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Massenproteste in Syrien: Zehntausende trotzen Assads Soldaten

Militär und Sicherheitspolizei sind in Syriens Protesthochburgen aufmarschiert, in zwei Städten schoss die Armee in die Menge - doch die Demonstranten weichen nicht. Zehntausende fordern Reformen im Land und den Sturz von Machthaber Assad.

Protest in Banias (das Bild stammt von einem namentlich nicht genannten Informanten) Zur Großansicht
AFP

Protest in Banias (das Bild stammt von einem namentlich nicht genannten Informanten)

Damaskus - In Syrien sind Zehntausende Demonstranten ungeachtet eines massiven Armeeaufgebots für Freiheit auf die Straßen gezogen. In mehreren Städten bekundeten sie ihre Solidarität mit den Bewohnern der weitgehend abgeriegelten Protesthochburg Daraa, wo Panzer gegen Demonstranten eingesetzt worden waren. Armee und Sicherheitskräfte waren in Stellung gegangen, um Proteste nach den Freitagsgebeten zu verhindern. Das Innenministerium hatte am Donnerstag erklärt, niemand dürfe an diesem Freitag demonstrieren.

In Daraa gaben Soldaten Anwohnern zufolge zunächst Warnschüsse ab, um die Leute von Protesten abzuhalten. "Sie schießen auf dich, sobald du das Haus verlässt", sagte ein Anwohner. Im Laufe des Tages eröffneten die Truppen offenbar gezielt das Feuer auf eine Menschenmenge, die auf dem Weg ins Stadtzentrum von Daraa war. Es seien etliche Menschen verletzt worden, berichten Zeugen. Später meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Arzt, es seien 15 Leichen in einem Krankenhaus eingeliefert worden, "von Kugeln durchsiebt".

Das syrische Staatsfernsehen meldete seinerseits am Nachmittag, eine "bewaffnete Gruppe von Terroristen" habe einen Checkpoint der Armee angegriffen und vier Soldaten getötet. Zwei weitere seien entführt worden.

Zu Protesten kam es auch in mindestens einem Vorort der Hauptstadt Damaskus, in der zentral gelegenen Stadt Homs, dem Küstenort Banias, in der Hafenstadt Latakia sowie im Osten des Landes. Auf Videos von den Kundgebungen, die von Aktivisten im Internet verbreitet wurden, hört man Demonstranten, die "Das Volk will den Sturz des Regimes", "Gott ist groß" und "Gott, Syrien, Freiheit und sonst nichts" rufen.

Schüsse in Latakia, Panzerwagen in Damaskus

Auch in Latakia haben Regierungssoldaten erneut des Feuer auf Demonstranten eröffnet. Wie Augenzeugen berichteten, wurden mindestens fünf Menschen verletzt. Den Angaben zufolge hatten sich dort trotz des zunehmend gewaltsamen Vorgehens des Regimes etwa tausend Menschen zu einer Kundgebung versammelt.

In Damaskus fuhren mit Maschinengewehren ausgerüstete Fahrzeuge der Republikanischen Garde auf. Soldaten in Kampfmontur patrouillierten auf den Straße um die Hauptstadt, wie ein Augenzeuge sagte. Verschiedene Einheiten der Sicherheitsorgane und Geheimpolizei verstärkten Kontrollposten um die Stadt, wie andere Augenzeugen berichteten. Die Stadt soll offenbar von den Vororten und vom Umland abgeschnitten werden. Telekommunikations- und Stromleitungen wurden den Angaben nach abgeklemmt.

In der Stadt Deir al-Zor nahe der irakischen Grenze wurden die Protestierenden nach Angaben der Exil-Opposition mit Schlagstöcken vertrieben. Dutzende von Aktivisten seien festgenommen worden.

"Erlaubt nicht, dass der Tyrann euch unterjocht"

Die Muslimbruderschaft stärkte der Protestbewegung den Rücken. In ihrer ersten Äußerung seit Beginn der Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad forderten die Muslimbrüder die Syrer auf, ihren Widerstand gegen die autokratische Führung des Landes fortzusetzen. "Lasst nicht zu, dass das Regime eure Mitbürger bedrängt", hieß es in der Erklärung, die Reuters vorlag. "Stimmt ein in den Gesang für Frieden und Würde. Erlaubt nicht, dass der Tyrann euch unterjocht. Gott ist groß."

Das syrische Staatsfernsehen strahlte Bilder von Leichen in der Gerichtsmedizin aus. Dies seien Angehörige der Sicherheitskräfte, die von Terroristen getötet worden seien, sagte ein Sprecher. Zuvor hatte der Sender "Geständnisse" angeblicher Terroristen gezeigt.

Das Regime, das viele Schlüsselpositionen im Sicherheitsapparat mit Angehörigen der alevitischen Minderheit besetzt hat, zu der auch Assad gehört, versucht, die Massenkundgebungen für Reformen und Menschenrechte als Kampagne extremistischer Sunniten darzustellen. Eine unabhängige Berichterstattung über die Protestwelle, die am 18. März begonnen hatte, lässt die syrische Regierung nicht zu.

ffr/Reuters/dpa/dapd

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insgesamt 9 Beiträge
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1. .
frubi 29.04.2011
Zitat von sysopMilitär und Sicherheitspolizei sind in Syriens Protesthochburgen aufmarschiert,*in zwei Städten schoss*die Armee in die Menge*- doch die Demonstranten weichen nicht. Zehntausende fordern Reformen im Land und den Sturz von Machthaber Assad. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759759,00.html
Die Taktik der Regime ist doch durchschaubar. Wenige töten und viele verängstigen damit sich das ganze bald wieder auflöst. Die Demonstranten müssen durchhalten und dann wird der Erfolg schon kommen. Ich wünsche diesen tapferen Menschen die ihr Leben riskieren viel Erfolg.
2. Falsche Hoffnungen
combatwombat 29.04.2011
Ich zitiere aus dem Artikel: "Die Muslimbruderschaft stärkte der Protestbewegung den Rücken. In ihrer ersten Äußerung seit Beginn der Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad forderten die Muslimbrüder die Syrer auf, ihren Widerstand gegen die autokratische Führung des Landes fortzusetzen." Es ist meiner Meinung nach recht naiv zu glauben, dass es bei den Revolutionen in den arabischen Ländern um Demokratie geht. Seit wann gibt es in einem Land ohne demokratischer Vergangenheit plötzlich eine demokratische Opposition? Die Muslimbruderschaft wird z.B. vom deutschen Verfassungsschutz im Inland wegen antidemokratischen, islamistischen Tendenzen beobachtet. Kann man online einsehen unter www.verfassungsschutz.de. Mir fehlt bei den ganzen Hurra-Rufen bei den Rebellionen in diesen Ländern immer ein wenig der Blick darauf, dass die entsprechenden Machthaber immer Islamisten unterdrückt haben. Ich befürchte, dass ein Machtvakuum in diesen Ländern unweigerlich zu einem weiteren Erstarken von radikalem Islamismus und in Verbindung damit auch von antiwestlicher Stimmung führt.
3.
Ursprung 29.04.2011
Das Furchtbare, das Destabilisierende, Umstuerzlerische, Zusammenbruch der Vereinbarungen, kurz: politischer Ungehorsam ist in Mode gekommen. In Stuttgart, Agypten, Lybien, entlang Castors, in Syrien. Konservative Welten und Vorstellungen, seit Tausenden von Jahren ein so starker Erfolgsweg, dass selbst Revolutionaere, Putschisten, Gewaehlte sie nach jeder Umwaelzung adaptierten, scheint zum Auslaufmodell zu werden. Selbst Amerika, entstanden durch Rebellen, die dem konservativ erstarrten Europa entflohen, ist schon lange wieder selber konservativ, fast erstarrt in alten Denkmustern, die nicht mehr zeitgemaess erscheinen und jetzt ihrerseits das Konservative zu konservieren versuchen. Und was kommt nun? Es fehlen die Vorstellungen, zu was das fuehren koennte. Mit Sicherheit erstmal zu Tod und Aufruhr. Ausgerechnet jene Gegenden, in denen Einzelne durch Uebergriffe der Machtausueber bei Aufstaenden am staerksten gefaehrdet sind, sind offenbar die Keimzellen eines unerhoerten, neuen Schwarmverhaltens. Es sieht so aus, dass gerade die Verteidigungsreaktionen der Obrigkeiten die Unbotmaessigkeit des Schwarmverhaltens befluegeln. Knueppelnde Polizisten in Stuttgart ebenso wie schiessendes Militaer und Polizei in Lybien uns Syrien. Irgendwie wollen immer mehr Menschen, kultur- und zivilisationsuebergreifend, sich nicht mehr mit der Rolle des braven, funktionierenden Untertanes bloss des lieben Friedens wegen begnuegen. Ich habe den Eindruck, sie wollen, dass ihre Angestellten aus der Administration, gleich, aus welchen Gruenden jene in diese Position gelangten, ihren Auftraggebern endlich mal anfangen, zu gehorchen. Und nicht pervers umgekehrt, wie noch zur Zeit allenthalben zu beobachten ist: handeln der Administrationen in einer Art und Weise, als saehen die in anderen Menschen nur Folgevieh.
4. demokratische Opposition
Kommentator33 29.04.2011
Zitat von combatwombatIch zitiere aus dem Artikel: "Die Muslimbruderschaft stärkte der Protestbewegung den Rücken. In ihrer ersten Äußerung seit Beginn der Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad forderten die Muslimbrüder die Syrer auf, ihren Widerstand gegen die autokratische Führung des Landes fortzusetzen." Es ist meiner Meinung nach recht naiv zu glauben, dass es bei den Revolutionen in den arabischen Ländern um Demokratie geht. Seit wann gibt es in einem Land ohne demokratischer Vergangenheit plötzlich eine demokratische Opposition? Die Muslimbruderschaft wird z.B. vom deutschen Verfassungsschutz im Inland wegen antidemokratischen, islamistischen Tendenzen beobachtet. Kann man online einsehen unter www.verfassungsschutz.de. Mir fehlt bei den ganzen Hurra-Rufen bei den Rebellionen in diesen Ländern immer ein wenig der Blick darauf, dass die entsprechenden Machthaber immer Islamisten unterdrückt haben. Ich befürchte, dass ein Machtvakuum in diesen Ländern unweigerlich zu einem weiteren Erstarken von radikalem Islamismus und in Verbindung damit auch von antiwestlicher Stimmung führt.
Wenn das richtig wäre, gäbe es keine Demokratie. Das ist immer eine Entwicklung im Gegensatz zu einer undemokratischen früheren Staatsform. Das bedeutet aber nicht, dass eine Revolution gegen eine autoritäre Staatsform nicht zu einer anderen autoritären führen könnte. Auf Arabien bezogen, ist es gegenwärtig unklar, wie sich die Entwicklung fortsetzen wird. Der Einfluss des Westens hält sich ohnehin in Grenzen. Eine Unterstützung der gegenwärtigen Herrscher halte ich allerdings für die größere Gefahr. Das führt zur Zerschlagung der demokratischen Kräfte und einem - noch größeren Hass - auf den Westen. Zugleich werden die islamistischen Kräfte gestärkt. Sie wachsen gerade unter den undemokratischen bisherigen Systemen heran.
5. @ combatwombat
syracusa 29.04.2011
Zitat von combatwombatIch zitiere aus dem Artikel: "Die Muslimbruderschaft stärkte der Protestbewegung den Rücken. In ihrer ersten Äußerung seit Beginn der Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad forderten die Muslimbrüder die Syrer auf, ihren Widerstand gegen die autokratische Führung des Landes fortzusetzen." Es ist meiner Meinung nach recht naiv zu glauben, dass es bei den Revolutionen in den arabischen Ländern um Demokratie geht. Seit wann gibt es in einem Land ohne demokratischer Vergangenheit plötzlich eine demokratische Opposition? Die Muslimbruderschaft wird z.B. vom deutschen Verfassungsschutz im Inland wegen antidemokratischen, islamistischen Tendenzen beobachtet. Kann man online einsehen unter www.verfassungsschutz.de. Mir fehlt bei den ganzen Hurra-Rufen bei den Rebellionen in diesen Ländern immer ein wenig der Blick darauf, dass die entsprechenden Machthaber immer Islamisten unterdrückt haben. Ich befürchte, dass ein Machtvakuum in diesen Ländern unweigerlich zu einem weiteren Erstarken von radikalem Islamismus und in Verbindung damit auch von antiwestlicher Stimmung führt.
Damit werden Sie (und wir alle) dann wohl leben müssen. Das ist letztlich die Quittung dafür, dass wir uns durch Kooperation mit den Diktatoren und Schlächtern Arabiens gemein gemacht haben anstatt mit den bürgerlichen demokratischen Kräften, die es dort zu unser aller Erstaunen offenkundig auch gibt.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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