Massenproteste in Brasilien: Die behüteten Kinder haben genug

Von , Rio de Janeiro

Die Massenproteste in Brasilien haben Politiker und Polizei kalt erwischt. Längst geht es um mehr als Fußball, es geht um ein ganzes System. Es sind vor allem Schüler und Studenten aus der Mittelschicht, die genug haben von Korruption und Misswirtschaft.

Es war, trotz einiger gewalttätiger Randalierer, ein Fest der Demokratie. Die Medizinstudentin Tatiana Mendes, 24, und ihr Freund Jurival Alves, 25, waren zum ersten Mal auf einer Demonstration, so wie die meisten der rund hunderttausend vorwiegend jungen Leute, die sich vor der historischen Candelaria-Kirche in Rios Innenstadt versammelt hatten. "Wir sind nicht gegen die WM", sagten sie. "Aber es muss Schluss sein mit der Korruption, der Geldverschwendung, dem Bonzentum im Parlament. Die Regierung speist uns mit Brot und Spielen ab, aber wir wollen bessere Schulen und bessere Krankenhäuser."

Sie hatten weiße T-Shirts übergestreift, viele schwenkten die brasilianische Flagge, manche trugen weiße Rosen oder Margeriten in der Hand, einige hatten sich die Gesichter mit einem "V" bemalt - V für Victoria, Sieg, aber vor allem für Vinagre, Essig. Der gilt seit den Straßenschlachten mit der Polizei in Rio und São Paulo vergangene Woche als erprobtes Hausmittel gegen Tränengas, viele hatten einige Flaschen im Rucksack. Sie fürchteten, dass die Polizei so rabiat vorgehen würde wie vor dem Maracana-Stadion vergangene Woche, als unbeteiligte Passanten mit ihren Kindern in Panik vor den Gummigeschossen und Tränengasschwaden der Polizei flüchteten.

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Brasilien: Sozialprotest statt Samba
Doch diesmal hielt sich die Polizei zurück - zu sehr, wie sogar viele Demonstranten meinten: Einige hundert Randalierer stürmten den historischen "Palacio Tiradentes", das Landesparlament von Rio, verwüsteten den Eingangsbereich, warfen Molotow-Cocktails und steckten ein Auto in Brand. Etwa 20 Polizisten, die sich in dem Gebäude verschanzt hatten, wurden verletzt, mehrere Bankfilialen in der Nachbarschaft zertrümmert. Vor dem alten Kaiserpalast Paço Imperial feuerten einige bedrängte Polizisten mit scharfer Munition. Zumeist schossen sie in die Luft, ein Demonstrant wurde von einem Streifschuss verletzt.

Brasiliens Polizei ist nicht vorbereitet auf den Ansturm der Demonstranten. Sie untersteht den Gouverneuren der Bundesstaaten und ist militärisch organisiert - in den Kasernen herrscht vielfach noch die Mentalität der Diktatur. Vor allem in São Paulo, Rio und Minas Gerais sind sie für ihre Gewalt berüchtigt. Nach den Ausschreitungen vergangener Woche hatte Rios Gouverneur Sérgio Cabral offenbar defensives Verhalten angeordnet. Die Sondereingreiftruppe befreite ihre bedrängten Kollegen erst nach vier Stunden aus dem Kessel der Randalierer.

Zuletzt waren vor 20 Jahren so viele Menschen auf der Straße

Als die Demonstration eigentlich schon beendet war und die meisten bereits nach Hause gingen, explodierte die Gewalt. Perplex blicken jetzt vor allem die Politiker auf den Scherbenhaufen. Immer wieder war es zu Unmutsbekundungen wegen der hohen Kosten für die WM gekommen, aber mit einem derartigen Volksaufstand hatte niemand gerechnet.

Zuletzt waren vor 20 Jahren so viele Menschen auf der Straße, damals halfen die jungen Demonstranten, den korrupten Präsidenten Fernando Collor de Mello aus dem Amt zu treiben. "Unsere Eltern haben gegen die Diktatur gekämpft", sagt der Psychologiestudent Ramah Delduck, 22. "Aber dann haben sie sich damit abgefunden, dass die Demokratie von den Korrupten missbraucht wird. Wir sind die siebtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, aber unsere öffentlichen Einrichtungen sind beklagenswert. Der Staat zwingt uns, Steuern zu zahlen, aber er bringt keine Gegenleistung."

Es ist ein Aufstand der Kinder der Mittelschicht, der Brasilien in seinen Grundfesten erschüttert. In Rio waren mehr als 90 Prozent der Demonstranten Studenten und Schüler, viele kommen von privaten Schulen und Universitäten. "Unsere Eltern können die Schulgebühren nicht mehr zahlen, wir wollen endlich ein anständiges staatliches Bildungssystem", sagt die Biologiestudentin Vivian Lara. Auch gegen die Wahlpflicht sind viele der Demonstranten: "Das fördert Stimmenkauf und Korruption."

Die Demonstranten hängen keiner Ideologie an

Der Protest der jungen Brasilianer richtet sich nicht direkt gegen die Präsidentin Dilma Rousseff, er ist Ausdruck eines allgemeinen Unbehagens gegenüber der politischen Klasse. "Ich habe Dilma gewählt, aber ich bin enttäuscht", sagt Studentin Lara. "Wenn sie erst einmal an der Macht sind, verhalten sich alle Politiker gleich." Rousseffs Vorgänger Lula greifen die meisten Demonstranten nicht direkt an, aber einige kritisieren seine Sozialprogramme: "Das hilft doch nur vorübergehend, die Armen brauchen bessere Bildung."

Auch gegen die Quoten für Schwarze und Indianer an den Universitäten sprechen sich einige Demonstranten aus: "Das ist eine andere Art von Rassismus", sagt Medizinstudent Jurival Alves. Früher sah man bei Demonstrationen in Brasilien oft Che-Guevara-T-Shirts und rote Flaggen. Doch das ist vorbei: Die Farbe der Demonstranten ist weiß, sie hängen keiner Ideologie an.

Ihre Ziele sind diffus. Es ist möglich, dass sich der Aufstand in einigen Wochen zerläuft - so wie die "Carapintadas", die damals gegen Collor protestierten. Umfragen zeigen, dass Präsidentin Dilma Rousseff bei den Umfragen zur Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr immer noch vorne liegt, obwohl ihre Werte massiv nachgeben. Keine der traditionellen Parteien profitiert von der Bewegung. "Politiker sind doch alle gleich", hört man immer wieder.

Eines ist jedoch anders als vor 20 Jahren. Die Jungen haben eine mächtige Waffe, die es damals nicht gab: Handys mit Internetzugang. "Dilma, wir sind aus Facebook entstanden", hatte eine Demonstrantin auf ihr Hemd geschrieben. Alle Demos wurden über soziale Netzwerke organisiert, manche schalteten sich mit den Demonstranten in der Türkei kurz. "Der Gigant ist aufgewacht", stand auf einem Plakat. "Während ihr vorm Fernseher sitzt, verändern wir das Land."

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insgesamt 49 Beiträge
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1. optional
casemant 18.06.2013
es geht darum das der kapitalismus so wie er jezt praktiziert wird von arschlöchern denen andere menschen am arsch vorbeigehen nicht mehr akzeptiert wird. kapiert ihr das nicht wird es scheisse auf eure köpfe regnen.
2. Korruption und Misswirtschaft ist Sozialismus
LibertyOnly 18.06.2013
Das ist kein Problem des Kapitalismus.
3.
LH526 18.06.2013
Rousseff und da Silva sind / waren doch Mitglieder der Arbeiterpartei .. sollte das Volk da nicht Jubeln etc? Es wird doch niemand der Linken so pöse sein, sich über die Köpfe des Volkes hinweg zu bereichern ....
4. @LibertyOnly
casemant 18.06.2013
wäre Brasilien sozial gäbe es diesen Bericht nicht.
5.
Hesekiel 18.06.2013
@libertyonly die entsprechenden Daten zur Korruption in der BRD kennen Sie nicht oder was hat Sie zu dieser unsinnigen Aussage bewegt?
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Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

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