Massenproteste in Istanbul "Ich will nicht mit Kopftuch in die Schule!"

Ist die Türkei auf dem Weg in den religiösen Fundamentalismus? Diese Sorge versetzt Istanbul in Aufruhr. Hunderttausende protestierten gegen einen islamisch-konservativen Außenminister als neuen Präsidenten. Putsch-Laune macht sich breit.

Aus Istanbul berichtet Dorte Huneke


"Habt Ihr jetzt gezählt, wie viele wir sind?", rufen die Massen, die sich am Sonntag im Norden Istanbuls versammelt haben. Knapp eine Million Menschen protestieren gegen die Entscheidung des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, den derzeitigen Außenminister Abdullah Gül als Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten zu benennen.


Es ist bereits der zweite Massenprotest innerhalb von zwei Wochen in der Türkei, der sich gegen die islamisch-konservativen Regierungspartei AKP richtet. Die Aufforderung, die Zahl der Demonstranten zu zählen, richtet sich an die Parteizentrale der AKP, die angesichts der Proteste in Ankara gegen die Kandidatur Erdogans unbeeindruckt verkündet hatte: "Wenn wir wollten, könnten wir für unsere Seite zehn Mal so viele Menschen mobilisieren."

Als an diesem Sonntag ein Hubschrauber über der Menschenmenge kreist, werden die Fahnen entrollt. "In Ankara waren wir noch wenige Hunderttausend, heute sind wir deutlich mehr, und unsere Stimme ist nicht zu überhören", sagt Deniz P. Der Unternehmer, der extra aus Ankara angereist ist, schwenkt eine rote Fahne mit Stern und weißem Halbmond, auf die außerdem ein Abbild Atatürks gedruckt ist. "Die türkische Republik steht auf dem Spiel. Wir kämpfen für unsere Demokratie."

Es geht ein Ruck durch die Türkei

Der Caglayan-Platz im nördlichen Istanbuler Stadtteil Sisli ist am Sonntag Mittag in ein rotes Fahnenmeer getaucht. Unter der heißen Frühlingssonne werden die etlichen roten Fahnen mitunter als Kopfschutz gebraucht. Aus einem Bus heraus ertönt über Lautsprecher die Stimme Atatürks – ein Auszug aus seiner Rede zum zehnten Jahrestag der Republik, in dem die Bevölkerung ermahnt wird, für ihre eigene Unabhängigkeit einzutreten. Anschließend wird aus der "Großen Rede" (Nutuk) des Republikgründers zitiert.

Zu den Massenprotesten haben in diesem Jahr überwiegend Frauenorganisationen aufgerufen. "Ich will nicht eines Tages mit Kopftuch in meine Schule gehen müssen", sagt Pinar Ö. Die 28-Jährige arbeitet als Lehrerin an einer staatlichen Schule in Istanbul. "Was hier gerade passiert, ist entscheidend. Wenn wir nicht aufpassen, werden sie die Trennung von Staat und Religion nach und nach aufweichen. Das mag sich langsam vollziehen, aber die Zeichen sind deutlich. Das müssen wir verhindern. Deshalb sind wir hier."

Auf einer großen Leinwand werden Äußerungen des Premierministers und des Präsidentschaftskandidaten aus der Vergangenheit abgespielt. Die regierungskritische Tageszeitung "Cumhuriyet" erinnert an ein Interview, das Abdullah Gül 1995 dem englischen "Guardian" gegeben hat. Darin äußerte dieser Sätze wie "Dies wird das Ende der türkischen Republik sein" und "Wir wollen definitiv das säkulare System ändern". Die Sorgen um ein Ende der Republik sind also begründet. Auch wenn Gül selbst sich mittlerweile in der Öffentlichkeit von diesen Aussagen distanziert.

"Es ist unheimlich", sagt Ferhat T., ein Exil-Iraner, der seit zehn Jahren in Istanbul lebt. "Wenn man die da oben reden hört, klingt das alles genau wie damals bei uns Ende der 1970er Jahre." Mit lauter Stimme singt er die Slogans der Demonstranten mit: "Die Türkei ist laizistisch und wird laizistisch bleiben!" Als ein Hubschrauber über der Menschenmenge kreist, steigen die Fahnen noch einmal in die Höhe. "Wenn wir nicht aufpassen, wird dieses Land eine radikale Wendung nehmen."

Im ersten Wahlgang hatte Gül in der vergangenen Woche die nötige Zweidrittelmehrheit verpasst. Das Verfassungsgericht muss nun eine Klage der Republikanischen Volkspartei (CHP) – Atatürks Partei – prüfen, ob die Wahl aufgrund der geringen Teilnahme unzulässig war. In diesem Fall würden Neuwahlen ausgerufen.

An jenem Freitag, an dem Gül als neuer Staatspräsidentschaftskandidat seine erste Rede vor dem Parlament gehalten hatte, besuchte er anschließend für das Freitagsgebet eine Moschee. Zum ersten Mal in der Geschichte der türkischen Republik wurde zu diesem Anlass eine einstündige Pause eingeräumt. Die Parlamentssitzung wurde anschließend fortgesetzt.

Großes Aufsehen hatte zudem der türkische Generalstab zuvor mit einer unverhofft scharfen Erklärung ausgelöst, die von einigen Kommentatoren als Ultimatum an die Regierung interpretiert worden war. Mit anderen Worten: Wenn Abdullah Gül zum Staatspräsidenten gewählt wird – und damit zum ersten Mal seit Gründung der türkischen Republik eine First Lady mit Kopftuch in den präsidialen Çankaya-Palast einzieht – ist nicht ausgeschlossen, dass es in der Türkei zu einem Putsch kommt. Abdullah Gül ließ am Nachmittag verlauten: "Ich werde nicht zurücktreten."

Das Militär hat in der Türkei eine starke Stimme. "Aber die Stimme der Wirtschaft ist stärker", sagt Erman P., Unternehmer aus Istanbul. Ebenfalls am Nachmittag verkündete der einflussreiche türkische Industrieverband TÜSIAD, der bislang zu dem Thema geschwiegen hatte: "Um die Demokratie und das säkulare System zu schützen, sollte es Neuwahlen geben."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.