Massendemos im Irak Ajatollah ruft 100.000 Schiiten auf die Straße

Der Druck auf die Amerikaner im Irak wird jeden Tag stärker: Fast 100.000 Schiiten haben heute in Bagdad für baldige Wahlen demonstriert. Es war die größte Kundgebung seit dem Sturz des Tyrannen Saddam Hussein.


Bagdad: Schiiten huldigten Sistani
AP

Bagdad: Schiiten huldigten Sistani

Bagdad - Die Massenveranstaltung in der Innenstadt Bagdads wurde von Anhängern des einflussreichsten Schiitenführers Großajatollah Ali al-Sistani organisiert. Er lehnt die amerikanischen Pläne ab, wonach im Juli eine Übergangsregierung ernannt werden soll und eine demokratische Wahl erst für 2005 vorgesehen ist. Die Demonstranten zogen durch die City zur Universität. "Die Söhne des irakischen Volkes fordern eine direkte Wahl und eine Verfassung, die Gerechtigkeit und Gleichheit für jeden verwirklicht", rief Heschem al-Awad, ein Gesandter Sistanis. Viele Demonstranten trugen Porträts von Sistani und anderen Ajatollahs und Schilder mit dem Aufdruck "Wirkliche Demokratie heißt echte Wahlen". Erst am Donnerstag hatten rund 30.000 Schiiten in Basra für demokratische Wahlen demonstriert.

Der Anteil der Schiiten an den rund 25 Millionen Irakern wird auf 60 Prozent geschätzt. Die von Ex-Präsident Saddam Hussein unterdrückte Religionsgruppe fürchtet, in einer ernannten Übergangsregierung abermals um ihren Einfluss gebracht zu werden. Am Montag wurde der Tod eines US-Soldaten bekannt gegeben, der bei einem Anschlag vom Freitag in Samarra tödlich verletzt worden war. Die Zahl der in Irak ums Leben gekommenen amerikanischen Soldaten erhöhte sich damit auf 501. Seit dem Vietnamkrieg hatten die US-Streitkräfte nicht mehr derart hohe Verluste zu beklagen.

Die US-Regierung unter George W. Bush gerät damit weiter unter Druck, endlich auf irgendeine Weise für Sicherheit im Irak zu sorgen. "Ich glaube, es gibt in der Regierung ein Bewusstsein dafür, dass die Opferzahlen nicht auf Dauer steigen können, wenn die Unterstützung für den Krieg in der Öffentlichkeit erhalten bleiben soll", sagte Michael Donovan vom Zentrum für Verteidigungsinformation in Washington.

Dennoch glaubt Donovan nicht, dass in der US-Bevölkerung ein Meinungsumschwung einsetzt. Die Mehrheit der Amerikaner scheine immer noch zu glauben, dass ihre Landsleute im Irak für eine Sache stürben, die es wert sei. Mit einem dramatischen Rückgang der Unterstützung für den Krieg sei daher nicht zu rechnen.

"Die Toten sind fast gesichtslos"

Die US-Militärführung im Irak bestreitet, dass die Verluste die Moral der Truppe gefährdeten. "Ich glaube nicht, dass die Soldaten willkürliche Zahlen wie die der Getöteten als Barometer ihrer Moral ansehen", sagt Brigadegeneral Mark Kimmitt in Bagdad. "Sie wissen, dass ihre Nation hinter ihnen steht. Sie wissen, dass ihre Armee hinter ihnen steht."

Die US-Regierung habe die Auswirkungen der steigenden Verlustzahlen gering zu halten versucht, indem sie die Informationen darüber kanalisiert, glaubt Donovan: "Das Pentagon ist sehr zurückhaltend mit Angaben zu Opfern. Wir wissen, wie viele Menschen getötet wurden, aber das Pentagon hat keine Fotos von sterblichen Überresten Getöteter veröffentlicht, die in die USA übergeführt wurden. Und wir wissen nicht genau, wie viele Menschen verwundet wurden."

Walid Kasiha, Professor für Politologie an der Amerikanischen Universität in Kairo, erinnert an den enormen Effekt, den TV-Bilder toter und verwundeter Amerikaner auf die öffentliche Meinung während des Vietnamkriegs hatten. Derartige Bilder gab es aus dem Irakkrieg bislang nur wenige. "Die 500 sind fast gesichtslos", sagt Kasiha.

Die meisten US-Soldaten kamen im Irak ums Leben, nachdem Bush am 1. Mai das Ende der Hauptkampfhandlungen verkündet hatte. Die Zahl der Opfer übersteigt die vieler Regionalkonflikte in den vergangenen Jahrzehnten: der Konflikte in Somalia, dem Libanon, Panama, Grenada, dem Kosovo, Afghanistan und des Golfkrieges von 1991. In jenem Krieg wurden 315 Amerikaner bei der Vertreibung der Truppen Saddam Husseins aus Kuweit getötet.

Verglichen mit früheren Kriegen ist die Zahl 500 allerdings klein: Im Zweiten Weltkrieg wurden 290.000 US-Soldaten getötet, im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 insgesamt 620.000, und in Vietnam mehr als 58.000.

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