Massendemo in Washington Narren marschieren gegen den Politfrust

Vom Witz zur Massendemo: Eine Viertelmillion Amerikaner folgten dem Aufruf zweier TV-Komiker, sich in Washington den Politfrust mit Albernheit zu vertreiben. Könnten Spaßdemos Wahlen gewinnen, müssten die US-Demokraten am Dienstag nicht um die Mehrheit im Kongress fürchten.

REUTERS

Aus Washington berichtet


Natürlich ist es keine politische Demo. "Wir sind nur hier, um Spaß zu haben", sagt Rafael Pinto. Der 25-jährige Weltbank-Consultant, seine Frau Adriane Alves und gut ein Dutzend Freunde haben sich als chilenische Minenarbeiter verkleidet - Helm, Grubenlampe, blau-weiß-rote T-Shirts. Warum auch nicht, schließlich ist Halloween-Wochenende. "Chi-chi-chi!", skandieren sie. "Le-le-le!"

Natürlich ist es doch eine politische Demo. "Danke, Obama", steht auf den Pappschildern, die die Schwestern Valerie und Winnie Mackend aus New York mitgeschleppt haben. Darunter stehen allerlei Errungenschaften des US-Präsidenten, etwa: Gesundheitsreform, Irak-Abzug, "Wiederherstellung unserer Reputation im Ausland". "Das muss doch einfach mal gesagt werden", sagt Valerie, 57.

Und so kommen sie am Samstag auf der Mall zusammen, der platt getretenen Prachtmeile Washingtons, gut eine Viertelmillion stark: Politische und Unpolitische, Genervte und Nervende, Satiriker und Skeptiker, Pazifisten, Aktivisten und Nihilisten, Linke, Moderate und sogar ein paar Rechte. Sie sind verkleidet und bunt angemalt, bringen Babys, Picknickkörbe und Jux-Plakate. Ihr Motto: Wir haben genug von den Horrorszenarien der aktuellen US-Politik. Ihr Alternativprogramm: albern sein statt Angst haben.

"Rally to Restore Sanity and/or Fear" heißt die Massenkundgebung, zu der die TV-Komiker Jon Stewart und Stephen Colbert gerufen haben, drei Tage vor der US-Kongresswahl, einer der bittersten seit Jahrzehnten. Wiederherstellung der Vernunft und/oder Angst: Eigentlich begann das als Witz, als Persiflage auf die von Pomp und religiösem Zirkus durchwirkte "Rally to Restore Honor" ("Wiederherstellung der Ehre") des Tea-Party-Schirmherrn und Fox-News-Tränenpredigers Glenn Beck im August.

Klamauk als Kontrast zum klammen Konservatismus

Beck hatte sich angemaßt, Martin Luther Kings legendäre "I Have a Dream"-Redestätte zu vereinnahmen, das marmorne Lincoln Memorial am Westende der Mall. Von dort beschwor er mit bebender Stimme ein düsteres, bedrücktes, gottloses Amerika: "Ab heute wendet sich Amerika wieder Gott zu!"

Stewart und Colbert wählen das Ostende der Mall, zu Füßen des marmornen Kapitols. Von dort beschwören sie mit brechender Stimme ein helles, fröhlich, unverdummtes Amerika: "Wie Woodstock, nur mit ernstem Dissens statt Nacktheit und Drogen." Oder sagt er Diskurs?

Klamauk als Kontrast zum klammen Konservatismus: Das eine war eine Erweckungsbewegung mit rechter Stoßrichtung, das andere ist absurdes Theater mit progressivem Drall, dazwischen spannt sich das Amerika dieser Tage. Beck, der gerne die moralische Mehrheit im Lande beansprucht, lockte damals knapp 90.000 Menschen auf die Mall. Stewart und Colbert, die gerne zu Protagonisten der Linken veredelt werden, bringen es auf unerwartete 250.000 - oder, wie Stewart zur Begrüßung fröhlich ruft: "Wir haben mehr als zehn Millionen Menschen!" (Woraufhin er diese drängt, "durchzuzählen".)

Könnten Spaßdemos Wahlen gewinnen, dann bräuchten die US-Demokraten am Dienstag nicht um den Kongress fürchten. "Eine demokratische Veranstaltung", resümiert die "New York Times", "ohne demokratische Politiker". Die hätten da nur gestört: Der Frust der Aufmarschierten galt auch den Demokraten, von denen sich viele im Stich gelassen fühlen.

Ausgelassene Sinnfreiheit als Ausweg aus einer schrillen Wahlsaison

Anders als Becks Polit-Revival, bei dem meist weiße und ältere Herrschaften mit Klappstühlen über die Mall schlurften, ist der jetzige Aufmarsch deutlich jünger, bunter, vitaler - eine "perfekte demografische Kostprobe des amerikanischen Volkes", wie Stewart beansprucht, nicht zu Unrecht. Da tummeln sich Weiße, Schwarze, Latinos, Asiaten, Indianer, alle lachen, jeder grüßt, keiner schimpft (wohl auch dank vereinzelter Marihuana-Zigaretten).

Sie sind in Bussen, Zügen und Autos aus allen Teilen der USA hergekommen. Allein die linke Website "Huffington Post" karrt fast 10.000 Fans in 250 Gratis-Sonderbussen aus New York City an. Schon am Morgen verstopfen sie die Metro, deren U-Bahn-Netz mittags zusammenbricht. Am Nachmittag ist die gesamte Mall ein meilenweites Menschenmeer.

Sie klettern auf Bäume und Ampelmasten, haben das Kind auf den Schultern und die Oma im Rollstuhl. Viele tragen Masken und/oder Kostüme, um anschließend gleich, ohne sich umziehen zu müssen, zu den Halloween-Partys des Abends weiterziehen zu können: Ritter, Engel, Teufel, Nonnen, Hexen, Superhelden, Dinosaurier, Hasen, Hühner, Bienen, Bären und Tea-Party-Fanatiker (identifizierbar an den von der Hutkrempe baumelnden Teebeuteln). Sowie, mit welchem Hintergedanken auch immer, eine Gruppe greller Girls in Bikinis und Badehauben.

Und immer wieder US-Sternenbanner - Patrioten müssen keine Muffel sein.

Sinn soll das alles auch gar keinen machen. Im Gegenteil: Ausgelassene Sinnfreiheit scheint längst der einzige Ausweg aus dieser schrillen US-Wahlsaison, in der sich die Kontrahenten beider Seiten beschimpfen, verhöhnen und verleumden. Halloween soll bekanntlich die bösen Geister vertreiben, und diese elaborierte Narrenparade versucht das nun mit der Politik, bevor es ab Dienstag bierernst werden dürfte.

Mittendrin eine deutsche Delegation

Am meisten haben sie sich dabei mit ihren selbstgemalten, skurrilen Schildern Mühe gemacht. "Bringt Crystal Pepsi zurück." "Freiheit für Lindsay Lohan." "Mein Arm wird müde." "Hey." Sonst sind US-Wahlplakate ja meistens maschinell massengefertigt. Diese offenbaren die Originalität des Einzelnen: Hier ist Amerika keine Nation der Nachplapperer.

Und, so wollen sie einem einbläuen, auch keine Nation der Fremdenfeinde, Schwulenhasser, Rassisten und Paranoiden. "Ich liebe meinen muslemischen, sozialistischen, im Ausland geborenen Präsidenten", steht auf einem Schild, das alle Gerüchte über Obama auf einem kleinen Pappquadrat bündelt. "Ich masturbiere und wähle", steht auf einem anderem - wohl an die Adresse der Tea-Party-Lady Christine O'Donnell, die ihre jugendliche Anti-Masturbations-Kampagne längst bereut.

Und mitten drin sogar eine deutsche Delegation: 20 Vertreter der Bündnisgrünen, Abgesandte des hiesigen Ortsverbands, die seit zwei Jahren in Washington die Öko-Flagge hochhalten und sich in diesem Gemenge bestens aufgehoben fühlen. "Hier gibt es sehr viele grüne Leute", lobt Organisator Stefan Hochhuth. Sie tragen schwarze Roben mit weißen Masken à la Edvard Munchs "Der Schrei"; "I Have a Scream", steht auf ihren Plakaten. Ihr Anliegen ist freilich ein dezidiert politisches: Sie wollen gegen den AKW-Entschluss der Berliner Koalition protestieren und sind so mit die Einzigen hier, die eine ernste Agenda haben.

Was sich während all dem auf der Riesenbühne vor dem Kapitol abspielt, das bekommen die meisten von ihnen nicht mit - die Veranstalter haben offenbar nie mit einem solchen Ansturm gerechnet und nicht genügend Lautsprecher aufgebaut. "Louder!", fordern die hinten. "Chowder!", rufen die vorne fröhlich zurück, im Englischen reimen sich "lauter" und "Fischsuppe".

"Deine Vernunft vergiftet mir die Angst!"

Das offizielle Programm ist auch weniger wichtig, geht es hier doch mehr ums Zusammensein als ums Zuhören. Stewart und Colbert juxen sich über die Bühne, nehmen Politik, Medien, Rechte, Linke und den Hang der Amerikaner aufs Korn, gerne und oft in Panik zu verfallen. Der eine spielt die Rolle der Vernunft, der andere die der Unvernunft. "Deine Vernunft", brüllt Colbert den Kollegen an einer Stelle an, "vergiftet mir meine Angst!" Vernunft essen Panik auf.

Untermalt wird der Klamauk von einem dezidiert gemischten Musik-Varieté: Kid Rock, Sheryl Crow, Mavis Staples, Tony Bennett. Yusuf Islam (vormals Cat Stevens) trällert "Peace Train", Ozzy Osbourne (vormals Black Sabbath) grölt "Crazy Train", und die O-Jays (vormals Soul-Götter) flöten "Love Train".

Am Ende wird's dann aber doch noch ernst. Stewart, sichtlich angetan von der Resonanz auf seine Comedy-Schnapsidee, fragt sich verwundert: "Was war das denn jetzt eigentlich?" Eine Polit-Show? Ein Wahlaufruf? Ein Appell an den gesunden Menschenverstand? "Manchmal ist das Licht am Ende des Tunnels nicht das gelobte Land", tröstet er die Massen, als halte er die feierliche erste Ansprache eines neuen Präsidenten. "Manchmal ist es einfach nur New Jersey."

Der echte Präsident, der an fast der gleichen Stelle bei seinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren die Massen bewegte, doch jetzt um Reputation und Respekt ringt, ist unterdessen weit weg. Barack Obama macht an diesem Samstag Wahlkampf für bedrängte Kongress-Demokraten, in Pennsylvania, in Connecticut, in Illinois. "Yes we can", ruft er in seiner Heimatstadt Chicago.

"Yes we can", lautet auch die Botschaft der Spaßmacher, die für einen Tag seine Wahlheimat Washington einnehmen. Als der Spuk auf der Mall zu Ende ist, ziehen sie weiter durch die Stadt, in großen Pulks, kostümiert, angeheitert, aufgekratzt, bis sie schließlich im Halloween-Partylärm der Kneipennacht untergehen.

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motormouth 31.10.2010
1. ...
Deutsche Grüne demonstrieren in New York auf einer Spassparty gegen Atomkraftwerke in Deutschland. Ja, macht Sinn. Da trifft es genau die richtigen Empfänger. Ob ich bei meinem nächsten Urlaub in Südamerika mal gegen HARTZ IV demonstriere? Wundern die sich immer noch, dass die auch jetzt noch bei Teilen der deutschen Bevölkerung für Spinner gehalten werden?
Layer_8 31.10.2010
2. Jetzt wirds wirklich lustig
Zitat von sysopVom*Witz*zur Massendemo: Eine Viertelmillion Amerikaner folgten dem Aufruf zweier TV-Komiker, sich in Washington den Politfrust mit Albernheit zu vertreiben. Könnten Spaßdemos*Wahlen gewinnen, müssten die US-Demokraten am Dienstag nicht um die Mehrheit im Kongress fürchten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726307,00.html
Das sind doch genaugenommen keine Spaßdemos. Verzweiflung. Wir im Westen brauchen doch wirklich keine Politiker mehr. Biz regelt alles. Und eine Dumpfbacke muss halt alles repräsentieren. Nun, freuen wir uns auf die künftige Präsidentin in US of A. Mrs. Palin. Frauenquote erreicht. MILF
Fleckensalz 31.10.2010
3. verstehen
Zitat von sysopVom*Witz*zur Massendemo: Eine Viertelmillion Amerikaner folgten dem Aufruf zweier TV-Komiker, sich in Washington den Politfrust mit Albernheit zu vertreiben. Könnten Spaßdemos*Wahlen gewinnen, müssten die US-Demokraten am Dienstag nicht um die Mehrheit im Kongress fürchten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726307,00.html
es fällt schwer "die amerikaner" zu verstehen. einer bevölkerung die den republikanern immer wieder zur macht verholfen hat, muß man bei näherer betrachtung eine gewisse dummheit unterstellen ("stupid white men" läßt grüßen). staatlich verordnete schulverblödung und die macht der konzerne vervollständigen ein bild, dass man sich in mitteleuropa kaum vorstellen kann. vielleicht ist diese demonstration ein winziger anfang um die gehirne von über der hälfte der amerikanischen bevölkerung zum selbständigen nachdenken zu bewegen.
Jott, 31.10.2010
4. Schnapsidee?
Ich glaube nicht, dass Stewart die "Rally" als Jux oder Klamauk angesehen hat. Seine Reaktionen auf den FOX-Wahn, seine Interviews und auch seine Auftritte in anderen Shows zeigen doch, dass er -trotz aller Professionalität- sehr unter den Verhältnissen im Land leidet... Klar, er ist Satiriker (das gefällt mir besser als ihr "Politclown"...), aber hinter all dem steckt ein grundernstes Bedürfnis nach "Sanity"... nicht erst seit Palins Erscheinen und den "Teabaggers"... "Im 21. Jahrhundert wurde es durch neue Technologien möglich, rund um die Uhr umfassend, neutral und journalistisch kompetent über wichtige Ereignisse aus aller Welt zu berichten. Getan hat das niemand. Aber es war möglich."
Jott, 31.10.2010
5. Link
hier noch der für mich beste Artikel, den es zur zeit über Stewart gibt (engl.): http://nymag.com/arts/tv/profiles/68086/
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