Massaker und Hinrichtungen Kriegsführung libyscher Rebellen gerät ins Zwielicht

Schwere Vorwürfe gegen Libyens Rebellen: In Sirt sollen sie ein Massaker begangen haben, auch anderswo kam es wohl zu Kriegsverbrechen. Menschenrechtler fordern Aufklärung - und warnen vor einer Destabilisierung des Landes.

Opfer eines Massakers in Sirt: Noch keine Untersuchung durch den Übergangsrat
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Opfer eines Massakers in Sirt: Noch keine Untersuchung durch den Übergangsrat

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es dauerte nicht lange, bis die Gerüchteküche zu brodeln begann. Nur Minuten, nachdem bekannt wurde, dass bereits am Montag Dutzende Menschen bei der Explosion eines Treibstofflagers in Sirt gestorben waren, kursierte über Twitter schon eine perfide Verschwörungstheorie: Die libyschen Rebellen hätten die Explosion absichtlich herbeigeführt, um die Spuren eines gewaltigen Massakers in der Stadt zu verwischen, in der Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi geboren wurde und in der er am vergangenen Donnerstag auch festgenommen und misshandelt wurde, bevor er starb.

Tatsächlich deutet derzeit nichts auf Sabotage hin. Ein Kurzschluss soll die Ursache des tragischen Zwischenfalls gewesen sein. Doch es hat einen Grund, dass die Verschwörungstheorie überhaupt entstand und verbreitet wurde: Die libyschen Rebellen haben sich allem Anschein nach teils schwerer Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht.

Human Rights Watch (HRW) meldete am Montag, dass in Sirt vermutlich zwischen dem 14. und 19. Oktober 53 Personen hingerichtet wurden. Rechercheure der Menschenrechtsorganisation begutachteten die Leichen und machten grausige Entdeckungen. Die Opfer wurden wahrscheinlich zum selben Zeitpunkt und nebeneinander getötet, bei einigen waren die Hände noch gefesselt - klare Hinweise auf eine Massenexekution. Human Rights Watch vermutet, dass es sich bei den Getöteten zumindest teilweise um lokale Gaddafi-Loyalisten handelte. Der Verdacht liegt nahe, dass Rebellen-Verbände das Massaker anrichteten, zumal der Fundort bei einem Hotel liegt, in dem Anti-Gaddafi-Kämpfer zeitweise Quartier bezogen hatten.

Übergangsrat erfuhr durch die Presse von dem Massaker

Bisher, berichtete die "New York Times" am Montag, habe noch kein Angehöriger der Übergangsregierung den Tatort aufgesucht, um das Massaker zu untersuchen. "Während des gesamten Konflikts", so das Blatt in seltener Eindeutigkeit, seien die Übergangsführer "entweder nicht Willens oder nicht in der Lage gewesen, Anschuldigungen von Fehlverhalten ihrer Kämpfer zu untersuchen, obwohl sie mehrmals versprochen hatten, Misshandlungen nicht zu dulden."

Es ist fraglich, ob es zu einer seriösen Ermittlung überhaupt noch kommen kann: Laut der "New York Times" wurde schon mit Aufräumarbeiten begonnen; immerhin habe ein Arzt aus der Gegend Fotos der Leichen gemacht und jedem Toten einen Zahn gezogen, um eine spätere Identifizierung zu ermöglichen.

Ein Sprecher des Übergangsrats in Tripolis sagte SPIEGEL ONLINE, der Rat habe überhaupt erst durch die HWR-Veröffentlichung von dem mutmaßlichen Massaker erfahren. "Wir werden dem nachgehen", versprach er. Welche der unzähligen Rebellenbrigaden für die Tat verantwortlich sein könnte, vermochte der Sprecher nicht zu sagen: "Wenn es ein Verbrechen gegeben hat, werden wir die Täter bestrafen", sagte er stattdessen allgemein. Bisher aber habe es keine Ermittlungen gegen einzelne Rebelleneinheiten gegeben - weder wegen der Vorfälle in Sirt noch anderswo im Land.

Kämpfer im Zwielicht

Das Massaker von Sirt wirft die Frage auf, wie grausam die libyschen Rebellen - oder jedenfalls einzelne Kämpfer unter ihnen - den Konflikt um die Macht im Land ausgetragen haben. "Der Vorfall in Sirt ist einzigartig hinsichtlich des Vorgehens der Rebellen", sagte Peter Bouckaert von HRW im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber es gibt weitere Fälle, in denen einzelne Personen getötet wurden."

So ist zum Beispiel der Mord am damaligen "Verteidigungsminister" der Rebellen, Abd al-Fattah Junis, im Juli 2011 ungeklärt - verdächtigt werden konkurrierende Rebellenkämpfer.

Schon zu Beginn des bewaffneten Konflikts in Libyen vor acht Monaten gab es zudem unbestätigte Verdächtigungen, dass die Rebellen Gaddafi-Loyalisten ohne Not getötet hätten. Die Quellenlage war freilich extrem schlecht. So kursierten im März Handy-Videos, die zeigten, dass uniformierte Männer reihenweise erschossen worden waren. Angeblich handelte es sich um meuternde Soldaten der libyschen Armee, die von ihren Kameraden hingerichtet wurden. Manche Beobachter aber äußerten den Verdacht, dass in einigen Fällen auch Rebellen die Täter gewesen sein könnten.

Wie starb Mutassim?

Sicher ist, dass vor allem zu Beginn des Konflikts einige Rebellen gezielt Jagd auf Schwarze machten, um sie als mutmaßliche Söldner im Dienste Gaddafis festzusetzen. Dabei soll es auch Tote gegeben haben. Das ganze Ausmaß dieser Aktionen dürfte noch unbekannt sein.

Die Probleme setzen sich fort: Wie die "Washington Post" am Sonntag berichtete, befinden sich derzeit rund 7000 Kriegsgefangene in den Händen der Rebellen - in den improvisierten und überfüllten Knästen, so das Blatt, werde auch gefoltert.

Und auch das Ende des Diktators Gaddafi war kein Ruhmesblatt für die Krieger im Namen der Freiheit: Der gestürzte Machthaber wurde nahe Sirt gefangen genommen und sofort anschließend aufs Schwerste körperlich misshandelt. Handy-Videos legen nahe, dass er geschlagen, auf einem Pick-up zur Schau gestellt, entblößt und durch die Straßen geschleift wurde. Schließlich starb er an einem Kopfschuss - auch hier steht der Verdacht im Raum, dass er exekutiert wurde. Ähnlich könnte es auch seinem Sohn Mutassim ergangen sein. Videos zeigen ihn nach seiner Festnahme zunächst rauchend und Wasser trinkend - und wenig später tot. Wie er ums Leben kam, ist ungeklärt.

Brandstiftungen und Plünderungen

Der Übergangsrat übt sich bisher in Beschwichtigungen. Der Tod Gaddafis soll nun doch untersucht werden. Allerdings, so die Führer in Tripolis, möge man doch bedenken, dass eigentlich nur seine Anhänger ein Interesse an seinem Tod gehabt haben könnten, um sich vor dessen Aussagen vor Gericht zu schützen. Das klingt etwas weit hergeholt angesichts der Lynch-Stimmung, die in den zahlreichen Handy-Videos dokumentiert ist. Mittlerweile ist, wie die "Huffington Post" berichtet, ein weiteres Video aufgetaucht, das die Frage aufwerfe, ob Gaddafi in dem Handgemenge sogar mit einem Stock anal penetriert wurde.

Auch nach dem Tod Muammar al-Gaddafis ist die Lage in Libyen unterdessen keineswegs befriedet. HRW-Mann Bouckaert, der den Tatort des Massakers von Sirt selbst besucht hat, berichtet aktuell von einem "dramatischen Anstieg an Brandtstiftungen und Plünderungen". Offenbar würden gezielt die Wohnungen von tatsächlichen oder vermuteten Gaddafi-Loyalisten abgefackelt.

Destabilisierung wie im Irak?

"Die wichtigste Herausforderung für den Übergangsrat besteht jetzt darin, Angriffe in früheren Regime-Hochburgen zu unterbinden", sagt Bouckaert. Anderenfalls drohe eine Destabilisierung ähnlich wie im Irak: "Angesichts der in Libyen verfügbaren Waffen könnte es zum Bürgerkrieg kommen, wenn frühere Loyalisten sich als Opfer sehen und beschließen, zurückzuschlagen."

Bouckaert betont, dass HRW keine grundsätzlichen Zweifel an der Ehrlichkeit des Übergangsrats hege. Umso wichtiger aber sei es, dafür zu sorgen, dass nun alle Rebellen-Einheiten unter Kontrolle gebracht würden, um Vergeltungsakte zu verhindern.

Immerhin: Der arabische Satellitensender al-Dschasira berichtete, dass die ersten Brigaden der Rebellen damit begonnen hätten, ihre Waffen abzugeben.

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Seite 1
vostei 25.10.2011
1. !
"Massaker und Hinrichtungen: Kriegsführung libyscher Rebellen gerät ins Zwielicht" Und somit auch deren Unterstützer. Punkt! Spätestenz beim Bekanntwerden der willkürlichen Morde an Farbigen hätten UNO und NATO anfangen denken zu müssen.
Hook_ 25.10.2011
2. ...
danke Massenmedien, da habt ihr ja ein Wörtchen mitgeredet mit allen anderen pro-Amerika Kriegshetzern.
OneLifeOnly 25.10.2011
3. ...
Zitat von sysopLibyens Rebellen sehen sich unangenehmen Fragen ausgesetzt: In Sirt sollen*sie ein Massaker begangen haben, auch anderswo kam es wohl zu Kriegsverbrechen.*Menschenrechtler fordern Aufklärung - und warnen vor einer Destabilisierung des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793902,00.html
Die Menschenrechtler haben alle Hände voll zu tun. Heute gibt es für viele Verbrechen Videobeweise, ein knackiges Dementi reicht nicht mehr. Der NTC kann weiterhin versuchen die Rebellen als Saubermänner zu etikettieren, gelingen wird das nie mehr. http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/middle-east/111024/gaddafi-sodomized-video-gaddafi-sodomy
Baikal 25.10.2011
4. und warnen vor einer Destabilisierung des Landes.
Zitat von sysopLibyens Rebellen sehen sich unangenehmen Fragen ausgesetzt: In Sirt sollen*sie ein Massaker begangen haben, auch anderswo kam es wohl zu Kriegsverbrechen.*Menschenrechtler fordern Aufklärung - und warnen vor einer Destabilisierung des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793902,00.html
Na, dann kann die Nato doch sofort dableiben, Zivilisten schützen wie gehabt. Und außerdem ein wenig an den Quellen teilhaben, den mit dem Öl natürlich.
eulenspiegel 47 25.10.2011
5. ***
Zitat von sysopLibyens Rebellen sehen sich unangenehmen Fragen ausgesetzt: In Sirt sollen*sie ein Massaker begangen haben, auch anderswo kam es wohl zu Kriegsverbrechen.*Menschenrechtler fordern Aufklärung - und warnen vor einer Destabilisierung des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793902,00.html
Menschenrechtler haben sich dafür stark gemacht, dass die Mob an die Macht kommt. Bitte jetzt nicht rumheulen, wenn das ganze nach hinten losgeht.
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