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Massenflucht: Millionen Iraker haben ihre Heimat verlassen

Sie fürchten um ihr Leben und haben deshalb ihrer Heimat den Rücken gekehrt: Rund 4,5 Millionen Iraker sind wegen der anhaltenden Gewalt auf der Flucht. Auf einer Konferenz in Amman forderten Nachbarländer mehr internationale Hilfe.

Amman - Rund 4,5 Millionen irakische Vertriebene verzeichnet das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) im In- und Ausland. Die Mehrzahl der Flüchtlinge lebt in den Nachbarstaaten Syrien und Jordanien. Nur wenige schaffen es bis in die Europäische Union.

Mit Hab und Gut auf der Flucht: Iraker packen Koffer in einen Bus, der sie nach Syrien bringen soll
AP

Mit Hab und Gut auf der Flucht: Iraker packen Koffer in einen Bus, der sie nach Syrien bringen soll

Auf der internationalen Konferenz für Hilfsprogramme für die Flüchtlinge aus dem Irak forderte die syrische Delegation ein verstärktes Engagement der USA und des Irak, um dem Problem beizukommen. Der irakische Delegationsleiter Mohamed al-Hadsch al-Mud bat die Nachbarstaaten um "Unterstützung bei der Überwindung dieser schwierigen Phase". Auch internationale Hilfsorganisationen fordern einen stärkeren Einsatz der Industrieländer.

Es falle in die "Zuständigkeit der irakischen Regierung", die Voraussetzungen für eine Rückkehr der Vertriebenen zu schaffen, erklärte der syrische Delegationsleiter Milad Attijeh auf der Hilfskonferenz. Die USA "als Besatzungsmacht" müssten ihrerseits "Verantwortung übernehmen", indem sie den Aufnahmestaaten der Flüchtlinge eine "ernsthafte und reale Unterstützung" gewährten, fügte Attijeh hinzu. Die USA waren wie Deutschland nicht auf der Konferenz vertreten, deren Teilnehmerkreis von der jordanischen Regierung ausgewählt wurde. Die Türkei, Iran, Russland und Japan sowie Großbritannien, die EU und die Uno nahmen als Beobachter teil.

Rund 1,4 Millionen irakische Flüchtlinge leben in Syrien. Sie belasten die Gesellschaft und Wirtschaft des Landes, in dem rund 18 Millionen Menschen wohnen, stark. Jordanien hat 750.000 Iraker aufgenommen. Das Gesundheits- und Bildungswesen des fünf Millionen-Einwohner-Staates schafft es kaum, die Iraker mit Medikamenten und Wasser zu versorgen. Auch die Unterbringungsmöglichkeiten werden knapp. "Die internationale Gemeinschaft muss den Preis erkennen, den Jordanien zahlt", sagte ein jordanischer Vertreter der Nachrichtenagentur AFP. Jordanien fordere keine Hilfe für sein Land, sondern finanzielle Unterstützung für die Flüchtlingsprojekte im Land.

Der irakische Delegationsleiter bat die Aufnahmeländer, den Flüchtlingen Schulunterricht und gesundheitliche Versorgung zu gewähren. "Unsere Hoffnung ist es, die Aufmerksamkeit der Welt für dies Problem zu gewinnen, sagte er. Das UN-Flüchtlingskommissariat hatte kürzlich eine Verdopplung der internationalen Hilfszusagen für die Flüchtlinge aus dem Irak auf umgerechnet 90 Millionen Euro für 2007 gefordert. Das UNHCR hat nach eigenen Angaben bisher nur 48 Millionen Euro erhalten. Deutschland stellt nach Aussage des Auswärtigen Amtes 500.000 Euro für Hilfsprojekte zu Gunsten irakischer Flüchtlinge zur Verfügung.

Amnesty International rief die internationale Gemeinschaft heute auf, Jordanien und Syrien dringend zu helfen. Die Flüchtlinge übten einen "erheblichen Druck" auf die Ressourcen der beiden Länder aus und "drohen eine humanitäre Krise auszulösen, die die ganze Region überrollen könnte", sagte der Amnestychef für den Nahen Osten, Malcolm Smart. Die Organisation forderte Länder, die bei einer früheren Konferenz Hilfe versprochen hatten, dazu auf, ihre Zusagen auch zu halten. Es fehlten noch 18 Millionen Euro, die bereits versprochen gewesen seien.

Schon während der Amtszeit des irakischen Machthabers Saddam Hussein flohen Millionen Iraker aus ihrem Land. Nach dem Sturz von Saddam Hussein kehrten in den Jahren 2003 bis 2005 nach UNHCR-Angaben 500.000 Flüchtlinge zurück. Die bis heute anhaltende Massenflucht begann nach Angaben von UNHCR-Sprecher Stefan Telöken im Februar 2006 mit dem Anschlag auf das schiitische Heiligtum in der Sunniten-Stadt Samarra im Februar 2006, der eine bis heute andauernde Welle der Gewalt zwischen den Religionsgruppen auslöste. Seitdem wurden laut UNHCR 750.000 Iraker vertrieben, jeden Monat kommen weitere 50.000 hinzu.

Iran hat 54.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen, Ägypten 100.000, der Libanon 40.000 und die Türkei 10.000. Innerhalb des Irak sind nach Schätzung der UNHCR rund 1,9 Millionen Menschen auf der Flucht.

22.200 Iraker stellten im vergangenen Jahr Asylanträge in Industrieländern. Mit 9000 Anträgen gingen die meisten in Schweden ein, das eine relativ liberale Asylpolitik verfolgt. In Deutschland stellten 2100 Iraker im Jahr 2006 einen Antrag auf Asyl, im ersten Halbjahr 2007 waren es rund 900. In Deutschland leben derzeit nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 74.000 irakische Staatsbürger. Die Mehrzahl kam bereits in den 1990er Jahren in die Bundesrepublik. "Damals waren es bis zu 18.000 pro Jahr", sagte UNHCR-Sprecher Telöken. Rund 53.000 Iraker in Deutschland gelten als anerkannte Flüchtlinge, 10.000 weitere sind nur geduldet.

Während die Anerkennungsquote in Deutschland nach dem Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre mit bis zu 80 Prozent sehr hoch war, erkannten die Behörden im vergangenen Jahr nur noch acht Prozent der irakischen Asylbewerber als Flüchtlinge an. Einige der abgelehnten Asylanträge wurden in Duldungen umgewandelt. Gegen fast 20.000 anerkannte irakische Flüchtlinge wurden laut UNHCR so genannte Widerspruchsverfahren eingeleitet. Diese können in eine Abschiebung oder in eine Duldung - also die Aussetzung der Abschiebung - münden. Nach Angaben des UNCHR-Sprechers Telöken nimmt Deutschland aber "so gut wie keine" Abschiebungen in den Irak vor. In Ausnahmefällen ist eine Abschiebung in den Nordirak möglich, insbesondere bei Straftätern.

hen/AFP

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