worden, es habe gezielte Angriffe auf Häuser von Deserteuren und Aufständischen gegeben.

Demonstranten in Houla (13. Juli): Solidaritätsbekundung für die Opfer von Tremseh Zur Großansicht
REUTERS/ SNN

Demonstranten in Houla (13. Juli): Solidaritätsbekundung für die Opfer von Tremseh

Damaskus - Was geschah wirklich am Donnerstag im syrischen Ort Tremseh? Uno-Beobachter haben am Samstag in dem zerstörten Dorf die Angriffe bestätigt. Ersten Einschätzungen zufolge hätten sich die Angriffe "auf bestimmte Zielgruppen und Häuser, vor allem die von Deserteuren und Aufständische gerichtet", sagte eine Uno-Sprecherin. Zur Zahl der Getöteten wollten sich die Uno-Beobachter am Samstag nicht äußern, diese sei "noch immer ungewiss".

Das Uno-Team werde am Sonntag nochmals nach Tremseh fahren, kündigte die Sprecherin an. Laut Uno seien viele der Opfer "hingerichtet" und 17 Menschen auf der Flucht getötet worden, darunter Frauen und Kinder. Die Aufständischen seien mit Artillerie, Mörsern und leichten Waffen beschossen worden. Vor Ort fanden die Beobachter Blutlachen und Patronenhülsen. Bislang wurde festgestellt, dass es in einer Schule und in fünf Häusern gebrannt habe.

Auf Bildern und in Videos im Internet waren zuvor Uno-Fahrzeuge nahe Tremseh zu sehen, die von Menschen umringt wurden. Diese zeigten den Beobachtern blutgetränkte Kleidung und Überreste von Granaten.

Das mutmaßliche Massaker in Tremseh, bei dem nach Angaben von Aktivisten bis zu 200 Menschen getötet worden sein sollen, hat weltweit Entsetzen ausgelöst und die Diskussion über ein Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft angeheizt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte, sollte die Staatengemeinschaft jetzt nicht handeln, käme dies einer "Lizenz für weitere Massaker" gleich.

Nach Angaben syrischer Aktivisten beschoss die Armee Tremseh erst mit Artillerie und schickte dann Truppen in den Ort. Die Soldaten hätten Kämpfer der Opposition erschossen und Zivilisten massakriert. Die meisten der 7000 Einwohner des nun zerstörten Dorfes hätten mit der Opposition sympathisiert. Syrien bestreitet die Vorwürfe. Die staatliche Nachrichtenagentur verbreitete, bei dem Angriff in Tremse habe es sich um einen Sondereinsatz bewaffneter Streitkräfte gehandelt, der sich gegen Mitglieder einer terroristischen Gruppe gerichtet habe. Der Einsatz am Donnerstag sei erfolgreich verlaufen. Es habe keine zivilen Opfer gegeben. Es seien aber tote Zivilisten gefunden worden, die von terroristischen Gruppen umgebracht worden seien.

Wenn die Angaben der syrischen Regimegegner stimmen, ist das Massaker von Tremseh das schlimmste seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad im März 2011.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Assads Regierung scharf angegriffen und das mutmaßliche Massaker in Tremseh mit versuchtem "Völkermord" gleichgesetzt. Derartige Gewalttaten seien "die Spuren eines Regimes, das vor dem Ende steht", sagte Erdogan am Samstag.

Neue Gefechte in Homs und Hama

Trotz der internationalen Protestes ging die Gewalt in Syrien auch am Wochenende unvermindert weiter. In der Rebellenhochburg Homs töteten Regierungstruppen am Samstag nach Angaben von Aktivisten mindestens 19 Menschen, darunter eine schwangere Frau. In der Unruheprovinz Daraa hätten Hunderte Soldaten, begleitet von Kampfhubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen, die Rebellenhochburg Khirbet Ghasaleh angegriffen.

Auch aus Hama wurden Explosionen und Feuergefechte gemeldet. Mindestens zwölf Menschen starben, als eine Autobombe im Distrikt al-Karameh detonierte. Insgesamt wurden laut der Opposition am Samstag 56 Menschen getötet.

Neue Berichte über mutmaßliche Transporte von Chemiewaffen in Rebellenhochburgen alarmierten Beobachter. Der britische Sender Sky News meldete unter Berufung auf britische Geheimdienstmitarbeiter, syrische Streitkräfte hätten Chemiewaffen nach Homs transportiert, das zu weiten Teilen von Rebellen kontrolliert wird. Syrien besitze größere Mengen des Nervenkampfstoffes Sarin und Senfgas.

Nach Angaben einer hochrangigen Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist die Regierung in erster Linie verantwortlich für die ausufernde Gewalt. Doch auch für Menschenrechtsverletzungen durch Rebellen lägen Beweise vor, sagte Donatella Rovera, die kürzlich für Amnesty mehrere Wochen in Syrien verbrachte. So hätten einzelne Aufständische Soldaten gefangengenommen, geschlagen und getötet. Im Vergleich zum gewaltsamen Vorgehen der Regierungstruppen verblassten die Verstöße allerdings, betonte Rovera.

Assads Soldaten hätten ganze Dörfer angegriffen, um den sich ausbreitenden Aufstand zu unterdrücken. Berichte deuteten daraufhin, dass Assad-treue Kämpfer in einigen Fällen Kliniken und Häuser in Brand gesetzt hätten, um Rebellen aufzustöbern. Zunehmend griffen sie auch unbewaffnete Zivilisten an, darunter Ärzte und Krankenschwestern, die verletzte Rebellen behandelten, die nicht in Krankenhäusern aufgenommen worden seien. So seien drei medizinische Assistenten kürzlich festgenommen worden. "Nach einer Woche wurden ihre Leichen mit eindeutigen Folterspuren gefunden. Ihre Nägel waren herausgerissen, ihr Zähne fehlten ... und die Leichen waren angezündet worden. Damit sollte eine klare Botschaft gesendet werden, dass es keine gute Idee ist, bei solchen humanitären Aufgaben mitzumachen."

Die Annahme eines von mehreren westlichen Staaten im Weltsicherheitsrat eingebrachten Resolutionsentwurfs zu Syrien scheitert bislang am Widerstand Russlands. Moskau lehnt eine Resolution nach Kapitel VII der Uno-Charta strikt ab. Dieses sieht für den äußersten Fall auch eine militärische Durchsetzung vor.

jok/dpa/Reuters

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1.
gerald246 14.07.2012
Zitat von sysopMehr als 200 Menschen sollen im syrischen Tremseh getötet worden sein, die genauen Umstände des angeblichen Blutbads unter Zivilisten sind noch unklar. Ein Team prüft Uno-Beobachtern nun vor Ort die Vorwürfe. Der türkische Premier Erdogan wirft der Regierung Assad versuchten "Völkermord" vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844437,00.html
Na ja, wenigstens wird uns jetzt zur Abwechslung nicht mal nur Hoerensagen als Nachrichten praesentiert. Wie es aussieht haben die Rebellen (wer ist das eigentlich?) die Bevoelkerung als 'menschliche Schutzschilde' missbraucht, und die Regierungstruppen haben angegriffen. Irgendwo stand das 50 der 160 Toten Rebellen gewesen seien, der Rest der Rebellen ist entkommen. ich wuenschte mir hier fuer Syrien tatsaechliche Berichterstattung und nicht das Nachbeten von Anschuldigungen selbsternannter Orgainisationen. Diese Art von Berichterstattung ist des Spiegels einfach unwuerdig.
2. Libyien. Syrien, Iran
schumie 14.07.2012
Die Berichterstattung in den westlichen Medien ist sowas von dumm und einfältig. Es sind Medienkriege aus der Retorte, die mit den wirklichen Geschehnissen vor Ort nichts aber auch gar nichts zu tun haben. Wenn man bei Alternativmedien schaut z. b. Ria Novosti dann hat selbst die sog. "freie Syrische Armee" eingeräumt, dass die meisten Opfer Rebellen waren, also Kämpfer, die bei Kriegshandlungen fielen. Diese Infos werden aber normalerweise nicht veröffentlicht: Der Westen braucht den bösen Assad, der sein Volk schlachtet, Kinder tötet und Chemiewaffen einsetzt. Für wie blöde haltet ihr eigentlich die Leser. Meinen Sie es ist "Zufall", dass die reichste Ölnation Afrikas, Libyien, wieder ein treuer Vasall des Westens ist und als stolzer und unabhängiger Staat zerstört wurde. Syrien und dem Iran droht dasselbe Schicksal. Es sind allemal dieselben Lügen, die der Westen schon im Irak auftischte. Es geht um territoriale Eroberungen, damit das wertlose Papiergeld des Westens eine ölbasierte Grundlage erhält. Dafür geht der Westen über Leichen und ist sich medial keiner Lüge zu schade!
3. Vorsicht Brandstifter !
gabeljürge 14.07.2012
Gerade der t ü r k i s c h e Premier sollte mit dem Wort "Völkermord" etwas vorsichtiger umgehen ! Zumal es in diesem Zusammenhang völlig fehl am Platz ist und die UN-Beobachter noch untersuchen, wer hier wen ermordet hat ! Herr Erdogan sagt übrigens nichts mehr zu dem abgeschossenen türkischen Flugzeug, nachdem er vor Tagen noch, wie gewohnt, mit dem Säbel rasselte ... Und den Mann, der wohl den großen Brand in der Region sucht, wollten verantwortungslose Grüne mit Sitz und Stimme in der EU sehen !
4.
bammy 14.07.2012
Zitat von gerald246Na ja, wenigstens wird uns jetzt zur Abwechslung nicht mal nur Hoerensagen als Nachrichten praesentiert. Wie es aussieht haben die Rebellen (wer ist das eigentlich?) die Bevoelkerung als 'menschliche Schutzschilde' missbraucht, und die Regierungstruppen haben angegriffen. Irgendwo stand das 50 der 160 Toten Rebellen gewesen seien, der Rest der Rebellen ist entkommen. ich wuenschte mir hier fuer Syrien tatsaechliche Berichterstattung und nicht das Nachbeten von Anschuldigungen selbsternannter Orgainisationen. Diese Art von Berichterstattung ist des Spiegels einfach unwuerdig.
Wie immer wird in solchen Posts verschwiegen, das das syrische Regime freie Berichterstattung verhindert und man deshalb auf Augenzeugen und Organisationen angewiesen sind. Das Sie Nichts von den Anschuldigungen glauben und Organisationen diskreditieren, ist dabei Ihre Sache.
5. Erdogan - genau der Richtige
hugahuga 14.07.2012
Zitat von sysopMehr als 200 Menschen sollen im syrischen Tremseh getötet worden sein, die genauen Umstände des angeblichen Blutbads unter Zivilisten sind noch unklar. Ein Team prüft Uno-Beobachtern nun vor Ort die Vorwürfe. Der türkische Premier Erdogan wirft der Regierung Assad versuchten "Völkermord" vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844437,00.html
selber in höchstem Maße involviert und das Maul aufreissen. In treiben mehrer Ungereimtheiten: 1 . Die ungelösten Kurdenfrage und die Sorge, dass sich Kurden der Türkei, des Iraks und Syriens zusammentun. 2. Seine langsame Umwandlung der modernen Türkei in eine islamische Republik - sunnitisch, wie die Mehrheit der Syrer. Ihm ist jedes Mittel recht und er schreckt nicht davor zurück, das Schulwesen, das Gerichtwesen und das (verhasste) Militär ,auf Linie' zu bringen. Lehrer und Richter, die nicht systemkonform mitmachen, werden in die Provinz versetzt. TV und Zeitungs Redakteure werden nach unliebsamen Artikeln ihres Postens enthoben, z.T. eingesperrt und das bei nicht wenigen über lange Zeit ohne Anklage. Wirschaftsleute, die nicht ,in der Spur' sind, werden durch zusätzliche Abgaben und Steuern erdrückt. Ein feiner Herr, dieser Herr Erdogan, der jetzt den Umstürzlern, Agenten und Banditen erlaubt aus der Türkei heraus in Syrien Anschläge zu begehen um sich dann wieder zurückzuziehen. Fragen Sie mal die türkische Bevölkerung, ob die damit glücklich sind, dass Erdogans Politik eine Feindschaft zu den Nachbarvölkern Iran und Syrien initiiert hat. Die Pseudo - Modernität, die sich in Hochhäusern und teuren Läden dokumentiert, ist nur die Hülle. Darunter sieht es sehr viel anders aus.
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