Damaskus - Was geschah wirklich am Donnerstag im syrischen Ort Tremseh? Uno-Beobachter haben am Samstag in dem zerstörten Dorf die Angriffe bestätigt. Ersten Einschätzungen zufolge hätten sich die Angriffe "auf bestimmte Zielgruppen und Häuser, vor allem die von Deserteuren und Aufständische gerichtet", sagte eine Uno-Sprecherin. Zur Zahl der Getöteten wollten sich die Uno-Beobachter am Samstag nicht äußern, diese sei "noch immer ungewiss".
Das Uno-Team werde am Sonntag nochmals nach Tremseh fahren, kündigte die Sprecherin an. Laut Uno seien viele der Opfer "hingerichtet" und 17 Menschen auf der Flucht getötet worden, darunter Frauen und Kinder. Die Aufständischen seien mit Artillerie, Mörsern und leichten Waffen beschossen worden. Vor Ort fanden die Beobachter Blutlachen und Patronenhülsen. Bislang wurde festgestellt, dass es in einer Schule und in fünf Häusern gebrannt habe.
Auf Bildern und in Videos im Internet waren zuvor Uno-Fahrzeuge nahe Tremseh zu sehen, die von Menschen umringt wurden. Diese zeigten den Beobachtern blutgetränkte Kleidung und Überreste von Granaten.
Das mutmaßliche Massaker in Tremseh, bei dem nach Angaben von Aktivisten bis zu 200 Menschen getötet worden sein sollen, hat weltweit Entsetzen ausgelöst und die Diskussion über ein Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft angeheizt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte, sollte die Staatengemeinschaft jetzt nicht handeln, käme dies einer "Lizenz für weitere Massaker" gleich.
Nach Angaben syrischer Aktivisten beschoss die Armee Tremseh erst mit Artillerie und schickte dann Truppen in den Ort. Die Soldaten hätten Kämpfer der Opposition erschossen und Zivilisten massakriert. Die meisten der 7000 Einwohner des nun zerstörten Dorfes hätten mit der Opposition sympathisiert. Syrien bestreitet die Vorwürfe. Die staatliche Nachrichtenagentur verbreitete, bei dem Angriff in Tremse habe es sich um einen Sondereinsatz bewaffneter Streitkräfte gehandelt, der sich gegen Mitglieder einer terroristischen Gruppe gerichtet habe. Der Einsatz am Donnerstag sei erfolgreich verlaufen. Es habe keine zivilen Opfer gegeben. Es seien aber tote Zivilisten gefunden worden, die von terroristischen Gruppen umgebracht worden seien.
Wenn die Angaben der syrischen Regimegegner stimmen, ist das Massaker von Tremseh das schlimmste seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad im März 2011.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Assads Regierung scharf angegriffen und das mutmaßliche Massaker in Tremseh mit versuchtem "Völkermord" gleichgesetzt. Derartige Gewalttaten seien "die Spuren eines Regimes, das vor dem Ende steht", sagte Erdogan am Samstag.
Neue Gefechte in Homs und Hama
Trotz der internationalen Protestes ging die Gewalt in Syrien auch am Wochenende unvermindert weiter. In der Rebellenhochburg Homs töteten Regierungstruppen am Samstag nach Angaben von Aktivisten mindestens 19 Menschen, darunter eine schwangere Frau. In der Unruheprovinz Daraa hätten Hunderte Soldaten, begleitet von Kampfhubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen, die Rebellenhochburg Khirbet Ghasaleh angegriffen.
Auch aus Hama wurden Explosionen und Feuergefechte gemeldet. Mindestens zwölf Menschen starben, als eine Autobombe im Distrikt al-Karameh detonierte. Insgesamt wurden laut der Opposition am Samstag 56 Menschen getötet.
Neue Berichte über mutmaßliche Transporte von Chemiewaffen in Rebellenhochburgen alarmierten Beobachter. Der britische Sender Sky News meldete unter Berufung auf britische Geheimdienstmitarbeiter, syrische Streitkräfte hätten Chemiewaffen nach Homs transportiert, das zu weiten Teilen von Rebellen kontrolliert wird. Syrien besitze größere Mengen des Nervenkampfstoffes Sarin und Senfgas.
Nach Angaben einer hochrangigen Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist die Regierung in erster Linie verantwortlich für die ausufernde Gewalt. Doch auch für Menschenrechtsverletzungen durch Rebellen lägen Beweise vor, sagte Donatella Rovera, die kürzlich für Amnesty mehrere Wochen in Syrien verbrachte. So hätten einzelne Aufständische Soldaten gefangengenommen, geschlagen und getötet. Im Vergleich zum gewaltsamen Vorgehen der Regierungstruppen verblassten die Verstöße allerdings, betonte Rovera.
Assads Soldaten hätten ganze Dörfer angegriffen, um den sich ausbreitenden Aufstand zu unterdrücken. Berichte deuteten daraufhin, dass Assad-treue Kämpfer in einigen Fällen Kliniken und Häuser in Brand gesetzt hätten, um Rebellen aufzustöbern. Zunehmend griffen sie auch unbewaffnete Zivilisten an, darunter Ärzte und Krankenschwestern, die verletzte Rebellen behandelten, die nicht in Krankenhäusern aufgenommen worden seien. So seien drei medizinische Assistenten kürzlich festgenommen worden. "Nach einer Woche wurden ihre Leichen mit eindeutigen Folterspuren gefunden. Ihre Nägel waren herausgerissen, ihr Zähne fehlten ... und die Leichen waren angezündet worden. Damit sollte eine klare Botschaft gesendet werden, dass es keine gute Idee ist, bei solchen humanitären Aufgaben mitzumachen."
Die Annahme eines von mehreren westlichen Staaten im Weltsicherheitsrat eingebrachten Resolutionsentwurfs zu Syrien scheitert bislang am Widerstand Russlands. Moskau lehnt eine Resolution nach Kapitel VII der Uno-Charta strikt ab. Dieses sieht für den äußersten Fall auch eine militärische Durchsetzung vor.
jok/dpa/Reuters
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