Massaker von My Lai Ein amerikanisches Trauma

My Lai ist in der Nachriegsgeschichte zu dem Sinnbild eines schmutzigen Krieges geworden. Das 1968 von amerikanischen Soldaten verübte Massaker an Zivilisten leitete die moralische Niederlage der USA in Vietnam ein. Wiederholt sich die Geschichte in der irakischen Stadt Haditha?

Von Lars Langenau


Hamburg - Es ist 7.22 Uhr, der 16. März 1968. Die Soldaten der 11. US-Brigade und ein Fotograf der Armeezeitung "Stars & Stripes" besteigen die Hubschrauber für einen neuen Einsatz. Bald taucht vor den Helikoptern das wolkenverhangene Dorf My Lai auf. Friedlich kochen die Bauern vor ihren Hütten Reis. Doch den amerikanischen Militärs gilt der Ort in Südvietnam als Stützpunkt des Vietcong. Die drei Züge der Charlie Kompanie landen 150 Meter vom Dorf entfernt.

Memorial in My Lai (Archivbild): Symbol eines schmutzigen Krieges
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Memorial in My Lai (Archivbild): Symbol eines schmutzigen Krieges

Der 24 Jahre alte Leutnant William Calley Jr. hat den Befehl, das Nest einzunehmen. Es soll die übliche Strategie angewendet werden - "search and destroy" (aufspüren und vernichten). Und es ist die Zeit, in der nicht mehr die Eroberung eines Geländes, das erbeutete Material oder die Anzahl der Gefangenen als Erfolg zählt. Sondern nur noch der "Body Count", also die Zahl der getöteten Feinde.

Die Soldaten durchkämmen die Strohhütten und treiben, nachdem sie keine Rebellen finden, die Bauern zusammen. Dann beginnen die GIs der "Task Force Barker" mit dem Mord an Männern, Frauen, Greisen und Kinder. Erst vergewaltigen sie die jungen Frauen und Mädchen, dann erschießen sie wahllos ihre Opfer. Die Soldaten werfen Handgranaten in die Hütten, benutzen Babys als Zielscheiben und erstechen Fliehende mit Bajonetten.

"Wir trauten unseren Augen nicht"

Während eines Aufklärungsfluges kreisen der Pilot Hugh Thomson, Schütze Lawrence Colburn sowie Crew-Chef Glenn Andreotta an Bord ihres "Scout"-Hubschraubers über der gespenstischen Szenerie. Überall wird geschossen - aber es ist kein Feind zu sehen. Die Soldaten sehen allerorts Tote und ein nacktes, blutiges Mädchen, dass gerade von einem GI niedergestreckt wird. "Wir trauten unseren Augen nicht", sagt Thomson später, "ich dachte, ich spinne."

Der 24-Jährige landet zwischen fliehenden Vietnamesen und den Soldaten der anderen Einheit. Als ihm deren gleichaltriger Kommandeur Calley entgegenkommt, droht ihm Thomson mit der Waffe und verlangt ein Ende des Mordens. Doch nur rund zehn Vietnamesen kann er retten. Nach knapp vier Stunden bewegt sich in My Lai nichts mehr - selbst das Vieh und die Haustiere sind abgeschlachtet. Am Ende des Blutrausches sind 504 Menschen tot - und kein einziger "wehrfähiger" Mann unter den Opfern, wie ein Chronist bemerkte. Im Anschluss brennen die Soldaten das Dorf nieder.

Thomson erstattet Bericht über den Massenmord, doch der wird ignoriert. Ein junger Soldat hört von den Vorgängen und richtet sich mit Briefen an die Regierung in Washington. Das Pentagon setzt einen Sonderermittler ein, der auf mehreren tausend Seiten einen akribischen Bericht erstellt und Anklagen wegen Mordes, Vergewaltigung und Vertuschung empfiehlt.

Doch die Militärs können das Massaker 18 Monate verschleiern. Laut den offiziellen Militärangaben wurden in My Lai 128 Feinde getötet. In dürren Zeilen heißt es, auch etwa 20 Zivilisten seien ums Leben gekommen - weil sie zwischen die Fronten gerieten.

Nur einer wurde verurteilt

Erst die Recherchen des Journalisten Seymour Hersh öffnen der breiten amerikanischen Öffentlichkeit die Augen. Er hatte den Hinweis bekommen, dass ein Soldat wegen der Ermordung von Zivilisten vor ein Kriegsgericht gestellt werden soll. Er macht den Soldaten ausfindig, es war Leutnant Calley, und der erzählt ihm nach ein paar Bieren die Geschichte. Doch die renommierten Blätter schrecken vor einer Veröffentlichung seiner Recherchen zurück.

Nur ein kleines Pressebüro wagt den vermeintlich unpatriotischen Schritt. Die Wahrheit wird gedruckt - von 36 Zeitungen, darunter die "Washington Post", "Newsweek" und die "Times" in London. Belegt mit den Fotos des "Stars & Stripes"-Fotografen. Bislang denken die Amerikaner, ihre Soldaten kämpfen in Südostasien für Freiheit und Gerechtigkeit. Doch nun wird der von den eigenen Leuten verübte Massenmord an wehrlosen Zivilisten zum amerikanischen Trauma - und leitet den (langsamen) Rückzug aus Vietnam ein.

Doch inzwischen ist der Großteil der beteiligten Soldaten aus dem Dienst entlassen und nicht mehr von einem Kriegsgericht zu belangen. Nur 25 an dem Massaker beteiligte Offiziere und GIs werden angeklagt, und alle berufen sich darauf, lediglich Befehle ausgeführt zu haben. Nur Leutnant William Calley wird verurteilt. Vor Gericht sagt er, noch nie etwas von den Genfer Konventionen gehört zu haben, wohl aber, dass man wegen Befehlsverweigerung vor einem Kriegsgericht angeklagt werden könne. Schließlich habe sein Vorgesetzter davon gesprochen, "alles zu neutralisieren, jeden zu töten, auch Frauen und Kinder". Er wird am 31. März 1971 von einem US-Kriegsgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der damalige US-Präsident Richard Nixon ordnet jedoch bereits einen Tag später an, dass Calley aus der Haft entlassen und unter Hausarrest gestellt wird. 1974 wird er dann von einem Richter mit einem Hinweis auf das Alte Testament begnadigt: Auch dort stehe nichts von einer Bestrafung Joshuas, der Jericho eingenommen und alle Einwohner hatte ermorden lassen. Wie der Großteil seiner Kameraden kehrte er in sein bürgerliches Leben zurück. Heute ist Calley Geschäftsführer eines Juweliergeschäfts in Columbus im Bundesstaat Georgia.



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