Massenvernichtungswaffen Exil-Iraner werfen Teheran heimliche Biowaffenforschung vor

Eine Oppositionsgruppe im Exil wirft der iranischen Regierung vor, seit zwei Jahren heimlich ein Biowaffenprogramm zu betreiben. Die Beschuldigungen sind Wasser auf den Mühlen der USA, die Iran den Besitz von Massenvernichtungswaffen unterstellen.

Von Holger Kulick


Sehen eine "große Gefahr": Masomeh Bolurchi und Javad Dabiran vom iranischen Widerstandsrat
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Sehen eine "große Gefahr": Masomeh Bolurchi und Javad Dabiran vom iranischen Widerstandsrat

Berlin - Der Saal eines Berliner Hotels war konspirativ von einem Gremium namens "Iranische Akademiker in Berlin" angemietet worden, dort präsentierte sich allerdings der "Nationale Widerstandsrat Iran". Zwei Sprecher des politischen Exilantengremiums, Masomeh Borlurchi und Javad Dabiran, hielten vor den kurzfristig eingeladenen Journalisten einen Vortrag über angebliche mikrobiologische Waffenprogramme der iranischen Regierung. Präzise Quellenangaben gab es jedoch nicht, pauschal wurde auf Informationen aus geheimen iranischen Quellen in Behörden und Institutionen verwiesen, die für Außenstehende jedoch nicht nachprüfbar sind. Auch Fotos oder Filmmaterial zur Untermauerung wurden nicht gezeigt.

Sollten die Angaben jedoch zutreffen, zählt auch Iran inzwischen zu den Ländern, die sich auf Biowaffen spezialisieren. Von Iran gehe deshalb "eine große Gefahr aus", sagte der Parteifunktionär Dabiran, denn die Forschungen hätten eine "neue Dimension erreicht".

Die notwendigen Grundstoffe habe Iran lange Zeit aus europäischen Ländern wie der Schweiz oder Frankreich importiert. Jetzt sollen sie "wegen dem hohen Bedarf" selber hergestellt werden, habe Irans Regierung entschieden. Für das angebliche Forschungsprojekt sollen Experten aus Russland, Indien und Nordkorea angeworben worden sein, berichtet der iranische Widerstandsrat. Grundlage des iranischen Biowaffenprogramms sei ein Regierungsbeschluss des Obersten Iranischen Sicherheitsrats aus dem Juni 2001, der einen "Nationalen Plan zur mikrobiologischen Verteidigung" ratifiziert habe. Koordinator sei der Leiter dieses Rats, Hassan Rohanis.

Anthrax, Pest und Cholera

Angebliche Befehlsstruktur über das Mikro-Biowaffenprojekt
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Angebliche Befehlsstruktur über das Mikro-Biowaffenprojekt

Dem angeblichen Geheimplan zufolge soll die biologische Waffenkapazität Irans binnen zwei Jahren um das Dreifache gesteigert werden, also bis 2003. Sie konzentriere sich auf vier Komponenten. Dazu zählte die Herstellung von Anthrax-Bakterien, die Produktion von toxischen Pilzen (Aflatoxine) und die Anfertigung von mikrobiologischen Bomben mit Anthrax-, Pest- und Cholerabakterien, Pocken- und Masernviren. Die Federführung liege in der Hand einer Forschungseinrichtung der iranischen Revolutionsgarden, der Imam-Hossein-Universität. Außerdem habe sich eine Einrichtung an der Teheraner Malek-Ashtar-Universität auf Genmanipulation und Klonen spezialisiert.

Auf vier verteilten DIN-A-4 Seiten werden Namen von verantwortlichen Wissenschaftlern, Militärs und weitere Forschungseinrichtungen genannt. Unklar bleibt allerdings, ob diese Einrichtungen wirklich an biologischen Angriffswaffen forschen, oder nur Impfstoffe gegen Angriffe mit Biowaffen entwickeln. Schließlich galt das mit Iran verfeindete Nachbarland Irak bis vor kurzem als potenzieller Produzent von Massenvernichtungswaffen auf biologischer und chemischer Basis. Über eine Zusammenarbeit beider Staaten auf diesem Gebiet sei nichts bekannt, sagte Javad Dabiran auf Nachfrage.

Wahrheitssuche oder Propaganda-Kampagne?

Angebliches Labor für Experimente mit Bio- und Chemiewaffen im Irak. Jetzt auch in Iran real existierend oder nur Gerüchteküche?
AP / U.S. Central Command

Angebliches Labor für Experimente mit Bio- und Chemiewaffen im Irak. Jetzt auch in Iran real existierend oder nur Gerüchteküche?

Die in Berlin präsentierten Unterlagen wurden bereits am Vortag in englischer Sprache auf einer Pressekonferenz in Washington unterbreitet, demzufolge gehört die Berliner Präsentation zum Teil einer konzertierten Aktion der iranischen Opposition.

Als Reaktion hatte ein Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, bereits am Donnerstag betont, die US-Regierung habe "schon seit langem ihre tiefe Besorgnis zum Ausdruck gebracht", dass Iran über ein Biowaffenprogramm verfüge. Der iranische Widerstandsrat hatte erst kürzlich die Existenz einer iranischen Uran-Anreicherungsanlage enthüllt. Diesmal blieb er bei seiner Präsentation jedoch auch in den USA schlüssige Beweise schuldig. Irans Regierung hat es dadurch leicht, die Beschuldigungen zurückzuweisen.

So zitierte die US-Agentur Reuters am Freitag einen iranischen Regierungsvertreter, der die Anschuldigungen, wie zu erwarten, dementiert. Iran sei schließlich ein "Gegner jeder Art von Massenvernichtungswaffen".

In Deutschland konnte der Bundesnachrichtendienst keine Erkenntnisse über die biologischen Mikrowaffenforschung in Iran bestätigen. "Zu Iran äußern wir uns momentan nicht aufgrund der allgemeinen Lage", lehnte eine Sprecherin des BND generell Auskünfte ab.



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