Massenmord in Srebrenica Zehn Jahre vergebliche Suche, zehn Jahre verpatzte Einsätze

8000 bosnische Männer und Jungen wurden in Srebrenica von der serbischen Armee unter den Augen der Uno ermordet. Zehn Jahre nach dem Massaker fahnden Nato-Einheiten noch immer nach den Hauptverantwortlichen. Immerhin: In Belgrad wird nun endlich über die Schuld am Völkermord diskutiert.

Von Caroline Fetscher


 Massengrab bei Srebrenica: 8000 Jungen und Männer ermordet
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Massengrab bei Srebrenica: 8000 Jungen und Männer ermordet

Aleksandar Sasa Karadzic war erstaunt, als Soldaten der Nato-Truppen in Bosnien-Herzegowina ihm am Donnerstag Handschellen anlegten und zu einem bereitstehenden Hubschrauber brachten. Der Sohn von Radovan Karadzic, einem der meistgesuchten Verbrecher auf der Liste von Interpol, könne über "wichtige Informationen verfügen, um angeklagte Kriegsverbrecher zu finden" und sei an einen "sicheren Ort" gebracht worden, so ein Nato-Sprecher.

Aleksandar Karadzics Schwester Sonja berichtet, die Soldaten hätten zuvor ein Treffen zur Rückgabe von Dokumenten in dem Haus der Familie in Pale vorgetäuscht und andere Familienangehörige gebeten, den Raum zu verlassen. Sie bezeichnet die Festnahme ihres Bruders als "Entführung", schließlich wüssten die Soldaten "doch besser als wir, dass wir seit Jahren keinen Kontakt zu Radovan Karadzic haben, da sie uns doch ständig folgen und unsere Telefone abhören".

Nach fast zehn Jahren vergeblicher Suche und verpatzter Einsätze in Bosnien und Montenegro, bei denen Nato-Einheiten wie lokale Kriminalpolizei den mutmaßlichen Kriegsverbrecher immer wieder entkommen ließen, soll nun der Sohn die Fahnder auf die Spur Karadzics bringen.

 Radovan Karadcic und Ratko Mladic: Seit zehn Jahren auf der Flucht
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Radovan Karadcic und Ratko Mladic: Seit zehn Jahren auf der Flucht

Radovan Karadzic, Psychiater, Literat, Kinderbuchautor mit exzentrischer Haartolle, Ex-Präsident der bosnischen Serben, 1945 im Dörfchen Petnjica im Norden Montenegros zur Welt gekommen, muss sich heute vor der Welt verstecken. Gefahndet wird nach ihm unter anderem wegen des Massenmordes an 8000 Jungen und Männern in Srebrenica im Sommer 1995, für den er gemeinsam mit seinem obersten General, Ratko Mladic, verantwortlich zeichnen soll. Doch beide, Mladic wie Karadzic sind auf der Flucht. Jetzt, am zehnten Jahrestag des Massenmords, wollen nicht nur die Opfer diese beiden hinter Gittern.

Geradezu fürsorglich gab sich dieser General an diesem heißen Sommertag in der ostbosnischen Ortschaft Potocari, dem 11. Juli 1995. "Passen Sie auf ihre Kinder auf", rief Ratko Mladic den Müttern von Srebrenica zu, die zitternd vor Angst, durstig und ohne Essen, auf ihren Abtransport aus der Uno-Schutzzone warteten, in die sie während der Kriegshandlungen geflüchtet waren. Wie beiläufig fügte Mladic hinzu: "Dass hier ja keins verloren geht!" Seine Sätze gehörten zu einer kalkulierten Inszenierung, denn der General der bosnischen Serben war sich der Nähe einer Fernsehkamera bewusst.

Im Hintergrund, für die Kamera unsichtbar, ließen die Soldaten von Mladics "Armee der Republika Srpska" eine andere Sprache hören. "Los, Männer hierher, Frauen dort herüber!", kommandierten sie Tausende bosnischer Muslime umher, Handfeuerwaffen im Anschlag. Vom Morgen bis in die Nacht zwangen sie die Familien, sich von Jungen und Männern zu trennen, und schafften Frauen und Kinder auf Lastwagen in bosnisch kontrolliertes Territorium. Männliche Flüchtlinge behielten sie da. Etwa Zehntausend der männlichen Zivilisten, Teenager wie Greise, versuchten in die Wälder zu fliehen, die Mehrzahl geriet in Gefangenschaft, Tausende wurden erschossen. "Operation Krivaja" lautete der Codename für den geplanten Massenmord.

Am 26. Juli 2000 berichtete eine der Mütter als Zeugin im Prozess gegen Mladics Armeechef vor Ort, General Radislav Krstic, am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), was ihr widerfuhr. Zu ihrem Schutz machte sie unter dem Kürzel "Zeugin DD" ihre Aussage. Auf ihrem Weg zum Abtransport, zwei Söhne an der Hand, entriss ihr ein Soldat eins der Kinder. "Warum nehmt ihr ihn? Er ist 1981 geboren!", rief sie. "Ich habe ihn so fest gehalten, wie ich konnte, aber sie haben ihn weggezogen." Sein kleiner Bruder geriet in Panik. "Er hat geschrien, an meinen Kleidern gezerrt, an meinen Haaren", berichtete die Zeugin weinend. Sie sah ihr Kind nie wieder.

 Paramilitärische Einheit "Skorpione": Kaugummi kauend, lässig rauchend
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Der Junge endete in einem Massengrab. Potocari, wo es heute einen Friedhof und ein Gedenkstätte für die Toten gibt, war der Ort an dem Tausende ihre Väter, Männer, Brüder, Söhne, Onkel, Vettern zum letzten Mal gesehen haben. In seinem Urteil gegen General Radislav Krstic hat der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) im August 2001 die Bezeichnung für das im Sommer 1995 begangene Massaker präzisiert: Genozid.

Ende des Pazifismus

Srebrenica war ein Völkermord am Ende des Jahrhunderts, der weltweit einen Paradigmenwechsel in der Haltung zu militärischen Interventionen einleitete. So schrieb Joschka Fischer am 30. Juli 1995 seinen legendären Brief an die Grünen: "Die Katastrophe in Bosnien und die Konsequenzen für unsere Partei."

Als serbische Einheiten am 11. Juli 1995 Srebrenica einnahmen, ein systematisch ausgehungertes, ehemaliges Silberminenstädtchen in den Bergen Ostbosniens, das von den Vereinten Nationen 1993 zum "safe haven" erklärt worden war, ging es ihnen um das letzte Kapitel im Buch ihrer "ethnischen Säuberungen". Stämmig, kurzgeschoren, in locker sitzender Camouflagejacke, trat Mladic zwischen den von Einschüssen zernarbten Fassaden vor die Kamera eines lokalen Kriegsreporters. Siegesgewiss gab er bekannt: "Hier stehen wir im serbischen Srebrenica (...) und wieder einmal sehen wir uns am Vorabend eines gewaltigen serbischen Festes." Es sollte, nach seinem Willen, ein Schlachtfest werden.

Möglich, dass die am 16 April 1993 vom Uno-Sicherheitsrat per Resolution 819 zu Schutzzonen erklärten Enklaven nicht durch Zufall schutzlos fielen. Viele vermuten einen dunklen Deal des Westens mit den Kriegsparteien. So erklärt etwa der damalige US-Unterhändler Richard Holbrooke, Bosniens Staatschef Alija Izetbegovic habe ihm im Januar 1995 seine Bereitschaft mitgeteilt, unter der Garantie, dass Sarajevo ungeteilt bleibe, werde er den Serben Srebrenica und die übrigen Enklaven zu überlassen. Ein Bauernopfer, aus Zynismus oder Verzweiflung? Bis heute ist der Sachverhalt nicht vollständig klar.

 Mladic und Karremanns: Ein Bauernopfer, aus Zynismus oder Verzweiflung?
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Tausende angsterfüllter Familien hatten sich am 11. Juli 1995 auf die Uno-Basis Potocari geflüchtet, wenige Kilometer nördlich der Schutzzone. Doch die 350 Uno-Soldaten, angeführt von dem niederländischen Kommandeur Tom Karremanns, hatten kein Mandat um einzugreifen. So kam es, dass sie sogar beim Selektieren der Flüchtlinge assistierten, und dass ein skandalöses Foto um die Welt ging, auf dem Tom Karremanns und Mladic einander zuprosten.

"The biggest Deathcamp in the World"

Im Verlauf des Bosnienkrieges war die Bevölkerung der Enklaven enorm angeschwollen. Srebrenica diente als Zufluchtsort bosniakischer Flüchtlinge aus dem Umland, bis zu 40.000 lebten nun dort. Doch in der Schutzzone ging etwas vor, was der venezolanische Uno-Beamte Diego Enrique Arria am 10. Februar 2004 als Zeuge im Prozess gegen Milosevic als einen "Völkermord in Zeitlupe" bezeichnete, der in ein Massaker münden würde. "Srebrenica wurde seit Monaten ausgehungert und beschossen. An der Balkonbrüstung eines Plattenbaus hatte jemand ein handgemaltes Schild befestigt: "This is the biggest Deathcamp in the World."

Auf diesem Terrain hatte Mladic leichtes Spiel. Er wolle, sagte er, die Männer aussondern, "um herauszufinden, ob unter ihnen Kriegsverbrecher sind". In Wahrheit stand bereits ein komplexer logistischer Apparat bereit, um Massenexekutionen zu bewerkstelligen. Armee-Einheiten, Paramilitärs und Polizeitrupps hatten Munition und Waffen bereit, Exekutionsstätten ausgesucht, Lastwagen und Busse zum Transport der Opfer, Bulldozer zum Ausheben der Gruben organisiert, Vorräte an Benzin und Diesel angelegt, Handfesseln und Augenbinden herstellen lassen.

Bosnische Frauen: "Warum nehmt ihr ihn? Er ist 1981 geboren!"
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An alles war gedacht. Über Funk und verschlüsselte Codes koordinierten die Killer ihr Vorgehen mit den "Paketen", wie sie die Todgeweihten nannten, denen sie mit Bedacht 24 Stunden und länger weder Wasser noch Brot gaben. Geschwächt leisteten sie weniger Widerstand. "Die Leute schrien vor Durst, sie tranken ihren eigenen Urin", erinnerte sich der Den Haager "Zeuge O", einer von wenigen Überlebenden der Killing Fields. Am Petkovci-Damm gelang ihm in der Nacht nach dem Morden die Flucht. Er schleppte sich verwundet über Hunderte toter Körper in einen Wald.

  • 1. Teil: Zehn Jahre vergebliche Suche, zehn Jahre verpatzte Einsätze
  • 2. Teil

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