Massenmörder Breivik: Das Massaker als ideologisches Fanal

Von Yassin Musharbash

Ist die Tat von Anders Breivik der erste islamophobe Terroranschlag in Europa? Oder ein Amoklauf? Oder die Tat eines halluzinierenden Einzeltäters? Das Blutbad von Norwegen ist nicht in eindeutigen Kategorien zu fassen. Der Versuch einer Einordnung.

Innenstadt von Oslo nach dem Bombenanschlag: Ein Massaker als ein ideologisches Fanal Zur Großansicht
AFP/ Scanpix

Innenstadt von Oslo nach dem Bombenanschlag: Ein Massaker als ein ideologisches Fanal

Kühl und emotionslos - so klingen die meisten Definitionen des Begriffs Terrorismus. So muss es wohl auch sein, wenn die Wissenschaft sich mit Bluttaten beschäftigt, deren erklärtes Ziel es ist, Schrecken, Tod und Horror zu verbreiten. In vielen gängigen Definitionen ist davon die Rede, dass Terror ein Akt der politischen Kommunikation durch Gewaltanwendung gegen Zivilisten ist. Die Abgrenzung zum Massenmord oder Amoklauf ist das politisch-ideologische Element, die Abgrenzung zum Krieg oder kriegsähnlichen Handlungen besteht im gezielten Vorgehen ausschließlich gegen Zivilisten.

Mit Blick auf das 1500 Seiten lange Manifest, das Anders Breivik zugeschrieben wird und das er kurz vor der Tat versendet haben soll, und mit Blick auf die Opfer, die er ausgewählt hat, erfüllt seine schreckliche Tat vom vergangenen Freitag diese Definition. Er sah sein Massaker als politische Botschaft, als ein ideologisches Fanal. Und mag es auch sein, dass er die Nachwuchsorganisation der Arbeiterpartei als "feindlich" definierte, so wusste er doch, dass er unbewaffnete, wehrlose junge Menschen angriff. Anders Breivik, es gibt keinen anderen Schluss, ist ein Terrorist.

Oder etwa nicht? Was etwa, wenn er - nach ebenso gängigen Definitionen - geisteskrank ist? Wenn er wahnhaft handelte? Wenn das, was man als seine politische Ideologie bezeichnen könnte, zugleich seine Scheinwelt ist, in der er sich eingerichtet hat? Tatsächlich würde das wohl nur an der juristischen Schuldfrage etwas ändern. Denn selbst falls Breivik klinisch gesehen verrückt sein sollte - er wollte wie ein Terrorist handeln, und handelte wie einer.

Spielt es in diesem Zusammenhang eine Rolle, ob sein Weltbild geschlossen, die in seinem Manifest entworfene Ideologie schlüssig, seine Gedankenwelt anschlussfähig war? Nicht so sehr für die Tat selbst, den singulären Vorgang. Schon eher aber für die Frage, was seine Tat bewirkt und noch bewirken wird.

Rechts-Terrorist und selbsternannter Kreuzritter

In dem 1500-Seiten-Konvolut von Anders Breivik lassen sich vermutlich ohne Probleme rote Fäden entdecken, die sich schlüssig in die Traditionslinien des Rechts-Terrorismus einbetten lassen. Aber es finden sich ebenso Passagen, die aus dem Kontext gefallen wirken, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Wobei freilich nicht klar ist, wie viel von dem Text tatsächlich von ihm stammt, zu welchem Grad es sich um eine Collage handelt, und wieso er es unter dem Pseudonym Andrew Berwick und auf Englisch verfasste.

Er ist ein Nazi, und zugleich keiner. Er preist Winston Churchill und Franz Kafka. Er führt Gandhi an und beschreibt einen Plan zur Waffenbeschaffung. Er verteufelt Marxismus und Liberalismus und argumentiert streckenweise doch eher wie "Ultraliberale" um Geert Wilders - vor allem, wenn er seine Feindschaft gegenüber dem Islam ausbreitet und seine Angst vor einer angeblichen "islamischen Kolonisierung". Er sieht sich als Freimaurer, schwadroniert über die Wiederbelebung des Templerordens, kommentiert die katholische Liturgie und macht Vorschläge zur Unterwanderung von Facebook-Seiten. Was also soll man damit anfangen?

Wie kann so etwas nicht wahnhaft sein?

Es ist wahnhaft. Und es ist - in Bruchstücken - doch zugleich Teil eines größeren Diskurses. Denn selbstverständlich sind etliche seiner islamophoben Passagen anschlussfähig. Man braucht nur einen Blick in einschlägige Internetforen werfen, wo die ersten Aufgeregten allen Ernstes schreiben, Breivik habe der "islamkritischen Szene" einen "Bärendienst" erwiesen. Es sei davon auszugehen, schreibt der Kommentator weiter, dass "die Linke" das "traurige Ereignis" für "ihre Zwecke" instrumentalisieren werde.

Die islamkritische Szene geht auf Distanz

Es ist dabei nicht einmal unglaubwürdig, wenn die "islamkritische Szene" den Anschlag verurteilt und sich bestürzt zeigt. Es ist aber interessant zu beobachten, wie dieser Personenkreis zugleich der Befürchtung Ausdruck verleiht, nun werde man sicher mit Breivik in einen Topf geworfen. Es gibt eine andere Gruppe, die dieses Gefühl nur allzu gut kennt: Muslime, von denen ständig erwartet wird, dass sie sich von dschihadistischen Terroristen distanzieren, als empfänden sie natürlicherweise klammheimliche Freude über deren Taten.

Dabei wirkt die Propaganda und Ideologie von al-Qaida und Co. auf die meisten Muslime fast ebenso wirr und verstörend wie das Manifest von Anders Breivik auf die europäische Öffentlichkeit. Es gibt einzelne Worte darin, Begriffe, Versatzstücke, die man kennt, mit denen man etwas anfangen kann, die einem etwas bedeuten mögen - aber in der Summe und in den angeblich daraus abgeleiteten konkreten Handlungsanweisungen bleibt das Gemisch nicht nachvollziehbar. Wieso hetzt Breivik gegen Muslime und tötet junge Norweger? Wieso hetzt al-Qaida gegen "die Ungläubigen" und bringt Muslime um?

In diesem Sinne verkehren die Anschläge in Norwegen die Rollen: Anders Breivik nennt sich selbst zum Beispiel einen christlichen Fundamentalisten - und diese sehen sich nun mit der Herausforderung konfrontiert, ihm dieses Etikett wieder zu entziehen. Mit Terroristen, die sich als Krieger im Namen des Islam bezeichnen, haben Muslime ein vergleichbares Problem.

Was allen Ideologien vergleichbar ist, auf die sich Terroristen stützen, ist freilich die Freigabe der Gewalt; die Erlaubnis, ja die Pflicht zu töten. Anders Breivik, der vermutlich nicht Teil einer Terrorgruppe war, erteilte sich diese Erlaubnis selbst; al-Qaida und andere Gruppen tun dies für ihre Attentäter.

Legitimation von Gewalt und Grausamkeit

Al-Qaida hat ein klares Freund-Feind-Weltbild, die Gottesgegner sind leicht zu identifizieren. Breiviks Pamphlet ist etwas komplexer, etwas kruder, auf den ersten Blick zumindest, aber der Mechanismus ist ähnlich: Ich stehe einer Verschwörung gegenüber. Ich werde angegriffen. Ich verteidige mich. Ich töte heute, damit morgen eine bessere Welt entstehen kann.

Vergleichbar einem Qaida-Ideologen suchte Breivik aus der Bibel Passagen heraus, die Gewalt legitimieren. Gewalt sei nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig, schloss er; und deutete damit seine (norwegischen) Opfer zu gesichtslosen Hindernissen auf dem Weg in die (norwegischere) Welt um, die er herbeibomben wollte. Auch al-Qaidas Attentäter durchlaufen eine solche Phase der Umdeutung ihrer Umwelt, um die Hemmschwelle zu senken, andere aus der Mitte der (oft ja: eigenen) Gesellschaft zu ermorden. "Wir sind im Krieg, und ich bin Soldat", erklärte einer der Attentäter von London 2005 in breitestem Yorkshire-Akzent in seinem Abschiedsvideo. "Eure demokratische Regierung begeht Akte der Grausamkeit an meinem Volk."

Al-Qaida bietet freilich eine Belohnung an - den Eintritt ins Paradies als garantierte Dreingabe. Wir wissen nicht, ob Anders Breivik sich ebenfalls himmlische Glückseligkeit versprach. Es bleibt eine Möglichkeit.

Inszenierung als Märtyrer

Neben allem anderen, was Terrorismus bewirkt, kann er unterdessen auch - entsprechend inszeniert - Idole erschaffen. Al-Qaida hat große Meisterschaft darin erlangt, "Märtyrer" als Vorbilder zu verkaufen. Auch diese Aufgabe musste Breivik alleine bewerkstelligen - mit seinem Pamphlet, und wohl auch in einem YouTube-Video, in dem er über die Notwendigkeit von "Aufopferung und Märtyrertum" sprach.

Sein Pamphlet unterzeichnete er im Namen der "Tempelritter Norwegen" - so wie ein Qaida-Attentäter seine letzte Botschaft vielleicht mit "al-Qaida in Skandinavien" unterschrieben hätte. Macht es wirklich einen Unterschied, ob es eine dieser Organisationen tatsächlich gibt, wenn einer oder mehrere wollen, dass es sie gibt, und auf dieser Grundlage handeln? Ist es wirklich wichtig, dass eine "Ideologie" schlüssig ist, damit sie Wirkung entfaltet?

Und doch sind es am Ende nicht Phantasien und Ideologien, nicht Netzwerke und Gruppen, die morden - sondern Menschen. Das gilt für Anders Breivik genau wie es für einen dschihadistischen Selbstmordattentäter oder einen Nazi-Bombenleger gilt. Anders Breivik ist ein Verbrecher. Er ist womöglich zugleich verrückt und eventuell sogar schuldunfähig. Trotzdem bleibt seine Bluttat ein Terrorakt, in diesem Fall einer, in dem sich religiöser Wahn mit Rechtsradikalismus und Islamophobie verbindet.

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Schuldunfaehig?
Gandhi 25.07.2011
Nu weil jemand kaltbluetig so viele Menschen ermordet hat, ist ernoch lange nicht schuldunfaehig. Der Moerder hat seine Tat von langer Hand vorbereitet, er wusste, was er tat. Auch dass sein Manifest ein Kollaborat ist, aendert nichts an seiner Schuldfaehigkeit. Die hat auch nichts mit seinem geistigen Umfeld zu tun, das sich nun von ihm distanziert. Die trifft zwar eine gewisse Mitschuld, aber gemordet hat er, sonst niemand. Es ist uebrigens typisch fuer rechtslastige Kreise, dass sie sich von einem der ihren distanzieren, wenn der wegen seiner Tat auf breite Abscheu stoesst, denn sie wissen, das ihnen dies schadet.
2. erster
smokinbu 25.07.2011
Absolut verständlicher Artikel, toll geschrieben Herr Musharbash. Sie bringen es einfach auf den Punkt. Danke !
3. der erste islamophobe Terroranschlag in Europa?
tsuggitschuggi 25.07.2011
Islamophobie wäre es möglicherweise, wenn er sich für seinen Amoklauf/Terroranschlag ein islamisches Gemeindehaus rausgesucht hätte.
4. :wq
demwz 25.07.2011
Wie kann man einen irren Einzeltäter mit einem Weltumspannenden Terrornetzwerk vergleichen? Der Typ ist ein tragischer Spinner. Nicht mehr und nicht weniger. Aus seien Taten können wir nichts ableiten und es gibt nichts zu lernen und auch nichts zu tun, um sowas künftig zu verhindern. Einzig für Psychologen dürfte der Fall interessant sein. Es ist tragisch und traurig, aber unter 6 Mrd Menschen gibt es hin und wieder einen, bei dem die Sicherungen durchbrennen. Das ist das Motiv und jeder Versuch der Erklärung lässt sich auf diese Binsenweisheit reduzieren. Ach eines noch: Warum müssen tödliche Schusswaffen praktisch jedem zugänglich sein und wozu braucht ein Sport-Schütze mehrere Hundert Schuss Munition?
5. ob Breivig Nachahmungstaten induzieren kann...
Emil Peisker 25.07.2011
Zitat von sysopIst die Tat von Anders Breivig der erste islamophobe Terroranschlag in Europa? Oder ein Amoklauf? Oder die Tat eines halluzinierenden Einzeltäters? Das Blutbad von Norwegen ist nicht in eindeutigen Kategorien zu fassen. Der Versuch einer Einordnung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776466,00.html
Die Frage, ob Breivig Nachahmungstaten induzieren kann, ist nicht abwegig. Es wird genügend wirre Geister geben, die auf einen solchen Zug aufspringen könnten. Man sollte die Rechte Szene im Internet besser im Auge behalten, auch ihre Tutoren, die den Müll predigen, der Breivig zu diesen Taten anspornte. Die Rechten haben ihm den Auftrag zu Anschlägen nicht erteilt, aber aus ihrem Credo sog er sich die krude Ideologie, die sich dann in seiner 1.500seitigen "Enzyklopädie" des rechten Gedankengutes von Robert Spencer, Jihadwatch, bis hin zu der des "freundlichen Geert Wilders", wie Breivig ihn nannte, manifestierte. Man muss befürchten, dass dieses Sammelsurium von rechtsradikalen Vorurteilen zur neuen Bibel der extremen Rechten werden wird. Dass nach Breivigs Meinung, der "Nachwuchs" der Sozialdemokraten, die Brut der "Kulturmarxisten" wie er sich ausdrückte, die Opfer wurden, und nicht Islamisten, die ja eigentlich das Ziel seines Kreuzzuges sind, ist an Perfidie nicht mehr zu übertreffen. In Norwegen wird er daher kaum Nachahmer finden, da die norwegische Gesellschaft den dortigen Rechtspopulisten bei den nächsten Wahlen eine schwere Schlappe einschenken wird, spekuliere ich mal.
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Norwegen: Ein Land in Trauer

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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