Massenprotest in Louisiana: Die Lunte am Pulverfass

Von , New York

Jena, 3000 Einwohner: Eine kleine Landstadt im tiefen Süden der USA. Eine fürsorgliche Gemeinschaft, sagen die einen. Ein Ort, an dem unterschwelliger Rassismus das Leben vergiftet, meinen andere. Gestern forderten dort zehntausend Menschen Gerechtigkeit für sechs schwarze Jugendliche.

Jena in Louisiana hat eine kurze Geschichte. Es sind die üblichen Stationen einer Südstaaten-Siedlung: Erst eine Methodistenkirche, dann eine Mühle, dann ein Bahnhof. 1906 gegründet, wurde der Ort nach dem thüringischen Jena benannt, zu Ehren des dortigen Siegs Napoleons über Preußen 100 Jahre zuvor. Mrs. Lula Coleman amtierte in Jena 1918 als erster weiblicher Sheriff der USA und ab 1920 auch als erster weiblicher Bürgermeister der Stadt und des Staats.

Heute hat Jena knapp 3000 Einwohner, ein Wal-Mart, einen Ace Hardware Store und ein McDonald's. Das Dasein dreht sich um Football und Gottesdienste. 86 Prozent der Einwohner sind Weiße, ein hoher Anteil für Louisiana, dessen Weißen-Anteil im Schnitt 65 Prozent beträgt. Jenas Schwarze haben ihr eigenes Wohnviertel, genannt Tall Timber Quarters, eigene Kirchen und ihren eigenen Friedhof.

Manche im US-Süden - Weiße wie auch Schwarze - sehen das nicht als rassistische Segregation, sondern als Alltag einer Region, deren Bräuche von Außenstehenden nicht begriffen würden. "Rasse ist kein besonderes Thema hier", hat der weiße Bürgermeister Murphy McMillan vor Kurzem noch gesagt. "Es ist kein Faktor im Leben der Leute im Ort."

Andere sehen das anders. Zum Beispiel die über 10.000 Demonstranten, die gestern aus dem ganzen Land nach Jena strömte und Gerechtigkeit für sechs schwarze Jugendliche forderten, die in Jena ihrer Ansicht nach zu Unrecht angeklagt worden waren. Sie skandierten "Black Power!" und "No Justice, no peace!", zwei Schlachtrufe der sechziger Jahre.

Ein Baum nur für Weiße

Plötzlich ist Jena - an dem die damalige Bürgerrechtsbewegung spurlos vorbeigegangen war - zum "Pulverfass der Rassenfrage" geworden, wie es Joe Cook formulierte, der Bezirksleiter der American Civil Liberties Union (ACLU). "Louisiana-Proteste lassen die Bürgerrechtsbewegung wiederaufleben", meldete der US-Nachrichtensender MSNBC.

In Bussen und mit Autokolonnen kamen sie an, angespornt von Bloggern, Radio-Talkern und US-Medien, die die Schüler "Jena Six" tauften. Unter den Demonstranten die Aktivisten-Promis Al Sharpton und Jesse Jackson sowie der Sohn Martin Luther Kings. "Wir marschieren heute, um für Gleichheit in der Strafjustiz zu kämpfen!", rief Jackson.

Doch was war wirklich geschehen? Was war die Lunte an diesem Pulverfass? Emotionen trüben die Sicht auf die Tatsachen - auf schwarzer wie weißer Seite.

Hier die Fakten, wie sie von mehreren Quellen bestätigt sind. Brennpunkt der Spannungen ist die Jena High School. Wie anderswo fand sich auch hier eine faktische Trennung von Schwarz und Weiß. Schwarze Schüler hätten in den Pausen auf den Tribünen am Auditorium gesessen, weiße Schüler im Schatten einer großen Eiche in der Mitte des Schulhofs, dem "weißen Baum".

Staatsanwalt droht Schülern

Im August 2006 fragte der schwarze Schüler Kenneth Purvis auf einer Schulversammlung, ob er und seine Freunde auch unter dem "weißen Baum" sitzen dürften. Der Schul-Vizedirektor sagte, er könne "sitzen, wo er will".

Tags darauf hingen an dem Baum drei Schlingen, Schlingen wie zum Lynchen. Drei weiße Schüler wurden als Übeltäter identifiziert. Die Schulverwaltung beschloss, sie von der Schule zu werfen. Die Bezirksverwaltung überstimmte das. Die drei kamen mit einer Rüge davon.

Der weiße Bezirksstaatsanwalt Reed Walters wurde ebenfalls nicht aktiv, weil es keine rechtlichen Grundlagen dafür gebe - obwohl manche in den Schlingen ein "Hate Crime" sahen, ein Hassverbrechen, das besonders schwere Strafen nach sich zieht. Bei einem Auftritt an der High School wurde Walters ungehalten und bedrohte die Schüler: Er könne mit einem Federzug seines Stiftes "Leben wegnehmen".

Der Herbst verlief ohne Zwischenfälle. Anfang Dezember 2006 aber begann die Stimmung zu kippen. Es kam zu Konfrontationen. Ein schwarzer Schüler wurde von einem Weißen verprügelt, als er zu einer Party erschien; der Täter wurde wegen Körperverletzung angeklagt. Ein weißer Schüler bedrohte drei schwarze Schüler in einem Lebensmittelladen mit einer Schusswaffe; er wurde nicht belangt.

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