Von Yassin Musharbash
Kühl und emotionslos - so klingen die meisten Definitionen des Begriffs Terrorismus. So muss es wohl auch sein, wenn die Wissenschaft sich mit Bluttaten beschäftigt, deren erklärtes Ziel es ist, Schrecken, Tod und Horror zu verbreiten. In vielen gängigen Definitionen ist davon die Rede, dass Terror ein Akt der politischen Kommunikation durch Gewaltanwendung gegen Zivilisten ist. Die Abgrenzung zum Massenmord oder Amoklauf ist das politisch-ideologische Element, die Abgrenzung zum Krieg oder kriegsähnlichen Handlungen besteht im gezielten Vorgehen ausschließlich gegen Zivilisten.
Mit Blick auf das 1500 Seiten lange Manifest, das Anders Breivik zugeschrieben wird und das er kurz vor der Tat versendet haben soll, und mit Blick auf die Opfer, die er ausgewählt hat, erfüllt seine schreckliche Tat vom vergangenen Freitag diese Definition. Er sah sein Massaker als politische Botschaft, als ein ideologisches Fanal. Und mag es auch sein, dass er die Nachwuchsorganisation der Arbeiterpartei als "feindlich" definierte, so wusste er doch, dass er unbewaffnete, wehrlose junge Menschen angriff. Anders Breivik, es gibt keinen anderen Schluss, ist ein Terrorist.
Oder etwa nicht? Was etwa, wenn er - nach ebenso gängigen Definitionen - geisteskrank ist? Wenn er wahnhaft handelte? Wenn das, was man als seine politische Ideologie bezeichnen könnte, zugleich seine Scheinwelt ist, in der er sich eingerichtet hat? Tatsächlich würde das wohl nur an der juristischen Schuldfrage etwas ändern. Denn selbst falls Breivik klinisch gesehen verrückt sein sollte - er wollte wie ein Terrorist handeln, und handelte wie einer.
Spielt es in diesem Zusammenhang eine Rolle, ob sein Weltbild geschlossen, die in seinem Manifest entworfene Ideologie schlüssig, seine Gedankenwelt anschlussfähig war? Nicht so sehr für die Tat selbst, den singulären Vorgang. Schon eher aber für die Frage, was seine Tat bewirkt und noch bewirken wird.
Rechts-Terrorist und selbsternannter Kreuzritter
In dem 1500-Seiten-Konvolut von Anders Breivik lassen sich vermutlich ohne Probleme rote Fäden entdecken, die sich schlüssig in die Traditionslinien des Rechts-Terrorismus einbetten lassen. Aber es finden sich ebenso Passagen, die aus dem Kontext gefallen wirken, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Wobei freilich nicht klar ist, wie viel von dem Text tatsächlich von ihm stammt, zu welchem Grad es sich um eine Collage handelt, und wieso er es unter dem Pseudonym Andrew Berwick und auf Englisch verfasste.
Er ist ein Nazi, und zugleich keiner. Er preist Winston Churchill und Franz Kafka. Er führt Gandhi an und beschreibt einen Plan zur Waffenbeschaffung. Er verteufelt Marxismus und Liberalismus und argumentiert streckenweise doch eher wie "Ultraliberale" um Geert Wilders - vor allem, wenn er seine Feindschaft gegenüber dem Islam ausbreitet und seine Angst vor einer angeblichen "islamischen Kolonisierung". Er sieht sich als Freimaurer, schwadroniert über die Wiederbelebung des Templerordens, kommentiert die katholische Liturgie und macht Vorschläge zur Unterwanderung von Facebook-Seiten. Was also soll man damit anfangen?
Wie kann so etwas nicht wahnhaft sein?
Es ist wahnhaft. Und es ist - in Bruchstücken - doch zugleich Teil eines größeren Diskurses. Denn selbstverständlich sind etliche seiner islamophoben Passagen anschlussfähig. Man braucht nur einen Blick in einschlägige Internetforen werfen, wo die ersten Aufgeregten allen Ernstes schreiben, Breivik habe der "islamkritischen Szene" einen "Bärendienst" erwiesen. Es sei davon auszugehen, schreibt der Kommentator weiter, dass "die Linke" das "traurige Ereignis" für "ihre Zwecke" instrumentalisieren werde.
Die islamkritische Szene geht auf Distanz
Es ist dabei nicht einmal unglaubwürdig, wenn die "islamkritische Szene" den Anschlag verurteilt und sich bestürzt zeigt. Es ist aber interessant zu beobachten, wie dieser Personenkreis zugleich der Befürchtung Ausdruck verleiht, nun werde man sicher mit Breivik in einen Topf geworfen. Es gibt eine andere Gruppe, die dieses Gefühl nur allzu gut kennt: Muslime, von denen ständig erwartet wird, dass sie sich von dschihadistischen Terroristen distanzieren, als empfänden sie natürlicherweise klammheimliche Freude über deren Taten.
Dabei wirkt die Propaganda und Ideologie von al-Qaida und Co. auf die meisten Muslime fast ebenso wirr und verstörend wie das Manifest von Anders Breivik auf die europäische Öffentlichkeit. Es gibt einzelne Worte darin, Begriffe, Versatzstücke, die man kennt, mit denen man etwas anfangen kann, die einem etwas bedeuten mögen - aber in der Summe und in den angeblich daraus abgeleiteten konkreten Handlungsanweisungen bleibt das Gemisch nicht nachvollziehbar. Wieso hetzt Breivik gegen Muslime und tötet junge Norweger? Wieso hetzt al-Qaida gegen "die Ungläubigen" und bringt Muslime um?
In diesem Sinne verkehren die Anschläge in Norwegen die Rollen: Anders Breivik nennt sich selbst zum Beispiel einen christlichen Fundamentalisten - und diese sehen sich nun mit der Herausforderung konfrontiert, ihm dieses Etikett wieder zu entziehen. Mit Terroristen, die sich als Krieger im Namen des Islam bezeichnen, haben Muslime ein vergleichbares Problem.
Was allen Ideologien vergleichbar ist, auf die sich Terroristen stützen, ist freilich die Freigabe der Gewalt; die Erlaubnis, ja die Pflicht zu töten. Anders Breivik, der vermutlich nicht Teil einer Terrorgruppe war, erteilte sich diese Erlaubnis selbst; al-Qaida und andere Gruppen tun dies für ihre Attentäter.
Legitimation von Gewalt und Grausamkeit
Al-Qaida hat ein klares Freund-Feind-Weltbild, die Gottesgegner sind leicht zu identifizieren. Breiviks Pamphlet ist etwas komplexer, etwas kruder, auf den ersten Blick zumindest, aber der Mechanismus ist ähnlich: Ich stehe einer Verschwörung gegenüber. Ich werde angegriffen. Ich verteidige mich. Ich töte heute, damit morgen eine bessere Welt entstehen kann.
Vergleichbar einem Qaida-Ideologen suchte Breivik aus der Bibel Passagen heraus, die Gewalt legitimieren. Gewalt sei nicht nur erlaubt, sondern sogar notwendig, schloss er; und deutete damit seine (norwegischen) Opfer zu gesichtslosen Hindernissen auf dem Weg in die (norwegischere) Welt um, die er herbeibomben wollte. Auch al-Qaidas Attentäter durchlaufen eine solche Phase der Umdeutung ihrer Umwelt, um die Hemmschwelle zu senken, andere aus der Mitte der (oft ja: eigenen) Gesellschaft zu ermorden. "Wir sind im Krieg, und ich bin Soldat", erklärte einer der Attentäter von London 2005 in breitestem Yorkshire-Akzent in seinem Abschiedsvideo. "Eure demokratische Regierung begeht Akte der Grausamkeit an meinem Volk."
Al-Qaida bietet freilich eine Belohnung an - den Eintritt ins Paradies als garantierte Dreingabe. Wir wissen nicht, ob Anders Breivik sich ebenfalls himmlische Glückseligkeit versprach. Es bleibt eine Möglichkeit.
Inszenierung als Märtyrer
Neben allem anderen, was Terrorismus bewirkt, kann er unterdessen auch - entsprechend inszeniert - Idole erschaffen. Al-Qaida hat große Meisterschaft darin erlangt, "Märtyrer" als Vorbilder zu verkaufen. Auch diese Aufgabe musste Breivik alleine bewerkstelligen - mit seinem Pamphlet, und wohl auch in einem YouTube-Video, in dem er über die Notwendigkeit von "Aufopferung und Märtyrertum" sprach.
Sein Pamphlet unterzeichnete er im Namen der "Tempelritter Norwegen" - so wie ein Qaida-Attentäter seine letzte Botschaft vielleicht mit "al-Qaida in Skandinavien" unterschrieben hätte. Macht es wirklich einen Unterschied, ob es eine dieser Organisationen tatsächlich gibt, wenn einer oder mehrere wollen, dass es sie gibt, und auf dieser Grundlage handeln? Ist es wirklich wichtig, dass eine "Ideologie" schlüssig ist, damit sie Wirkung entfaltet?
Und doch sind es am Ende nicht Phantasien und Ideologien, nicht Netzwerke und Gruppen, die morden - sondern Menschen. Das gilt für Anders Breivik genau wie es für einen dschihadistischen Selbstmordattentäter oder einen Nazi-Bombenleger gilt. Anders Breivik ist ein Verbrecher. Er ist womöglich zugleich verrückt und eventuell sogar schuldunfähig. Trotzdem bleibt seine Bluttat ein Terrorakt, in diesem Fall einer, in dem sich religiöser Wahn mit Rechtsradikalismus und Islamophobie verbindet.
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