Massenproteste wegen Müll, Armut, Korruption Beirut stinkts!

Auf Beiruts Straßen türmt sich der Müll, Politiker können sich nicht auf eine neue Deponie einigen. Nun begehren die Bürger auf, Tausende wollen demonstrieren - gegen Korruption und Vetternwirtschaft.

REUTERS

Aus Beirut berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Dass Ahmad mal Taxi würde fahren müssen, hätte sich der 30-Jährige nicht träumen lassen. Immerhin hat er einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften, Schwerpunkt Marketing gemacht. An einer privaten Universität, wie die Hälfte aller libanesischen Studenten. Er versprach sich davon bessere Jobaussichten in einer Agentur oder einem Unternehmen.

Doch Ahmad wurde bitter enttäuscht, seit seinem Abschluss vor sechs Jahren arbeitet er nun als Taxifahrer. "Wenn man nicht irgendjemand Wichtigen kennt, bekommt man keinen guten Job", sagt er.

Fragt man ihn nach der Lage im Land, wird der junge Mann deutlich. Sehr deutlich sogar. "Nichts funktioniert im Libanon. Keine Arbeit, keine Zukunft, kein Strom, kein Wasser - und jetzt auch noch Müll überall", fasst er zusammen. "Wir sind müde. Alles wird immer schlechter. Es reicht einfach."

Am Samstag will Ahmad im Zentrum von Beirut gegen die Regierung demonstrieren. Tausende werden erwartet. Denn die Wut auf die tatenlose Politik vereint die Libanesen über alle Religions- und Klassengrenzen hinweg. Die Proteste könnten die größten werden seit der Zedernrevolution 2005.

"Talaat Richatkun", ihr stinkt, ist der Slogan des spontanen Aufstands. Ausgelöst wurde er durch die Müllberge, die sich in den Straßen Beiruts auftürmen und die Luft verpesten. Die Regierung konnte sich nicht auf eine neue Halde einigen, also blieb der Abfall wochenlang in der Sommerhitze liegen. Die alte Deponie hatte schließen müssen. Sie war vor 17 Jahren eigentlich nur als Übergangslösung geplant - wie so ziemlich alles im Libanon - und quoll nun mit 15 Millionen Tonnen statt der geplanten zwei Millionen Tonnen buchstäblich über.

Libanon funktioniert nach dem Prinzip Vetternwirtschaft

Der Libanon ist ein schönes Land: Berge, Strände, Zedernwälder, Weltkulturerbe, Beiruts Bar- und Klubszene. Doch ihn plagt eine der miserabelsten öffentlichen Verwaltungen der Welt. Nur die Beamten Jemens und Venezuelas seien noch korrupter und die Regierung noch schwächer, urteilte das "Weltwirtschaftsforum", eine schweizerische Stiftung, die jedes Jahr das bekannte Treffen in Davos organisiert, in einem Bericht.

Vieles im Libanon funktioniert nach dem Prinzip Vetternwirtschaft. Ohne "Wasta", Verbindungen, geht wenig. Nach Ende des 15-jährigen brutalen Bürgerkriegs 1990 wurden aus ehemaligen Milizionären Parteichefs. Sie teilen sich Macht und Geld untereinander auf. Gut dotierte Verträge und Jobs gibt es meist im Gegenzug für Loyalität.

Und so ist es auch die Korruption, die verhindert, dass man sich auf eine neue Müllhalde einigen kann. Denn mit Abfall lässt sich viel Geld machen: Welche Firma bekommt den Zuschlag? Welcher Unternehmer steht welcher Partei nahe? Die Politik wird sich nicht einig, wessen Günstling wie viel bekommen soll.

Strom und Wasser müssen die Libanesen doppelt bezahlen

Die Probleme ziehen sich durch den Alltag. Sechs bis acht Stunden am Tag haben Libanesen keinen Strom, wenn sie nicht ihren eigenen Generator betreiben. Denn das Land produziert nicht ausreichend Elektrizität für seine Bevölkerung. Seit Jahrzehnten wurde kein neues Kraftwerk gebaut. Mal wieder, weil man sich nicht einigen konnte, wer wie viel daran verdienen würde. Ähnlich beim Wasser: Wegen der schlechten öffentlichen Versorgung müssen Libanesen zusätzlich privat Wasser kaufen. Dabei ist der Libanon eines der wasserreichsten Länder im Nahen Osten.

Verschärft werden diese Probleme durch den Krieg in Syrien. Schätzungsweise rund 1,5 Millionen Syrer sind in den Libanon geflüchtet, ein Land mit rund 4,5 Millionen Einwohnern - eine extreme Belastungsprobe. Die libanesische Regierung steckt tief drin im syrischen Krieg: Ein Teil der Einheitsregierung, die schiitische Hisbollah, kämpft mit Tausenden ihrer Milizionäre für das syrische Regime. Ihr Koalitionspartner, die hauptsächlich sunnitische "Zukunftsbewegung", sympathisiert mit Syriens Opposition.

Besonders schockierend jedoch sind die jüngsten Streitereien um die Verteilung der politischen Ämter. Seit 15 Monaten können sich die Parlamentsabgeordneten nicht auf ein Staatsoberhaupt einigen. Es ist ein prestigereicher Posten, den immer ein Christ innehat. Nun hat der Libanon eben seit über einem Jahr keinen Präsidenten mehr.

Das Parlament bricht mit der Demokratie

Das Parlament selbst hätte eigentlich schon 2013 neu gewählt werden sollen. Doch die Abgeordneten streiten seit Jahren über ein neues Wahlrecht - Wahlkreise werden gern so zurechtgeschnitten, dass alle Parteien ihre Sitze behalten. Also verschob es die Abstimmung auf 2014. Dann kam das Präsidentenproblem dazu. Kurzerhand verlängerten die Abgeordneten noch einmal ihre eigene Amtszeit, dieses Mal gleich bis 2017 - eine klare Missachtung der demokratischen Grundordnung.

Nun ist es den Bürgern des Libanon zu bunt geworden. Sie protestieren auf den Straßen für Reformen. Die Politiker haben ihnen schließlich die Möglichkeit genommen, sich in Wahlen auszudrücken.

"Ich fordere eine Rechenschaftspflicht für Minister, die ihren Job nicht machen", sagt Mark Dao, einer der libanesischen Aktivisten, die hinter der "Ihr stinkt"-Kampagne stehen. "Wir wollen verhindern, dass Politiker sich weiter die Müllausschreibungen untereinander aufteilen können."

Doch es gibt auch Demonstranten, die mehr wollen: den Sturz der Regierung, Neuwahlen oder gleich: "Nieder mit dem Regime!". Schließlich würden Wahlen doch nur dieselben wieder zurück an die Macht bringen. Es wird befürchtet, dass die Proteste erneut in Gewalt enden könnten.

So wie am vergangenen Wochenende, als ein paar wenige Demonstranten randalierten. Die Sicherheitskräfte feuerten Gummigeschosse auf die überwiegend friedlich Protestierenden. Mindestens 500 von ihnen wurden zum Teil schwer verletzt, die Polizei berichtete von 150 Verletzten in ihren Reihen..


Zusammengefasst: Der Libanon ist von Korruption und Vetternwirtschaft zerfressen. Nun ist die Müllabfuhr zum Erliegen gekommen - und den Bürgern reicht es. Sie wollen am Wochenende auf die Straße gehen. Tausende werden zu den Demos erwartetet.



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
ich_bins 29.08.2015
1. Das ist ja wie in Neapel!!!
Im Sinne der Gleichbehandlung schlage ich vor auch diesen Müll im Rahmen einer Notfall-Hilfe nach Deutschland zu transportieren und in den hiesigen Müllverbrennungsanlagen zu entsorgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muellchaos-neapels-dreck-geschaefte-mit-deutschland-a-527940.html
netbil 29.08.2015
2. Schade
Vor exakt 50 Jahren war ich in Beirut, eine tolle Stadt, das Paris der arabischen Welt wurde Beirut genannt. Was danach geschah, war grauenhaft. Leider wurden nicht nur Menschen getötet, die Stadt verwüstet, es wurde eine komplette Kultur beseitigt. Ethik und Moral wieder herzustellen, dauert noch ein, zwei Generationen. Eine charismatische Persönlichkeit, die diesen Zeitraum sichtbar verkürzen könnte, ist nicht in Sicht.
Sachalin 29.08.2015
3. Afrika
Es ist halt in Beirut so, wie überall in Afrika und Arabien. Keine Müllverbrennung, keine Kläranlagen. So fliesst das ganz Abwasser Kairos, Fäkalien und Zivilisationsmüll, wie aller anderen Städte bzw. Siedlungen dieses Kontinents, ungeklärt ins Meer. Wegschmeissen und bestehfalls irgendwohin zur Seite schieben ist die Mentalität beim Abwasser wie beim Müll, wie übrigenws auch in Südamerika, insbesondere Brasilien.. Rio..
leserich 29.08.2015
4. Kann die EU dort nicht einfach
Kann die EU dort nicht einfach dem Libanon bzw. Beirut eine moderne Abfallsortieranlage spendieren? Eine solche Anlage wirft Gewinn ab, das können die korrupten Politiker dann ja unter sich aufteilen, es täte der Umwelt gut, liefert Ersatzbrennstoff für ein Kraftwerk und nähme Druck aus dem Kessel, damit nicht auch noch der Libanon dem "Frühling" in die Hände fällt. Kostet nicht die Welt.
sapereaude! 29.08.2015
5. Jean-Claude
Zitat von ich_binsIm Sinne der Gleichbehandlung schlage ich vor auch diesen Müll im Rahmen einer Notfall-Hilfe nach Deutschland zu transportieren und in den hiesigen Müllverbrennungsanlagen zu entsorgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muellchaos-neapels-dreck-geschaefte-mit-deutschland-a-527940.html
Jean-Claude Juncker wird's schon richten. Der nimmt eine LKW-Ladung unseres Geldes und regelt die Sache.
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