Amoklauf in Kandahar Afghanen suchen Beweise für Gruppentat

War der mutmaßliche Amokläufer von Najib Yan doch nicht allein? Die USA beharren auf der Einzeltäter-Theorie. Ein afghanischer Polizist behauptet dagegen, man habe Hinweise auf mehrere Attentäter gefunden. Nato-Offiziere anderer Nationen verlangen von der US-Armee Aufklärung.

Wachposten am Tatort: Ermittler vor Ort vermuten eine Gruppentat
AP

Wachposten am Tatort: Ermittler vor Ort vermuten eine Gruppentat

Von und Shoib Najafizada, Islamabad und Kabul


Wer erschoss in der Nacht zum 11. März in Afghanistan 16 wehrlose Zivilisten? für die US-Armee steht fest, dass das Massaker von Najib Yan die Tat eines psychisch gestörten Unteroffiziers war. Dieser hätte unter Alkohol- und Eheproblemen gelitten und wegen einer ausstehenden Strafzahlung wegen Wertpapierbetrugs enorme Schulden gehabt. Dagegen suchen die Afghanen nach Beweisen für eine Gruppentat.

Bei dem Amoklauf im Morgengrauen wurden insgesamt 16 Menschen getötet, darunter neun Kinder . Ein oder mehrere Täter drangen in dem Dorf Najib Yan in der südafghanischen Provinz Kandahar in drei Häuser ein und schossen auf die Bewohner. Die Angehörigen behaupten, dass mehrere US-Soldaten durch das Dorf zogen - eine Behauptung, die afghanische Parlamentarier stützen.

Aus Polizeikreisen in Kandahar verlautete am Mittwoch, die Überprüfung der Projektile habe ergeben, dass die Kugeln aus unterschiedlichen Waffen, alle vom selben Gewehrtyp, abgefeuert wurden. Aus allen drei Häusern seien Spuren gesichert worden. Ein ranghoher Polizist sagte SPIEGEL ONLINE, es stehe zweifelsfrei fest, dass mehr als eine Schusswaffe benutzt wurde. Über die genaue Anzahl machte er keine Angaben.

Ein Beweis für die Täterschaft mehrerer Personen ist das nicht. Isaf-Soldaten tragen immer zwei Schusswaffen, allerdings neben einem Gewehr eine Pistole. In diesem Fall könnte der von der US-Armee präsentierte Täter, Staff Sergeant Robert Bales, sich für seinen mörderischen Zug mit weiteren Waffen ausgerüstet haben. Der afghanische Beamte sagte jedoch, diese Erkenntnis sowie die Zeugenaussagen ließen den Schluss zu, dass mehrere Täter am Werk waren.

Nach Angaben von Dorfbewohnern hat eine Obduktion der Leichen nicht stattgefunden. Die Angehörigen hätten darauf bestanden, die Getöteten nach islamischem Brauch noch am selben Tag zu beerdigen. Die untersuchten Projektile stammten aus den Hauswänden.

"Die Amerikaner müssen den Vorfall so schnell wie möglich aufklären"

Die Ermittlungen in dem Fall werden vom "Crime Investigation Department" (CID) der US-Armee und von der afghanischen Polizei gemeinsam geführt. Ein Sprecher des US-Militärs sagte, die Untersuchungen würden noch andauern. Solange dies der Fall sei, wolle er keine Aussagen über bisherige Erkenntnisse machen. Unklar sei auch, ob die Körper der Getöteten exhumiert würden. "Wir müssen abwägen zwischen den Ermittlungen und dem Wunsch der Angehörigen", sagte er.

Viele nicht-amerikanische Isaf-Offiziere zeigen sich über den Vorfall verärgert. "Die Amerikaner müssen den Vorfall so schnell wie möglich aufklären", sagte ein französischer Offizier in Kabul. "Ich gehe davon aus, dass die amerikanische Darstellung von einem Täter stimmt, aber dann muss die US-Armee so schnell wie möglich alle Zweifel aus dem Weg räumen. Ansonsten steht die ganze Nato am Pranger." Der Vorfall in Najib Yan habe nach seiner Wahrnehmung den Graben zwischen US-Soldaten und denen anderer Nationen innerhalb der Truppe vertieft - "insbesondere zur Isaf-Führung, die überwiegend von den USA gestellt wird".

Ein Bundeswehroffizier in Mazar-i-Sharif äußerte sich kritischer. "Bei uns darf ein einzelner Soldat das Camp nicht alleine verlassen, tagsüber nicht und schon gar nicht nachts." Eine Gruppe dagegen könne jederzeit ausrücken, auch nachts: "In der Dunkelheit finden viele Einsätze statt." Es sei "ein Rätsel, warum Staff Sergeant Bales alleine draußen war, mitten in der Nacht". In Nato-Kreisen habe man außerdem "mit Besorgnis zur Kenntnis genommen, dass Bales sich an die Tat kaum noch erinnern will". Fazit: "Eine Menge Fragen, die die Amerikaner beantworten müssen, auch im Dienste der Nato insgesamt."

Am besten, so der deutsche Soldat, wäre eine "wirklich unabhängige Untersuchung, also durch einen nicht beteiligten Staat". Die CID-Ermittler wären sehr viel erfahrener und professioneller als die afghanische Polizei, sie könnten "den Ausgang der Ermittlungen im Wesentlichen bestimmen".

Stimmung bei der Isaf ist "äußerst angespannt"

Ein britischer Offizier in Kabul sagte, die Stimmung im Isaf-Hauptquartier sei wegen des Vorfalls in Najib Yan "äußerst angespannt". Die meisten würden über den Vorfall im Unklaren gelassen, es gebe kaum Informationen, Fragen würden nicht beantwortet. "Für mich gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es einen Täter gab, nämlich den verhafteten Unteroffizier. Aber die Einwände von afghanischer Seite müssen für alle nachvollziehbar entkräftet werden. Sonst bleibt das auf ewig an uns allen haften."

Der Anwalt des angeblichen Einzeltäters Bales, John Henry Browne, stellte derweil die Qualität der Beweise gegen seinen Mandanten in Frage. "Ich kenne keine Beweise", sagte er am Dienstag, nachdem er insgesamt elf Stunden im Militärgefängnis Fort Leavensworth im US-Bundesstaat Kansas mit Bales gesprochen hatte. Ihm sei nicht klar, wie die US-Regierung etwas beweisen wolle. "Es gibt keinen forensischen Beweis. Es gibt kein Geständnis", sagte er und kündigte an, selbst nach Afghanistan zu reisen. "Ich interessiere mich dafür, was die Beweise sind." Das es schwierig werden wird, an sie heranzukommen, räumte er ein. "Es ist eben nicht wie ein Tatort in den USA."

insgesamt 18 Beiträge
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freiheitsk 21.03.2012
1. Puzzle
Zitat von sysopAPWar der mutmaßliche Amokläufer von Najib Yan doch nicht allein? Die USA beharren auf der Einzeltäter-Theorie. Ein afghanischer Polizist behauptet dagegen, man habe Hinweise auf mehrere Attentäter gefunden. Nato-Offiziere anderer Nationen verlangen von der US-Armee Aufklärung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822842,00.html
Nach und nach kommen immer mehr Puzzleteile zum Vorschein. So gab der "Einzeltäter" Bales gegenüber seinem Anwalt zu, dass wenige Tage vor dem Massaker einer seiner Kameraden durch eine Straßenbombe nahe dem Tatort sein Bein verlor:Cookies must be enabled. | The Australian (http://www.theaustralian.com.au/news/world/afghan-villagers-told-they-would-pay-for-bomb-days-ahead-of-massacre-of-16/story-e6frg6so-1226305886039) Dies bestätigen auch die Einheimischen und behaupten weiter, dass die US-Soldaten daraufhin einen Racheakt ankündigten, welcher letztlich in dem Massaker ausartete:Cookies must be enabled. | The Australian (http://www.theaustralian.com.au/news/world/afghan-villagers-told-they-would-pay-for-bomb-days-ahead-of-massacre-of-16/story-e6frg6so-1226305886039)
simon23 21.03.2012
2.
Zitat von sysopAPWar der mutmaßliche Amokläufer von Najib Yan doch nicht allein? Die USA beharren auf der Einzeltäter-Theorie. Ein afghanischer Polizist behauptet dagegen, man habe Hinweise auf mehrere Attentäter gefunden. Nato-Offiziere anderer Nationen verlangen von der US-Armee Aufklärung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822842,00.html
Zitat: Ein Bundeswehroffizier in Mazar-i-Sharif äußerte sich kritischer. "Bei uns darf ein einzelner Soldat das Camp nicht alleine verlassen, tagsüber nicht und schon gar nicht nachts." Eine Gruppe dagegen könne jederzeit ausrücken, auch nachts: "In der Dunkelheit finden viele Einsätze statt." Es sei "ein Rätsel, warum Staff Sergeant Bales alleine draußen war, mitten in der Nacht". In Nato-Kreisen habe man außerdem "mit Besorgnis zur Kenntnis genommen, dass Bales sich an die Tat kaum noch erinnern will". Fazit: "Eine Menge Fragen, die die Amerikaner beantworten müssen, auch im Dienste der Nato insgesamt." Ich denke, das ist einfach der Punkt. Allein kommst du normalerweise nicht raus. Da geht keiner mal kurz ein Bier kaufen... Da ist was kräftig aus dem Ruder gelaufen und wird jetzt heruntergespielt. Natürlich hat der Soldat keine Erinnerungen, so kann er sich nicht in seinen Lügen verstricken. Allerdings glaube ich, das er in persönlichen Schwierigkeiten steckt. Ich denke, der Deal geht so: du hältst den Kopf hin und wir holen dich aus deinen Schwierigkeiten. Verurteilt wirst du nicht, da du psychisch nicht zurechnungsfähig bist. Mache dich auf einen gewissen Sanatoriumsaufenthalt gefasst, aber rechne auch damit, das du irgendwann stillschweigend entlassen wirst. Ist nur eine Theorie...
DennisFfm 21.03.2012
3. überwachungskameras??
jede menge überwachungskameras laufen rund um die uhr. das gesamte camp wird überwacht. jeder der kommt und geht wird gefilmt. die amerikaner haben alle aufnahmen beschlagnahmt und halten sie unter verschluss. das wurde von beginn an bewußt verschwiegen. aufklärung? fehlanzeige.
wika 21.03.2012
4. Gefühlt …
… würde ich aus der Ferne sagen, dass dieses Massaker nicht das Werk eines Einzelnen war. Es wird aber 1.000 Gründe geben warum man möchte das es bei der Tat eines einzelnen „wahnsinnig gewordenen“ Soldaten bleibt. Der Image- und Vertrauensverlust würde gleich gen unendlich steigen, sofern sich die These von einer Gruppe bewahrheitet. Krieg an sich ist schon unmenschlich und wahnsinnig, dies ist nur eine der elenden Steigerungsformen: Es ist fast schon müßig nach Sinn oder Unsinn, nach Recht und Moral zu fragen … dass sind in aller Regel die ersten Opfer solcher Kriege, auch wenn man dies aus Gründen des „Handwerks“ nicht offiziell eingestehen will. Es zeigt aber einmal mehr deutlich wie wenig gut es ist wenn man welche auch immer gearteten „Interessen“ mit Waffengewalt durchsetzen will. Gerne nochmals, zur Vertiefung dieses Wahnsinns die um 180° versetzte Perspektive: Terror-Erzwingungs-Politik (http://qpress.de/2010/10/09/terror-erzwingungs-politik/) … vielleicht wird dann ja auch dem letzten Menschen bewusst, dass alles was da passiert der reine „Wahnsinn“ ist. Es wird höchste Zeit Afghanistan zu verlassen … gilt auch für die Bundeswehr, dann ist dort im Lande nur noch halb soviel Wahnsinn vertreten.
materialist 21.03.2012
5. Alles Klar
Zitat von sysopAPWar der mutmaßliche Amokläufer von Najib Yan doch nicht allein? Die USA beharren auf der Einzeltäter-Theorie. Ein afghanischer Polizist behauptet dagegen, man habe Hinweise auf mehrere Attentäter gefunden. Nato-Offiziere anderer Nationen verlangen von der US-Armee Aufklärung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822842,00.html
Projektile aus unterschiedlichen Waffen:::EINZIG MÖGLICHE Erklärung hierfür:Er hatte neben 2 Benzinkanistern noch 3 Sturmgewehre mit.Ist schon interessant für wie blöd man seitens der USA-Militärs die Öffentlichkeit hält.Mal sehen ob es diesmal durch die Zensur kommt.
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