Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Massenprotest in Kairo: Revolutionäre trommeln für Freitag der Freiheit

Aus Kairo berichtet

Ägyptens Regierung will dem Land Ruhe verordnen, aber die Opposition lässt sich nicht unterkriegen - im Gegenteil: Die Protestbewegung scheint immer stärker zu werden, aus dem ganzen Land reisen Menschen zu den Demonstrationen nach Kairo. Am Freitag droht eine neue Gewalteskalation.

Proteste und Volksfest: Optimismus in Kairo Fotos
REUTERS

"Hau ab, Mubarak!" - "Es reicht!" - "Seid nicht müde, seid nicht müde! Die Freiheit ist noch nicht befreit!" Die Parolen auf Kairos Tahrir-Platz sind eindeutig: Diktator Husni Mubarak soll endlich abtreten. In der Nacht zu diesem Mittwoch haben wieder Tausende Menschen auf dem Platz ausgeharrt. Die Proteste drohen abzuebben, wie hier und dort zu lesen ist? Keineswegs. Hunderttausende Demonstranten waren es am Dienstag - und jetzt bereitet sich Ägyptens Opposition auf den Freitag vor. Nach dem Mittagsgebet wollen die Regimegegner wieder die Massen mobilisieren: Der Ruf nach Freiheit soll noch lauter werden.

Aber lässt das Regime die neue Großdemonstration zu?

In Kairo kursieren Gerüchte, dass die ägyptische Regierung nicht länger zusehen will, wie die Demonstranten das politische System ins Wanken bringen. Aus Regierungskreisen ist zu hören, man wolle die Demonstrationen nur noch bis Donnerstag dulden. Auch Vizepräsident Omar Suleiman hat angeblich genug von den permanenten Protesten. Ein Offizier, der neben einem Panzer auf dem Tahrir-Platz steht, bestätigt: Ja, die Armee denke darüber nach, "wie man diese Situation zu einem vernünftigen Ende bringen kann".

Was würde das bedeuten? Manche Demonstranten befürchten, dass Mubaraks Anhänger diese Gerüchte als Aufruf zur Gewaltanwendung auffassen könnten. "Wir haben ja erlebt, wie seine Schlägertrupps zu Beginn der Proteste hier auf dem Tahrir-Platz gegen uns vorgegangen sind", sagt der junge Aktivist Ahmad al-Scharkawi. Noch jetzt erinnern zahlreiche Plakate mit Porträtfotos und blutigen Bildern an die Menschen, die hier ums Leben gekommen sind. Manche sprechen von hundert Toten, andere von mehr als 300, überprüfen lässt sich das nicht.

"Wir werden auf jeden Fall demonstrieren"

Die Regimegegner wollen sich nicht einschüchtern lassen: "Wir werden auf jeden Fall demonstrieren: am Freitag und, wenn nötig, an weiteren Tagen. So lange, bis Mubarak abgetreten ist", sagt Ahmad Salah, ein Aktivist auf dem Platz. Er war schon bei der oppositionellen Kifaya-Bewegung dabei, die sich seit 2004 für eine Direktwahl des Präsidenten einsetzt und im Frühjahr 2005 Kundgebungen gegen Mubarak organisierte. "Seit wann lassen wir uns unser Recht zu demonstrieren verbieten? Wir haben am 25. Januar niemanden um Erlaubnis gefragt, und wir werden auch künftig niemanden um Erlaubnis fragen", sagt er. Ginge es nach der Regierung, wären sowieso alle Demonstrationen, die bisher stattgefunden hätten, illegal. "Uns kümmert das nicht."

Fotostrecke

25  Bilder
Proteste in Ägypten: Mubaraks Gegner geben nicht auf
Aktivist Scharkawi ist sich sicher, dass Armee und Polizei nicht einschreiten werden, wenn am Freitag wieder Hunderttausende Menschen auf den Tahrir-Platz kommen. "Die gehen nur gegen uns vor, wenn wir wenige sind. Aber wenn hier Familien in der Menschenmenge sind, Frauen und Kinder, dann werden die sich nicht trauen. Alles andere würde in einem unglaublichen Blutbad enden."

Die Angst vor der Gewalt des Regimes ist offenbar bei vielen Ägyptern verschwunden. Bei dem Massenprotest am Dienstag wurde deutlich, dass sich viele der Demonstranten zum ersten Mal an dem Protest beteiligten. Aus dem ganzen Land reisten Menschen nach Kairo. "Ich verfolge das Geschehen seit Tagen im Fernsehen, jetzt bin ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern gekommen, um das mit eigenen Augen zu sehen", sagt Said Hafis, der in einem Hotel im rund 700 Kilometer entfernten Luxor arbeitet.

Offiziell ließ Vizepräsident Suleiman nach einem Gespräch mit Mubarak versichern, dass die Demonstranten in Frieden gelassen würden. Mubarak habe betont, dass die ägyptische Jugend "die Wertschätzung der Nation" verdiene. Es sei eine Verfügung erlassen worden, die vorsehe, die Demonstranten zu schützen und ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung zu garantieren.

Ägyptens neuer Volksheld

Doch Vertreter der Opposition äußerten am Mittwoch ihr Misstrauen gegen das Entgegenkommen. Es sei auf jeden Fall wichtig, dass weiter über die Lage am Tahrir-Platz berichtet werde. Am Dienstag hatten die staatlichen Kontrolleure zunächst Journalisten den Zugang zum Tahrir-Platz verweigert, sie dann aber doch eingelassen, als mittags Menschenmassen dorthin strömten.

"Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel, nämlich freie Wahlen in einem freien Ägypten, schon bald erreichen werden", sagt Scharkawi. Das Versprechen der Regierung einer friedlichen Machtübergabe weist er wie alle Demonstranten zurück. "Mubarak versucht auf Zeit zu spielen, wenn wir das akzeptieren, endet unsere Bewegung auf halber Strecke." Außerdem bestehe die Gefahr, dass ein neuer autoritärer Herrscher an die Macht komme, sollte es keine echten Wahlen geben.

Auftrieb erhielten die Proteste durch die Freilassung des Google-Managers Wael Ghonim, der am 27. Januar festgenommen worden war und zwölf Tage in Haft saß. In einem Fernsehinterview berichtete Ghonim eindrucksvoll von seiner Gefangenschaft. Am Dienstag wurde er von den Regimegegnern auf dem Tharir-Platz gefeiert. "Ich bin kein Held, ihr seid Helden", rief der 30-Jährige den Demonstranten zu.

Fotostrecke

18  Bilder
Wael Ghonim: Held der Mubarak-Gegner
Auch aus dem Ausland kommen immer wieder Forderungen an das Regime: Die US-Regierung forderte Ägyptens Machthaber auf, sofort alle politischen Gefangenen freizulassen. Das Innenministerium solle angewiesen werden, "Festnahmen, Drangsalierungen und die Inhaftierung von Journalisten sowie politischen Aktivisten sofort zu beenden".

Am Freitag könnte sich zeigen, ob der Druck auf das Regime groß genug wird, Mubarak doch noch schnell aus dem Amt zu jagen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kann ich nachvollziehen
berpoc 09.02.2011
Wenn die Demonstranten jetzt pausieren haben sie verloren. Dann werden sich hier wie dort die Hyänen des 'ewigen weiter so' erneut etablieren und ihren zielstrebigen Weg auf den Abgrund zu fortsetzen.
2. .
frubi 09.02.2011
Zitat von berpocWenn die Demonstranten jetzt pausieren haben sie verloren. Dann werden sich hier wie dort die Hyänen des 'ewigen weiter so' erneut etablieren und ihren zielstrebigen Weg auf den Abgrund zu fortsetzen.
Nicht nur das. Für die Forderungen und Bedürfnisse der Menschen sind hunderte Menschen gestorben und viele habe ihr Leben riskiert. Einige andere werden zur Zeit in Gefägnissen gefoltert. Man kann nicht mehr zurück. Das ist jedenfalls mein Eindruck von den Ereignissen der letzten Wochen. Auch in Tunesien ist noch nicht alles in Butter. Die Menschen müssen am Ball bleiben und ich glaube, dass die das auch wissen. Aber die Demonstranten müssen auch mit Rückschlägen auf dem Weg zur Demokratie rechnen und diese Rückschläge dürfen dann keine blinde Wut erzeugen. Ich bin sehr beeindruckt von der Überzeugung dieser Menschen. Die haben eine ganz klare Vorstellung von einem neuen System.
3. Freiheit oder Demokratie ?
hamoukshah 09.02.2011
Die meisten Ausländer, darunter auch Deutsche, sehen die heutigen Ereignisse nur emotional. Es sei eine Revolution gegen den Diktator und die Diktatur. Für liberale Ägypter ist die Situation ganz anders. Mubarak und sein Regime hatten ja ihre eigene "Nachteile", doch die Alternative ist mehrfach gefährlicher. Die Muslimbruderschaft, unter anderen radikalen Oppositionkräften, ist zwar nicht die gefährlichste islamistische Bewegung Ägyptens. Die Salafi Bewegung mit ihrer Wahhabi Ideologie ist weit verbreitet und toleriert in der ägyptischen Gesellschaft. Für diese Leute sind Begriffe weie Presse- und persönliche Freihet nur eine Sünde. Die Unruhen auf dem Land sind hauptsächlich von islamistischen Aktivisten organisiert. Sie haben hunderte von Polizeistationen und Gerichte ins Brand gesetzt und dadurch unser Ägypter ins Chaos geworfen. Wenn die Demonstranten, darunter zuzugeben viele Lieberalen, ihres Ziel erreichen, werden wir einen hohen Preis bezahlen. Die Anwendung des Scharias, die Abschaffung des Friedensabkommen mit Israel, die Verlust an internationaler Erkennung als stabilisierende anti-Terror Kraft in dem weltweiten Krieg gegen Terrorismus und immer noch steigende Verfolgung von unseren Christlichen und Bahai Mitbürgern sind nur Beispiele. Ich bin ein einfacher Ägypter, ich wurde wie jeder andere Ägypter von den schlimmen plitischen sowie wirtschaftlichen Linien dieser Regierung betroffen. Aber eines will ich nicht sehen, hastischer Wandel zu einem radikalen Regime hierzulande.
4. ...
sikka 09.02.2011
Zitat von berpocWenn die Demonstranten jetzt pausieren haben sie verloren. Dann werden sich hier wie dort die Hyänen des 'ewigen weiter so' erneut etablieren und ihren zielstrebigen Weg auf den Abgrund zu fortsetzen.
So oder so stehen die Nächsten in den Startlöchern, welche vielleicht Zurückhaltung beweisen in der ersten Zeit, nur das Beste für das Volk wollen und wenn sie erst mal die Macht gerochen haben haben, wird sich auch hier das Blatt wieder wenden. Wie so oft in der Weltgeschichte..
5. Eine Revolution stoppt nie auf halbem Weg,
Jay's, 09.02.2011
Zitat von sysopÄgyptens Regierung will dem Land Ruhe verordnen, aber die Opposition lässt sich nicht unterkriegen - im Gegenteil: Die Protestbewegung scheint immer stärker zu werden, aus dem ganzen Land reisen Menschen zu den Demonstrationen nach Kairo. Am Freitag droht eine neue Gewalteskalation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744445,00.html
es sei denn sie wird gewalttaetig von den Machthabern unterbrochen. Iran war ein gutes Beispiel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Innenstadt von Kairo: Ort der Revolte Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Innenstadt von Kairo: Ort der Revolte

Protestbewegung in arabischen Ländern

Ägypten-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...

Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ägypten-Reiseseite


Liveticker-Übersicht zu Ägypten
Getty Images
Vom Beginn der Revolte bis jetzt - lesen Sie hier die Minutenprotokolle der Aufstandstage in Ägypten:

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: