Aufstand gegen Assad: Syriens Armee schürt Krieg der Konfessionen

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Die syrische Opposition wirft dem Regime von Präsident Assad vor, ein neues Massaker begangen zu haben. Die Berichte über das Blutbad legen nahe, dass der Konflikt in Teilen Syriens zum brutalen konfessionellen Bürgerkrieg mutiert - angeheizt durch regierungsgtreue Truppen.

Syrische Armee im Manöver (Archivbild): Opposition beklagt erneutes Massaker Zur Großansicht
AFP/ SANA

Syrische Armee im Manöver (Archivbild): Opposition beklagt erneutes Massaker

Berlin - Wieder gibt es grausame Bilder aus Syrien, und wieder stellt sich die Frage nach den Tätern. Die syrische Opposition wirft dem Regime vor, in dem Dorf Tremseh bei Hama mehr als 220 Männer, Frauen und Kinder ermordet zu haben. Manche sollen durch Artilleriebeschuss der Armee umgekommen, andere von Milizen aus Nachbardörfern getötet worden sein. Kofi Annan sagte am Freitag, es sei erwiesen, dass in Tremseh Artillerie, Helikopter und Panzer eingesetzt worden seien. Dies sei eine klare Verletzung seines Friedensplans durch die syrische Armee. Die Organisation für Islamische Kooperation (OIC) hat ein Eingreifen der Vereinten Nationen "mit allen Mitteln" gefordert.

Wie so oft in diesem blutigen Konflikt: Die Angaben über das Massaker lassen sich kaum überprüfen. Denn die Uno-Beobachtermission ist zurzeit aus Sicherheitsgründen nicht im Einsatz. Zudem verweigert das syrische Regime es der Menschenrechtskommission der Uno, Journalisten und internationalen Organisationen, die Situation im Land frei und unabhängig zu untersuchen.

Tremseh ist auf YouTube keineswegs unbekannt

Die Videos, die syrische Aktivisten auf YouTube hochladen, erzählen nur eine Seite der Geschichte. Doch auch diese ist aufschlussreich. Diese Version legt nahe, dass der Konflikt in den ländlichen Regionen Zentralsyriens, wo verschiedene Glaubensrichtungen neben- und nicht miteinander in Dörfern leben, zum brutalen Konfessionskrieg wird - befeuert von der syrischen Armee, die mit ihrem Vorgehen religiöse Spannungen schürt.

Tremseh ist ein kleines Dorf. Doch es steht nicht zum ersten Mal im Brennpunkt. Bereits am 5. Juli 2011 gibt es auf YouTube erste Videos, die in dem Ort aufgenommen worden sein sollen. Sie zeigen einen Demonstrationszug, bei dem die Menschen skandieren: "Das Volk will den Sturz des Regimes!"

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In den folgenden Monaten werden immer neue solcher Protest-Videos hochgeladen. Auf manchen Bilder ist Volksfest-Stimmung zu sehen. Ein paar hundert Menschen - Männer, Frauen, Kinder - klatschen und tanzen, während ein Vorsinger ruft: "Baschar, hau ab!" Auf wessen Seite diese Demonstrierenden stehen, ist klar.

Am 2. Dezember 2011 gibt es erstmals Aufnahmen, in denen Leichen zu sehen sind. In einem Raum liegen zwei junge Männer auf Tragen. Der eine hat eine Schusswunde im Unterleib, der andere eine große Naht mitten auf seinem Bauch. Die Männer sollen von Anhängern Assads umgebracht worden sein. Auf einem Video, das am folgenden Tag aufgenommen worden sein soll, weht über einem Trauerzug die Flagge der Assad-Gegner.

Trotz der Opfer scheinen die Demonstrationen weiterzugehen. Ein Video, das am 21. Dezember 2011 in Tremseh entstanden sein soll, zeigt Proteste unter dem Motto: "Wir machen weiter, bis das Regime fällt!" Am 15. und 19. Februar 2012 gibt es wieder Bilder von Leichen. Diesmal heißt es: Die insgesamt zehn Männer seien von Pro-Regime-Milizen aus der Nachbarschaft erschossen worden.

Die syrische Armee schürt religiöse Spannungen

Wenig später im Februar scheint die syrische Armee eine erste Offensive gegen Tremseh zu starten. Videos zeigen zerschossene Häuser. Selbst ein Minarett wurde zerbombt. Dies kommt einer bewussten religiösen Provokation gleich. Ein Aktivist ruft: "Gott ist größer als Du, Baschar!"

Es ist nicht das erste Mal, dass Assads Soldaten sunnitische Sensibilitäten verletzen. So fiel im vorigen Jahr der Beginn einer Armee-Offensive mit dem für Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan zusammen. Neu ist jedoch, dass die Armee - beziehungsweise die Reste davon der noch nicht desertierten Soldaten - offen Partei für Alawiten ergreifen. Schon bei dem Massaker in Houla im Mai hieß es, dass Armee und alawitische Milizen der Nachbarschaft gemeinsame Sache machten.

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Schockierend ist ein Video vom 28. März 2012. Es soll die syrische Armee zeigen, die gerade aus Tremseh abzieht. Die Soldaten sitzen in weißen Bussen, auf Pick-ups und Lastwagen, beladen mit Kisten. Einen Pick-up ziert auf der Motorhaube das Graffito "Baschar!". Auch Abschleppwagen, die Autos ziehen, fahren im Konvoi mit. Es sieht eher nach einem Plünderfeldzug aus als nach einem Kampf gegen Aufständische.

Am Straßenrand stehen Syrer und jubeln der Armee zu. "Sie kommen aus Tremseh!", ruft einer. Die Militärs hupen, die Zuschauer am Straßenrand klatschen sich mit den vorbeifahrenden Soldaten ab. Im Text zum YouTube-Video heißt es, dass es sich dabei um Syrer aus einem Nachbardorf von Tremseh handelt. Einmal erscheint eine junge Frau mit hellen Haaren und Pferdeschwanz im Bild, ein weiteres Mal eine Frau mit schwarzen Haaren und Pferdeschwanz.

In den ländlichen Regionen Syriens ist es unüblich, dass sunnitische Frauen ihr Haar unbedeckt tragen. Es legt den Schluss nahe, dass dieses Nachbardorf nicht sunnitisch geprägt ist, sondern die Bewohner Teil einer der Minderheitskonfessionen Syriens sind - vermutlich den Alawiten, zu denen auch Assad und ein Großteil des Sicherheitsapparats gehören. Die syrischen Soldaten in dem Video scheinen also bewusst konfessionell motiviert zu handeln.

Das ist die Vorgeschichte zu dem mutmaßlichen Massaker, bei dem Nachbarn Nachbarn umgebracht haben sollen. Die Sicht der anderen Seite kennt man nicht. Hatten zuvor auch Einwohner von Tremseh ihre alawitischen Nachbarn bedroht, ausgeraubt oder erschossen? Ungewiss. Es zeigt sich aber, dass der Krieg in den kleinen Dörfern Zentralsyriens inzwischen zum erbarmungslosen Glaubenskrieg wird.

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insgesamt 141 Beiträge
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    Seite 1    
1. despoten
lebenslang 13.07.2012
egomane machtgeile despoten waren und sind schon immer die geißel ihrer eigenen völker, das zeigt die eigene geschichte, russlands, libyens und auch syriens. wie festgetackert an der macht lassen sie eher ihre eigenen völker verrecken als das sie den weg frei machen für eine neue zeit, einsehen, das ihre zeit abgelaufen ist : fehlanzeige.
2. Einseitig
landner 13.07.2012
Die wiederholte Einseitigkeit der Berichterstattung ist verdächtig. Eine ausführlichere Beschäftigung mit der Perspektive der syrischen Nachrichtenagentur? Fehlanzeige. http://www.sana.sy/eng/337/2012/07/13/431204.htm Gerne verschweigt man, dass im Mai Parlamentswahlen in Syrien stattgefunden haben, unter Einbeziehung der Opposition und nach entsprechenden Reformen, passt es doch schlecht zum Autokraten Assad http://en.wikipedia.org/wiki/Syrian_parliamentary_election,_2012 Die "Rebellen" haben deutlich gemacht, dass sie unter allen Umständen weiterkämpfen werden, bis sie die Kontrolle erlangen. Ihre einzige Legitimation sind Massaker deren Urheber selbst nach westlicher Berichterstattung nicht eindeutig zu bestimmen sind. Assad steht dem 6-Punkte Plan von Annan zustimmend gegenüber, ein Umstand, der vom NATO Bündnis als Hinhalte-Taktik beurteilt wird. Dass der Plan sich nicht umsetzen lässt, weil die Gewalt der anderen Seite weitergeht, zeigt die Haltung der "Rebellen" erneut als kompromisslos. Eine Diskussion zu diesen Fakten findet aber nicht statt, eine genauere Untersuchung der Fakten erscheint angesichts der kollektiven westlichen Vorverurteilung nicht interessant.
3. Hmm
inhabitant001 13.07.2012
Aus welchen Ethnien und Konfessionen speist sich denn die Opposition? Man wüßte gern genaueres. Das würde u.U. vieles, so auch diese Schlagzeile, erklären.
4. Wahrheit
4flieger30 13.07.2012
Zitat von sysopDie syrische Opposition wirft dem Regime von Präsident Assad vor, ein neues Massaker begangen zu haben. Die Berichte über das Blutbad legen nahe, dass der Konflikt in Teilen Syriens zum brutalen konfessionellen Bürgerkrieg mutiert - angeheizt durch regierungsgtreue Truppen. Massaker von Tremseh: Der Konflikt in Syrien wird zum Konfessionskrieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844221,00.html)
Die Wahrheit stirbt zuerst. Zu sehr wird man von Bildmaterial eingelullt, was angeblich irgendwelche Ereignisse zeigen soll (doofes Beispiel: die eingespielten Bilder von Löw und der weinenden Frau während der EM, die aber zeigen, wie man manipuliert wird). Wem soll man denn glauben? Wenn die Armee in Syrien ein Massaker begangen hat, ist das zu verurteilen, was aber, wenn es die "Rebellen" waren, die es dem Regime in die Schuhe schieben? Wir wissen es nicht. Deshalb ist meine Vermutung: Achtung, man will uns in diesen Krieg verwickeln,. Ausgang? Die Islamisten kommen ans Ruder und es gibt steinzeitähnliche Verhhältnisse. (Afghanistan lässt grüßen). Am besten nichts glauben, was uns da gezeigt wird.
5. Sicher
TiloS 13.07.2012
Jetzt bekriegen sich die unterschiedlichen Konfessionen, und Schuld ist wieder das Regime. Jetzt hört es aber auf, langsam wird es lächerlich.
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