Massendemos in Ägypten Flugblätter geben Tipps zum Widerstand

Mit Schutzbrillen, Spraydosen und Turnschuhen gegen die Staatsmacht: In Ägypten zirkulieren Flugblätter mit praktischen Tipps für Demonstranten. Wie schützt man sich gegen prügelnde Polizisten? Wie mobilisiert man die Massen? Die Broschüre gibt einen hautnahen Einblick in die Proteste.

Screenshot des Protestplans: "Die Polizei und das Volk gegen die Unterdrückung"

Screenshot des Protestplans: "Die Polizei und das Volk gegen die Unterdrückung"


Kairo - Zehntausende Ägypter fordern ihre Regierung heraus. Nach den Unruhen der vergangenen Tage gehen im Anschluss an die Freitagsgebete erneut Massen auf die Straßen. Ihr Ziel: der Rücktritt von Präsident Husni Mubarak.

Damit die Teilnehmer gut gerüstet sind, zirkuliert eine Broschüre mit praktischen Tipps. "Lang lebe Ägypten", heißt es auf dem Flugblatt. Auf 26 Seiten gibt es Hinweise, wie die Massen mobilisiert werden und wie sich Demonstranten vor Polizeigewalt schützen können. Die Protestierenden werden aufgerufen, Rosen statt Plakate zu tragen, "um zu zeigen, dass wir uns mit friedlichen Absichten versammeln". Mit "positiven Slogans" sollten weitere Menschen animiert werden, an den Kundgebungen teilzunehmen.

Doch die vergangenen Tage haben gezeigt, mit welcher Härte die Sicherheitskräfte auf Regierungskritiker reagieren. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft der Polizei vor, in "gänzlich inakzeptabler und unverhältnismäßiger" Weise gegen die zumeist friedlichen Demonstranten vorgegangen zu sein. Es seien zahlreiche Fälle gemeldet worden, in denen Sicherheitskräfte auf Unbewaffnete eingeschlagen oder ohne Vorwarnung Tränengas eingesetzt hätten. In den vergangenen drei Tagen seien bei Protesten neun Menschen ums Leben gekommen.

Und die anonymen Verfasser der Broschüre erwarten neue Gewalt auf den Straßen. Als Ausstattung empfehlen sie eine Kapuzenjacke, ein Tuch für den Mund und eine Schutzbrille für die Augen - etwa eine Taucherbrille -, um sich vor Tränengas zu schützen. Um Angriffe mit Schlagstöcken und Gummigeschosse abzuwehren, sollten sich die Demonstranten die Deckel von Mülleimern greifen. Turnschuhe helfen demnach "bei schnellen Bewegungen und um wegzulaufen". Auch eine Spraydose sei unerlässlich: um Farbe auf die Visiere der Sicherheitskräfte zu sprühen und diese so zu behindern.

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Aufstand in Ägypten: Steine gegen die Staatsmacht
Auf einer Illustration ist diese Ausrüstung ausführlich beschrieben. Ein weiteres Bild zeigt einen Demonstranten mit einem Polizisten im Straßenkampf - darunter der Tipp: "Halte den Schlagstock mit deinem Schild ab und sprühe ins Gesicht." Die Farbe könne auch auf die gepanzerten Wagen oder auf Überwachungskameras gesprüht werden.

Polizisten dürften nicht die Reihen der Demonstranten durchbrechen, warnt das Flugblatt. Sollte das doch gelingen, müssten die Sicherheitskräfte überzeugt werden, die Seiten zu wechseln - sie sollten daran erinnert werden, dass ihre eigenen Familienangehörigen unter den Demonstranten sein könnten.

Ein weiterer Tipp: Poster von Balkonen und aus Fenstern hängen. In der Broschüre ist eine Vorlage für ein solches Banner zu sehen - ein Bereitschaftspolizist mit Helm wird flankiert von einer älteren Frau in traditioneller Kleidung und einer jüngeren Frau. Darunter steht der Slogan: "Polizei und Volk gemeinsam gegen die Unterdrückung. Lang lebe Ägypten!"

"Lasst diese Informationen nicht in die Hand der Polizei fallen"

Um die Proteste zu organisieren und weitere Menschen zu mobilisieren, sollten sich die Regierungskritiker in Vierteln mit wenig Polizisten und Soldaten versammeln. Die dortigen Einwohner sollten animiert werden teilzunehmen, anschließend sollten die Demonstranten in großen Gruppen auf die Hauptstraßen marschieren. Das Ziel: wichtige Regierungsgebäude einzunehmen, etwa die Zentrale des Rundfunks.

In dem Papier werden auch die Forderungen der Verfasser aufgelistet, etwa Freiheit und Gerechtigkeit, der Sturz der Regierung Mubarak und eine neue Regierung, die sich aus Menschen außerhalb des Militärs zusammensetzt, die sich "für die Ägypter interessieren".

Woher das Flugblatt stammt, ist unklar. Es gibt, so schreibt der britische "Guardian", keinen Hinweis darauf, dass es von der islamistischen Muslimbruderschaft lanciert wurde.

Debatte über Web-Veröffentlichung

Die Verfasser rufen explizit dazu auf, die Broschüre per E-Mail, Telefon oder ausgedruckt zu verteilen: "Bitte benutzt nicht Twitter, Facebook oder Web-Seiten, das wird alles überwacht. Bitte geht sicher, dass diese Information nicht in die Hände der Polizei oder Sicherheitskräfte fällt."

Als die US-Zeitschrift "The Atlantic" Auszüge aus dem Flugblatt online veröffentlichte, kritisierten dies daher zahlreiche Kommentatoren. Das Dokument sei "zwar ein faszinierender Teil Geschichte, aber es sollte von der Seite genommen werden, zumindest bis nach den Protesten", schreibt eine Nutzerin. "Sie haben explizit darum gebeten, dass es nicht auf Web-Seiten verbreitet wird. Sollten wir hier nicht vorsichtig sein?"

SPIEGEL ONLINE ist sich dieses Problems bewusst. Als Bild zu diesem Artikel wird deshalb nur ein Ausschnitt aus der Broschüre gezeigt. Aus Sicht der Redaktion ist das Flugblatt allerdings ein wichtiges Dokument, das die Umstände des Protests in Ägypten in eindrücklicher Form beschreibt. SPIEGEL ONLINE hat sich aus diesem Grund entschlossen, auszugsweise aus der Schrift zu zitieren.

Ägyptens Regierung hat inzwischen den Zugang zum Internet in dem Land gekappt. Textnachrichten können nicht mehr mit Blackberry-Handys versendet werden, Web-Seiten wie Twitter, Facebook und der E-Mail-Dienst von Google sind vollständig blockiert. Auch die Server für Web-Seiten der ägyptischen Regierung und der US-Botschaft in Kairo sind offenkundig lahmgelegt.

kgp



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Sandygirl 28.01.2011
1. Heldenhaft!
Zitat von sysopMit Schutzbrillen, Spraydosen und Topfdeckeln gegen die Staatsmacht: In Ägypten zirkulieren Flugblätter mit praktischen Tipps für Demonstranten. Wie schützt man sich gegen prügelnde Polizisten? Wie mobilisiert man die Massen? Die Broschüre gibt einen hautnahen Einblick in die Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742126,00.html
Heldenhaft! Dass Spiegel Online nicht die ganze Broschüre online stellt, sondern nur darüber berichtet. ;-) Aber vielleicht stellt sie Wikileaks ja online...?
Horatio Caine 28.01.2011
2. Nützlich
Zitat von SandygirlHeldenhaft! Dass Spiegel Online nicht die ganze Broschüre online stellt, sondern nur darüber berichtet. ;-) Aber vielleicht stellt sie Wikileaks ja online...?
Die Broschüre könnte ja nützlich sein. Mit ein wenig mehr Einblick in die Funktionweise einer Staatsmacht und ihrer Vollzugsorgane (Kastanienwurf auf einen gepanzerten Einsatzwagen führt zur "verhältnismässigen" Reaktion der Staatsgewalt) und einer Schutzbrille hätte der Wutbürger (ein sehr beleidigendes Wort für einen Menschen mit einem legitimen Anliegen) Dietrich Wagner sein Augenlicht noch.
Pilchard, 28.01.2011
3. Mir ein Rätsel
Mir ein Rätsel, warum Protestanten in Ägypten oder Tunesien als Helden dargestellt werden, aber wer in Deutschland oder Griechenland ebenfalls gegen ein krankes System protestiert ist automatisch ein linksextremer Chaot, der Dresche von den Einsatzkräften verdient. Ich denke nur an die Einsätze der Polizei in Genua oder den Einsatz in Stuttgart, bei denen im Forum auch noch Beifall geklatscht wurde, weil den "Chaoten" mal beigebracht wurde, dass wir in einem "Rechtsstaat" leben.
alpenjonny 28.01.2011
4. Noch ist das Fossil Mubarak im Amt
Gruezi! Nicht nur Ägyptische Intelektuelle bezeichnen ihren Präsidenten Mubarak als ein Fossil, das ums Überleben kämpft. Selbst 70 000 Polizisten und Teile der Armee nützen rein gar nichts, wenn es im Volke gährt. AL, Korruption und Vetternwirtschaft ruinierten das grosse Land am Nil nachhaltig. Weit über die Hälfte der Männer in Ägypten ist unter 25 Jahre alt. Kaum Arbeit, Hoffnungslosigkeit und Tristesse wohin das Auge auch blicken mag. Nicht mal die angeblich so frommen Islamisten können die grosse Mehrehit der Arabischen Jungen noch begeistern. Die wollen keine frommen Sprüche hören, der Märtyrertod mit einer umgepackten Bombe wirkt für die allermeisten nur noch lächerlich. Schnee von gestern. Die arabische Jugend will wie ihre Brüder und Schwestern in Europa ein einigermassen anständiges Leben führen. Dazu gehört ebenso Rockmusik, Kleider wie hier und ein Lebenstil der diese Vergnügungen auch erlaubt. Kein Wunder, dass die autokratischen Herrscher in vielen arabischen Ländern unter rapide schwindendem Einfluss leiden. Selbst im Iran brodelt es, nur noch der Terror garantiert ein Überleben des Präsidenten Ahmedinejad und der schwarzen Turbane, der Mullahs. Westliche Regierungen stehen leider immer bis zum bitteren Ende den Despoten bei, aus taktischen Überlegungen. Offenbar ist die Furcht vor El Kaida im Westen ansteckend.Tunesien hat den Dikator Ben Ali davongejagt, was danach kommt ist noch unbestimmt. Wie weiter? Niemand weiss es, die EU schon gar nicht, die Yankees noch viel weniger. Die irren im Blindflug durch die Gegend, wie ein Flieger mit Radarausfall.
ratxi 28.01.2011
5. Sind die Staatsmächte noch so verschieden,...
Zitat von Horatio CaineDie Broschüre könnte ja nützlich sein. Mit ein wenig mehr Einblick in die Funktionweise einer Staatsmacht und ihrer Vollzugsorgane (Kastanienwurf auf einen gepanzerten Einsatzwagen führt zur "verhältnismässigen" Reaktion der Staatsgewalt) und einer Schutzbrille hätte der Wutbürger (ein sehr beleidigendes Wort für einen Menschen mit einem legitimen Anliegen) Dietrich Wagner sein Augenlicht noch.
...sind ihre Funktionsweisen doch einander sehr ähnlich.
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