Massenproteste in Griechenland "Mazedonien gehört uns - und uns allein"

Die Wucht der Proteste ist enorm: Hunderttausende sind in Athen auf die Straßen gegangen. Sie erzürnt ein Namensstreit mit Mazedonien - doch es geht um weit mehr.

Von , Athen


Athens Syntagma-Platz war seit Beginn der griechischen Schuldenkrise im Jahr 2010 immer wieder Schauplatz massiver Proteste. Aber keine der Demonstrationen gegen die zahlreichen Sparpakete war so leidenschaftlich wie jene an diesem Sonntag. Hunderttausende Griechen strömten in das Zentrum der Hauptstadt, um zu verkünden: "Mazedonien ist Griechenland". Ein Ausbruch des patriotischen Eifers und der Wut gegen die Regierung.

Die Demonstranten kamen aus allen Teilen des Landes - von der Stadt Orestiada ganz im Norden bis zur Insel Kreta im Süden. Sie kamen, um dagegen zu protestieren, dass der kleine nördliche Nachbarstaat den Namen "Mazedonien" verwendet.

Hunderte Busse waren gechartert worden, um die Demonstranten nach Athen zu bringen, die Organisatoren sprachen gar von fast 3000. Zehntausende Bewohner der Hauptstadt kamen hinzu. Sie hielten griechische Flaggen und riefen "Finger weg! Mazedonien ist griechisch."

"Ich bin hier, um zu verkünden, dass wir den Namen Mazedonien niemals diesem kleinen Staat zurückgeben werden", sagte Giannis Sidiropoulos, ein 50-jähriger Angestellter. "Die Regierung muss auf uns hören und darf unsere Geschichte nicht verkaufen. Mazedonien gehört uns - und uns allein." Sidiropoulos ist 500 Kilometer aus Thessaloniki angereist, der Hauptstadt der griechischen Region Makedonien - um die es im Namensstreit geht.

Giannis Sidiropoulos
Giorgos Christides

Giannis Sidiropoulos

Der Konflikt belastet die Beziehungen zwischen Griechenland und seinem nördlichen Nachbarn schon seit mehr als 25 Jahren. Er reicht zurück ins Jahr 1991, als die ehemalige jugoslawische Teilrepublik ihre Unabhängigkeit erklärte und den Namen Mazedonien für sich wählte. Griechenland sieht darin einen Anspruch auf seine Region Makedonien (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier).

Doch jüngst war Bewegung in den Streit gekommen. Die Regierungen beider Staaten hatten sich auf Verhandlungen eingelassen, die von der Uno moderiert werden. Ein Kompromiss soll bis Juni gefunden werden. Dabei wird es wahrscheinlich auf einen zusammengesetzten Namen hinauslaufen, der Mazedonien beinhaltet, aber einen zeitlichen oder geografischen Zusatz trägt, so wie zum Beispiel "Neu-Mazedonien" oder "Nord-Mazedonien".

In einer aktuellen Umfrage gaben 61 Prozent der Mazedonier an, eine solche Namensänderung akzeptieren zu wollen, wenn dadurch die Mitgliedschaft in der EU und der Nato möglich würde. Beides blockiert Griechenland wegen des Namensstreits seit Jahren.

Für die Mehrheit der Griechen aber wäre eine solche Lösung nicht genug. In einer Umfrage, deren Ergebnisse kurz vor Beginn der Demonstration am Sonntag veröffentlicht wurden, gaben 71,5 Prozent der Befragten an, jeden Kompromiss abzulehnen. Mazedonien, das von den Griechen nach der Hauptstadt "Skopje" genannt wird, müsse seinen Namen aufgeben. Punkt.

"Die herrschenden Minderheiten zerstören unser Land"

Die massiven Demonstrationen am Sonntag sind der bisherige Höhepunkt einer Protestbewegung, die vor einem Monat auf Facebook von obskuren Organisatoren gestartet wurde. Die Bewegung gewann an Wucht, als im Januar Hunderttausende Griechen in Thessaloniki demonstrierten. Und mittlerweile hat sie sogar Prominente auf ihrer Seite: Hauptredner am Sonntag war der 92-jährige Mikis Theodorakis, berühmtester Komponist des Landes ("Alexis Sorbas") und Ikone der Linken. "Die herrschenden Minderheiten zerstören unser Land", rief Theodorakis der aufgebrachten Menge zu. "Wir dürfen niemals die Existenz eines anderen Mazedoniens akzeptieren."

Mikis Theodorakis
AFP

Mikis Theodorakis

Eine einfache Erklärung für diesen so plötzlich eskalierten Protest wäre es, den Namensstreit als historische Kuriosität abzutun, als bizarren kleinen Balkan-Konflikt, der für Außenstehende keinen Sinn ergibt. Und so sahen es lange auch die meisten Griechen. Sie betrachteten die Protestierenden als rechte Nationalisten - oder zumindest als deren nützliche Idioten.

Doch diese Erklärung greift zu kurz. Sie ignoriert die Verbindung zwischen Populismus und Nationalismus einerseits und der zunehmenden sozialen Spaltung andererseits - eine Verbindung, die auch den großen westlichen Demokratien wie den USA oder Großbritannien Probleme bereitet.

Natürlich gibt es Nationalisten und Rechtsextreme unter den Protestierenden. Aber kaum ein anderes Thema vereint die Griechen aller politischen Richtungen und sozialen Hintergründe so sehr wie der Name "Mazedonien". Und so trafen sich bei der Demonstration am Sonntag Rentner und Teenager, Arbeiter und Geschäftsleute, Wissenschaftler und Vertreter der Kirche. Laut einer Umfrage sind 64 Prozent der Wähler des Linksbündnisses Syriza, also der Partei von Regierungschef Alexis Tsipras, gegen einen Kompromiss.

Das Erbe Alexander des Großen

Aber was regt die Griechen an einem solchen Kompromiss so auf? Offiziell sagt die Regierung, der Name Mazedonien impliziere einen territorialen Anspruch auf die nordgriechische Region gleichen Namens. Doch die wenigsten Menschen in Griechenland glauben ernsthaft, dass das kleine, wirtschaftlich schwache und militärisch irrelevante Nachbarland eine Gefahr darstellt.

Die wirkliche Bedrohung liegt für sie woanders: Sie sehen Mazedonien als Emporkömmling unter den Nationen, der sich der kulturellen Aneignung schuldig macht. Ein Land, das vor allem aus Slawen und Albanern besteht, deren Vorfahren sich erst Jahrhunderte nach dem alten Königreich Mazedonien in der Region niedergelassen haben und die kein Recht darauf hätten, das Erbe Alexander des Großen an sich zu reißen. Der legendäre König ist für sie der ultimative Grieche, er wurde 2009 zum "größten Griechen aller Zeiten" gewählt - vor Sokrates, Platon oder Aristoteles.

Demonstranten vor dem Parlament
REUTERS

Demonstranten vor dem Parlament

Hinzu kommt, dass der Mazedonien-Konflikt zu einem Ventil geworden ist für den Schmerz und die Demütigung, die viele Griechen nach einem Jahrzehnt der wirtschaftlichen Krise und der Sparprogramme empfinden. Die griechische Geschichte und der Ruhm alter Zeiten sind für viele Menschen die letzte Quelle des Stolzes.

Die massiven Proteste sind eine riesige Herausforderung für Tsipras. Der Premierminister will den Konflikt aus mehreren Gründen gerne lösen. Er würde damit nicht nur einen langwierigen Streit beilegen und sich als Staatsmann beweisen, sondern Griechenland auch als wichtige Macht auf dem Balkan zurückmelden. Und er kann dabei auf Verbündete zählen: Die USA wollen Mazedonien gerne in die Nato aufnehmen, um den russischen Einfluss in der Region einzudämmen, die EU will die Balkanstaaten zurück auf den Weg Richtung Beitritt bringen.

Aber kann Tsipras diesen Weg auch gegen große Teile des Volkes durchziehen? Offiziell spielt die Regierung die Bedeutung der Proteste für die eigene Außenpolitik herunter. Aber das neue Ausmaß der Demonstrationen wird kaum zu ignorieren sein. Gerade für Tsipras, der weiß, wie mächtig die Straße sein kann - schließlich kam er selbst erst durch eine Welle von Anti-Establishment-Protesten an die Macht.

Viele Beobachter fürchten nun, dass der Volkszorn unkontrollierbare Kräfte entfesseln und die Rechtsextremen stärken könnte. Griechenlands Außenminister, der die Verhandlungen mit Mazedonien führt, hat bereits Todesdrohungen von Nationalisten erhalten. In einem Brief hieß es, sie hätten "drei Kugeln" für ihn.

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Proteste in Athen: Die Wut der Straße


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joG 04.02.2018
1. Wenn die Gesellschaft verarmt....
....und Lebensentwürfe zerstört wurden oder die Mutter Krebs hatte, medizinische Versorgung nicht bezahlt wurde und sie unter unvorstellbar grässlichen Schmerzen im Wohnzimmer starb, ist das betroffene Volk oft aufgebracht, volatil und emotional leicht aufzupeitschen. Das haben wir mit unserer Euro-Politik seit der Krise sehenden Auges provoziert.
japhyryderson, 04.02.2018
2. Mir ist dieser
Konflikt unheimlich. Weil er exemplarisch ist. Das Theodorakis sich da einreiht wundert mich. Oder auch nicht? Dieses ganze Nationalisgeklimpere, egal wo, geht mir gegen den Strich. Ich lasse mich vor keinen Karren spannen, bei dem ich mich wahrscheinlich wundern werde wer da die Zügel führt. Das ist ein gefährliches Spiel mit Emotionen. Halte ich nichts von.
PeterCollignon 04.02.2018
3. Mazedonien muss sich nicht mehr von Griechenland abspalten
Mazedonien ist schon unabhängig. Ἀλέξανδρος ὁ Μέγας Aléxandros ho Mégas) bzw. Alexander III. von Makedonien. Die Mazedonier besiegten die griechischen Stadtstaaten. 359 v. Chr. bestieg Philipp II. den Thron von Makedonien. Der Einfall der Phoker in Thessalien (Dritter Heiliger Krieg) ermöglichte Philipp II. sich an dem Krieg zu beteiligen und so in Mittelgriechenland Fuß zu fassen.
hartmannulrich 04.02.2018
4.
Man kann nur den Kopf schütteln, wozu der Nationalismus auch im 21. Jahrhundert noch fähig ist. Warum soll ein Staat, der auf dem Gebiet des historischen Mazedoniens liegt und keine Gebietsansprüche erhebt, nicht "Mazedonien" heißen. Nach der griechischen Logik dürfte sich Frankreich auch nicht "Frankreich" nennen: die Franken waren ein germanischer Stamm, und es gibt eine Region in Deutschland, die "Franken" heißt.
peterw 04.02.2018
5. Bitte runterkommen, demonstrierende Griechen!
Dieser nationale Stolz und diese Diskutiererei, wem welche Landstriche gehören, geht mir wirklich auf den Keks. Sollen wir wirklich alles aufrollen? Kroatien-Slowenien, Elsass, Saarland, Zypern, Ostpreußen, Gibraltar und was weiß ich? Haben wir heute nicht andere Probleme? Und ist das in einem geeinten Europa wirklich noch so wichtig?
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