Massendemo in Kairo Zehntausende protestieren gegen Ägyptens Militär

Die Muslimbrüder wollen die Wahlen in Ägypten Ende November gewinnen, nun machen sie mobil. Bei einer der größten Demonstrationen der vergangenen Monate brachten die Islamisten mehrere zehntausend Menschen auf die Straße. Ihre Forderung: weniger Macht dem Militär.

Demonstranten in Kairo: "Nieder mit der Macht des Militärs"
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Demonstranten in Kairo: "Nieder mit der Macht des Militärs"


Kairo - Hunderttausende Islamisten haben am Freitag in Ägypten gegen die vorgeschlagenen Verfassungsleitlinien der Übergangsregierung protestiert. Die Regeln für eine neue Verfassung sollen unter anderem die Macht des Militärs absichern, eine Diskriminierung von Frauen und Christen verhindern und die Begrenzung von Amtszeiten garantieren. Die Demonstranten forderten dagegen, der Militärrat müsse spätestens im kommenden Mai die Macht an Zivilisten übergeben.

In dem Plan der Regierung heißt es, das Militär sei der Garant der "konstitutionellen Ordnung". Das deutete nach Ansicht von Kritikern darauf hin, dass das Militär das letzte Wort in politischen Fragen bekommen soll.

Die meisten Demonstranten gehörten der islamistischen Muslimbruderschaft an. Diese war zu Zeiten des langjährigen Staatschefs Husni Mubarak verboten. Die Muslimbruderschaft hatte es bisher eine Konfrontation mit der Übergangsregierung des Militärs vermieden. Nun drohte die Bruderschaft jedoch mit weiteren Protesten, wenn die Pläne der Militärs, ihre Macht zu zementieren, nicht aufgegeben würden.

"Es kann nicht die Aufgabe des Militärs sein, über die Menschen zu herrschen", sagte Hani Hegazi von der Muslimbruderschaft während der Kundgebung. "Die einzige Aufgabe des Militärs ist die Landesverteidigung. Wir wollen eine zivile Regierung, die demokratisch legitimiert ist." Auf Transparenten war zu lesen: "Nieder mit der Macht des Militärs" und "Ägypten gehört uns und ist keine Kaserne". Einige Demonstranten schwenkten die ägyptische Flagge´.

Neues Parlament wird in drei Phasen gewählt

Auf die Straße gingen aber auch radikale Islamisten der Salafisten-Bewegung und der Gamaat Islamija. Salafisten forderten auf Spruchbändern, der Koran solle zur Verfassung erklärt werden. Auch einige Angehörige linker und liberaler Gruppen schlossen sich den Protestierenden an. Sie wollen vor allem verhindern, dass die Armeeführung, die nach der Entmachtung Mubaraks im Februar die Macht übernommen hatte, nach der Wahl neuer Volksvertreter weiter die Zügel in der Hand behält.

Die Eingänge zu dem Platz, auf dem Anfang des Jahres die Massenproteste gegen Mubarak stattgefunden hatten, wurden von den Muslimbrüdern kontrolliert. Scheich Mazhar Schahin, der Prediger der direkt am Tahrir-Platz gelegenen Omar-Makram-Moschee, sagte in seiner Freitagspredigt: "Die Ägypter werden den Tahrir-Platz erst verlassen, wenn alle Forderungen der Revolution erfüllt sind." Niemand müsse vor den Islamisten Angst haben. Außerdem warf er der US-Regierung und Israel Einmischung in die Angelegenheiten Ägyptens vor.

In Ägypten wird vom 28. November an in drei Phasen ein neues Parlament gewählt. Anschließend soll das Land eine neue Verfassung erhalten. Die Islamisten, die sich bei dem Urnengang gute Chancen ausrechnen, wollen bei diesem Prozess keine Beschränkungen akzeptieren.

Am Donnerstagabend hatte ein Schlägertrupp in Kairo christliche Demonstranten attackiert und 29 von ihnen verletzt. Die Angreifer waren mit Steinen auf die koptischen Christen losgegangen, die gegen die in Ägypten übliche Praxis demonstrieren wollten, Zivilisten vor Militärgerichten den Prozess zu machen.

ffr/dpa/dapd



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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Notion 19.11.2011
1. Im Ernst mal ...
In Ägypten finden in jeder Stadt jede Woche jede Menge Demonstrationen statt. Fast alle richten sich gegen die regierende Militär-Junta und insbesondere gegen das ökonomische System der Generäle. Der Einfluss des Militärs und die Besitzverhältnisse liegen immer noch wie eine Krake über der Gesellschaft und Wirtschaft und lähmen das Land. Und die alten Seilschaften sind ja alle noch intakt. In dieser Situation muss man wahrlich kein Muslimbruder sein, um auf die Straße zu gehen, eher im Gegenteil, denn die Muslimbruderschaft ist ja Teil des Herrsschaftssystems und das schon seit über einem Jahrzehnt. Diese national-religiöse Bewegung, die ja die erste ägyptische Revolution quasi "verschlafen" hat, versucht nun ihre Position im Volk wieder zu festigen. Und fast sarkastisch möchte man fragen: Und was macht eine national-religiöse Bewegung in einer solchen Situation? Logisch, sie nimmt sich nationale und religiöse Minderheiten vor - und hetzt gegen Christen, Juden und natürlich immer gegen Israel. Das übrigens alles mit vollstem Wohlwollen der Militär-Junta. Wer glaubt, dass Militär und Moslembruderschaft in Gegenerschaft zu einander stehen, der hat etwas ganz Wesentliches am politischen Systems Ägyptens nicht begriffen.
Notion 19.11.2011
2. andere Stimmen
so wird übrigens in Österreich darüber berichtet: http://derstandard.at/1319183196780/Massendemonstration-gegen-Militaerfuehrung man könnte meinen, es ginge um unterschiedliche Länder ;-)
wwwwalter 19.11.2011
3. Halbe Revolution
Jeder weiß inzwischen dass die ägyptische Revolution auf halbem Wege steckengeblieben ist. Dennoch wünsche ich dem Land eher einen Weg, wie ihn die Türkei genommen hat. Erdogan verstand es meisterhaft, im Laufe der Jahre das Militär schrittweise zu entmachten. Und das ging ohne Putsch und Blutvergießen über die Bühne. Leider ist die Ausgangslage in Ägypten aber eine andere als in der Türkei. Eine charismatische Führungspersönlichkeit ist in der Opposition bis jetzt noch nicht zu erkennen, es gibt eine große verarmte Masse, und die Menschen sind zu Recht sehr ungeduldig, denn ein nahender Wirtschaftsboom ist nicht zu erkennen. Das Militär hat wichtige Teile der ägyptischen Wirtschaft in Händen, und es korrumpiert damit die gesamte Gesellschaft. Es geht da um eine Menge Geld und Einfluss, den die Militärs freiwillig bestimmt nicht abgeben. Die Bezeichnung Krake ist mehr als angebracht. Wie das weiter geht, kann kein Experte prognostizieren.
thunderhand 19.11.2011
4. wichtig ist dieser satz
Zitat von sysopDie Muslimbrüder wollen die Wahlen in Ägypten Ende November gewinnen, nun machen sie mobil. Bei einer der größten Demonstrationen der vergangenen Monate brachten die Islamisten mehrere zehntausend Menschen auf die Straße. Ihre Forderung: weniger Macht dem Militär. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,798720,00.html
Die Regeln für eine neue Verfassung sollen unter anderem die Macht des Militärs absichern, eine Diskriminierung von Frauen und Christen verhindern und die Begrenzung von Amtszeiten garantieren. Wenn man dafür das Militär braucht, dann ist eine Militärregierung wohl zuerst einmal der richtige Schritt-ansonsten nämlich verfällt Ägypten zurück ins Mittelalter...
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