Aus Kairo berichtet Hasnain Kazim
"Hau ab, Mubarak!" - "Es reicht!" - "Seid nicht müde, seid nicht müde! Die Freiheit ist noch nicht befreit!" Die Parolen auf Kairos Tahrir-Platz sind eindeutig: Diktator Husni Mubarak soll endlich abtreten. In der Nacht zu diesem Mittwoch haben wieder Tausende Menschen auf dem Platz ausgeharrt. Die Proteste drohen abzuebben, wie hier und dort zu lesen ist? Keineswegs. Hunderttausende Demonstranten waren es am Dienstag - und jetzt bereitet sich Ägyptens Opposition auf den Freitag vor. Nach dem Mittagsgebet wollen die Regimegegner wieder die Massen mobilisieren: Der Ruf nach Freiheit soll noch lauter werden.
Aber lässt das Regime die neue Großdemonstration zu?
In Kairo kursieren Gerüchte, dass die ägyptische Regierung nicht länger zusehen will, wie die Demonstranten das politische System ins Wanken bringen. Aus Regierungskreisen ist zu hören, man wolle die Demonstrationen nur noch bis Donnerstag dulden. Auch Vizepräsident Omar Suleiman hat angeblich genug von den permanenten Protesten. Ein Offizier, der neben einem Panzer auf dem Tahrir-Platz steht, bestätigt: Ja, die Armee denke darüber nach, "wie man diese Situation zu einem vernünftigen Ende bringen kann".
Was würde das bedeuten? Manche Demonstranten befürchten, dass Mubaraks Anhänger diese Gerüchte als Aufruf zur Gewaltanwendung auffassen könnten. "Wir haben ja erlebt, wie seine Schlägertrupps zu Beginn der Proteste hier auf dem Tahrir-Platz gegen uns vorgegangen sind", sagt der junge Aktivist Ahmad al-Scharkawi. Noch jetzt erinnern zahlreiche Plakate mit Porträtfotos und blutigen Bildern an die Menschen, die hier ums Leben gekommen sind. Manche sprechen von hundert Toten, andere von mehr als 300, überprüfen lässt sich das nicht.
"Wir werden auf jeden Fall demonstrieren"
Die Regimegegner wollen sich nicht einschüchtern lassen: "Wir werden auf jeden Fall demonstrieren: am Freitag und, wenn nötig, an weiteren Tagen. So lange, bis Mubarak abgetreten ist", sagt Ahmad Salah, ein Aktivist auf dem Platz. Er war schon bei der oppositionellen Kifaya-Bewegung dabei, die sich seit 2004 für eine Direktwahl des Präsidenten einsetzt und im Frühjahr 2005 Kundgebungen gegen Mubarak organisierte. "Seit wann lassen wir uns unser Recht zu demonstrieren verbieten? Wir haben am 25. Januar niemanden um Erlaubnis gefragt, und wir werden auch künftig niemanden um Erlaubnis fragen", sagt er. Ginge es nach der Regierung, wären sowieso alle Demonstrationen, die bisher stattgefunden hätten, illegal. "Uns kümmert das nicht."
Die Angst vor der Gewalt des Regimes ist offenbar bei vielen Ägyptern verschwunden. Bei dem Massenprotest am Dienstag wurde deutlich, dass sich viele der Demonstranten zum ersten Mal an dem Protest beteiligten. Aus dem ganzen Land reisten Menschen nach Kairo. "Ich verfolge das Geschehen seit Tagen im Fernsehen, jetzt bin ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern gekommen, um das mit eigenen Augen zu sehen", sagt Said Hafis, der in einem Hotel im rund 700 Kilometer entfernten Luxor arbeitet.
Offiziell ließ Vizepräsident Suleiman nach einem Gespräch mit Mubarak versichern, dass die Demonstranten in Frieden gelassen würden. Mubarak habe betont, dass die ägyptische Jugend "die Wertschätzung der Nation" verdiene. Es sei eine Verfügung erlassen worden, die vorsehe, die Demonstranten zu schützen und ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung zu garantieren.
Ägyptens neuer Volksheld
Doch Vertreter der Opposition äußerten am Mittwoch ihr Misstrauen gegen das Entgegenkommen. Es sei auf jeden Fall wichtig, dass weiter über die Lage am Tahrir-Platz berichtet werde. Am Dienstag hatten die staatlichen Kontrolleure zunächst Journalisten den Zugang zum Tahrir-Platz verweigert, sie dann aber doch eingelassen, als mittags Menschenmassen dorthin strömten.
"Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel, nämlich freie Wahlen in einem freien Ägypten, schon bald erreichen werden", sagt Scharkawi. Das Versprechen der Regierung einer friedlichen Machtübergabe weist er wie alle Demonstranten zurück. "Mubarak versucht auf Zeit zu spielen, wenn wir das akzeptieren, endet unsere Bewegung auf halber Strecke." Außerdem bestehe die Gefahr, dass ein neuer autoritärer Herrscher an die Macht komme, sollte es keine echten Wahlen geben.
Auftrieb erhielten die Proteste durch die Freilassung des Google-Managers Wael Ghonim, der am 27. Januar festgenommen worden war und zwölf Tage in Haft saß. In einem Fernsehinterview berichtete Ghonim eindrucksvoll von seiner Gefangenschaft. Am Dienstag wurde er von den Regimegegnern auf dem Tharir-Platz gefeiert. "Ich bin kein Held, ihr seid Helden", rief der 30-Jährige den Demonstranten zu.
Am Freitag könnte sich zeigen, ob der Druck auf das Regime groß genug wird, Mubarak doch noch schnell aus dem Amt zu jagen.
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